ein Pronomen im Laufe der Zeit
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Lebensplanung, Standorte
ExuserIn-2021-11-20
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ein Pronomen im Laufe der Zeit

Post 1 im Thema

Beitrag von ExuserIn-2021-11-20 »

Hallo Ihr Alle,

die Bewußtwerdung meiner weiblichen Seite ist bei mir noch relativ jung. Grade mal etwas über 3 Jahre ist das jetzt her.
Obwohl ich die letzten 2 Jahre ausschließlich im weiblichen Outfit unterwegs bin, sind es grade mal ein paar Monate das ich
mich als Steffie oder Stefanie vorstelle. Zwar fühle ich mich so das ich es weiblich nennen möchte, doch für mich alleine brauche ich keine
Pronomen. In letzter Zeit werde ich immer häufiger mit Frau und Sie "Konfrontiert". 45 Jahre männliche Sozialisation sind definitv nicht spurlos an mir vorüber gegangen. Und so bemerke ich immer wieder das ich mir das "Frau" und "Sie" durchaus wünsche und mich auch geschmeichelt fühle so angesprochen zu werden. Doch ist da auch immer das alte "Er" im Hintergrund welches sich irritiert am Kopf
kratzt. Wie geht es denn euch damit?

Neugierige Grüsse

Stefanie
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Marlene K.
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Re: ein Pronomen im Laufe der Zeit

Post 2 im Thema

Beitrag von Marlene K. »

Eine interessante Frage, liebe Stefanie.
Mir ging es recht ähnlich.

Ich bin gespannt, wie andere es erlebt haben.
Liebe Grüße

Marlene
Marlene

Ich halte es mit Karl Popper im 1945 formulierten Toleranz-Paradoxon https://de.wikipedia.org/wiki/Toleranz-Paradoxon

Ich bin (nur) intolerant gegenüber der Intoleranz.
Jasmine
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Re: ein Pronomen im Laufe der Zeit

Post 3 im Thema

Beitrag von Jasmine »

Wie falsch hörte es sich bis zu meinem Outing an? Der Name - verhasst, er -verhasst, Herr - verhasst. Meine Seele, mein Herz traf jeder dieser Schläge. Warum half mir niemand, warum sah niemand das Mädchen, die Jugendliche, die Frau? Als ich mich dann meiner Partnerin öffnete, begann mein Leben. Jetzt fühlt sich alles so richtig und gut an. Frau K., Jasmine, sie, usw.
Liebe Grüße Jasmine
Marit
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Re: ein Pronomen im Laufe der Zeit

Post 4 im Thema

Beitrag von Marit »

Hallo Stefanie,
nachdem mir vor knapp zwei Jahren klargeworden ist, dass der 'ER' in meinem Leben ausgedient hat, hatte ich mit der weiblichen Anrede kein Problem, ganz im Gegenteil.
Du schreibst ja selbst, dass du dich geschmeichelt und wahrscheinlich auch bestätigt fühlst. Mich hat im Gegenteil die gewohnheitsmäßige und gedankenlose männliche Anrede bei Personen, die mich aus früherer Zeit kennen, genervt. Inzwischen gibt es das zum Glück nicht mehr, nur am Telefon geht es noch regelmäßig daneben ;-).
Also, männliche Sozialisation alleine kann es dann wohl nicht sein, die hatte ich auch. Ist es möglich, dass du dich noch nicht klar von deinem männlichen Ich getrennt hast und sozusagen noch in beiden Welten unterwegs bist?
Nichts ist für immer.
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Re: ein Pronomen im Laufe der Zeit

Post 5 im Thema

Beitrag von Patricia »

