Ein verwirrtes "Hallo nochmal" mit vielen Fragezeichen
Verfasst: Fr 2. Apr 2021, 08:26
Liebe Community,
es mag seltsam klingen, aber eigentlich ist das meine zweite Vorstellung hier. Ich war bereits vor ca 9 Jahren schonmal hier im Forum unterwegs, ich kann mich aber nicht einmal erinnern, unter welchem Benutzernamen. Ich war mir auch lange Zeit sicher, nie wieder hierher zurück zu kehren.
Ich bemühe mich mal, meine "Geschichte" kurz zu fassen: Wie bei den meisten ging es bei mir in der Pubertät los, dass ich ein Interesse für das Weibliche entdeckte - vor allem an entsprechender Kleidung und am Schminken. Ich habe das sehr lange im Verborgenen ausgelebt, bis ich dann - mittlerweile verheiratet und Vater einer Tochter - im Sommer 2012 vor meiner Frau das Coming Out hatte. Zunächst noch als Crossdresser, zeigte sich dann bald für mich, das anscheinend mehr dahinter steckt. Ich habe eine Psychotherapie begonnen, habe einen Transident-Stammtisch besucht, ich bin sogar schon im Alltagstest angekommen und war als Frau öffentlich unterwegs.
Aber dann gab es deine entscheidende Erkenntnis in meiner Therapie und das Frau-Sein-Wollen stellte sich als eine Kompensation für ein emotionales Defizit meiner Kindheit heraus. Ohne hier groß ins Detail gehen zu wollen, ging es etwas verkürzt formuliert bei dem Frau-Sein darum, etwas zu bekommen, das ich als Kind von meinen Eltern nicht genügend bekommen konnte. Schwäche, sich Fallen lassen, Passivität und Schutzbedürftigkeit zeigen, Schönheit und Anmut verkörpern - das alles konnte ich mir als Mann nicht zugestehen (was auf Dauer extrem anstrengend ist), wohl aber als Frau. Mit dieser Erkenntnis hat das Frau-Sein seine "Magie" verloren. Ich erkannte: Frau sein zu wollen war nicht die eigentliche Ursache, sondern ein Symptom von etwas ganz anderem, von einem Kindheitstrauma.
Damit habe ich das Frau-Sein abgelegt. Und dadurch auch meine Ehe gerettet, denn meine Frau wollte keine Frau an ihrer Seite, sondern einfach nur ihren Mann wieder haben.
Ende gut, alles gut? Für einige Zeit, ja.
Bis... ja, bis dann das letzte Jahr alles durcheinander gebracht hat. Mittlerweile um zwei Söhne bereichert, mit beiden Beinen im Berufs- und Familienleben stehend, hat mich meine weibliche Seite eingeholt und aus der Bahn geworfen. Während sich die Coronoa-Lage zuspitzte, ist meine Frau häufiger mit unseren Kindern bei meinen Schwiegereltern gewesen, um der Familie etwas Entlastung zu bescheren. JedeR hier, der/die Kinder im Grundschul- und Kindergartenalter hat, weiß, wie schwierig die Lockdown-Situation gerade für Familien ist. Wie dem auch sei, ich war also mehrmals allein Zuhause. Und da war es dann da, dieses Bedürfnis: Wieder Frauenkleidung zu tragen. Es war so stark, dass ich mir ein wenig was im Internet bestellte. Ich war aufgeregt. Und als ich dann BH, Top und Kleid angezogen habe, musste ich unvermittelt weinen. Nicht, weil ich mich geschämt habe, nein, weil es sich so gut und richtig angefühlt hat, mehr noch, als ich es erwartet hätte. Mit diesen Glücksgefühlen kam meine ganze Trans-Vergangenheit wieder hoch, vor allem die Angst, meine Frau und meine Familie zu verlieren. Ich hatte das Gefühl, etwas Unmögliches zu tun. Eine komplett aussichtslose Perspektive.
Ich war verwirrt, verängstigt und hoffnungslos. Das Bedürfnis wurde etwas schwächer, ich atmete auf, aber es kam wieder. Ich habe mit meiner Frau darüber gesprochen, bin aber nicht in der Lage, ihr meine gesamte Gefühlswelt zu erzählen. Sie hat kein Problem damit, wenn ich ein Kleid anziehe. Aber sie hat ein Problem damit, wenn es darum geht, auch körperlich wie eine Frau zu wirken. Einen Push-Up-BH anziehen? No go. Sich Brust und Beine rasieren? Bitte nicht.
Dass es aber auch das ist, was ich möchte, habe ich mich nicht getraut ihr zu sagen. Naja, so halb habe ich es probiert, habe gesagt, dass der BH für mich an der Stelle einfach dazu gehört, aber ihre Reaktion hat mir gezeigt: Hier wird das Eis gefährlich dünn.
Und jetzt sitze ich hier, Frau und Kinder bei den Schwiegereltern, sehr weiblich gekleidet und zerbreche mir den Kopf, wie das nur weitergehen soll und wohin das führen soll. Ich weiß nicht, wie ich mit diesem Bedürfnis umgehen soll, das ich vor Jahren rational überwunden habe, das mich jetzt aber emotional verschlingt. Was ist meine Wahrheit, wer bin ich, wer kann und will ich sein? Und wie? Ich sehe keine Perspektive, als diesen Teil von mir in ein Schattendasein zu zwängen, vor meiner Frau und meinen Kindern zu verstecken und selten mal stundenweise auszuleben und in der Angst, entdeckt zu werden. Es ist ein Déjà -vu, ein fürchterliches.
Um zum Ende zu kommen: Diese Einbahnstraße, in der ich jetzt gerade feststecke, hat mich wieder hierher geführt, in der Hoffnung, Austausch und Mut zu finden.
