Mila S hat geschrieben: Do 20. Mär 2025, 00:22
Andererseits [...] dieses vergenderte Deutsch [...] wirklich korrekten Pronomen usw. angesprochen werden [...] dieses zwanghafte schmücken mit de rRegenbogenfahne
Ah, PS: helft mir mal bitte: VÄ/PÄ? Kann damit nichts anfngen.
Service: VÄ/PÄ: Vornamens- und Personenstandsänderung.
Aber zu deinem Beitrag. Ich hab beim lesen ein wenig irritiert schmunzelnd den Kopf geschüttelt. Einerseits sagst du, dass du und dein Umfeld "da" völlig draussen sind. Also was Sprache und Repräsentation etc angeht. Pronomen, Anreden, Sternchen, all diese Dinge. Andererseits bringst du deine persönlichen Einschränkungen - nicht raus trauen können - damit nicht in Verbindung. Das ist schon ziemliches Zwiedenken (bzw in moderner Psychologie
"kognitive Dissonanz"), oder?
Erst mal zu den Missverständnissen: Soweit ich weiss wird und wurde
nirgendwo jemals irgendetwas schlechter benotet, weil
keine geschlechtsneutrale, -inklusive Sprache bzw Sternchen o.ä. benutzt wurde. Nein, auch an der Uni Kassel nicht, siehe
hier und
hier. Alles Märchen.
Die einzigen Verbote, Punktabzüge und schlechteren Noten werden effektiv bei Verwendung von Sternchen etc. vergeben. Also mal ganz klar: Kein ein wird zu Sternchen gewzungen. Wenn du welche siehst, ist das freie Entscheidung der Autor*innen bzw Absprache. Aber einige Leute verbieten (im Rahmen ihrer Einflussmöglichkeiten) anderen, Sternchen zu benutzen.
Auch Regenbögen werden nicht erzwungen. Weder als Flaggen, noch als Kleber. Was du siehst sind freiwillig angebrachte, bzw im Konsens entschiedene. Auch hier ist Zwang nur bei Verboten der Fall.
Neopronomen wie they, dey, en usw: Kann ich mir ganz ehrlich auch nicht merken. Vor allem nicht in den nichtbinären Gruppen mit 15, 20 Leuten. Die allermeisten verwenden inzwischen den Namen der Person statt eines Pronomens. "Pro-nomen" steht nämlich für "statt des Namens" und das geht auch umgekehrt. Ich kenne unter den bestimmt 250, 300 oder mehr mit bekannten nichtbinären Personen kein Leut, das etwas dagegen hätte. Aber so ziemlich alle wollen nicht einfach von anderen "nach Augenschein" falsch vergeschlechtlich werden. Also mit er, sie oder gar es bezeichnet oder als Herr oder Frau angesprochen werden.
Es geht letztlich darum, dass andere nicht einfach ein Geschlecht raten und zuschreiben. Das mag ungewohnt sein, aber ist genau der gruppenspezifische Respekt, den Sternchen wie ich brauchen. Wie würdest du dich fühlen, wenn irgendwer dich ungefragt "das Zonk" nennt, statt nach deinem Namen zu fragen und den dann auch zu respektieren? Spätestens wenn du darum bittest, deinen richtigen Namen und Anrede zu verwenden und das dann ignoriert wird, würdest du dich vermutlich mies behandelt fühlen.
Übrigens: Mit Pronomen wird nicht angesprochen, sondern über Menschen geredet. "Er hat", "sie wurde", "es möchte". Deshalb ist "du" auch kein Pronomen. Dann noch die bestimmten Artikel: der, die, das. Sind auch gegendert, denn "nicht gendern" geht im deutschen fast nicht. Deshalb brechen wir uns dabei ja so die Finger. Anreden sind "Herr" oder "Frau". Und auch hier noch ein kleiner Service: In schriftlicher Kommunikation einfach "Guten Tag, (vorname) (nachnname)". Ist übrigens einer Empfehlung der
Duden-Redaktion.
Das geht alles in die gleiche Richtung: Akzeptanz, Respekt, teilhaben können. Du traust dich nicht raus, ich kann mich nicht tarnen und hab jedes Mal das Ding mit Anreden und zweigeteilten Räumen.
Wie lässt sich denn dieses "allgemeine gesellschaftliche Problem" der nicht-Akzeptanz lösen; vor allem durch Menschen, die gar keine Ahnung oder Beziehung zu den Themen und den Menschen haben? Also deine Umgebung zum Beispiel, wegen der du dich nicht "raus traust"? Ich kenne bisher nur "mehr Sichtbarkeit und Normalität". Und zwar im direkten Umfeld, in Medien, in Filmen usw. Als ganz normale Menschen, die genau wie cis, hetero, binäre Menschen einfach mit dabei sind.