Irgendwie kommt es mir ziemlich bekannt vor. Wenn ich als Frau angesprochen werde, fühlt es sich einfach nur richtig an. Werde ich als 'Herr' angesprochen dann zieht sich alles in mir zusammen, ich will das nicht.
Aber ja, irgendwie ist dieser blöde Typ immer noch im Hintergrund vorhanden und will nicht verschwinden. Ich weiss nicht ob ich überhaupt in der Lage bin das zu beschreiben. Ich fühle mich nicht den Männern zugehörig, sie sind mir fremd, seltsame Wesen mit denen ich nur wenig gemeinsam habe. Ich will eine Frau sein, ich fühle mich Frauen zugehörig aber zugleich ist ein kleiner Teil in mir der mir sagt, dass ich nicht wirklich das Recht habe mich als eine Frau zu bezeichnen. Denn ich habe eine männliche Sozialisation erlebt, bin mit männlichen Privilegien aufgewachsen, habe nie durch all das gehen müssen, was Frauen so manches Mal in ihrem Leben erleben. Zuweilen lege ich auch sehr männliche Verhaltensmuster an den Tag, die ich ablehne aber nicht immer verhindern kann. Eine Zeitlang habe ich darüber nachgedacht ob ich eventuell nicht binär bin, aber nein, das Konzept kommt für mich einfach nicht in Frage. Was bin ich also? Mehr Frau als Mann aber dennoch fehlt es mir noch ein wenig um mich wirklich als eine "richtige" Frau zu sehen.

LG
Patricia
Lana
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Re: ein Pronomen im Laufe der Zeit

Post 6 im Thema

Beitrag von Lana »

Liebe Patricia,

ich kann dich total gut verstehen, weil es mir fast genauso geht wie dir. Nur die Anrede mit Herr... tut mir nicht so weh, den Schmerz spüre ich schon lange nicht mehr, die Stelle ist inzwischen taub geworden.

Gleichzeitig ist es für mich fast wie eine Auszeichnung, als Frau angesprochen zu werden. Warum kann ich das nicht selbstverständlich akzeptieren, warum fühlt es sich so besonders, so außergewöhnlich an? Weil ich das Gefühl habe, es stünde mir nicht zu, so angesprochen zu werden, weil ich mir etwas unrechtmäßig aneigne?
Ich weiß, dass es nicht so ist, und dennoch gelingt es mir nur selten, mir zuzugestehen, dass alles in Ordnung ist, dass ich niemandem etwas wegnehme, dass es nicht ungehörig ist, wenn ich als das erkannt und angesprochen werde, was ich bin. Ich muss mir das immer wieder in Erinnerung rufen und hoffe, dass irgendwann so eine Art Gewöhnungseffekt eintritt und es mir einfach nicht mehr so auffällt.

LGL
Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt.
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Re: ein Pronomen im Laufe der Zeit

Post 7 im Thema

Beitrag von Patricia »

Hallo Lana,

ja, genauso wie du es beschreibst fühlt es sich an.

LG
Patricia
Lavendellöwin
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Re: ein Pronomen im Laufe der Zeit

Post 8 im Thema

Beitrag von Lavendellöwin »

Fräulein Stefanie hat geschrieben: So 7. Nov 2021, 00:00 Wie geht es denn euch damit?
Patricia_cgn hat geschrieben: So 7. Nov 2021, 12:19 ...
Lana hat geschrieben: So 7. Nov 2021, 11:53...

Meine Lieben,

hmm..ich weiss nicht wie ich es sagen soll?
Vielleicht fehlt euch der etwas spielerische Umgang damit?

Mir hat es früher wirklich richtig Spass gemacht z.B. mit einem Rezept in die Apotheke
zu kommen (mit dem männlichen Namen drauf), es rüber zu schieben und dann gefragt
zu werden "hat der Herr H. eine Kundenkarte hier?" damit ich antworten kann
"nein, hat er nicht"..

ich hatte nie und zu keiner Zeit das Gefühl mir etwas zu nehmen was mir nicht zusteht,
oder das ich etwas ungehöriges tue wenn ein sie oder Frau kommt.

