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Rausgehen und verstecken ?
Verfasst: Di 4. Feb 2025, 18:12
von ExUserIn-2026-04-08
Moin,
ich frage einmal ganz unschuldig

, weil mir das immer wieder auffällt:
Warum geht Ihr raus, versteckt Euch aber dort, wenn irgendjemand in die Nähe kommt ? ODer warum macht Ihr Bilder von Euch und zeigt Euch nicht ?
Für mich ist das ein Widerspruch. Ich WILL gesehen werden, wenn ich draußen bin oder wenn ich Bilder von mir zeige. Ich verstehe die mögliche Angst und die Scham, aber wäre es dann nicht besser zuhause zu bleiben ?
Bitte nicht falsch verstehen. Es soll jede machen, was sie für richtig hält. Ich möche nur zum Nachdenken anregen und Mut machen, die Chancen zu ergreifen, statt sie zu vorbei ziehen zu lassen ...
Re: Rausgehen und verstecken ?
Verfasst: Di 4. Feb 2025, 18:57
von Flora
Nachdem das aufgrund der zeitlichen Nähe vermutlich (auch) auf mich gemünzt ist: zunächst mal muss man den Unterschied sehen, ob man offen als Frau leben und anerkannt werden möchte oder eben nur ein gesellschaftlich bekanntlich leider nicht ganz anerkanntes "Hobby" namens Crossdressing gelegentlich ausleben möchte... aber unabhängig davon lässt sich der von dir als solcher empfundene Widerspruch auch einfach auflösen, indem man sagt: ich WILL draußen sein (zumindest gelegentlich), ich AKZEPTIERE es dann mitunter gesehen zu werden und ich VERMEIDE es nach Möglichkeit von Bekannten gesehen zu werden (und bei letzterem kommt für mich erschwerend dazu, dass ich selber Leute und Gesichter schwer erkenne).
Warum dann überhaupt raus? Gute Frage. Oft mache ich es ja auch nicht. Aber manchmal kommt die Lust dazu und selten genug ist dann auch die Gelegenheit dazu da. Die Gründe sind vielfältig. Ein Spaziergang macht Freude und es ist ein völlig anderes Gefühl als im Zimmer ein paar Schritte zu machen. Jacken, Mäntel und allgemein warme Kleidung sind auch nix für daheim. Und schon länger hatte ich mal Lust, als Flora joggen zu gehen - ist halt einfach ne "draußen"-Aktivität. Gesehenwerden gehört dann ein Stück weit dazu, aber ansonsten bin ich mir dabei sozusagen selbst genug. Ich sehe da (für mich) keine Widersprüche oder irgendwie gearteten verpassten Chancen. Im Gegenteil - wenn ich nicht erkannt werden möchte und nicht zu diesem Zweck extra weit wegfahren will bzw. mich auf solche Gelegenheiten beschränke, dann gehe ich eben in Bereiche, wo nicht so viele Menschen unterwegs sind.
Was die Bilder hier angeht: ich dachte halt einfach, es wäre an der Zeit, hier auch mal was von mir zu zeigen, soweit ich es für vertretbar halte (das geht freilich auch noch besser, wie gesagt war meine Kamera fast leer) - auch da habe ich jetzt keinen Widerspruch gesehen oder mit "Kritik" gerechnet (in Anführungszeichen, weil du ja schon sagst, du findest das ok, wenn jede macht was sie für richtig hält). Aber ich verstehe auch, dass das Gesehenwerden für manche einen wichtigen Stellenwert hat.
LG
Flora
Re: Rausgehen und verstecken ?
Verfasst: Di 4. Feb 2025, 19:26
von Anja61
Liebe Vicky,
ich war noch nicht en femme draußen, kann mir das aber sehr gut vorstellen (einschließlich aller Vorsichtsmaßnahmen vor der Premiere), und es wird in absehbarer Zeit auch soweit sein.
Wenn ich mich dann zeige, möchte ich aber nicht unbedingt, dass anschließend Fotos von mir auftauchen, die sich auch Leute anschauen können - ohne dass ich davon erfahre - die möglicherweise beruflich mit mir zu tun haben.
Momentan habe ich überhaupt nicht vor, mein Coming out über das private Leben hinaus voranzutreiben.
Deshalb verstehe ich es ganz gut, wenn frau zwar gesehen werden will, aber noch lange nicht die Bilder veröffentlichen möchte, die es dazu gibt. Das gilt auch für dieses Forum. Für mich kein Widerspruch.
Allerdings bin ich gerade aus aktuellem Anlass sehr damit beschäftigt, eine Balance (gibt es diese überhaupt?) zwischen meinen Bedürfnissen, privat nach draußen zu gehen zu finden und der vielleicht nicht verkehrten Vorsicht, was die Skepsis meiner Frau gegenüber solchen Ausflügen betrifft.
