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wenn dann aber richtig falsch ... "F64.0"
Verfasst: Di 17. Nov 2020, 06:30
von VanessaB
Patricia_cgn hat geschrieben: Di 17. Nov 2020, 02:46
Liebe Mara,
auch wenn ich teilweise mit Dir übereinstimme was die Selbstbestimmung angeht, so sehe ich die Alltagserprobung keineswegs als Gängelung an, im Gegenteil. Was können die Hormone denn so großartiges schon ändern dass wir nicht bereits davor in der Lage sind das Leben zu führen welches wir anstreben? Was ist wenn die Hormone kaum was an Erscheinungsbild ändern? Wie oft kann man in irgendwelchen Gruppen lesen dass Menschen mit dem Druck nicht klarkommen welcher von der Gesellschaft kommt? Man sollte diesen Alltagstest ernst nehmen denn so oder so macht ihn jeder Transsexuelle Mensch früher oder später und zwar dann wenn man endlich im gewünschten Geschlecht lebt. Es gibt aber Menschen die glauben dass die Hormontherapie oder die Operationen ein Wunder bewirken werden bei dem sich alle Probleme in Luft auflösen. Das ist aber ein sehr grosser Trugschluss. Nicht die Hormone oder die Operationen sind das was uns endgültig den Inneren Frieden schenkt sondern der psychische Prozess der während der Transition und somit auch während des Alltagstests in unserem Inneren stattfindet. Die Hormone oder die Operationen sind nur Hilfsmittel. Denn das Leben im Wunschgeschlecht wird oft nicht einfacher, sondern eher komplizierter. Wir finden in unserem wahren Ich aber meist mehr Kraft dazu diesen Weg zu gehen. Das ist leider nicht jedem Menschen gegeben.
Liebe Grüße
Patricia
Helga hat geschrieben: Mo 16. Nov 2020, 21:26
Mara hat geschrieben: Mo 16. Nov 2020, 21:07
Ich bin nun seit geraumer Zeit in Therapie und habe mittlerweile die Diagnose F 64.0.
Hallo Mara,
es ist 4 ja mal gerade 4 Wochen her, dass du uns vom Ende der probatischen Sitzungen berichtest hast.
Erstaunlich wie schnell eine so weitreichende Diagnose gestellt werden kann. Wieviele Sitzungen hat deine Therapeutin dafür gebraucht?
Magst du vom Verlauf der Therapie berichten?
Vielleicht solltest du deiner Familie etwas mehr Zeit lassen.
Liebe Grüße
Helga
Hallo liebes Forum,
liebe Helga
liebe Patricia,
ich habe mal die (Eure) beiden Texteile aus Maras Posts herausgezogen, weil ich diesen nicht sprengen möchte und hoffe, dass dies OK für Euch ist.
Außerdem glaube ich, dass es sinnvoller sein kann mal diese Themen separat zu diskutieren und nicht auf eine individuelle Person zu beziehen, da ich der Meinung bin, das nur jeder für sich selbst entscheiden kann, was in dem Moment geht oder nicht und was für denjenigen gerade richtig oder falsch ist.
Zu Helgas Beitrag möchte ich schreiben: Bei manchen Menschen ist es klarer, weil sie klarer über sich selbst sind, als bei anderen. Daher ist zwar eine psychologische Begleitung (aus meiner Sicht sinnvoll), bedarf aber keines genauen Zeitrahmens. TransKinder sind hier vielleicht ein gutes Beispiel, sie wachsen (wenn zugelassen) einfach natürlich in ihre eigene Rolle hinein. Und wenn ich als ältere Person mich schhon viele Jahre als "Trans" im öffentlichen Raum bewegt habe, brauche ich im Grunde diesen Alltagstest so gar nicht.
Das "der Familie Zeit lassen" sehe ich auch zwiespältig. Ich kann nachvollziehen, was Du meinst, aber als ich in die Transition "geraten" bin, war das wie ein katalytische Reaktion: explosionsartig und unaufhaltsam. Je mehr ich mich selber für die Familie eingebremst hatte, desto mehr habe ich gelitten ... und je mehr ich gelitten habe, desto verbauter wurden die Wege in der Familie. Daher ist meine Meinung: Realitäten kann man nicht aufhalten ... sie müssen auf den Tisch. Und in diesem Fall geht es um die Gesundheit und das Leben der TransPerson und nicht um die Befindlichkeiten der Familie - mal im Extrem andersherum gedacht.
"Wer mich liebt, will dass ich glücklich bin" Ich habe ein Grundrecht auf mein Geschlecht ... das steht in den ersten Paragraphen des Grundgesetzes.
