Letzte Chance?
Verfasst: Sa 31. Okt 2020, 15:42
Es herrschte lange Zeit Stille von meiner Seite - nahezu Todesstille. Nachdem mir 2019 neben meiner ersten - freilich gescheiterten - Liebe vor allem Blut und Tränen bescherte, mag ich die schlimmen Geschichten im geschlossenen Suizid-Bereich nicht fortführen. Ich versuche mich von der Greuel zu distanzieren, bei der ich mir den Hass von anderen zueigen machte und mich selbst grausam bestrafte. Obgleich ich von einem wirklichen Neuanfang weit entfernt bin, möchte ich nicht daran anknüpfen.
Was geschah seitdem? In tiefster Verzweiflung und von allen verlassen tat ich mir erneut Anfang März Grauenhaftes an, was zum totalen Zusammenbruch führte. Danach kam ich als Akut-Aufnahme in stationäre psychiatrische Behandlung. Drei Monate lang absolvierte ich mehr als 200 Therapiestunden unterschiedlichster Art, dazu kamen krankheitsbezogene Grundlagen der Psychologie (sog. "Psycho-Edukation") und täglicher Sport. Der Therapieplan war von Montag bis Freitag derart gefüllt, dass von acht bis siebzehn Uhr außer der Mittagspause nur ab und an mal eine Stunde Pause zwischen den Maßnahmen lag. Zwischendurch gab es dann Visiten, Medikamenten-Gespräche mit den dortigen Arznei-Spezialisten und regelmäßige Gesundheitsüberwachung mit u.a. EKG, Blutabnahme und Psycho-Tests.
Nichts erfordert mehr Kraft, ständig dazu gezwungen zu werden, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Doch anfangs konnte ich diese Kraft nicht aufbringen. Zu groß war die Verzweiflung, am Ende angekommen zu sein. Allein dieses Eingeständnis nicht einzig als vollumfängliche Niederlage zu empfinden, geht an die emotionalen Grenzen. Anstatt mit meinen süßen Vintage-roten Koffern in einen ersten Urlaub zu fahren und vielleicht ein paar Glücksmomente zu erhaschen, reiste ich mit Sack und Pack in die "Irrenanstalt". Der Schmerz über das, was mir Familie, Verwandte, sog. Freunde, Chefs und KollegInnen angetan hatten und was ich mir daraufhin selbst zufügte wurde nun noch verstärkt durch das schreckliche Gefühl, komplett versagt zu haben. Das verdichtete sich zu meinem bösen Motto, zu dumm zum Leben, aber gleichermaßen zu feige zum Sterben zu sein. Um mich nicht durch ständige Heulkrämpfe und zu wenig Schlaf weiter zu schwächen und überhaupt therapierbar zu werden, begann ich erstmals auf dringendes Anraten der Ärzte mit der Einnahme von Medikamenten. Jahrelang hatte ich mich dagegen gewehrt, doch da sich jetzt im stationären Setting mein Zustand derart zuspitzte, willigte ich ein.
Nach fünf Wochen offenbarten sich kleine positive Wirkungen. Ausgerechnet aus diesem schlimmen Anlass erfuhr ich zum ersten Mal, dass sich fremde Menschen um mich bemühten und mir wirklich helfen wollten. Der hohe persönliche Einsatz aller dort Beschäftigten von der Empfangsdame über die Pfleger, Schwestern, Ärzte, Therapeutinnen und Therapeuten, Köche, Servierfrauen und Reinigunskräfte bis hin zum Chefarzt war ein enormer Glücksfall für alle Patientinnen und Patienten. Was ich bislang an ambulanter Therapie erfahren hatte, verblasste dagegen als reines Blabla, was ja schlussendlich auch wirkungslos blieb und die Katastrophen nicht verhindern konnte. Nach meinem Klinik-Aufenthalt bin ich der Überzeugung, dass ernsthafte psychische Probleme ambulant nicht wirksam genug behandelt werden können. Ich hab es ja nun schriftlich, psychisch schwer krank zu sein und da hilft aus bitterer Erfahrung offenbar einzig eine stationäre Therapie, auf der danach ambulant aufgebaut werden kann, bis die nächste Intervallbehandlung in der Klinik ansteht.