Ich habe ihr vor zweieinhalb Wochen von Anja erzählt. Immerhin hat sie sich nicht sofort von mir getrennt, und wir bleiben im Gespräch. Ein gewisses Verständnis ist da. Aber Vorwärtsstürmen, wie andere in diesem Forum - was ich bewundere - kommt für mich persönlich nicht in Frage.
Danke für die Anregung, Vicky!
Liebe Grüße
Anja
Re: Rausgehen und verstecken ?
Verfasst: Mi 5. Feb 2025, 09:43
von Daniela04
Liebe Vicky, liebe Schwestern
Ich habe nun drei Ausflüge in einer geschützten Umgebung hinter mir. Die Anreise hatte mich jedesmal sehr beschäftigt: Fahre ich en Femme, im Hybridmodus hin? Bei jeder Reise musste ich sicher mindestens einmal aufs Autobahnklo und könnte dann gesehen werden. Das Risiko erkannt zu werden war aber klein. Es ist ein herantasten und Dank der Meinungen hier Forum betreffend Auftreten, bin ich jedesmal sicherer draussen unterwegs.
Die An- und Rückreisen mussten angetreten werden, damit ich im geschützten Rahmen mich zeigen konnte und und meine Weiblichkeit voll auskosten wollte. Interessant ist, dass ich keine Probleme mit der Rückreise hatte, war durch den Anlass voll im Schuss und bin nun zweimal en Femme zurück.
Vicky, Du bist viel weiter auf Deinem Weg wie Flora und ich, das ist ein Prozess, die jede durchlaufen muss, ohne sich dazu einen Zwang zu setzen. Mein Fortschritt macht mich stolz, ich bin auch schon dran, die lange Anreise zur Gala 2025 durch den Kopf durchzuspielen (die definitive "Version" habe ich noch nicht).
Anja61 hat geschrieben: Di 4. Feb 2025, 19:26
Wenn ich mich dann zeige, möchte ich aber nicht unbedingt, dass anschließend Fotos von mir auftauchen, die sich auch Leute anschauen können - ohne dass ich davon erfahre - die möglicherweise beruflich mit mir zu tun haben.
Dieses "Problem" habe ich auch, Anja. Ich vertraue diesem Forum mit den Regeln für Neueintretende, werde aber nirgends meine weibliche Seite anderswo "publizieren".
Lieber Gruss
Daniela
Re: Rausgehen und verstecken ?
Verfasst: Mi 5. Feb 2025, 10:36
von ExUserIn-2026-04-08
Moin Ihr Lieben,
mehr als eine Anregung soll es auch nicht sein,was ich hier geschrieben habe. Ich habe früher auch meine Ängste in ähnlicher Weise mit herum getragen. Soll ich ? Soll ich nicht ? Ich will auch niemand sagen, was sie tun soll. Ich plädiere nur für einen möglichen Perspektivwechsel. Die Kernfrage könnte dann lauten, "Wie fühle ich mich, wenn ich mich nicht verstecken müsste ?"
Ich habe selber viel zu lange Angst vor dem Zeigen gehabt. Viele, viele Jahre sind in Selbstzweifel ins Land gegangen. Und ich bin mir sicher, dass meine Gesundheit darunter erheblich gelitten hat. Meine Ängste waren alle Kopfgeburten. Klar wird mal komisch geschaut, na und ?
Wie Daniela schon schreibt, sie hat Angst auf der Fahrt zu einer Veranstaltung en femme gesehen zu werden. Von wem denn ? Was ist daran so schlimm ? Nach meiner eigenen Erfahrung ist es die eigene Scham, etwas falsches zu tun. Aber was ist falsch an den eigenen Gefühlen ? Im eigenen Inneren steckt mMn das Problem. Es ist wunderbar, draußen zu sein, vor allem, wenn man keine Angst mehr hat. Was ist mit der eigenen inneren Freiheit ? Soll sie wirklich eingesperrt bleiben ?
Wie gesagt, es soll jede leben, wie sie es für richtig hält. Aber bitte ohne Angst und Scham. In einem Perspektivwechsel stecken Chancen und Möglichkeiten. Fragt Euch einfach nur, was Ihr wirklich wollt.
Re: Rausgehen und verstecken ?
Verfasst: Mi 5. Feb 2025, 10:52
von sbsr
Vicky_Rose hat geschrieben: Di 4. Feb 2025, 18:12
Ich WILL gesehen werden, wenn ich draußen bin
Da unterscheiden wir beide uns zum Beispiel grundlegend, ich gehöre zu der Sorte Frau, die sich lieber leicht unter dem Radar bewegt. Das war schon seit Kindesalter so und hat sich in den letzten 7 Jahren, in denen ich mich nun in aufgewerteter Optik in der Öffentlichkeit bewege, nicht geändert. Ich mag es einfach nicht gerne im Mittelpunkt zu stehen oder mich zu präsentieren.
