uferlos hat geschrieben: So 7. Nov 2021, 17:22
Patricia_cgn hat geschrieben: So 7. Nov 2021, 11:40
Ich will eine Frau sein, ich fühle mich Frauen zugehörig aber zugleich ist ein kleiner Teil in mir der mir sagt, dass ich nicht wirklich das Recht habe mich als eine Frau zu bezeichnen. Denn ich habe eine männliche Sozialisation erlebt, bin mit männlichen Privilegien aufgewachsen, habe nie durch all das gehen müssen, was Frauen so manches Mal in ihrem Leben erleben.
Dieses Gefühl - eine Art schlechtes Gewissen - hatte ich auch eine Zeit lang. Nicht wegen der männlichen Sozialisation, sondern weil ich das Gefühl hatte, der Welt etwas vorzumachen - und vielleicht auch mir selbst.
Mit Einsetzen der Hormontherapie ist das allerdings verschwunden, weil ich die Frau in mir nicht mehr nur als ein Konstrukt meines Kopfes sehe, sondern weil ich sie nun im ganzen Körper und im Herzen fühle.
Diese Aspekte beschäftigen mich, seitdem ich bei Männern und auch Frauen durch meine bloße Existenz Wut ausgelöst habe.
Nein, im Alltag und bei Erst-Begegnungen gibt es kein Missgendern. Die Probleme kommen - wie üblich - wenn ich mit Leuten mehrfach zusammen bin und sie endlich raffen, "womit" sie es zu tun haben. Das schlimmste Erlebnis dazu hatte ich ausgerechnet in einer Gruppentherapie. Die Männer, die bei der ersten Sitzung noch nett und freundlich waren, erfuhren danach, als was ich geboren bin. Ab der zweiten Sitzung ignorierten sie mich ebenso wie bei Begegnungen außerhalb oder sprachen über mich als "Er". Ich war keine normale menschliche Umgangsform mehr wert. Das nervte mich wie immer extrem und ich sprach die Sache direkt in der Therapie an. Die Typen drucksten herum, dass sie ja so schrecklich unsicher seien und deshalb auf einmal noch nicht mal Guten Tag sagen könnten. Mit den Ausreden dieser explizit selbstherrlichen und überdurchschnittlich selbstbewussten Männer gab ich mich nicht zufrieden und bohrte weiter. Ein Oberstufenlehrer und ein Berufsschullehrer platzten dann endlich mit dem wahren Grund heraus:
"Es kotzt uns an, dass du uns dazu zwingst, dich mit "Frau" anreden zu müssen, obwohl du ein Mann bist!"
Ich bedankte mich für die Ehrlichkeit. Beide sprangen auf und verließen wutschnaubend den Raum. Im Setting der Gruppentherapie hatte ich die Chance genutzt, die ich im Alltag nie bekommen hätte: Hinter deren Masken und Ausreden zu schauen. Dort versteckte sich der blanke Hass.
Eine Kollegin, die ich irrtümlich für eine Freundin hielt, klärte mich eines schönen Tages auf, dass ich zwar oberflächlich fraulich erscheinen könne, aber niemals eine Frau sein würde. Ich war nun mal als Mann erzogen worden, hatte keine Ahnung, was Mädchen durchmachen müssen und könne froh sein, geduldet zu werden.
Jahrelang benutzte ich auf Arbeit vor Corona eine Damentoilette ein paar Etagen tiefer, wo mich niemand kannte. Es gab nie Probleme. Ich schloss sogar ein paar nette Bekanntschaften. Als dann nach Jahren endlich angekommen war, dass ich trans bin, rannten dieselben Frauen hysterisch kreischend davon, wenn sie mich im Vorraum erblickten ... Danach wurde zum Glück ein genderneutrales WC gebaut. Seitdem gehe ich ausschließlich dorthin.
U.a. diese herzerfrischenden Episoden haben zwar nicht mein
Ich, aber die Hoffnung auf Akzeptanz in der Gesellschaft gekippt. Daran hängt zwangsläufig auch das Pronomen. Die Argumente der Männer und Frauen sind zwar brutal gegen mich, aber nicht aus der Luft gegriffen. Wenn ein offiziell heterosexueller Mann außerhalb seiner "Shemale-Seiten" im Internet nicht damit konfrontiert werden will, dass es auch Menschen im Real Life gibt, die nicht seinem Normalitätsverständnis entsprechen, dann sind die Standardreaktionen Ausgrenzen und Ignorieren. Wenn nun aber dieser Mann im unfreiwilligen direkten Kontakt (z.B. durch die Arbeit) gegen seinen Willen gezwungen wird, mich nicht nur anzusprechen und mir zuzuhören, sondern mich obendrein mit "Frau" anzureden, dann führt das bei ihm zu ungeheuerlicher Wut, die sich im Wiederholungsfall in Hass verwandelt. Ich zwinge durch meine abweichende Existenz einen anderen Menschen zu etwas, was diesem absolut zuwider ist. Und nun stelle man sich vor, dass dieser arme Mensch nun auch noch in Schrift und Sprache gendern muss, weil ihn die Politik im Sinne der gehassten Leute jenseits seiner Norm dazu gängelt ... Kein Wunder, dass das vermehrte Einfordern des Respekts für Diversität vor diesem Hintergrund auch zu Widerstand führt, die Einzelne abbekommen.
"Schau mal, da ist so eine perverse Sau, wegen der wir unsere schöne deutsche Sprache verschandeln sollen!"
Für diese Wut-Menschen gilt auf ewig das biologische Geburtsgeschlecht - unabhängig vom Aussehen, Auftreten usw.
Die o.g. Männer und Frauen haben Recht, dass
- ich nicht in der Identität geboren wurde, in der ich mich anmaße, öffentlich zu leben
- ich keinerlei Erziehung und Sozialisation in meiner gelebten Identität genießen durfte
- ich bis zum Coming Out schamlos alle Vorteile der selbsternannten "Herrenrasse" mitgenommen habe und darauf aufbaue
- ich niemals die originalen Genitalien eines Menschen meiner Identität besitzen werde
Und da komme ich nun daher und will mit "Frau" angesprochen werden ...
Ich
kann nicht meine falsche Geburt rückwirkend korrigieren.
Ich
kann keine jahrzehntelange weibliche Erziehung und Sozialisation nachholen.
Ich
kann keine weiblichen Genitalien bekommen.
Dann freilich würde ich - vielleicht - respektiert werden ...
Das Einzige, was ich kann, ist zu hoffen, ab und an mal zwischenmenschlichen Kontakt zu haben, bei dem mich mein Gegenüber als Mensch - als Bonus vielleicht sogar als weiblichen Menschen - respektiert, ohne dass ich dessen verborgene Ängste oder Komplexe triggere.
Ich bin aufgrund zahlreicher Vorfälle krank geworden, habe Angst, überhaupt angeredet zu werden. Ich habe Albträume, auf Arbeit (wo mich niemand von früher kennt!) böswillig mit "Herr" angesprochen zu werden und dass ich mir den ganzen Tag die Notdurft verkneifen muss, wenn auf der neuen Arbeit kein genderneutrales WC existiert. Ich will am besten gar nicht mehr sichtbar sein, um keine Wut auszulösen und niemanden zu provozieren. Ich ziehe mich nahezu vollständig zurück und hab es satt, auf Respekt zu hoffen. Wie schön wäre es, wenn ich z.B. CD wäre und alle schwierigen Situationen einfach im Mann-Modus absolvierte. Aber es geht nicht. Ich kann und will nicht mehr zurück, auch wenn es mein Leben kostet.