Ungeachtet meiner Art auf niemanden von mir aus zuzugehen, gewann ich in wenigen Wochen erstmals positive und nicht destruktive neue soziale Kontakte, darunter meinen einzigen Freund und meine einzige Freundin. Zugleich erfuhr ich von vielen anderen kategorische Ablehnung; es kam zu mehreren verbalen transphoben Übergriffen. Doch anstatt die AggressorInnen zwei Meter tief unangespitzt im Erdboden zu versenken, wurde ich angehalten, die Vorfälle zu melden, da sie mich schwer belasteten und meinen Therapiefortschritt gefährdeten. Es kam zu Gesprächen unter Leitung der Stationsärztin, die dann die jeweiligen Einzel-Therapeutinnen fortführten. Generell wurde den Patientinnen und Patienten nahegelegt, Übergriffe jeglicher Art keinesfalls schweigend zu erdulden, sondern rigoros zu melden. Wir befanden uns schließlich in einem "geschützten Bereich", in dem sich alle an einen gewissen Verhaltenskodex zu halten hatten. Es war Sache des Hauses, Verstöße zu ahnden und so zu klären, dass sie Eingang in die laufende Therapie fanden, weil derlei Vorfälle oftmals diagnoseindiziert waren.
Nur einer hatte das Pech, mich im Sportraum anzugreifen, sodass er sich nach einem vorschriftsmäßigen Sparring am Boden wiederfand. Danach waren wir uns einig, die Sache ausnahmsweise unter uns geklärt zu haben. Ausnahmen bestätigen die Regel.
Seitdem verbot ich mir, meine Wut und meinen Hass am Sandsack auszutoben. Der richtete zwar auch an meinen unbandagierten Händen und Füßen keinen Schaden an, aber an meiner Seele. Wie konnte sich eine Dame mit kaum messbarem Testosteron-Spiegel derart undamenhaft betragen? Während andere Frauen Begeisterung zeigten und von mir "Tricks" lernen wollten, lehnte ich ab und betrat diesen Raum der Gewalt nie wieder. Stattdessen konzentrierte ich mich ausschließlich auf mädchenhaftere Neigungen, aktivierte Petticoat und Swingrock und begann nach Jahren wieder mit freiem Ausdruckstanz und Bauchtanz. Ich stellte schweißtreibende Play-Lists zusammen, übte ein paar Choreos ein von orientalischem Techno über Resident-Evil-Movieklängen bis zu Wagner und Schubert - Lohengrin und Schwanengesang waren meine Favoriten.
Corona ereilte uns in den ersten Wochen meines Aufenthalts und ich wunderte mich, dass nicht nur ich, sondern offenbar die gesamte Welt krank geworden war. Wir existierten wie auf einer Insel. Die Neuaufnahme von Kranken wurde gestoppt und nur zögernd unter Einhaltung von Tests und vorbeugender Quarantäne wieder aufgenommen. Da wir das Gelände nicht mehr verlassen durften, mussten dringende Besorgungungen online erfolgen. Mit Schrecken sah ich, wie sogar die Onlineshops leergekauft wurden und besorgte mir eilends lebensnotwendige Kosmetik und Beautyartikel, dazu einen ordentlichen Nachschub Strumpfhosen. Ich hasse Leggings und trug auch beim täglichen Sport stets Strumpfhosen zum schwarzen Tellerrock. Ungeachtet übergezogener Feinsöckchen (ich trage keine Schuhe in der Halle) war der Verschleiß beachtlich.
Die Pandemie belastete uns alle schwer. Die meisten quälte das Besuchs- und Heimfahrverbot, da sie ihre Lieben nicht sehen konnten. Da wurde mir bewusst, dass ich schon längst unter einer Art Quarantäne gelebt hatte. Seit der Trennung von meiner ersten Liebe gab es niemanden mehr in meinem Leben und die o.g. Verbote tangierten mich gar nicht, weil es da draußen keinen gab, der mich sehen wollte. Es gab einzig diejenigen, die auf meinen Tod hofften, um Witwenrente zu kassieren und mein Haus zu versilbern.