Sich im öffentlichen Raum zu bewegen bedingt zwangsläufig, dass man physikalisch grundsätzlich sichtbar ist, ich will dabei aber möglichst wenig gesehen - im Sinne von auffallen bzw. bewusst wahrgenommen - werden. Einfach nur eine Frau sein, die unbehelligt durch die Straßen läuft und in ein Restaurant geht, ohne das jemand groß Notiz nimmt.
Dummerweise passt ausgerechnet meine Vorliebe für schöne Kleider nicht dazu, weil ich mich damit leider von der Durchschnittsfrau abhebe. Das ist eine Gratwanderung.
Vicky_Rose hat geschrieben: Di 4. Feb 2025, 18:12
versteckt Euch aber dort, wenn irgendjemand in die Nähe kommt
Ich werde allenfalls hinter die nächste Hecke hüpfen, wenn mir jemand entgegen kommt, der mich potentiell als Person erkennen könnte. Liegt primär an der Vorgabe meiner Frau, dass niemand davon erfahren soll. Ansonsten ist es mir ziemlich egal als Transfrau erkannt zu werden, ganz verbergen kann ich es eh nicht.
Allerdings verstehe ich sehr gut, wenn da jemand Probleme damit hat. Es erfordert schon einen gewissen Grad an Selbstsicherheit und Mut, sich als Transfrau zu zeigen. Ist das noch nicht gegeben, gerade in den Anfängen, oder manche kommen auch nie so weit, muss man nicht zur Stubentranse verdammt sein. Dann halt eben in der weiten Natur üben, vielleicht kommt irgendwann der nächste Schritt.
Re: Rausgehen und verstecken ?
Verfasst: Mi 5. Feb 2025, 11:14
von Daniela04
Liebe Vicky
Vicky_Rose hat geschrieben: Mi 5. Feb 2025, 10:36
Wie Daniela schon schreibt, sie hat Angst auf der Fahrt zu einer Veranstaltung en femme gesehen zu werden. Von wem denn ? Was ist daran so schlimm ?
Die "Angst" liegt an meiner Unerfahrenheit. Ich habe mein erster "Ausgang" erst anf. November 24 gemacht, das ist der Beginn des Prozesses, durch den man laufen muss. Ich bin mir nicht gewohnt speziell angeschaut zu werden und dieses Bewusstsein muss einfach noch eingestellt werden. Diese "Angst" belastet mich nicht, es ist nur eine neue Erfahrung, welches durch unser menschlische Uhrgehirn einfach mitkommt (Flucht oder Angriff).
Am letzten Samstag kam ich nach meinem Schminkkurs in die Bredouille. Ich war mit meinem neuen Petyycoatkleid, Vintage-Stöckelschuhe in voller en Femme Montur und wollte über den Hintereingang zur Tiefgarage (eben versteckt). Der Zugang war abgesperrt, da musste ich durch das frisch geschlossene Einkaufszentrum durch. Dank den vielen Inputs im Forum bin ich einfach selbstsicher mit meinem Rollkoffer durch die Halle zum Lift gelaufen. Niemand hat mich angeschaut.
Das war ein (erzwungener) Schritt, der mich sehr stolz gemacht hat. Eben ein Schritt weiter in die Selbstsicherheit.
sbsr hat geschrieben: Mi 5. Feb 2025, 10:52
Dummerweise passt ausgerechnet meine Vorliebe für schöne Kleider nicht dazu, weil ich mich damit leider von der Durchschnittsfrau abhebe.
Das ist genau auch mein Problem, liebe Svenja: Wenn schon Frau, dann richtig Frau und dann fällst Du einfach auf!
Ob meine Selbstsicherheit weiter wächst, muss ich zuerst herausfinden, bzw. Schritte wagen, die mich zum selbstsicheren Erscheinen führt. Ich freue mich schon auf die neuen Erfahrungen.
Herzlichst
Daniela
Re: Rausgehen und verstecken ?
Verfasst: Mi 5. Feb 2025, 12:13
von sbsr
Vicky_Rose hat geschrieben: Mi 5. Feb 2025, 10:36
Angst [...] en femme gesehen zu werden. Von wem denn? Was ist daran so schlimm?
In erster Linie haben die meisten wahrscheinlich Angst vor sich selbst.
Vicky_Rose hat geschrieben: Mi 5. Feb 2025, 10:36
mehr als eine Anregung soll es auch nicht sein
Trotzdem Danke für diese Anregung und den Thread! Ich bin vollkommen bei Dir und finde es wichtig, dass die alten Hasen mit Berichten über Erlebnisse, mit Tipps und Tricks, aber auch mal mit einem Tritt in den H... den "Neulingen" zeigen, dass es keinen Grund gibt sich zu verstecken.