Bei Patricias Beitrag, den ich übrigens gut und im Gedanken richtig finde, bin ich über das Wort
Wunschgeschlecht gestolpert. Das scheint vielleicht wirklich die Sichtweise vieler Außenstehender zu sein: dass man sich sein Geschlecht wünschen könnte und wir bei einem Kaffee gesessen haben und uns mal dachten, es wäre doch schön, die zweite Hälfte unseres Lebens als Frau zu verbringen .... (ich übertreibe jetzt mal bewusst).
Nein, für TV/CD und vielleicht auch DWT mag das zutreffen, dass man mal den Wunsch hat, das Geschlecht (zeitweise, gedanklich) zu wechseln und viele Frauen äußern ja auch den Wunsch, einmal Mann sein zu können ... das hat aber nichts mit F64.0 zu tun! Wir suchen es uns nicht aus und ich persönlich habe mir das auch nicht gewünscht. Ich hätte nach wie vor auf den ganzen TransKram verzichten können ... ging aber nicht, weil ich eben eine TransFrau bin und kein Mann.
Auch habe ich eine etwas andere, ergänzende Meinung zu den Maßnahmen. Natürlich ist der Prozess der Persönlichkeitsfindung/-entwicklung in erster Linie einer der Selbsterkenntnis und der Selbstannahme und ich stimme zu, dass die Wirkung von Hormonen überschätzt wird. Auch die Vorstellung durch eine GAOP mehr Frau zu sein ist Quark. Beides ist risokobehaftet, kann durchaus gesundheitsschädlich sein und führt in eine lebenslängliche Abhängigkeit, die sich auch auf das Alltagsleben auswirkt! Und trotzdem: Hormone haben meinem weiblichen Wesen mehr Freiheit durch eine verändertes Körpergefühl und veränderte Emotionalität gegeben. Auch die GAOP hat mich tatsächlich noch mehr ankommen lassen, was ich so vorher nicht erwartet hatte.
Der Transitionsprozess hatte mich völlig auseinandergenommen und mich neu zusammengesetzt (das ist wohl die psychische Auseinandersetzung gewesen), aber Hormone und genitale GAOP habe ich dann doch gebraucht, um endgültig wieder in meine Mitte zu gelangen. Ich freue mich aber über jeden, der es schafft, diese Hilfsmittel wegzulassen. Busen und Stimme sind übrigens beides Körpereigenschaften mit denen ich ohne weitere Maßnahmen bislang meinen Frieden finden konnte.
Ich hoffe das kam jetzt nicht zu massiv rüber und es ging mir nicht darum irgendjemanden anzugreifen oder dessen Meinung in Frage zu stellen. Ich wollte nur mal diese spezielle Thema an einen neuen Ort packen und meine Erfahrung und Meinung als olle Kuh

kundtun.
Ich bin gespannt, ob und wie die Diskussion weitergeht. Namasté.
Alles Liebe
Van
PS:
ohne Dich will ich nicht sein
ohne mich kann ich nicht sein
denn was man ist
will man auch sein ...
denn was man ist
muss man auch sein ...
daher ist es wie es ist
wenn dann aber richtig falsch
gibt es nicht
Re: wenn dann aber richtig falsch ... "F64.0"
Verfasst: Di 17. Nov 2020, 07:16
von ExUserIn-2026-04-08
VanessaB hat geschrieben: Di 17. Nov 2020, 06:30
Wunschgeschlecht ... Nein, für TV/CD und vielleicht auch DWT mag das zutreffen, dass man mal den Wunsch hat, das Geschlecht (zeitweise, gedanklich) zu wechseln und viele Frauen äußern ja auch den Wunsch, einmal Mann sein zu können ... das hat aber nichts mit F64.0 zu tun! Wir suchen es uns nicht aus und ich persönlich habe mir das auch nicht gewünscht. Ich hätte nach wie vor auf den ganzen TransKram verzichten können
Liebe Van,
ich weiß, es geht her um F64.0 und deshalb will ich nicht viel schreiben, weil ich eher unter F64.1 falle. Aber immer wieder klingt es so, als würden Menschen die "nicht ganz falsch" sind, das aus ihrem Vergnügen machen. Dem ist beileibe nicht so und ich habe mir das auch nicht ausgesucht. Es geht mir nicht um Vergleichbarkeit, aber der Unterton, der in solchen Aussagen mitschwingt ist für mich schmerzhaft. Wir sind alle Menschen, die auf diesem Planeten wohnen. Warum würdigt man ihre Eigenschaften und Besonderheiten nicht, statt sie immer wieder auszugrenzen (zumindest kommt das bei mir so an) ? Ich denke mir, das war nicht böse gemeint und Du wolltest die Bedürfnisse von "ganz falsch"-Menschen an dieser Stelle in den Vordergrund stellen. Das ist ja auch legitim, aber die kleinen Stiche zur Seite nützen niemandem.