Es gelang der Klinikleitung, alle neuen Hygienemaßnahmen verträglich umzusetzen, sodass die Therapien dennoch fortgeführt werden konnten. Ich begann seit der Pubertät wieder mit dem Malen. Ohne die engagierte Kunst-Therapeutin hätte ich niemals wieder einen Pinsel in die Hand genommen. Anfangs arbeitete ich die Suizidversuche auf, danach ging es an die zerstörte Liebe. Erstaunlicher Weise war mein damaliges Talent (als Kind nahm ich mit meinen Bildern erfolgreich an vielen Kunstwettbewerben und Ausstellungen teil) nur ermüdet, aber nicht verloren gegangen. Besonders dabei wurde deutlich, dass es Fortschritte gibt, die eben nicht aus eigener Motivation heraus, sondern einzig durch die Hilfe anderer erzielt werden können.
Nach drei Monaten war ich therapiemüde und optimistisch (!), mit dem Erlernten draußen überleben zu können. Die Fortführung meiner Medikation und vor allem die ambulante Nachsorge durch Psychiater und Therapeuten wurde geplant und ich fuhr zuversichtlich in mein leeres, kaltes Zuhause ...
Monatelang kämpfte ich allein um ein halbwegs erträgliches Leben. Doch weder Therapeuten noch meine vielen Maßnahmen, das vereinsamte Dahinvegetieren erträglich zu gestalten, konnten verhindern, dass ich nur 6 Wochen später erneut nahezu am Ende stand. Ich räumte mein Haus um, entsorgte fast alles, was an meine Ehe und meine letzte Liebe erinnerte, richtete mir ein Atelier ein, hängte in einigen Räumen meine Bilder auf, pflanzte Rosen, denen ich meine ganze Liebe schenkte, die niemand will und wollte, wagte Spaziergänge, fuhr mit Staffelei oder Fotoausrüstung an romantische Orte ...
Während ich in der ersten Zeit noch meditierte oder zum Pinsel griff, wenn ich spürte, emotional zu kollabieren, erstarrte ich wochenlang in depressiver Lähmung. Noch nicht einmal die Medikamente wirkten und ich breche erneut jeden Tag zusammen. Alle Versuche, zwischenmenschlich etwas aufzubauen oder auf besserem Level fortzuführen (Kollegen), endeten in neuen Demütigungen und Verletzungen.
Den Rest gab mir der Versuch, beruflich wieder einzusteigen. Jetzt zeigten mir meine Feinde, was sie von mir hielten. Ich wurde meinen Leitungsposten los, jede Chance auf einen Neuanfang wurde mir verweigert, stattdessen war das Wegsperren in der sprichwörtlichen Besenkammer geplant, wie es viele Transpersonen trifft, die nicht sofort entlassen werden können. Bei mir jedoch mit mehrjähriger Verspätung und nicht wie üblich zeitnah nach dem Coming Out.
Ich sollte "nur noch schnell mein Wissen transferieren", damit meine Aufgaben künftig in heteronormativen dualgeschlechtlichen Händen lägen. Aus dem "nur schnell" wurden über 40 Stunden Inhouse-Schulung, die ich trotz Hamburger Modell abhielt, und die Notwendigkeit, 80% meiner Arbeit auf zunächst drei Neue zu verteilen. Die restlichen 20% müssen aus Personalmangel unbesetzt bleiben und man wartet, bis es dort sprichwörtlich "knallt". Und "Knallen" wird es ohnehin, denn es ist klar, dass in 15 Jahren erworbenes Spezialwissen nicht innerhalb kurzer Zeit vermittelbar ist und die Neuen gar nicht leisten können, was die Führung verlangt.
Aber alles ist besser, als mich weiterhin ertragen zu müssen. Denn was wirklich zählt, sind nicht etwa Fachwissen, Berufserfahrung und Kompetenz, sondern einzig, dass Chefs und Kollegen keine persönlichen Probleme und Komplexe in Bezug auf eine qualifizierte Person außerhalb der geschlechtlichen Dualität erleiden. Und all das unter den Augen von Frauenvertretung, Personalrat, Diversitybeauftragten und der Regenbogenflagge, die so hübsch verlogen und zynisch über der Berliner Verwaltung weht ...
Das ist mein ganz persönlicher Beitrag, bereits im Vorgriff auf den nächsten Rechtsruck die hiesige Verwaltung ein kleines bisschen "sauberer" zu machen.
Zufällig kam ich mit einer Dame aus dem Büro der Diversitybeauftragten der zuständigen Senatsverwaltung ins Gespräch, die sich lediglich durch Nennung einiger Details entsetzt zeigte. Sie will meinen Fall (zunächst anonym) unbedingt ihrer neuen Chefin vortragen, die in Kürze ihren Dienst aufnimmt. Doch was soll es bringen? Für mich ist sowieso alles zu spät. Selbst wenn ich irgendeinen Neuanfang bekäme, bräuchte ich dafür enorme psychische Kraft, die ich schlichtweg nicht mehr habe.