Gerade in aktuellen Zeiten.
Re: Rausgehen und verstecken ?
Verfasst: Mi 5. Feb 2025, 12:47
von NB-Sabine
Mein Weg war und ist, rauszugehen und das "wieviel" bzw. "wie offensichtlich" an meine jeweilige Gefühlslage anzupassen. Damit entfällt für mich das "Verstecken".
Für meine Frau (und damit auch für mich), war und ist es immer einfacher, wenn "etwas Altbekanntes" noch dabei ist.
Das kann z.B. heißen, seine gewohnte Kleidung zu tragen, sich aber dazu mal dezent zu schminken, seine Fingernägel zu lackieren oder Damenstiefel zu tragen, also immer mal wieder einzelne Dinge zu verändern. Wie viel man dann ändert, kann man an seine eigene Gefühlslage und die Umgebung bzw. den Anlass anpassen.
Damit muss ich nie ganz verzichten und mache es wie die meisten Frauen um mich herum auch, indem ich meine Outfits an die Situation bzw. den Anlass anpasse.
Selbst in der Tanzschule tragen z.B. gefühlt über 80 % der Frauen Hosen, sowohl körperbetonte skinny Hosen als auch weit und gerade geschnittene Hosen. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass selbst Frauen unwillkürlich auffallen, wenn sie Röcke oder Kleider tragen. Auf der anderen Seite fällt man auch als Mann nicht wirklich auf, wenn man eine skinny Jeans oder eine weit geschnittene Damenhose trägt.
Ich für meinen Teil möchte meine Bedürfnisse so weit wie möglich in meinen "ganz normalen" (öffentlichen) Alltag integrieren. Die eigentliche Aufgabe ist für mich dabei, meinen Bedürfnissen Raum zu geben, ohne meine Frau damit zu überfordern. Aktuell verläuft für sie die Grenze ungefähr bei Sweatkleid und Hose, weil ein Sweatkleid auch als langer Pullover durchgehen könnte und auch eine Damenhose eben noch eine Hose ist.

Re: Rausgehen und verstecken ?
Verfasst: Mi 5. Feb 2025, 12:50
von chris
Hi,
ich will den Gedanken von Flora nochmal aufnehmen, da es mir zu 101% geht wie ihr.
Ich bin mit meinem Crossdresser-Hobby in den 4 Wänden sehr zufrieden.
Ich möchte dazu sagen, dass ich zwar von Kopf bis Fuß feminin gekleidet bin aber immer noch bewusst als Mann erkennbar - ohne Perücke oder Make-up etc. also kein Passing.
Ich strebe auch nicht an als Frau wahrgenommen zu werden.
Allerdings frage ich mich oft : soll/kann ich in Kleid oder Rock mit hohen Schuhen auch mal zum Briefkasten gehen - den Müll entsorgen oder ein Paket entgegen nehmen?
Leider wird das Crossdressen gesellschaftlich immer noch nicht neutral bewertet.
Und so ist ein Zeigen in der Öffentlichkeit nicht ganz einfach.
Wenn ich aber in der Dämmerung trotzdem mal den Müll leere dann nehme ich in Kauf gesehen zu werden obwohl ich es gleichzeitig möglichst vermeide.
Aber nur für diese eine Aktion die Kleidung zu wechseln erscheint mir auch nicht richtig.
Ich denke das kommt der Idee von Flora recht nahe.
LG
Re: Rausgehen und verstecken ?
Verfasst: Mi 5. Feb 2025, 13:09
von Susi T
Ich muß auch manchmal über den ein oder anderen Bericht leicht schmunzeln, aber wenn es auf den ersten Schritten hilft sich im Dunkeln zu bewegen, ist es ja auch ein Anfang.
Da ist halt die Scham sehr groß und das männliche Selbstbewusstsein nicht minder.
Keine Frau käme auf die Idee sich bei Nacht in dunklen Gassen aufzuhalten, vor allem nicht alleine, es sei denn sie verdient so ihr Geld. Die Angst vor sexuellen Übergriffen ist viel zu groß. So sind dann manche Anfragen in solchen Situationen über die , wenn auch selten berichtet wird, nicht ganz verwunderlich
Ich selber war es gewohnt mich überall zu bewegen, egal ob Arabisches Viertel, Rocker oder Maffia Gebiet und damit auch Rotlichtviertel. Vermutlich hätte ich auch Heute damit keine großen Probleme. Als mich meine Tochter auf Abendtour durch Mannheims halbdunklen Abkürzungen geführt hat, war sie es die ins schlittern gekommen ist, als uns mehrmals von Fremden ein schöner Abend... gewünscht wurde, denn das kannte sie nicht, da sie immer unter dem Radar fliegt. Da war es gut das ich bei sowas recht souverän bin.