wenn ... dann ... aber ... richtig ... falsch ... "F64.0"
Verfasst: Di 17. Nov 2020, 08:23
von VanessaB
Vicky_Rose hat geschrieben: Di 17. Nov 2020, 07:16
...Das ist ja auch legitim, aber die kleinen Stiche zur Seite nützen niemandem.
Liebe Vicky,
lieben Dank für Deinen Hinweis, den ich aber nicht so ganz verstehe. Ich habe aus meiner Sicht nirgendwohin gestochen. Wenn Du das so verstanden hast, hast Du vielleicht die Überschrift nicht so lesen können, wie ich sie gemeint habe ... ließ die Wörter einzeln und nicht im Zusammenhang .... "”"”> siehe oben ...
ist es dann besser zu verstehen, was ich meine? Ich gebe zu, das war eine beabsichtigte Wortspielerei.
Und ja es geht im Kern nicht um 64.1, 65.1 ... sondern um F64.0, wenngleich natürlich der Übergang fließend ist ...
Alles Liebe
Van
Re: wenn dann aber richtig falsch ... "F64.0"
Verfasst: Di 17. Nov 2020, 08:34
von Michi
VanessaB hat geschrieben: Di 17. Nov 2020, 06:30
Wunschgeschlecht ... Nein, für TV/CD und vielleicht auch DWT mag das zutreffen, dass man mal den Wunsch hat, das Geschlecht (zeitweise, gedanklich) zu wechseln und viele Frauen äußern ja auch den Wunsch, einmal Mann sein zu können ... das hat aber nichts mit F64.0 zu tun! Wir suchen es uns nicht aus und ich persönlich habe mir das auch nicht gewünscht. Ich hätte nach wie vor auf den ganzen TransKram verzichten können
Hallo Vanessa,
es tut mir leid, dass du es jetzt quasi stellvertretend abbekommst, doch ich muss mich Vicky anschließen.
Ich muss nun schon zum wiederholten Male in kurzer Zeit solche Fremdzuschreibungen lesen, und diese regelmäßigen kleineren und größeren Stiche werden irgendwann ziemlich unangenehm.
Ich frage mich, warum Menschen, die darunter leiden, dass die Gesellschaft ständig auf verletzende Weise Einteilungen, Zuschreibungen und Abgrenzungen vornimmt, wie Menschen zu sein haben, es dann selbst scheinbar nicht besser bringen, und anderen ihre Vorstellungen überstülpen müssen, wie diese empfinden, denken und handeln, und warum sie das alles so tun wie sie es tun.
Sind wir nicht alle in irgendeiner Weise jenseits der mehrheitsgesellschaftlich transportierten Geschlechtergrenzen*), und muss nicht jede(r) von uns auf oft leidvolle Weise den richtigen"Platz" für sich finden?
Ich stemme mich seit Jahren gegen diese Lagerbildung. Aber es scheint mir ein Kampf gegen Windmühlen zu sein.
Liebe Grüße
Michi
*) in denen Biologie, Rolle und diverse Verhaltensmuster angeblich unveräderbar zusammengehören.
Re: wenn dann aber richtig falsch ... "F64.0"
Verfasst: Di 17. Nov 2020, 10:32
von Patricia
Liebe Vanessa,
Liebe Vicky,
Liebe Michi,
ich habe das Wort Wunschgeschlecht mit Absicht genommen und darüber auch zuerstmal nachgedacht ob ich das anders beschreiben soll. Aber für mich beschreibt es den Zustand ganz gut. Bezogen rein auf das körperliche Geschlecht und die damit verbundene Rolle im Leben. Es betrifft aber nicht meine emotionale Welt. Denn genau hier liegt ja der sprichwörtliche Hund begraben. Ich bin körperlich ein Mann, gesellschaftlich habe ich sehr lange versucht einer zu sein und es auch relativ authentisch rübergebracht, aber ich fühlte doch schon so lange diese Diskrepanz zwischen dem was ich körperlich bin und zwischen dem was ich sein möchte, was in in meinem Inneren bin. Ich wünschte ich wäre als Frau geboren worden. Mein grösster Wunsch war es endlich das Leben einer Frau führen zu können. Daher passt das Wort Wunschgeschlecht für mich sehr gut. Es ist auch ein Begriff den mein Therapeut so benutzt und ich finde ihn sehr passend. Aber mit meinem Therapeuten kommt nicht jeder transsexuelle Mensch klar. Ich weiss das weil viele aus unserer SHG schon das eine oder andere von ihm gehört haben und einige waren auch bei ihm.