Ständig wird von mir verlangt, alles aufzugeben, was mir noch geblieben ist: meine Arbeit, meinen Beamtenstatus, mein Haus, alles, was ich in Jahrzehnten aufgebaut habe. Und der Grund ist einzig, damit all jenen zu weichen, die meinen, ein "Problem" mit mir haben zu müssen. Ich bin keine 20 mehr, sondern 49! In diesem Alter baut niemand alles einfach mal neu auf, ob nun privates Gefüge oder Job. Doch dazu mehr in einem gesonderten Thread.
Durch die beruflichen Schikanen und Diskriminierungen hat sich mein ohnehin schlechter Zustand weiter verschärft. Neben Traumatherapie werden nun eine neue Medikation und Behandlung von Angststörungen notwendig, da ich inzwischen nicht mehr unterscheiden kann, ob ich draußen auf unvoreingenommene Leute treffe oder auf Gebriefte, Hater, Aufgehetzte. Dadurch traue ich mich kaum noch auf die Straße. Nun lässt sich witzeln, dass das ja beim neuerlichen Lockdown ohnehin egal sei, doch für mich ist das leider kein Witz, sondern tägliche psychische Qual, die darin endet, dass ich irgendwann nichts mehr zu essen habe und mir die Tabletten ausgehen. Spätestens dann MUSS ich raus, aller Ängste zum Trotz.
Ungeachtet der schlimmen Folgen bin ich froh, den beruflichen Wiedereinstieg gewagt zu haben, alle Kräfte zusammen zu nehmen, meinen Peinigern ins Gesicht zu schauen und offen zu sein. Es ging mir nie um die Zurrechenschaftziehung derjenigen, die mich vor aller Augen in alkoholisiertem Zustand attackierten, beleidigten und angriffen; derer, die von Hass getrieben keinerlei Professionalität zeigten und offen die Zusammenarbeit unter meiner Projektleitung verweigerten - unter stummer Duldung ihrer Chefs. Diese Leute kann und will ich ebenso wenig zur Verantwortung zwingen wie die Ärzte, die sich unter Ausnutzung ihrer Machtstellung im Rahmen sog. "Zwangsbegutachtungen" an mir vergingen und mir schwere psychische Schäden zufügten, die nun mühevoll von Psychologen therapiert werden müssen. Wenn sich die "Allgemeinheit" empören sollte, die hohen Kosten für meine jahrelangen Behandlungen tragen zu müssen, dürfen sie sich gerne an diejenigen wenden, die ihren Hass, ihre Komplexe oder einfach nur ihre Geilheit im weißen Kittel schamlos an mir austobten.
Ich sitze im zwangsverordeten Rest-urlaub (da ich so frech war, wegen enormen Termindrucks und mangels Vertretung 2 Jahre lang durchzuarbeiten) und warte auf die Zusage für den Beginn meiner stationären Intervallbehandlung. Nun muss ich mit einem komplett geänderten Weltbild klarkommen, dass auch meine "Karriere" beendet ist und mir einzig bleibt, die drohende Zwangspensionierung hinauszuzögern. Mit vielleicht Mitte 50 in Pension zu gehen, entsprach nun wirklich nicht meiner Planung. Aber ich beuge mich dem Willen meiner Feinde, die auf ganzer Linie gesiegt haben - herzlichen Glückwunsch!
Darum sehe ich die Fortsetzung meiner Therapie als letzte Chance, das Leben unter den ständig schlimmeren Bedingungen irgendwie dennoch annehmen und vor allem ohne tägliche Zusammenbrüche ertragen zu können.
Was geschah seitdem? In tiefster Verzweiflung und von allen verlassen tat ich mir erneut Anfang März Grauenhaftes an, was zum totalen Zusammenbruch führte. Danach kam ich als Akut-Aufnahme in stationäre psychiatrische Behandlung. Drei Monate lang absolvierte ich mehr als 200 Therapiestunden unterschiedlichster Art, dazu kamen krankheitsbezogene Grundlagen der Psychologie (sog. "Psycho-Edukation") und täglicher Sport. Der Therapieplan war von Montag bis Freitag derart gefüllt, dass von acht bis siebzehn Uhr außer der Mittagspause nur ab und an mal eine Stunde Pause zwischen den Maßnahmen lag. Zwischendurch gab es dann Visiten, Medikamenten-Gespräche mit den dortigen Arznei-Spezialisten und regelmäßige Gesundheitsüberwachung mit u.a. EKG, Blutabnahme und Psycho-Tests.