Trotz allem würde ich dunkle Ecken immer meiden, denn man weiß nie wen man dort trifft und hinterrücks niedergeschlagen ist eine Frau schnell, selbst wenn sie die Kraft eines Mannes hat.
Anderseits ist es in belebten Gegenden, wenn man nicht auf Sturz Besoffene trifft, auch sicher. Abends fällt mehr Schminke und deutlich weibliche Kleidung weniger auf, auch wenn nicht alles perfekt ist. Das ist am helligtem Tag draussen schon etwas anders.
Ansonsten ist rausgehen und verstecken nicht unbedingt ein Widerspruch, da man nunmal klein anfängt und schauen muss, wie viel man sich traut. Meist nimmt das ja auch einen Verlauf bei dem das Verstecken zunehmend weniger wird und die weibliche Seite gerne präsenter sein möchte.
Re: Rausgehen und verstecken ?
Verfasst: Mi 5. Feb 2025, 15:03
von Liv
sbsr hat geschrieben: Mi 5. Feb 2025, 10:52
Vicky_Rose hat geschrieben: Di 4. Feb 2025, 18:12
Ich WILL gesehen werden, wenn ich draußen bin
Da unterscheiden wir beide uns zum Beispiel grundlegend,
[…]
Einfach nur eine Frau sein, die unbehelligt durch die Straßen läuft und in ein Restaurant geht, ohne das jemand groß Notiz nimmt.
Da widersprecht ihr euch glaube ich gar nicht. Es ist vermutlich auch eine Frage der persönlichen Entwicklung. Ich habe mir auch lange überlegt, warum ich eigentlich nach draußen unter Leute will. Der Drang war fast übermenschlich, aber für mich erstmal widersinnig. Warum einer Gefahr aussetzen, ohne einen offensichtlichen Nutzen zu haben? Trotzdem habe ich mich 2019 erstmalig professionell schminken lassen und bin dann alleine durch das abendliche München spaziert, quasi einmal durch alle Fussgängerzonen in der Innenstadt. Ich war auf alles gefasst: Kichernde Teenager, Kinder die mit dem Finger auf mich zeigen, kopfschüttelnde Omas - war mir alles egal, es musste sein. Und dann: Null Reaktion. Nada. Man hat mich wohl wahrgenommen, aber irgendwie ignoriert. Ich war geschockt: Da sitzt man 2h in der Maske und gibt ein kleines Vermögen dafür aus und dann wird man nicht wargenommen??
Erst nach einiger Zeit ist mir klar geworden, dass die Leute mich wohl wirklich als Frau sehen, und somit war ich prinzipiell gar nicht so interessant. Wen schaut man denn in einer Fussgängerzone länger als ein paar Sekunden an? An wen erinnernt man sich abends noch? Insofern hatte ich mein Ziel erreicht: Ich WOLLTE gesehen und als FRAU wahrgenommen werden. Nicht mehr und nicht weniger.
Daniela04 hat geschrieben: Mi 5. Feb 2025, 11:14
sbsr hat geschrieben: Mi 5. Feb 2025, 10:52
Dummerweise passt ausgerechnet meine Vorliebe für schöne Kleider nicht dazu, weil ich mich damit leider von der Durchschnittsfrau abhebe.
Das ist genau auch mein Problem, liebe Svenja: Wenn schon Frau, dann richtig Frau und dann fällst Du einfach auf!
Das ist vermutlich gerade das Problem jeder Frau, die gerne schöne Kleider, kurze Röcke oder hohe Schuhe trägt: Man fällt unter den ganzen Flared-Jeans-mit-Sneakern-Frauen halt deutlich auf. Aber viele Frauen wollen gar nicht auffallen, da wer auffällt oft auch gleich angegraben wird. Zudem ist auffallen wollen natürlich auch Typsache und eine Frage des Selbstbewusstseins.
Ich erinnere mich an eine Szene von letztem Sommer: Es war schön warm, also beschloss ich den kürzesten Rock anzuziehen den ich habe, dazu ein ärmelloses Top. An einer Fussgängerampel am Jungfernstieg musste ich kurz warten. Aus dem Augenwinkel konnte ich beobachten, wie neben mir zwei Teenagermädchen (natürlich in Jeans) standen. Die eine machte die andere per Blick auf mich aufmerksam. Ich war auf Gekicher gefasst. Aber stattdessen: die andere hatte Kopfhörer auf den Ohren und antwortete ihrer Freundin daher etwas zu laut: "Boah, wenn ich so Beine hätte wie die, würde ich nur noch solche Röcke tragen". Made my day.