Ich sehe in deiner Aussage keine harten Worte um ehrlich zu sein, nur deine eigene Meinung basierend auf deinen Erfahrungen. Von daher Alles gut
Vicky, du schreibst dass wir Ausgrenzungen benutzen und Menschen die nicht unter F64.0 fallen ausgrenzen, ich sehe das etwas anders, wir grenzen nicht "Euch", bitte verzeih mir das Wort in diesem Fall , es hört sich gerade so verkehrt an, aus, sondern viel mehr grenzen wir uns selbst aus. Viele von uns erleiden enorme seelische Qualen in ihrem Leben bevor wir diesen Weg gehen. Die Körperdysphorie unter der wir leiden kann wirklich enorme Ausmasse annehmen bis hin zu Selbstverstümmelung oder Schlimmeren. Wir grenzen uns aber auch deshalb aus, weil "normale" Menschen zu uns sagen: Dann zieh doch ein Kleid an!" und dabei überhaupt nicht erkennen wo die Problematik liegt. DWT, CD, TV und Artverwandte Menschen haben das Glück sich in beiden Geschlechtern irgendwo wohl zu fühlen und können ihre jeweils andere Seite genügend ausleben damit ein glückliches Leben möglich ist, das ist uns verwehrt. So sehr wir uns auch bemühen, so sehr leiden wir darunter. Ich habe mir sop lange Zeit versucht einzureden dass es nur ein Fetisch ist, oder dass ich nur eben ein Transvestit bin aber das fühlte sich niemals richtig an. Ich weiss nicht wie ich es beschreiben soll.
Du stehst jeden Morgen auf, blickst in den Spiegel und könntest sofort anfangen zu schreien denn dich blickt jemand an der dir fremd ist. Viele von uns kostet es eine enorme Überwindung an sich selbst zu waschen, denn man muss ein ekliges Körperteil anfassen welches absolut nicht dahin gehört. Oder es gibt auch Menschen wie mich, ich bin dankbar für den Testosteronblocker der meine männliche Sexualfunktionen fast komplett unterdrückt, denn das was für Männer normal ist war für mich eine extreme seelische Belastung.
Das sind Gründe warum wir nicht Euch, sondern uns abgrenzen. Damit wir unseren Körper verändern dürfen und damit wir die Chance haben unseren Seelenfrieden zu finden. Und vielleicht auch einfach weil wir uns sehr stark über unseren Schmerz definieren.
Für mich gehören wir alle dennoch zu einer regenbogenbunten Trnsgenderfamilie und ich persönlich kämpfe nicht nur für "unsere" Rechte als Transsexuelle sondern dafür, dass kein Mensch darunter leiden muss, wie er ist.
Liebe Grüße
Patricia
Re: wenn dann aber richtig falsch ... "F64.0"
Verfasst: Di 17. Nov 2020, 10:53
von ExUserIn-2026-04-08
Hi Van,
ich will as gar nicht vertiefen. Ich denke, ich habe das schon so gelesen, dass es um F 64.0 geht. Aber immer wieder tauchen in diesem Zusammenhang Worte auf, die ich als Spitze gegen andere verstehe. So nach dem Motto: "die Nicht-F64.0er leiden doch nicht, das machen die nur zum Spaß". Ich wollte darauf hinweisen, dass solche Aussagen verletzen. Auch wir haben unsere Probleme mit dem Thema und wir machen es auch nicht aus Spaß. Es ist nicht lustig, irgendwo zwschen den "definierten Geschlechtern" herum zu wabern. Die Probleme mögen anders gelagert sein, aber es ist kein Grund, sie abwertend zu behandeln.
@Patricia:
Danke für Deine Worte. Ich denke sie sind wertvoll. Ich bezweifle in keiner Weise, dass "echte" TS in einer sehr schwierigen Situation sind oder sein können. Du schreibst aber
DWT, CD, TV und Artverwandte Menschen haben das Glück sich in beiden Geschlechtern irgendwo wohl zu fühlen und können ihre jeweils andere Seite genügend ausleben damit ein glückliches Leben möglich ist, das ist uns verwehrt.