Nichts erfordert mehr Kraft, ständig dazu gezwungen zu werden, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Doch anfangs konnte ich diese Kraft nicht aufbringen. Zu groß war die Verzweiflung, am Ende angekommen zu sein. Allein dieses Eingeständnis nicht einzig als vollumfängliche Niederlage zu empfinden, geht an die emotionalen Grenzen. Anstatt mit meinen süßen Vintage-roten Koffern in einen ersten Urlaub zu fahren und vielleicht ein paar Glücksmomente zu erhaschen, reiste ich mit Sack und Pack in die "Irrenanstalt". Der Schmerz über das, was mir Familie, Verwandte, sog. Freunde, Chefs und KollegInnen angetan hatten und was ich mir daraufhin selbst zufügte wurde nun noch verstärkt durch das schreckliche Gefühl, komplett versagt zu haben. Das verdichtete sich zu meinem bösen Motto, zu dumm zum Leben, aber gleichermaßen zu feige zum Sterben zu sein. Um mich nicht durch ständige Heulkrämpfe und zu wenig Schlaf weiter zu schwächen und überhaupt therapierbar zu werden, begann ich erstmals auf dringendes Anraten der Ärzte mit der Einnahme von Medikamenten. Jahrelang hatte ich mich dagegen gewehrt, doch da sich jetzt im stationären Setting mein Zustand derart zuspitzte, willigte ich ein.
Nach fünf Wochen offenbarten sich kleine positive Wirkungen. Ausgerechnet aus diesem schlimmen Anlass erfuhr ich zum ersten Mal, dass sich fremde Menschen um mich bemühten und mir wirklich helfen wollten. Der hohe persönliche Einsatz aller dort Beschäftigten von der Empfangsdame über die Pfleger, Schwestern, Ärzte, Therapeutinnen und Therapeuten, Köche, Servierfrauen und Reinigunskräfte bis hin zum Chefarzt war ein enormer Glücksfall für alle Patientinnen und Patienten. Was ich bislang an ambulanter Therapie erfahren hatte, verblasste dagegen als reines Blabla, was ja schlussendlich auch wirkungslos blieb und die Katastrophen nicht verhindern konnte. Nach meinem Klinik-Aufenthalt bin ich der Überzeugung, dass ernsthafte psychische Probleme ambulant nicht wirksam genug behandelt werden können. Ich hab es ja nun schriftlich, psychisch schwer krank zu sein und da hilft aus bitterer Erfahrung offenbar einzig eine stationäre Therapie, auf der danach ambulant aufgebaut werden kann, bis die nächste Intervallbehandlung in der Klinik ansteht.
Ungeachtet meiner Art auf niemanden von mir aus zuzugehen, gewann ich in wenigen Wochen erstmals positive und nicht destruktive neue soziale Kontakte, darunter meinen einzigen Freund und meine einzige Freundin. Zugleich erfuhr ich von vielen anderen kategorische Ablehnung; es kam zu mehreren verbalen transphoben Übergriffen. Doch anstatt die AggressorInnen zwei Meter tief unangespitzt im Erdboden zu versenken, wurde ich angehalten, die Vorfälle zu melden, da sie mich schwer belasteten und meinen Therapiefortschritt gefährdeten. Es kam zu Gesprächen unter Leitung der Stationsärztin, die dann die jeweiligen Einzel-Therapeutinnen fortführten. Generell wurde den Patientinnen und Patienten nahegelegt, Übergriffe jeglicher Art keinesfalls schweigend zu erdulden, sondern rigoros zu melden. Wir befanden uns schließlich in einem "geschützten Bereich", in dem sich alle an einen gewissen Verhaltenskodex zu halten hatten. Es war Sache des Hauses, Verstöße zu ahnden und so zu klären, dass sie Eingang in die laufende Therapie fanden, weil derlei Vorfälle oftmals diagnoseindiziert waren.