Vielleicht habe ich aber auch meinen fluiden Anteil so akzeptiert wie es ist.
Es gibt einfach kein 100% Frau oder 100% Mann, irgendwas ist immer fliessend.
Seid euch dessen bewusst und die Stiche werden nicht mehr so tief gehen.
Wenn man etwas erwartet, was dann mal nicht eintrifft wird es nicht mehr so verletzen.

Sag ich jetzt so einfach..

irgendwie war das schönste "Kompliment" (so empfand ich es) das ich mal bekommen habe,
als ich in der Klinik einen extrem schlechten Tag hatte, nicht rasiert war und ich alles nur zum k... fand,
die Aussage einer Patientin aus der Orthopädie "du kannst machen was du willst, du wirst nie
ein Mann werden...."


alles ganz schön verrückt

A'lles Liebe Marie (flo)
Zuletzt geändert von Lavendellöwin am So 7. Nov 2021, 14:34, insgesamt 2-mal geändert.
Fang an. Schritt für Schritt. Denn Mut wächst im Tun. Jeder kleine Schritt zählt – auch der unperfekte.
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Re: ein Pronomen im Laufe der Zeit

Post 9 im Thema

Beitrag von Blossom »

am Anfang habe ich mich bei weiblicher Ansprache noch geschmeichelt gefühlt, doch inzwischen hat mir das der Alltag genommen ... Es ist so selbstverständlich geworden wie morgens aufzustehen.
Jeder hat in seinem Leben Menschen um sich, die schwul, lesbisch, transgender oder bisexuell sind.
Sie wollen es vielleicht nicht zugeben, aber ich garantiere, sie kennen jemanden.
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Re: ein Pronomen im Laufe der Zeit

Post 10 im Thema

Beitrag von ExuserIn-2021-11-20 »

Da sag' ich schon mal vielen Dank für eure Beiträge,
vermutlich ist es einfach eine Frage der Zeit, nach der Pubertät wird's bestimmt
klarer ;-)
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Re: ein Pronomen im Laufe der Zeit

Post 11 im Thema

Beitrag von Marit »

Patricia_cgn hat geschrieben: So 7. Nov 2021, 11:40 Ich will eine Frau sein, ich fühle mich Frauen zugehörig aber zugleich ist ein kleiner Teil in mir der mir sagt, dass ich nicht wirklich das Recht habe mich als eine Frau zu bezeichnen. Denn ich habe eine männliche Sozialisation erlebt, bin mit männlichen Privilegien aufgewachsen, habe nie durch all das gehen müssen, was Frauen so manches Mal in ihrem Leben erleben.
Dieses Gefühl - eine Art schlechtes Gewissen - hatte ich auch eine Zeit lang. Nicht wegen der männlichen Sozialisation, sondern weil ich das Gefühl hatte, der Welt etwas vorzumachen - und vielleicht auch mir selbst.
Mit Einsetzen der Hormontherapie ist das allerdings verschwunden, weil ich die Frau in mir nicht mehr nur als ein Konstrukt meines Kopfes sehe, sondern weil ich sie nun im ganzen Körper und im Herzen fühle.
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Re: ein Pronomen im Laufe der Zeit

Post 12 im Thema

Beitrag von Aria »

EmmiMarie hat geschrieben: So 7. Nov 2021, 13:35 Mir hat es früher wirklich richtig Spass gemacht z.B. mit einem Rezept in die Apotheke
zu kommen (mit dem männlichen Namen drauf), es rüber zu schieben und dann gefragt
zu werden "hat der Herr H. eine Kundenkarte hier?" damit ich antworten kann
"nein, hat er nicht"..

ich hatte nie und zu keiner Zeit das Gefühl mir etwas zu nehmen was mir nicht zusteht,
oder das ich etwas ungehöriges tue wenn ein sie oder Frau kommt.
Das ist mir gerade erst letztens wieder passiert 😅
Die Apothekerin zu mir: Hatte er das Medikament denn schon mal? Und ganz selbstverständlich antwortete ich und wir unterhielten uns noch kurz darüber, was er bei der Einnahme berücksichtigen soll 😄