Genau da liegt er Hund begraben. Woher weißt Du das ? Wieso glaubst Du, dass wir "Glück" haben ? Diese Art von Fremdzuschreibungen sind es doch, die mich verletzen. Oder anders gesagt, ich habe nicht das "Glück", mich ganz auf eine Seite schlagen zu können. Das bedeutet ebenfalls Leid, weil man anderen und sich selber viel weniger begreiflich machen kann, wie man sich fühlt. Sehr schnell wird man in eine Ecke gedrängt, dass das eben "nur" ein Fetisch ist. Genau das ist es nicht ! Ich gebe Dir völlig Recht, mit vielem grenzen wir uns selber aus. Aber wie bei Dir geht es bei mir auch tiefer. Mir liegt nichts daran, einen Gradmesser des Leids anzulegen. Wir leiden alle und wir können uns gegenseitig helfen, aber nicht durch Einteilungen. Die strenge Einteilung in Mann/Frau ist ebenso küstlich wie F64.x. Ich trage keine Kleider, um mich wie eine Frau zu fühlen, ich trage ein Kleid,
weil ich mich so fühle. Aber das ist nicht dauernd so. Ich denke häufig, aber nicht ständig daran. Es ist der große Denkfehler, den viele machen, weil sie sich nicht vorstellen können, wie das ist, emotional zwischen den Geschlechtern zu hängen. Man ist Mann oder Frau. Bei F64.0 hat man halt den falschen Körper (das meine ich nicht despektierlich, sondern soll nur verdeutlichen, wie ich mich dabei fühle), aber das strikte Denken in diesen Kategorien passt eben nicht für alle. Ich bin auch ein Mensch, der hiermit nur Rücksicht und Respekt einfordert.
Aber ich will diesen Fred nicht kapern. Hier soll es ja um ein anderes Thema gehen ...
Re: wenn dann aber richtig falsch ... "F64.0"
Verfasst: Di 17. Nov 2020, 11:03
von Jaddy
Aus einem anderen Kontext (BDSM) kenne ich das Phänomen, dass zwei Menschen das gleiche tun (Praktik, Umsetzung), aber ein völlig unterschiedliches Mindset dazu haben, also was sie dabei empfinden, weshalb sie es tun, was es bei ihnen emotional abdeckt, befriedigt, kompensiert, usw.
Umgekehrt auch: Zwei Menschen leben die gleichen Motivationen, das gleiche Gedankenmodell auf völlig unterschiedliche Weise aus.
Ich würde deshalb nicht zwischen der Art der Umsetzung unterscheiden - DWT, CD, TV, TS - sondern in der persönlichen Haltung und Umgang mit Geschlecht im weitesten Sinne. Mit Selbstwahrnehmung, gewollter Wahrnehmung durch andere, geschlechtlich aufgeladener Symbolik (Kleidung, Accessoires) und was sie in uns bewirken, Arrangement mit den eigenen "männlichen und weiblichen Anteilen" in Bezug auf sich selbst, die Familie, das Umfeld, Sexualität, ... Was sind die wichtigen Punkte, die mich vollständig machen, was brauche ich warum.
Das geht für mich in dieser ganzen medizinlastigen Geschichte unter, die nicht so sehr die Person in ihrer ganzen inneren und äusseren Vielfalt im Blick hat, sondern die Funktion und Kompatibilität mit der leicht irritierbaren bin-cis-het Umgebung. Mach dich passig.
Wir kennen "Teilzeitfrauen", die ebenso darunter leiden, den Körper nicht zeitweilig mitwechseln zu können. Die zwei Leben führen, weil das für sie am besten passt, von denen eines aber immer unvollständig bleibt. Es geht nur nicht anders.
Ich kenne auch "echte trans Personen" (bitte, das wäre nie meine Formulierung, aber so klingt es manchmal in der falschen DWT...TS-Hierarchie), für die körperliche Veränderungen massiv wichtig für die eigene Befindlichkeit sind, dies auch umsetzen, im vollen Bewusstsein, dass sie danach "auf der anderen Seite" mit gewissen Verlust hadern. Es geht nur nicht anders.
Bottom line: Wir reiben uns letztlich alle an der Gendersegregation. Keins von uns sucht sich das aus. Nicht bei den Folgen, die normalerweise zwangsläufig sind. Wäre körperliches Geschlecht so irrelevant für Lebensart, Ausdruck, etc. wie die Haarfarbe, gäbe es diese Probleme gar nicht. Es wäre nicht einmal verständlich, was Kleidung oder Farben mit Genitalien zu tun haben. Aber diese Ideen, diese ständige Unterscheidung, existiert um uns herum. Sie ist nicht "natürlich", sondern kultürlich. Sie müsste nicht so sein. Und je mehr sie auf die Spitze getrieben wird, umso mehr Menschen bekommen Probleme damit und brauchen individuelle Lösungen um mit der Unterdrückung fertig zu werden.
