Lana hat geschrieben: Do 15. Jun 2023, 15:49
Intersexualität ist per Definition ein biologischer Ansatz, der auf dem biologischen Geschlechtsbegriff aufbaut.
Als alter Lateiner weißt du natürlich auch über die Bedeutung des Präfix
Inter Bescheid.
Auf deutsch bedeutet
Intersexualität also nichts anderes als "Zwischengeschlechtlichkeit".
Was willst du uns mit deiner Bemerkung zum Begriff
Geschlecht also sagen?
Und wie hätte man das konkret besser machen können?
OK, mein eigentlicher Punkt ist bzw war etwas kleinteilig - und wurde durch die Texte der Ausstellung entkräftet. Vielen Dank, Malvine, für die Bilder.
Der Zeitungstext bringt das nicht so. Charakteristisch ist, neben der generellen Ausrichtung des Artikels der Satz "Intergeschlechtliche Menschen werden mit einer Variation der Geschlechtsmerkmale geboren. Ihre Körper lassen sich nicht den vorherrschenden Definitionen von männlich und weiblich zuordnen". Darin steckt, nach meiner, möglicherweise inzwischen sehr sensibilisierten Lesart "Menschen sollten sich nach ihren Geschlechtsmerkmalen - lies: Genitalien - eindeutig zuordnen lassen". Ein Anspruch der Mehrheitsgesellschaft.
Verstärkt wird mein Eindruck durch "Jede*r hat ein Geschlecht", was schon eine heftig apodiktische Aussage ist. Warum sollte das so sein und warum sollten wir alle eines haben wollen, sollen oder müssen?
Welches Geschlecht überhaupt? Das Wort steht für zu viele Aspekte, die nicht kongruent sein müssen, einige davon willkürliche Konventionen. Die Annahme, dass Geschlecht irgendwie eindimensional bzw kongruent sei bzw sein sollte, ist nicht nur für TIN Personen schädlich und gewaltvoll.
Irritiert hat mich aber schon zum Anfang die Formulierung "Im alltäglichen Leben sind intergeschlechtliche Menschen immer wieder mit Verwunderung, Unwissen und Ignoranz konfrontiert", die - wieder meine Lesart - den Fokus eher auf die anderen (endogeschlechtlichen) Personen lenkt und deren Verhalten verharmlost. "Verwunderung"? Nein, eklatante Missachtung, Diskriminierung und oftmals Misshandlung, sogar im Medizinsystem, wo das geradezu institutionalisiert ist.
Glücklicherweise stellen die Texte der Ausstellung das genau andersherum dar, bzw rücken die Perspektive wieder zurecht. Menschen werden von anderen ungefragt vergeschlechtlicht, was allein schon eine folgenreiche Anmassung ist, und wenn diese Gewohnheit fehlschlägt, gehen die Konsequenzen erst richtig los. Siehe die Erfahrungen von Lucy Veith & Co.
Die gemeinsame Aussage der Ausstellungstexte ist - meine Lesart: "Wir wollen nicht dauernd binär einsortiert oder ausgegrenzt werden, nur weil wir nicht euren optischen Gewohnheiten entsprechen". Das ist das Thema. Nicht "Verunderung, Unwissen und Ignoranz".
Also Fazit: Der Pressetext ist nicht ganz schlimm aber auch nicht wirklich gut. Die Zeitungsperson könnte sich mal Gedanken machen, was Chromosomen, Hormonhaushalt oder Genitalien mit Problemen beim Bezahlen an der Supermarktkasse zu tun haben. Dem auf den Grund zu gehen führt direkt zur Erkenntnis.
Ah, ich bin natürlich kein alter Lateiner. Lateiner*in, Lateiny, lateinkennend, aber weder -er noch -erin