Ich freue mich auf euch.
Carrie
es mag seltsam klingen, aber eigentlich ist das meine zweite Vorstellung hier. Ich war bereits vor ca 9 Jahren schonmal hier im Forum unterwegs, ich kann mich aber nicht einmal erinnern, unter welchem Benutzernamen. Ich war mir auch lange Zeit sicher, nie wieder hierher zurück zu kehren.
Ich bemühe mich mal, meine "Geschichte" kurz zu fassen: Wie bei den meisten ging es bei mir in der Pubertät los, dass ich ein Interesse für das Weibliche entdeckte - vor allem an entsprechender Kleidung und am Schminken. Ich habe das sehr lange im Verborgenen ausgelebt, bis ich dann - mittlerweile verheiratet und Vater einer Tochter - im Sommer 2012 vor meiner Frau das Coming Out hatte. Zunächst noch als Crossdresser, zeigte sich dann bald für mich, das anscheinend mehr dahinter steckt. Ich habe eine Psychotherapie begonnen, habe einen Transident-Stammtisch besucht, ich bin sogar schon im Alltagstest angekommen und war als Frau öffentlich unterwegs.
Aber dann gab es deine entscheidende Erkenntnis in meiner Therapie und das Frau-Sein-Wollen stellte sich als eine Kompensation für ein emotionales Defizit meiner Kindheit heraus. Ohne hier groß ins Detail gehen zu wollen, ging es etwas verkürzt formuliert bei dem Frau-Sein darum, etwas zu bekommen, das ich als Kind von meinen Eltern nicht genügend bekommen konnte. Schwäche, sich Fallen lassen, Passivität und Schutzbedürftigkeit zeigen, Schönheit und Anmut verkörpern - das alles konnte ich mir als Mann nicht zugestehen (was auf Dauer extrem anstrengend ist), wohl aber als Frau. Mit dieser Erkenntnis hat das Frau-Sein seine "Magie" verloren. Ich erkannte: Frau sein zu wollen war nicht die eigentliche Ursache, sondern ein Symptom von etwas ganz anderem, von einem Kindheitstrauma.
Damit habe ich das Frau-Sein abgelegt. Und dadurch auch meine Ehe gerettet, denn meine Frau wollte keine Frau an ihrer Seite, sondern einfach nur ihren Mann wieder haben.
Ende gut, alles gut? Für einige Zeit, ja.
Bis... ja, bis dann das letzte Jahr alles durcheinander gebracht hat. Mittlerweile um zwei Söhne bereichert, mit beiden Beinen im Berufs- und Familienleben stehend, hat mich meine weibliche Seite eingeholt und aus der Bahn geworfen. Während sich die Coronoa-Lage zuspitzte, ist meine Frau häufiger mit unseren Kindern bei meinen Schwiegereltern gewesen, um der Familie etwas Entlastung zu bescheren. JedeR hier, der/die Kinder im Grundschul- und Kindergartenalter hat, weiß, wie schwierig die Lockdown-Situation gerade für Familien ist. Wie dem auch sei, ich war also mehrmals allein Zuhause. Und da war es dann da, dieses Bedürfnis: Wieder Frauenkleidung zu tragen. Es war so stark, dass ich mir ein wenig was im Internet bestellte. Ich war aufgeregt. Und als ich dann BH, Top und Kleid angezogen habe, musste ich unvermittelt weinen. Nicht, weil ich mich geschämt habe, nein, weil es sich so gut und richtig angefühlt hat, mehr noch, als ich es erwartet hätte. Mit diesen Glücksgefühlen kam meine ganze Trans-Vergangenheit wieder hoch, vor allem die Angst, meine Frau und meine Familie zu verlieren. Ich hatte das Gefühl, etwas Unmögliches zu tun. Eine komplett aussichtslose Perspektive.
Ich war verwirrt, verängstigt und hoffnungslos. Das Bedürfnis wurde etwas schwächer, ich atmete auf, aber es kam wieder. Ich habe mit meiner Frau darüber gesprochen, bin aber nicht in der Lage, ihr meine gesamte Gefühlswelt zu erzählen. Sie hat kein Problem damit, wenn ich ein Kleid anziehe. Aber sie hat ein Problem damit, wenn es darum geht, auch körperlich wie eine Frau zu wirken. Einen Push-Up-BH anziehen? No go. Sich Brust und Beine rasieren? Bitte nicht.
Dass es aber auch das ist, was ich möchte, habe ich mich nicht getraut ihr zu sagen. Naja, so halb habe ich es probiert, habe gesagt, dass der BH für mich an der Stelle einfach dazu gehört, aber ihre Reaktion hat mir gezeigt: Hier wird das Eis gefährlich dünn.
Und jetzt sitze ich hier, Frau und Kinder bei den Schwiegereltern, sehr weiblich gekleidet und zerbreche mir den Kopf, wie das nur weitergehen soll und wohin das führen soll. Ich weiß nicht, wie ich mit diesem Bedürfnis umgehen soll, das ich vor Jahren rational überwunden habe, das mich jetzt aber emotional verschlingt. Was ist meine Wahrheit, wer bin ich, wer kann und will ich sein? Und wie? Ich sehe keine Perspektive, als diesen Teil von mir in ein Schattendasein zu zwängen, vor meiner Frau und meinen Kindern zu verstecken und selten mal stundenweise auszuleben und in der Angst, entdeckt zu werden. Es ist ein Déjà -vu, ein fürchterliches.
Um zum Ende zu kommen: Diese Einbahnstraße, in der ich jetzt gerade feststecke, hat mich wieder hierher geführt, in der Hoffnung, Austausch und Mut zu finden.
Ich freue mich auf euch.
Carrie