Ich halte es für falsch, hier quasi nach der Höhe der Hürden zu staffeln, die eine Person für ihr Glück überwinden muss. "Siehe, ich muss mir sogar einen Brustaufbau erstreiten" - "Pah, aber mich hat dafür meine Familie verlassen". Das ist Quatsch. Die einen marschieren mühelos durch zig OPs, die anderen kriegen massivste Probleme, wenn sie zuhause eine Strumpfhose anziehen. Diese Hürden werden uns von aussen auferlegt. Sich daran zu messen hiesse, sich der cis-normativen Gedankenwelt zu unterwerfen.
Re: wenn dann aber richtig falsch ... "F64.0"
Verfasst: Di 17. Nov 2020, 11:25
von Patricia
Vicky und Jaddy,
ich denke wir sehen das alle ähnlich, drücken es eben nur evtl. anders aus, wie Jaddy das eigentlich so schön sagt.
Ich brauche für mich selbst gewisse Unterteilungen um mich besser in unserer Gesellschaft zu finden. Ich sehe es aber nicht so streng an wie es sich vielleicht anhört.
Ihr kennt doch sicherlich noch Alle aus der Grundschule die Geschichte mit den Schnittmengen und so sehe ich das Ganze eher. Wir gehören alle zu der grossen transgender Familie und die Grenzen zwischen den einzelnen "Unterarten" sind nicht so genau definiert.
Vicky, ich muss mich an einer Stelle korrigieren, danke für den Hinweis. Bei der von dir angesprochenen Formulierung fehlt tatsächlich das Wort "Viele" denn ich meinte damit definitiv nicht alle.
Liebe Grüße
Patricia
Re: wenn dann aber richtig falsch ... "F64.0"
Verfasst: Di 17. Nov 2020, 11:33
von Marlene K.
Hallo, Ihr Lieben,
danke für die Diskussion, die für mich deutlich macht, wie schwer es in Worte zu fassen ist, was uns alle bewegt. Ich denke, uns allen ist klar, dass wir sehr unterschiedlich und doch gleichwertig sind.
Ich für mich finde keine Möglichkeit genau zu sehen, was an mir weiblich und was männlich ist oder was für mich genau das richtige Maß an Transition ist.
Ich verstehe Patricias und Vanessas Ansatz aber auch Vickys Aussage. wie so oft bewegt sich der Unterschied zwischen Ungenauigkeit von Worten und wirklich unterschiedlichen Standpunkten.
Dabei sollten wir uns bemühen, unseren eigenen Standpunkt zu finden. Für mich ist aber selbst dieser nicht absolut festgelegt. Ich weiß nicht, was ich noch als von mir falsch bewertet erkenne und dann, zu diesem Zeitpunkt, ändern muss.
Ich spüre dabei aber nur den eigenen Schmerz und kann nur ungenau die Schmerzen meines Mitmenschen erspüren. So kann ich diesen Schmerz nicht wirklich vergleichen.
Hier hilft kein provokanter Ansatz von falsch/ schlimm diskriminiert - falscher/ schlimmer diskriminiert oder am falschesten/ am schlimmsten diskriminiert.
Ich wünschte mir, ich wäre eine glückliche Mutter.
Wenn das nicht geht wär ich gerne ein glücklicher Vater, aber nur wenn ich dafür keinen Menschen belügen müsste, also cis heterosexueller Mann wäre.
Wenn das nicht geht, wäre ich gerne eine Mutter/ ein Vater in einer Regenbogenfamilie geworden, was ich zwar probiert habe, aber zu meiner Zeit rechtlich nicht möglich war.
Wenn das nicht möglich ist, wäre ich gerne ein akzeptierter schwuler Mann ohne weibliches Ich.
Was ich bin ist eine Frau mit männlichen Seiten, anerzogern, erlernt und von der reinen Biologie vorgegeben. So lehnen mich "richtige" Frauen, egal ob trans oder cis, als nicht wirklich Frau ab. So sagen mir Männer, dass ich die Schwulen blamiere oder das ich nie eine Frau sein werde.
So sagt mir fast jeder, mein Gang ist zu männlich, da ich wegen meiner Hüfte manchmal humpele. So sagt mir fast jeder, wenn ich wirklich Frau seie, müsste ich mich bemühen perfekt zu sein. So sagt mir fast jeder ich sei zu groß und breitschulterig.