Flora hat geschrieben: Di 4. Feb 2025, 18:57
... ich AKZEPTIERE es dann mitunter gesehen zu werden und ich VERMEIDE es nach Möglichkeit von Bekannten gesehen zu werden.
Also meine Erfahrung ist: Mit Perücke und geschminkt erkennt mich kein Mensch. Ich bin selbst schon Verwandten auf der Straße und Kollegen in der U-Bahn begegnet. Nachdem ich meinen spontanen Drang zu Grüßen in letzter Sekunde unterdrückt hatte, ist die jeweilige Person direkt an mir vorbei gegangen, ohne etwas zu merken. Wenn ich mich mit jemandem unterhalten hätte, wäre denen vielleicht meine Stimme bekannt vorgekommen, aber das war in diesen Situationen nicht gegeben. Mittlerweile bin ich ohne Perücke unterwegs, da bin ich schon erkennbarer. Nun habe ich auch das Selbstbewusstsein, einfach dazu zu stehen. Aber ich brauchte die anfängliche Tarnung um erstmal Erfahrungen sammeln zu können, um eine gewisse Narrenfreiheit zu haben.
LG
Liv
Re: Rausgehen und verstecken ?
Verfasst: Mi 5. Feb 2025, 15:22
von Lana
Liebe Vicky,
Danke für das Thema. Beim Durchlesen hab ich festgestellt, dass da einiges dranhängt. Deshalb ist mein Beitrag wohl auch etwas lang geworden.
Auf Dauer war es fad, mich immer nur zu Hause selbst im Spiegel zu betrachten. Irgendwann mochte ich auch mal mit meiner Umwelt in Kontakt treten, und dazu musste ich raus.
Das war noch lange, bevor ich mir die Frage gestellt habe, woran das liegt, dieses Sich-Zeigen unbedingt mal auszuleben zu wollen. Das war auch lange bevor ich mir Gedanken gemacht habe, ob es dabei "nur" um Kleidung geht oder um mich selbst und meine Identität. Zu diesem Zeitpunkt war das (noch) nicht wichtig. Rausgehen versprach ein prickelndes, spannendes Abenteuer zu werden, das in der Regel gut ausgeht. So wird das hier in diesem Forum zumindest von Vielen behauptet. Also einfach mal los, ins kalte Wasser springen, damit rechnen, dass mir nach dem Eintauchen kurz die Luft wegbleibt, es aber insgesamt eine sehr erfrischende Erfahrung sein würde?
Ja, so einfach könnte es sein. Mich einfach mal der Umgebung und meinen Mitmenschen zeigen, völlig anonym und unverbindlich, um zu sehen, was das mit mir macht.
Leider hatte ich damals nicht die Gelegenheit dazu. Es ging immer nur im Sommerurlaub während ein oder zwei Monaten. Ansonsten herrschte aufgrund äußerer Umstände striktes "Ausgehverbot". Das führte dazu, dass sich bis zum Sommer soviel in mir angestaut hatte, dass meine Angst gegen den inneren Druck keine Chance hatte.
Ich packte damals ein paar Sachen ein, mit dem Plan, mich im Zug umzuziehen. Wahrscheinlich wunderten sich meine Eltern manchmal, warum ich so viel Zeug mitnahm, nur um in der nächsten größeren Stadt Einkaufen zu gehen. Aber zu Beginn meines Tuns hatte ich noch nicht vor, sie irgendwann mal einzuweihen.
Das Problem an solchen Aktionen war immer, dass ich womöglich ein Outfit ausgewählt hatte, mit dem ich mich nach dem Umziehen doch nicht mehr so glücklich fühlte wie in der Vorstellung beim Packen. Auf einmal kam mir der Rock doch etwas kurz, die Absätze ziemlich hoch und das Gesicht dazu viel zu unpassend-männlich vor. Aber etwas anderes zum Anziehen hatte ich nicht dabei, und geschminkt habe ich mich damals auch nicht, an Perücke dachte ich nicht mal.
Also Augen zu und raus in die Welt!
Natürlich haben mich alle angegafft. Ich stand im Mittelpunkt, der ganze Hauptbahnhof hatte nur eine Attraktion, nämlich aufgetakeltes mißratenes Huhn, das eigentlich ein Hahn war, und jeder konnte das auf einen Kilometer Entfernung leicht erkennen.
Wahrscheinlich war es nicht so. Wie kleine Kinder, die glauben, dass sie unsichtbar werden, wenn sie selbst die Augen schließen und nichts sehen können, hab ich starr den Boden vor meinen Füßen fixiert und ging in Richtung der Haupteinkaufsstraße. Ich schaute niemanden an, und wog mich in dem Glauben, dass auch mich niemand anschauen würde.