Je nach Altersgruppe ordnen sich zwischen 1 bis über 5% als "nicht ganz cis" ein. Wenn du draussen Menschen unter 25 triffst, ist ca jede 20ste Person irgendwas von trans, nichtbinär, genderfluid, gendernonkonform, demi-irgendwas usw. Wir sind nicht so selten, wie sich das manche vorstellen. Aber wir sind bei weitem nicht so präsent, wie wir vorkommen. Weil sich die meisten nicht "raus trauen" und weil Medien und Filmleute sie nicht einfach als Teil der Gesellschaft mit dabei haben, sondern höchstens als "Token", also als "Kleiderständer" für das Thema trans, nichtbinär und dergleichen.
Wie ist das bei deinen nicht-hetero-Freundys mit der eigenen Sichtbarkeit? Trauen die sich, in jeder Umgebung zu erzählen, dass sie als Mann mit einem Mann verheiratet sind? Dass sie als lesbische Frau mit ihrer Partnerin im Urlaub waren? Zum Beispiel in der Firma, im Verein? Halten die unbeschwert Händchen oder küssen sich in der Öffentlichkeit? "Homo"-Feindlichkeit ist immer noch Thema. Angriffe passieren täglich. Von Beleidigungen über anspucken bis zuschlagen. Vom Gerede hinterm Rücken, unterschwelligen Mobbing und Benachteiligungen (Wohnung? Job?)
weil sie homosexuell sind mal ganz zu schweigen.
Dabei ist es für nicht-heteros viel viel besser geworden in den letzten Jahrzehnten. Keine Ahnung, in welcher Altersgruppe du bist, aber ich habe "die Affäre Kiessling" live erlebt. Sieben jahre später Rosa von Praunheims Outing-Kampagne, mit der Biolek, Kerkeling und andere plötzlich in den Fokus rückten. Spätestens ab Wowereits öffentlichem Outing 2001 sind homosexuelle Prominente wenigstens medial keine Notiz mehr. Westerwelle, Will, von Beust, Spahn, Hendricks, usw. Erst durch die breite Sichtbarkeit kennen jetzt praktisch alle Menschen ein paar schwule, lesben, bisexuelle Menschen in ihrer Umgebung.
Und dennoch! Nicht-heteros machen ca 10% der Bevölkerung aus. Jede 10te Person da draussen. Aber in Filmen, Serien usw sind sie immer noch nicht so normal wie Heteros. Schwule tauchen immer noch hauptsächlich als Szenetypen auf und_oder mit Knickhändchen, tuntig, als Opfer usw. Trans Personen als exotisch und meist deutlich erkennbar / nicht-
passend. Queers nur als "Token" (siehe oben) für Vorurteile. (In britischen Serien übrigens kaum noch! Viel mehr ganz normale Diversität. Der Unterschied ist absolut krass)
Wie fühlst du dich, wenn jede Darstellung von Menschen wie dir nur Klischee ist? In Artikel, Filmen, Dokus? "Er zog heimlich Damenwäsche an". Wie würdest du dich fühlen, wenn du dich im Alltag nicht tarnen könntest, sondern dich bei jeder Begenung erst mal fragst, wie dein Gegenüber reagiert? Normal oder naserümpfend? Wohlwollend oder sichtbar abgeneigt? Aufgeschlossen gegenüber deinem Anliegen oder fühlbar widerwillig? Vielleicht offen feindselig?
Bei jedem "echten" Regenbogen (nicht den "Pace"-Farben der Kirchen) bin ich etwas entspannter, weil ich etwas mehr davon ausgehen kann, hier nicht blöd angemacht zu werden. Bei jedem Sternchen fühle ich mich mitgedacht (auch wenn meistens "nur" Frauen "mitgemeint" sind).
Repräsentation und Normalisierung sind wichtig. Ich halte sie für die einzige Möglichkeit eine Instrumentalisierung als Feindbild zu verhindern, wie wir sie zB in den USA beobachten. Eigentlich haben alle Menschen irgendwelche Queers im Bekanntenkreis. Aber viele wissen es gar nicht, weil sich die Leute nicht trauen - wie du nach draussen.
Wir brauchen die Regenbögen und die Sternchen, bis es so normal geworden ist, dass es die Leute genauso wenig interessiert, wie dass Frauen Hosen tragen. Nur zur Erinnerung: Das ist noch nicht allzu lange her:
https://hundertjahrefrauenwahlrecht.de/ ... osenanzug/
Und irgendwo auf dem Weg zur Normalität kannst auch du dann auch ganz normal nach draussen. in den Sachen, in denen du dich wohl fühlst, in der Mischung aus "weiblich" und "männlich", die für dich gerade richtig ist, und dich ohne Sorgen mit beliebigen Menschen treffen.
Am 31.3. ist übrigens der
internationale Tag der trans Sichtbarkeit.