Selbst wenn mir Menschen sagen, dass sie meinen Mut bewundern sagen sie mir nur wieder ganz deutlich, Du wirst nie sein dürfen was Du bist. Wir sehen, wer oder was Du wirklich bist. Die einzige, die nicht weiß wer oder was ich wirklich bin scheine ich in den Augen der meisten Menschen zu sein.
Ich denke, wir alle finden uns hier an der einen oder anderen Stelle wieder, ganz egal ob CD, Teilzeitfrau, Transe, oder trans Frau. Ich bin sogar der Überzeugung, dass viele cis Frauen diesen Perfektionsdruck spüren.
Marlene
Re: wenn dann aber richtig falsch ... "F64.0"
Verfasst: Di 17. Nov 2020, 11:37
von ExuserIn-2021-04-19
Das liest sich für mich alles sehr vernünftig und es scheint mir, dass wir durchaus konsensfähig sind.
Bleibt noch für mich das Problem, warum es einige von uns für so "böse" halten, sich zu schminken und hübsche Sachen anzuziehen.
Liebe Grüße
Katja
Re: wenn dann aber richtig falsch ... "F64.0"
Verfasst: Di 17. Nov 2020, 11:45
von Patricia
Katja hat geschrieben: Di 17. Nov 2020, 11:37
Das liest sich für mich alles sehr vernünftig und es scheint mir, dass wir durchaus konsensfähig sind.
Bleibt noch für mich das Problem, warum es einige von uns für so "böse" halten, sich zu schminken und hübsche Sachen anzuziehen.
Liebe Grüße
Katja
Weil wir alle nicht perfekt sind und gerne anderen die Schuld an irgendwelchen Sachen geben. Und das tun wir Betroffene leider genauso oft wie "Normalos"
Ich versuche ein Mensch zu sein der Akzeptanz leben und trotzdem muss ich mich jeden Tag neu ermahnen das doch zu tun. Ich denke vielen anderen wird es nicht anders gehen.
Liebe Grüße
Patricia
Re: wenn dann aber richtig falsch ... "F64.0"
Verfasst: Di 17. Nov 2020, 12:01
von Ulrike-Marisa
Moin zusammen,
Ralf-Marlene hat geschrieben: Di 17. Nov 2020, 11:33
Selbst wenn mir Menschen sagen, dass sie meinen Mut bewundern sagen sie mir nur wieder ganz deutlich, Du wirst nie sein dürfen was Du bist. Wir sehen, wer oder was Du wirklich bist. Die einzige, die nicht weiß wer oder was ich wirklich bin scheine ich in den Augen der meisten Menschen zu sein.
...genau das höre ich bisweilen auch, was Ralf-Marlene geschrieben hat. Bei allem eigenen Selbstbewusstsein bleibt doch der kleine tägliche Zweifel an der eignen Person, das kreisen der Gedanken um die gesamte Thematik und die Themen, die in diesem Thema bisher angesprochen wurden. Ich bin und bleibe ein Mensch irgendwo dazwischen; das ist so und wird sich wohl nicht ändern, da ich den ganzen Transweg aus familiären Gründen nicht gehen kann aber doch mit einem Lebenskompromiss gut leben kann. Ich nutze meine Freiräume und kann mich 24/7 so fühlen, wie ich mich sehe, als Transfrau eben mit männlichem Hintergrund, der zu meiner Vergangenheit gehört genauso wie mein immer schon vorhandener Mädchenbusen; habe ich schon öfters in anderen Themen geschrieben...
So bin ich, so lebe ich; ich bin das, was ich bin und nicht das, was andere in mir zu sehen glauben.
Grüße, Ulrike-Marisa
Re: wenn dann aber richtig falsch ... "F64.0"
Verfasst: Di 17. Nov 2020, 12:03
von VanessaB
Hallo Ihr Lieben ...
nur mal kurz zwischendurch ein kleiner Input von mir:
Ich beziehe mich bei meinen Definitionen auf den ICD.
Das mag zwar für manche grenzwertig sein, ist aber soweit ich weiß die einzige "feste" Basis ...
F64.0
Transsexualismus
Info:
Der Wunsch, als Angehöriger des anderen Geschlechtes zu leben und anerkannt zu werden. Dieser geht meist mit Unbehagen oder dem Gefühl der Nichtzugehörigkeit zum eigenen anatomischen Geschlecht einher. Es besteht der Wunsch nach chirurgischer und hormoneller Behandlung, um den eigenen Körper dem bevorzugten Geschlecht soweit wie möglich anzugleichen.