Ich hatte und habe auch nie das Gefühl etwas zu nehmen was mir nicht zusteht. Es war eher ein Gefühl von 'so ist es endlich richtig'. Ich musste mich auch nicht an meinen Namen gewöhnen. Wenn ich gerufen wurde, habe ich sofort darauf reagiert.
¡no lamento nada!
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Re: ein Pronomen im Laufe der Zeit

Post 13 im Thema

Beitrag von Patricia »

uferlos hat geschrieben: So 7. Nov 2021, 17:22
Dieses Gefühl - eine Art schlechtes Gewissen - hatte ich auch eine Zeit lang. Nicht wegen der männlichen Sozialisation, sondern weil ich das Gefühl hatte, der Welt etwas vorzumachen - und vielleicht auch mir selbst.
Mit Einsetzen der Hormontherapie ist das allerdings verschwunden, weil ich die Frau in mir nicht mehr nur als ein Konstrukt meines Kopfes sehe, sondern weil ich sie nun im ganzen Körper und im Herzen fühle.
Das beschreibt es auch irgendwie gut. Ich bin in der HET seit mehr als 18 Monaten, es ist ein wenig besser geworden aber dennoch sind die Änderungen nicht sooo gross. Vielleicht habe ich deswegen dieses blöde Gefühl immer noch. Körperbehaarung ist nur etwas weniger geworden. Fettumlagerung findet nicht statt obwohl ich genug davon hätte. Es gibt aber auch Positives. Ich sehe den Kerl viel seltener wenn ich in den Spiegel schaue. Vielleicht brauche ich einfach nur länger...
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Re: ein Pronomen im Laufe der Zeit

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Beitrag von Diva »

uferlos hat geschrieben: So 7. Nov 2021, 17:22
Patricia_cgn hat geschrieben: So 7. Nov 2021, 11:40 Ich will eine Frau sein, ich fühle mich Frauen zugehörig aber zugleich ist ein kleiner Teil in mir der mir sagt, dass ich nicht wirklich das Recht habe mich als eine Frau zu bezeichnen. Denn ich habe eine männliche Sozialisation erlebt, bin mit männlichen Privilegien aufgewachsen, habe nie durch all das gehen müssen, was Frauen so manches Mal in ihrem Leben erleben.
Dieses Gefühl - eine Art schlechtes Gewissen - hatte ich auch eine Zeit lang. Nicht wegen der männlichen Sozialisation, sondern weil ich das Gefühl hatte, der Welt etwas vorzumachen - und vielleicht auch mir selbst.
Mit Einsetzen der Hormontherapie ist das allerdings verschwunden, weil ich die Frau in mir nicht mehr nur als ein Konstrukt meines Kopfes sehe, sondern weil ich sie nun im ganzen Körper und im Herzen fühle.
Diese Aspekte beschäftigen mich, seitdem ich bei Männern und auch Frauen durch meine bloße Existenz Wut ausgelöst habe.
Nein, im Alltag und bei Erst-Begegnungen gibt es kein Missgendern. Die Probleme kommen - wie üblich - wenn ich mit Leuten mehrfach zusammen bin und sie endlich raffen, "womit" sie es zu tun haben. Das schlimmste Erlebnis dazu hatte ich ausgerechnet in einer Gruppentherapie. Die Männer, die bei der ersten Sitzung noch nett und freundlich waren, erfuhren danach, als was ich geboren bin. Ab der zweiten Sitzung ignorierten sie mich ebenso wie bei Begegnungen außerhalb oder sprachen über mich als "Er". Ich war keine normale menschliche Umgangsform mehr wert. Das nervte mich wie immer extrem und ich sprach die Sache direkt in der Therapie an. Die Typen drucksten herum, dass sie ja so schrecklich unsicher seien und deshalb auf einmal noch nicht mal Guten Tag sagen könnten. Mit den Ausreden dieser explizit selbstherrlichen und überdurchschnittlich selbstbewussten Männer gab ich mich nicht zufrieden und bohrte weiter. Ein Oberstufenlehrer und ein Berufsschullehrer platzten dann endlich mit dem wahren Grund heraus:
"Es kotzt uns an, dass du uns dazu zwingst, dich mit "Frau" anreden zu müssen, obwohl du ein Mann bist!"
Ich bedankte mich für die Ehrlichkeit. Beide sprangen auf und verließen wutschnaubend den Raum. Im Setting der Gruppentherapie hatte ich die Chance genutzt, die ich im Alltag nie bekommen hätte: Hinter deren Masken und Ausreden zu schauen. Dort versteckte sich der blanke Hass.

