Die Studie beschränkt sich auf HIV und andere STI (sexually transmitted infections). Das mag exemplarisch sein für die med. Versorgung, aber nicht ausreichend.
Dass med. Personal in der Regel unzureichend informiert, nicht geschult und nicht vertraut ist mit trans und nichtbinären Körpern und Wesen ist Tatsache. Von einigen spezialisierten Praxen mal abgesehen. Aber Standards wie HNO, Augen, Allgemeinmedizin: Nope. Gleiches gilt übrigens für Schwarze und PoC.
Für TIN Personen geht es mit dem Empfang los. Auf mein X auf der Karte muss ich extra hinweisen und die Anrede erklären. Das wird aber häufig weder gespeichert (falls die Software das überhaupt hergibt), noch weitergegeben. Ab Aufruf im Wartezimmer muss ich nochmal erklären. Personen mit dem falschen Marker auf der Karte haben häufig keine Chance auf richtige Anrede, selbst wenn sie klar nicht "Herr Meier" aussehen. Aufrufe bei Gynäkologie gerne auch mal pauschal "Frau", weil vom Tresen häufig nur die Nachnamen übermittelt werden. Also mangelhafte Prozesssicherheit.
Sobald ich trans erwähne, Hormonumstellung, etc. sehe ich bei Ärztys häufig ein
TILT! in den Augen, weil sie plötzlich sehr unsicher werden, ob das was an ihrer Routine ändert. Einige machen dann einfach weiter und ich muss selbst darauf achten, dass manche Dinge bei mir anders funktionieren. (Hab schon überlegt, mir an passender Stelle tätowieren zu lassen, dass Katheter
nicht glatt rein gehen...) Und andere schalten auf extreme Vorsicht und wollen am liebsten gar nichts damit zu tun haben.
Glücklicherweise habe ich - inzwischen - kein genitales Schamgefühl mehr, aber viele trans Personen berichten von unsensiblem Umgang, der körperliche Dysphorien ignoriert, körperliche Besonderheiten, usw. Artikel aus den USA:
https://funcrunch.medium.com/eyeballs-h ... edcfe6bcdc Hier sieht das nicht anders aus.
Eine Freundin von mir, trans und beruflich in der Pflegeausbildung, engagiert sich stark für trans-sensible Pflege. Vor ihr bekomme ich live mit, wie unzureichend allein die Pflege ist.
Wir wissen, dass unser medizinisches System auf der ausführenden Seite unglaublich knapp gehalten wird. Unterbezahltes und überlastetes Personal, deshalb Zeitdruck, daraus folgende Mängel bei Sorgfalt und Achtsamkeit. Aber auch mangelhafte Ausblidung auf allen Ebenen für den Umgang mit Menschen ausserhalb der 80% weissen, cis-binär-dyadischen Mehrheit.
Was Nico schrieb, die absolute Nullversorgung bei transgeschlechtlicher Hormontherapie hier rund um Bremen, ist auch eine Folge dieses Ausbildungsnotstands. Wieder USA und
Ergebnisse einer Umfrage unter Endos von 2017, aber sieht in D meines Wissens nicht besser aus, wenn ich an die Berichte aus meiner trans/nb Umgebung denke. Kurze Zusammenfassung: Nur 36% der Endos sagten, dass sie eine Ausbildung in trans Versorgung hatten, 11% hielten sich für sehr kompetent, nur 5% gaben die richtigen medizinischen Antworten. Dies ist das Paper dazu
https://sci-hub.st/https://doi.org/10.4158/EP151185.OR
Auch wenn bei Pflege, Praxisorganisation und allem, was MFAs betrifft viel an Überlastung liegt, hat
diese Versorgungslücke aka Wissensmangel, sowohl in der Erstausbildung, als auch in der Weiterbildung bei einem ganz zentralen Bedarf für trans_nb Personen nichts mit Überlastung zu tun, sondern mit Vernachlässigung.