F64.1
Transvestitismus unter Beibehaltung beider Geschlechtsrollen
Info:
Tragen gegengeschlechtlicher Kleidung, um die zeitweilige Erfahrung der Zugehörigkeit zum anderen Geschlecht zu erleben. Der Wunsch nach dauerhafter Geschlechtsumwandlung oder chirurgischer Korrektur besteht nicht; der Kleiderwechsel ist nicht von sexueller Erregung begleitet.
Inkl.:
Störung der Geschlechtsidentität in der Adoleszenz oder im Erwachsenenalter, nicht transsexueller Typus
Exkl.:
Fetischistischer Transvestitismus (F65.1)
F65.1
Fetischistischer Transvestitismus
Info:
Zur Erreichung sexueller Erregung wird Kleidung des anderen Geschlechts getragen; damit wird der Anschein erweckt, dass es sich um eine Person des anderen Geschlechts handelt. Fetischistischer Transvestitismus unterscheidet sich vom transsexuellen Transvestitismus durch die deutliche Kopplung an sexuelle Erregung und das starke Verlangen, die Kleidung nach dem eingetretenen Orgasmus und dem Nachlassen der sexuellen Erregung abzulegen. Er kann als eine frühere Phase in der Entwicklung eines Transsexualismus auftreten.
Re: wenn dann aber richtig falsch ... "F64.0"
Verfasst: Di 17. Nov 2020, 12:09
von VanessaB
MichiWell hat geschrieben: Di 17. Nov 2020, 08:34
VanessaB hat geschrieben: Di 17. Nov 2020, 06:30
Wunschgeschlecht ... Nein, für TV/CD und vielleicht auch DWT mag das zutreffen, dass man mal den Wunsch hat, das Geschlecht (zeitweise, gedanklich) zu wechseln und viele Frauen äußern ja auch den Wunsch, einmal Mann sein zu können ... das hat aber nichts mit F64.0 zu tun! Wir suchen es uns nicht aus und ich persönlich habe mir das auch nicht gewünscht. Ich hätte nach wie vor auf den ganzen TransKram verzichten können
Hallo Vanessa,
es tut mir leid, dass du es jetzt quasi stellvertretend abbekommst, doch ich muss mich Vicky anschließen.
Ich muss nun schon zum wiederholten Male in kurzer Zeit solche Fremdzuschreibungen lesen, und diese regelmäßigen kleineren und größeren Stiche werden irgendwann ziemlich unangenehm.
Ich frage mich, warum Menschen, die darunter leiden, dass die Gesellschaft ständig auf verletzende Weise Einteilungen, Zuschreibungen und Abgrenzungen vornimmt, wie Menschen zu sein haben, es dann selbst scheinbar nicht besser bringen, und anderen ihre Vorstellungen überstülpen müssen, wie diese empfinden, denken und handeln, und warum sie das alles so tun wie sie es tun.
Sind wir nicht alle in irgendeiner Weise jenseits der mehrheitsgesellschaftlich transportierten Geschlechtergrenzen*), und muss nicht jede(r) von uns auf oft leidvolle Weise den richtigen"Platz" für sich finden?
Ich stemme mich seit Jahren gegen diese Lagerbildung. Aber es scheint mir ein Kampf gegen Windmühlen zu sein.
Liebe Grüße
Michi
*) in denen Biologie, Rolle und diverse Verhaltensmuster angeblich unveräderbar zusammengehören.
Liebe Michi und liebe Vicky,
ich kann Euch leider noch immer nicht ganz folgen ...
wo genau liegt die Kritik? Dass ich schreibe es gibt Unterschiede? Worin liegt genau die Verletzung. Bitte erkläre es mir! Ich möchte es verstehen, um meine Perspektive anpassen zu können. Ich bin wohl "betriebsblind".
Vielen Dank! Namasté
Vanessa
Re: wenn dann aber richtig falsch ... "F64.0"
Verfasst: Di 17. Nov 2020, 12:18
von Dwt-Lilo-SL
Guten Morgen Mädels,
oder Besser Mahlzeit Vanessa,
ich finde deine Meinung richtig, aber
um Michi zu wiedersprechen!
Vanessa gibt nur Ihre persönlich Sichtweise der Dinge kund,
und ich habe oben nichts gelesen was irgendeinem Menschen eine Meinung
vorgibt bzw. vorschreibt NUR DIE PERSÖNLICHE SICHTWEISE von Vanessa.
OK Michi wenn du aus irgend einer anderen Richtung mal angegriffen worden bist,
dann möchte ich hier gleich mich entschuldigen FALLST du DICH durch meine Antwort
angegriffen fühlen solltest !! Sorry.
Ich wünsche euch noch ein besinnlichen Austausch der Meinungen.
lieben Gruß in die Runde
von
LILO-GINA