Eine Kollegin, die ich irrtümlich für eine Freundin hielt, klärte mich eines schönen Tages auf, dass ich zwar oberflächlich fraulich erscheinen könne, aber niemals eine Frau sein würde. Ich war nun mal als Mann erzogen worden, hatte keine Ahnung, was Mädchen durchmachen müssen und könne froh sein, geduldet zu werden.

Jahrelang benutzte ich auf Arbeit vor Corona eine Damentoilette ein paar Etagen tiefer, wo mich niemand kannte. Es gab nie Probleme. Ich schloss sogar ein paar nette Bekanntschaften. Als dann nach Jahren endlich angekommen war, dass ich trans bin, rannten dieselben Frauen hysterisch kreischend davon, wenn sie mich im Vorraum erblickten ... Danach wurde zum Glück ein genderneutrales WC gebaut. Seitdem gehe ich ausschließlich dorthin.

U.a. diese herzerfrischenden Episoden haben zwar nicht mein Ich, aber die Hoffnung auf Akzeptanz in der Gesellschaft gekippt. Daran hängt zwangsläufig auch das Pronomen. Die Argumente der Männer und Frauen sind zwar brutal gegen mich, aber nicht aus der Luft gegriffen. Wenn ein offiziell heterosexueller Mann außerhalb seiner "Shemale-Seiten" im Internet nicht damit konfrontiert werden will, dass es auch Menschen im Real Life gibt, die nicht seinem Normalitätsverständnis entsprechen, dann sind die Standardreaktionen Ausgrenzen und Ignorieren. Wenn nun aber dieser Mann im unfreiwilligen direkten Kontakt (z.B. durch die Arbeit) gegen seinen Willen gezwungen wird, mich nicht nur anzusprechen und mir zuzuhören, sondern mich obendrein mit "Frau" anzureden, dann führt das bei ihm zu ungeheuerlicher Wut, die sich im Wiederholungsfall in Hass verwandelt. Ich zwinge durch meine abweichende Existenz einen anderen Menschen zu etwas, was diesem absolut zuwider ist. Und nun stelle man sich vor, dass dieser arme Mensch nun auch noch in Schrift und Sprache gendern muss, weil ihn die Politik im Sinne der gehassten Leute jenseits seiner Norm dazu gängelt ... Kein Wunder, dass das vermehrte Einfordern des Respekts für Diversität vor diesem Hintergrund auch zu Widerstand führt, die Einzelne abbekommen. "Schau mal, da ist so eine perverse Sau, wegen der wir unsere schöne deutsche Sprache verschandeln sollen!"
Für diese Wut-Menschen gilt auf ewig das biologische Geburtsgeschlecht - unabhängig vom Aussehen, Auftreten usw.

Die o.g. Männer und Frauen haben Recht, dass
  • ich nicht in der Identität geboren wurde, in der ich mich anmaße, öffentlich zu leben
  • ich keinerlei Erziehung und Sozialisation in meiner gelebten Identität genießen durfte
  • ich bis zum Coming Out schamlos alle Vorteile der selbsternannten "Herrenrasse" mitgenommen habe und darauf aufbaue
  • ich niemals die originalen Genitalien eines Menschen meiner Identität besitzen werde
Und da komme ich nun daher und will mit "Frau" angesprochen werden ...

