Vicky_Rose hat geschrieben: Fr 12. Jan 2024, 10:45Auch eine Alice Schwarzer kommt noch umhin, Transmenschen zu respektieren, wie sie schon früher zeigte.
Sorry, nope.
Diese Zitate von Schwarzer sind schon für sich ziemlich heftig und keineswegs akzeptierend. Was sie im Kern sagt: Nur wer sich durch ausreichend Leiden beweist, an den transfeindlichen Geschlechternormen, den medizinischen und juristischen Hürden, die ja auch finanzielle und psychologische sind, darf zur Belohnung eine Transition machen - und danach als ewiges Token, als markierte Ausnahme gnadenhalber existieren.
Damit widerspricht sie zum einen ihrer eigenen Definition des feministischen Projekts. Zum anderen ist diese Art von Fremdbestimmung und bewusst aufgezwungenem Leiden eine absolut menschenfeindliche Idee. Wer würde einen Menschen mit einem körperlichen Geburtsdefekt, sagen wir: nur einem Bein, zwingen, erst einen Berg zu besteigen, um Gehhilfen o.ä. bekommen zu dürfen? Wie viele werden das aus unterschiedlichsten Gründen nicht schaffen? Warum dürfen die kein selbstbestimmtes Leben führen? Wer hat das Recht, so eine Hürde aufzustellen?
Das "biologisch männlich oder weiblich" ist, wie wir wissen, auch Quatsch. Es gibt mehr biologische Marker als Chromosomen. Ich muss die Paper hier sicher nicht wiederholen. Es geht uns doch nicht um eine Maskerade. Maskerade ist sowieso eine ganz hinterfotzige Wortwahl. Sie entwertet mal eben nebenbei alle trans Personen: "Sie sind ja nur maskiert und
eigentlich sind sie ja noch...". Das zeigt deutlich ihre Sichtweise auf trans Personen: Sie sind alle nicht "echt", aber die starken, durchsetzungsfähigen dürfen eine Art Ehren-Mitgliedschaft erwerben, ohne je als vollwertig anerkannt zu werden.
Es geht um Selbstwahrnehmung und die körperlichen Eigenschaften, die wir für uns brauchen. Auch für unsere Sexualität. Und es geht um die Wahrnehmung durch andere. "Geschlecht wird an der Backtheke konstruiert", nämlich ob wir da einfach normal behandelt werden oder markiert und wieder gestresst werden. Also wieder Formen von Gewalt und Leid erfahren.
Die ganzen Scharzer-Statements gehen so entlang von "Trans als (Leidens)Schicksal". Pseudo-christlicher Kram a'la "Dieses Leiden hat dir Gott aufgegeben. Beweise deine Größe im Leiden". Alles Unfug. Das ganze Leid ist künstlich und basiert auf einer überholten biologistischen Geschlechter-Normativität. Wir könnten - und müssen - das einfach rückstandsfrei entsorgen, weil es für absolut nichts gut ist.
Trans ist eine natürliche Variante. Keine Krankheit, kein göttliches Schicksal.
Vicky_Rose hat geschrieben: Fr 12. Jan 2024, 10:45
Aber heute suggeriert man diesen Mädchen, wenn sie keine richtige Frau sein wollten, seien sie eben ein Mann. Statt der Befreiung von der Geschlechterrolle nun das totale Gegenteil: zwei Schubladen und nichts dazwischen. Binärer geht nicht. Das hat durch Corona geboomt. Die Mädchen sind in Internetcommunitys und beeinflussen sich gegenseitig.
Auch längst überholter Unfug. Gerade in den letzten Jahren ist klar belegt worden, dass sich weltweit ca ein Drittel aller trans Personen nichtbinär verortet. Wenn die Begleitpersonen, Therapeutys und Ärztys dies auf dem Schirm haben und diese Möglichkeit auch erklären, entspannt sich genau diese binäre Sache. Bis auf Foren wie Amelungs Facebook Community sind in allen trans Bereichen auch immer nichtbinäre trans Personen dabei.
Vicky_Rose hat geschrieben: Fr 12. Jan 2024, 10:45
Auf der anderen Seite müssen wir uns auch die Argumente von Frau Schwarzer zu Herzen nehmen. Was passiert denn da in der Jugendszene ? Wieweit sind ihre Befürchtungen gerechtfertigt ? Für mich sind das ernst zu nehmende Punkte.
Falls du dich damit noch nicht beschäftigt hast, kann ich die Fragen verstehen. Der Konsens der Fachleute ist jedoch: Da ist nichts dran. Nichts an der "Flucht ins männliche Geschlecht", nichts an
social contagion, nichts an ROGD, nichts am "Trans Hype". Der einzige Unterschied ist, dass trans und nichtbinäre Menschen heute schon sehr viel früher erfahren, dass es anderen ähnlich ging und geht, und was da getan werden kann. Das erspart ihnen unter guten Umständen viele Jahre Leid.
Auch der angeblich überproportionale Boom der trans Jungs ist Unfug. Sie kommen einige Jahre vor den trans Mädchen raus, nämlich zu dem Zeitpunkt, wo sie zunehmend von ihrer Umwelt vergeschlechtlich und in die weibliche Rolle gedrängt werden. Heisst: Die Gendernormen geben den Anstoss. Bei Jungs überwiegen die Privilegien noch ein paar Jahre, bis sie feststellen, dass sie das wirklich nicht leben wollen. Ende 20 sind die Quoten dann wieder ausgeglichen.
In Schweden flacht sich die Kurve inzwischen ab. Es wird vermutet, dass durch die trans positive Haltung inzwischen die meisten trans Personen tatsächlich rauskommen. So wie bei der Linkshändigkeit. Da "explodierte" die Zahl, nachdem die Zwangsumstellung und die Verteufelung weg waren. Von 2% auf 12%! Hilfe! Links-Hype, soziale Ansteckung, Jugend-Trend! Alles Quatsch. Linkshändigkeit hat eine natürliche Quote von ~12% und kein Hype wird da mehr draus machen.
Die haargenau gleichen Argumente gab es schon in den 50ern bzgl Homosexualität. Von der sozialen Ansteckung über "plötzliche Homosexualität" bis zum "grooming". Anita Bryant in den USA, gleichlautende, meist "christliche" Gruppen hier.
Also: Nein. Mit diesen "Argumenten" muss sich wirklich nicht mehr einzeln auseinander gesetzt werden, weil sie so klar widerlegt wurden wie die flache Erde.
Thematisiert werden muss hingegen, was Menschen wie Schwarzer, die sich der Gleichstellung und Selbstbestimmung derart widersetzen, gesellschaftlich anrichten. Das ist nichts anderes als Hassprediger tun. Sie predigen Ausgrenzung, Unterdrückung, willkürliches Leid und sie haben nur längst überholte Falschbehauptungen und Gerüchte als Basis.
Tragisch dabei ist, dass sich gerade wegen der jahrzehntelangen Hürden und Ausgrenzung unser Vorgänger*innen so unsichtbar waren, dass sich die unbedarfte Mehrheit nicht daran gewöhnen und lernen konnte. Deshalb kommen jetzt diese längst geklärten Fragen und obwohl wir eigentlich längst weiter sind müssen wir uns damit beschäftigen, ob wir uns den Unfug von Schwarzer und anderen "nicht doch zu Herzen nehmen" sollten usw.
Nein.