Nur einer hatte das Pech, mich im Sportraum anzugreifen, sodass er sich nach einem vorschriftsmäßigen Sparring am Boden wiederfand. Danach waren wir uns einig, die Sache ausnahmsweise unter uns geklärt zu haben. Ausnahmen bestätigen die Regel.
Seitdem verbot ich mir, meine Wut und meinen Hass am Sandsack auszutoben. Der richtete zwar auch an meinen unbandagierten Händen und Füßen keinen Schaden an, aber an meiner Seele. Wie konnte sich eine Dame mit kaum messbarem Testosteron-Spiegel derart undamenhaft betragen? Während andere Frauen Begeisterung zeigten und von mir "Tricks" lernen wollten, lehnte ich ab und betrat diesen Raum der Gewalt nie wieder. Stattdessen konzentrierte ich mich ausschließlich auf mädchenhaftere Neigungen, aktivierte Petticoat und Swingrock und begann nach Jahren wieder mit freiem Ausdruckstanz und Bauchtanz. Ich stellte schweißtreibende Play-Lists zusammen, übte ein paar Choreos ein von orientalischem Techno über Resident-Evil-Movieklängen bis zu Wagner und Schubert - Lohengrin und Schwanengesang waren meine Favoriten.
Corona ereilte uns in den ersten Wochen meines Aufenthalts und ich wunderte mich, dass nicht nur ich, sondern offenbar die gesamte Welt krank geworden war. Wir existierten wie auf einer Insel. Die Neuaufnahme von Kranken wurde gestoppt und nur zögernd unter Einhaltung von Tests und vorbeugender Quarantäne wieder aufgenommen. Da wir das Gelände nicht mehr verlassen durften, mussten dringende Besorgungungen online erfolgen. Mit Schrecken sah ich, wie sogar die Onlineshops leergekauft wurden und besorgte mir eilends lebensnotwendige Kosmetik und Beautyartikel, dazu einen ordentlichen Nachschub Strumpfhosen. Ich hasse Leggings und trug auch beim täglichen Sport stets Strumpfhosen zum schwarzen Tellerrock. Ungeachtet übergezogener Feinsöckchen (ich trage keine Schuhe in der Halle) war der Verschleiß beachtlich.
Die Pandemie belastete uns alle schwer. Die meisten quälte das Besuchs- und Heimfahrverbot, da sie ihre Lieben nicht sehen konnten. Da wurde mir bewusst, dass ich schon längst unter einer Art Quarantäne gelebt hatte. Seit der Trennung von meiner ersten Liebe gab es niemanden mehr in meinem Leben und die o.g. Verbote tangierten mich gar nicht, weil es da draußen keinen gab, der mich sehen wollte. Es gab einzig diejenigen, die auf meinen Tod hofften, um Witwenrente zu kassieren und mein Haus zu versilbern.
Es gelang der Klinikleitung, alle neuen Hygienemaßnahmen verträglich umzusetzen, sodass die Therapien dennoch fortgeführt werden konnten. Ich begann seit der Pubertät wieder mit dem Malen. Ohne die engagierte Kunst-Therapeutin hätte ich niemals wieder einen Pinsel in die Hand genommen. Anfangs arbeitete ich die Suizidversuche auf, danach ging es an die zerstörte Liebe. Erstaunlicher Weise war mein damaliges Talent (als Kind nahm ich mit meinen Bildern erfolgreich an vielen Kunstwettbewerben und Ausstellungen teil) nur ermüdet, aber nicht verloren gegangen. Besonders dabei wurde deutlich, dass es Fortschritte gibt, die eben nicht aus eigener Motivation heraus, sondern einzig durch die Hilfe anderer erzielt werden können.
Nach drei Monaten war ich therapiemüde und optimistisch (!), mit dem Erlernten draußen überleben zu können. Die Fortführung meiner Medikation und vor allem die ambulante Nachsorge durch Psychiater und Therapeuten wurde geplant und ich fuhr zuversichtlich in mein leeres, kaltes Zuhause ...
Monatelang kämpfte ich allein um ein halbwegs erträgliches Leben. Doch weder Therapeuten noch meine vielen Maßnahmen, das vereinsamte Dahinvegetieren erträglich zu gestalten, konnten verhindern, dass ich nur 6 Wochen später erneut nahezu am Ende stand. Ich räumte mein Haus um, entsorgte fast alles, was an meine Ehe und meine letzte Liebe erinnerte, richtete mir ein Atelier ein, hängte in einigen Räumen meine Bilder auf, pflanzte Rosen, denen ich meine ganze Liebe schenkte, die niemand will und wollte, wagte Spaziergänge, fuhr mit Staffelei oder Fotoausrüstung an romantische Orte ...