Nach einigen Minuten wurde es besser. Das Laufen auf den hohen Absätzen ging nun flüssiger, und ich wagte es, den Blick kurz zu heben. Es war alles normal. Die Leute gingen geschäftig ihrer Wege, oder waren mit ihren Handys beschäftigt. Trotzdem vermied ich es weiterhin, jemandem ins Gesicht zu schauen, indem ich mit halb gesenktem Blick weitertrottete.
Und wie fühle sich das nun an?
Eher unspektakulär, zumindest beim ersten Mal. Es war die Bestätigung dessen, was ich aus Berichten von Anderen schon kannte. Es stimmte also tatsächlich, niemand wird dich beachten, wenn du in der Menschenmenge untertauchst. Auch im Bahnhof war das nicht anders, wie ich bei der Rückfahrt feststellen konnte. Die Leute hetzten zu ihren Zügen und waren vor allem damit beschäftigt, sich nicht gegenseitig umzurennen.
Aber wollte ich nicht Gesehen werden? Ja, eigentlich schon irgendwie, nachdem die erste Beklemmung und Unsicherheit überwunden war. Also schaute ich die Leute an, die mir entgegen kamen. Ein paar wenige nahmen tatsächlich Notiz von mir, guckten aber verschämt weg, wenn sie meinem Blick begegneten, so, als wären sie dabei ertappt worden, heimlich beim Nachbarn heimlich durchs Fenster zu schauen. Ganz Wenige von den Wenigen, die mich anschauten, schenkten mir ein Lächeln. Vielleicht eine oder zwei. Das waren immer Frauen.
Irgendwie war mir das zu wenig. Beim nächsten Ausflug traf ich tatsächlich eine alte Freundin zum Kaffeetrinken. Die musste sich dann ja mit mir auseinandersetzen und irgend ein verwertbares Feedback liefern,oder?
Ich hatte diese Person ausgewählt, weil ich sie als sehr offen und tolerant kennengelernt hatte. Und genau so war es auch. Ein kurzer Blick auf mein Outfit zur Begrüßung, dann Gespräche über Gott und die Welt, wie immer, sehr tiefgründig und interessant. Meine Erscheinung war jedoch kein Thema. Als ich das ansprach, meinte sie nur:
"Wieso? Kann doch jeder anziehen was er will. Wo ist da das Problem?"
Das war mir schon fast zu viel der Toleranz. Für mich war es schließlich keine Kleinigkeit, so hier zu sitzen, und für sie schien es das Normalste der Welt zu sein. Sie sah mich - äußerlich, und sie sah mich gleichzeitig nicht - mit all meiner inneren Unsicherheit, die nach einer anderen Meinung fragte, einer Reaktion, einer Einordnung durch die andere Person als immer nur durch mich selbst. Doch das hab ich von ihr nie bekommen. Ich war zwar anders als früher, aber entwickeln wir uns nicht alle irgendwie weiter?
Dennoch würden meine sommerlichen Ausflüge jedesmal leichter, bis auf die Vorauswahl der Klamotten. Das stresst mich manchmal heute noch, obwohl ich es inzwischen in Ruhe zu Hause machen kann. Aber manchmal dauert es sehr lange, bis ich ein Wohlfühl-Outfit gefunden habe (noch länger dauert nur das Aufräumen der Klamotten, die ich doch nicht anziehe).
Inzwischen habe ich mich damit abgefunden. Meine Kleidung soll ein Spiegel meiner inneren Befindlichkeit sein, und die ändert sich mitunter ziemlich schnell. Daher ist es immer wieder eine Herausforderung, Kleidung und aktuelle Stimmungslage in Einklang zu bringen. Wenn es gelingt, ist es wunderbar. Wenn nicht, ist es auch OK.
Es tritt irgendwann eine Art Gewöhnungseffekt ein. Der macht es leichter, auch mit weniger passenden Outfits klar zu kommen. Zudem ist im Alltag nicht immer genug Zeit, um mir jedesmal stundenlang Gedanken zu machen, bevor ich rausgehe. Es ist ja kein Schaulaufen da draußen, auch wenn ich mir das zeitweise gewünscht hätte...
Also ja, ich gehe raus, und ich will gesehen werden. Wirklich Angst hatte ich nie, aber das ist zu Teilen auch meiner damaligen Situation geschuldet, nach ein paar Wochen einfach wieder weg zu sein. Falls jemand tatsächlich ein Problem mit mir gehabt haben sollte, würde er es bis zum nächsten Sommer ohnehin vergessen haben...
Und nein, mir ist es nicht wichtig, zu 100% als Frau wahrgenommen zu werden. Weil ich das nicht bin. Zu viele Jahre männlicher Sozialisation, Körperbau und Verhaltensmuster stehen dem ohnehin entgegen, so dass ich mir den Stress nicht antue, einer klischeehaften Idealvorstellung von Frau nachzulaufen, die für mich ohnehin unerreichbar ist.
