Inga hat geschrieben: So 26. Mai 2024, 14:22
interessant, was Leuten anhand so einer Kurzmeldung schon alles so durch den Kopf geht. Als ob da auf einen Knopf gedrückt worden ist.
Im Übrigen finde ich es schon bedenklich, wenn sich hier im Forum anhand einer kurzen Meldung Leute mit Scharfmachersprüchen gegenseitig hochschaukeln.
In der Tat. Für mich gehen vor allem drei verschiedene Dinge völlig durcheinander, bzw werden vermischt.
1. Dieser Mensch ist von Heimat und Familie aus Algerien geflohen und hat in Spanien einen Asylantrag gestellt.
2. Er ist aus Spanien und der dortigen Betreuung von Asylsuchenden abgehauen nach Deutschland, spezifisch Bremen.
3. Hier in Bremen ist er kriminell auffällig geworden.
Drei getrennte Aspekte, über deren Hintergründe wir mW nicht mehr wissen, richtig? Nicht über die Geschichte in Algerien, weshalb eine gefährliche Flucht in die nicht wirklich freundliche EU besser erschien, als sich zuhause durchzuschlagen. Nicht weshalb er aus Spanien weg ist und weshalb nach Deutschland, und auch nicht, was ihn auf die Idee einer kleinkriminellen Karriere brachte. Vor allem nicht, weshalb er im März dann eine Person auf dem Hauptbahnhof angegriffen hat. Mit Pfefferspray und Beleidigungen in aller Öffentlichkeit auf irgendwen loszugehen ist ja nicht gerade unauffällig und bringt auch keinen Gewinn.
Also: Nach Europa zu flüchten und Asyl zu beantragen ist erstmal völlig legitim. Die Möglichkeit muss gegeben sein, sonst ist die ganze Idee von Asyl für Verfolgte erledigt. Will das irgendwer? Also ausser rechtsgerichteten Antidemokrat*innen? Klar ist das schwierig. Schliesslich gibt es erstens viele Menschen, die politsch verfolgt werden. Sei es wegen oppositioneller Haltung, Arbeit für Menschenrechte, "falscher" Religion, ihres ethnischen Labels, sexueller Orientierung oder geschlechtlicher Identität. Zweitens eine Menge Opfer "westlicher" Politik, bei denen wir uns auch nicht ethisch sauber aus der Affäre ziehen könnten. Anyway: Asylrecht existiert und ist sogar in die "EU-Verfassung" aka Lissabon-Vertrag eingegossen. Also. Punkt 1 eigentlich kein Thema in dem Fall.
Aus Spanien abzuhauen, well, ist laut Dublinabkommen illegal, also theoretisch eh Abschiebegrund. Ob die Dublin-Verträge legitim und fair sind und nicht nur legal, ist eine andere Diskussion. Solange sie gelten, wäre es klar ein Abschiebefall nach Spanien. Weshalb das erst nach etlichen Begegnungen mit Polizei passierte... wissen wir nicht. Punkt 2 hat also mit der Tat in der Schlagzeile auch nichts zu tun.
Bleibt Punkt 3. Mehrfach kriminell auffällig, u.a. bewaffnete Raubüberfälle, dann der Angriff mit Körperverletzung und queerfeindlichen Beleidigungen. Klare Straftaten, die auch geahndet werden müssen. Weshalb das nicht schon früher passierte... wissen wir nicht. Aber wenn ich die beiden ersten Punkte abziehe, fällt diese Person genau in das Raster derjenigen, die solche Taten begehen. Insbesondere queerfeindliche Angriffe. Nein, ich meine nicht "Ausländer". Ich meine junge Männer zwischen 15 und 35 aus sozial prekären und finanziell schlechten Verhältnissen, in der Regel mit null Perspektive. Zu den Zahlen siehe die PKS und für den queerfeindlichen Teil das Berliner Monitoring.
Ausländisch oder nicht ist keine ursächliche Eigenschaft der Täter (ohne *innen, weil >85% eben jene jungen Männer sind). Herkunft ist nicht einmal eine Korrelation. Im Berliner Monitoring entspricht die Verteilung der Staatsangehörigkeiten bzw "Migratonsgeschichte" genau dem Berliner Bevölkerungsquerschnitt.
Dieser Mensch als Täter hätte also auch genauso gut in Deutschland geboren sein können, mit großer Wahrscheinlichkeit sogar aus einer "urdeutschen" Familie. Geflüchtete und frisch Immigierte sind da nicht häufiger als andere der gleichen Gruppe.
Entscheidend ist also die Frage, wie wir insgesamt mit diesen jungen Männern umgehen wollen. Einzeln einsperren? Druck erhöhen? Oder die Perspektiven verbessern? Was senkt die Kriminalität und erhöht letztlich auch "unsere" Sicherheit"?
Ich finde es viel zu vereinfachend, sich auf einzelne Person zu konzentrieren, weil zufällig auch geflüchtet. Das verschleiert den Blick auf die eigentliche Problemgruppe und spielt gleichzeitig einer radikalen, menschenfeindlichen und von anderen Themen ablenkenden Debatte in die Hände.