Ich kann nicht meine falsche Geburt rückwirkend korrigieren.
Ich kann keine jahrzehntelange weibliche Erziehung und Sozialisation nachholen.
Ich kann keine weiblichen Genitalien bekommen.
Dann freilich würde ich - vielleicht - respektiert werden ...
Das Einzige, was ich kann, ist zu hoffen, ab und an mal zwischenmenschlichen Kontakt zu haben, bei dem mich mein Gegenüber als Mensch - als Bonus vielleicht sogar als weiblichen Menschen - respektiert, ohne dass ich dessen verborgene Ängste oder Komplexe triggere.

Ich bin aufgrund zahlreicher Vorfälle krank geworden, habe Angst, überhaupt angeredet zu werden. Ich habe Albträume, auf Arbeit (wo mich niemand von früher kennt!) böswillig mit "Herr" angesprochen zu werden und dass ich mir den ganzen Tag die Notdurft verkneifen muss, wenn auf der neuen Arbeit kein genderneutrales WC existiert. Ich will am besten gar nicht mehr sichtbar sein, um keine Wut auszulösen und niemanden zu provozieren. Ich ziehe mich nahezu vollständig zurück und hab es satt, auf Respekt zu hoffen. Wie schön wäre es, wenn ich z.B. CD wäre und alle schwierigen Situationen einfach im Mann-Modus absolvierte. Aber es geht nicht. Ich kann und will nicht mehr zurück, auch wenn es mein Leben kostet.
Marit
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Re: ein Pronomen im Laufe der Zeit

Post 15 im Thema

Beitrag von Marit »

Liebe Diva!
Diva hat geschrieben: So 7. Nov 2021, 20:28 Ich bin aufgrund zahlreicher Vorfälle krank geworden, habe Angst, überhaupt angeredet zu werden. Ich habe Albträume, auf Arbeit (wo mich niemand von früher kennt!) böswillig mit "Herr" angesprochen zu werden und dass ich mir den ganzen Tag die Notdurft verkneifen muss, wenn auf der neuen Arbeit kein genderneutrales WC existiert. Ich will am besten gar nicht mehr sichtbar sein, um keine Wut auszulösen und niemanden zu provozieren. Ich ziehe mich nahezu vollständig zurück und hab es satt, auf Respekt zu hoffen. Wie schön wäre es, wenn ich z.B. CD wäre und alle schwierigen Situationen einfach im Mann-Modus absolvierte. Aber es geht nicht. Ich kann und will nicht mehr zurück, auch wenn es mein Leben kostet.
Das ist die traurigste und erschütterndste Erzählung, die ich seit längerem gelesen habe.
Nachdem ich in den letzten 1 1/2 Jahren fast nie eine negative Erfahrung machen musste, habe ich schon angenommen, unsere Gesellschaft sei inzwischen weiter und Trans-Personen werden zumindest respektiert. Nun habe ich auch das Glück, in einer großen Firma im Büro zu arbeiten, in der Diversity groß geschrieben wird. Dort haben mich die Frauen selbst angesprochen, dass ich gerne aufs Damen-WC gehen kann. Wenn mich jemand versehentlich falsch anspricht, kommt eine Entschuldigung wenn ich dezent darauf hinweise.
Allerdings gehe ich offen mit meiner Vergangenheit um, damit sich niemand verladen vorkommt und sage gleich, dass ich nicht als Frau auf die Welt gekommen bin. Nicht in der Straßenbahn, doch wenn ich mit jemand in näheren Kontakt komme, oft. Aus deinem Beitrag lese ich heraus, dass die Leute irgendwann selbst darauf kommen und dann explodieren - nicht akzeptabel, aber männschlich ;-)

Jedenfalls wünsche ich dir viel Selbstvertrauen. Du hast jedes Recht auf Respekt und der Mann-Modus ist gar nicht nötig, um sich durchzusetzen, in den meisten Fällen sind Frauen sowieso stärker.

Fühlt dich umarmt und gedrückt!
Marit
Nichts ist für immer.
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