Vielmehr möchte ich so wahrgenommen werden, wie ich bin. Mal mehr weiblich, mal weniger, meistens irgendwo zwischen drin. Das ist natürlich vermessen, weil niemand allein wegen meines Äußeren erraten kann, was heute gerade für mich passt. Daher bin ich auch ziemlich entspannt bei Themen wie Anrede, Pronomen, Toilette...
Eigentlich wäre es mir am liebsten, wenn Gender als soziale Kategorie keine wichtige Rolle spielen würde und schon gar nicht die Zuordnung von bestimmten Kleidungsstücken zu einem Geschlecht.
Aber das kann ich mir leider nicht aussuchen. So bleibt mir nichts weiter, als bei diesem Spiel mitzuspielen, möglichst so, dass ich wenig Stress und viel Spaß dabei habe.
LGL
Re: Rausgehen und verstecken ?
Verfasst: Mi 5. Feb 2025, 16:14
von chris
Ich möchte gerne noch einen Zusatz bringen, und zwar stelle ich es mir perfekt vor, das „Draußen“ mit einem geschützten (öffentlichen oder privaten) Bereich gleichzusetzen in dem sich Gleichgesinnte und/oder Tolerante Menschen befinden die in diesem Rahmen keinen Anstoß am Crossdressing nehmen.
Das würde dieses „Hobby“ zu einem echten Genuss machen.
Re: Rausgehen und verstecken ?
Verfasst: Mi 5. Feb 2025, 16:28
von Juliane
Moin zusammen.
Ich habe einen Augenblick gezögert hier, zu diesem Thema, etwas zu schreiben.
Andererseits habe ich, in jetzt über 25 Jahren als Teilzeitfrau (Crossdresser)
draußen unterwegs, kaum einmal etwas Negatives erlebt.
In der Anfangszeit, schlecht, oder gar übertrieben geschminkt und mit zu hohen
Absätzen und kurzen Röcken, gabs den einen oder anderen Spruch, aber niemals
wurde ich blöde angemacht, oder gar körperlich angegriffen.
Ausnahme: Am hellen Werktags-Vormittag, nach Schuhkauf auf der Reeperbahn,
auf dem Rückweg zum Auto. Eine Gruppe stark angetrunkener Kerle, dem Slang
nach Ruhrpott-Touristen, wollte wissen was ich für eine Blasnummer nehmen würde.
Dasselbe widerfuhr, Sekunden später, zwei jungen Frauen die mir entgegenkamen.
Also einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort.
Und natürlich ist man(n) in Damenkleidung nicht unbedingt an den sozialen Brennpunkten
unterwegs! Aber dahin verlaufe ich mich auch als Mann nicht. Genauso wenig macht es Sinn,
nachts im Dunkeln, auf High Heels durch abgelegene Industriegebiete zu stöckeln, nur um
einmal raus zu kommen. Und das dann eventuell mit Popolangen Haaren, Oberweite in
Cupgröße F, Röcken vom Typ breiter Gürtel, sichtbaren Strapsen und Schuhen mit 15 cm Absätzen.
Inzwischen gehe ich gerne etwas aufgebrezelt, so wie auf diesem Foto ins Theater
Theateroutfit.jpg
Da kommen dann schon einmal diese

und das meistens von Frauen. Die selber
häufig dann schlicht als Hosenträgerinnen unterwegs sind. Aber auch von Männern, die wohl
zumindest ahnten was ich bin, gab es nette Komplimente.
Doch genauso gut kann man(n) mir, so gekleidet, durchaus auch auf dem wöchentlichen
Großeinkauf im Supermarkt begegnen
Großeinkauf 1.jpg
Dazu gehört natürlich ein gewisses Maß an Selbstsicherheit und Rückgrat. Oder schlichtweg
ein dickes Fell. Wobei das eine das andere nicht ersetzen kann

.
Und es komme mir bitte keine/r mit der Bemerkung ich hätte ja wohl einfach Glück, oder
die richtigen Proportionen. Mit 1,90 und fast 100 kg und 70 Jahren bin ich davon weit
entfernt einfach übersehen zu werden. Aber ein freundliches und selbstsicheres Auftreten,
einigermaßen stilvolle Kleidung und am besten noch mit einer, oder mehreren Begleiterinnen
(beste Ehefrau von allen, aber auch trans Freundinnen) macht es sogar richtig Spaß am hellen
Tag unterwegs zu sein. Nachzulesen hier im Forum unter
Julians Weg, oder wie letzte Woche hier.
viewtopic.php?p=398518#p398518
Traut euch einfach und ihr werdet eine neue Welt entdecken und erleben.

Juliane