Während ich in der ersten Zeit noch meditierte oder zum Pinsel griff, wenn ich spürte, emotional zu kollabieren, erstarrte ich wochenlang in depressiver Lähmung. Noch nicht einmal die Medikamente wirkten und ich breche erneut jeden Tag zusammen. Alle Versuche, zwischenmenschlich etwas aufzubauen oder auf besserem Level fortzuführen (Kollegen), endeten in neuen Demütigungen und Verletzungen.
Den Rest gab mir der Versuch, beruflich wieder einzusteigen. Jetzt zeigten mir meine Feinde, was sie von mir hielten. Ich wurde meinen Leitungsposten los, jede Chance auf einen Neuanfang wurde mir verweigert, stattdessen war das Wegsperren in der sprichwörtlichen Besenkammer geplant, wie es viele Transpersonen trifft, die nicht sofort entlassen werden können. Bei mir jedoch mit mehrjähriger Verspätung und nicht wie üblich zeitnah nach dem Coming Out.
Ich sollte "nur noch schnell mein Wissen transferieren", damit meine Aufgaben künftig in heteronormativen dualgeschlechtlichen Händen lägen. Aus dem "nur schnell" wurden über 40 Stunden Inhouse-Schulung, die ich trotz Hamburger Modell abhielt, und die Notwendigkeit, 80% meiner Arbeit auf zunächst drei Neue zu verteilen. Die restlichen 20% müssen aus Personalmangel unbesetzt bleiben und man wartet, bis es dort sprichwörtlich "knallt". Und "Knallen" wird es ohnehin, denn es ist klar, dass in 15 Jahren erworbenes Spezialwissen nicht innerhalb kurzer Zeit vermittelbar ist und die Neuen gar nicht leisten können, was die Führung verlangt.
Aber alles ist besser, als mich weiterhin ertragen zu müssen. Denn was wirklich zählt, sind nicht etwa Fachwissen, Berufserfahrung und Kompetenz, sondern einzig, dass Chefs und Kollegen keine persönlichen Probleme und Komplexe in Bezug auf eine qualifizierte Person außerhalb der geschlechtlichen Dualität erleiden. Und all das unter den Augen von Frauenvertretung, Personalrat, Diversitybeauftragten und der Regenbogenflagge, die so hübsch verlogen und zynisch über der Berliner Verwaltung weht ...
Das ist mein ganz persönlicher Beitrag, bereits im Vorgriff auf den nächsten Rechtsruck die hiesige Verwaltung ein kleines bisschen "sauberer" zu machen.
Zufällig kam ich mit einer Dame aus dem Büro der Diversitybeauftragten der zuständigen Senatsverwaltung ins Gespräch, die sich lediglich durch Nennung einiger Details entsetzt zeigte. Sie will meinen Fall (zunächst anonym) unbedingt ihrer neuen Chefin vortragen, die in Kürze ihren Dienst aufnimmt. Doch was soll es bringen? Für mich ist sowieso alles zu spät. Selbst wenn ich irgendeinen Neuanfang bekäme, bräuchte ich dafür enorme psychische Kraft, die ich schlichtweg nicht mehr habe.
Ständig wird von mir verlangt, alles aufzugeben, was mir noch geblieben ist: meine Arbeit, meinen Beamtenstatus, mein Haus, alles, was ich in Jahrzehnten aufgebaut habe. Und der Grund ist einzig, damit all jenen zu weichen, die meinen, ein "Problem" mit mir haben zu müssen. Ich bin keine 20 mehr, sondern 49! In diesem Alter baut niemand alles einfach mal neu auf, ob nun privates Gefüge oder Job. Doch dazu mehr in einem gesonderten Thread.
Durch die beruflichen Schikanen und Diskriminierungen hat sich mein ohnehin schlechter Zustand weiter verschärft. Neben Traumatherapie werden nun eine neue Medikation und Behandlung von Angststörungen notwendig, da ich inzwischen nicht mehr unterscheiden kann, ob ich draußen auf unvoreingenommene Leute treffe oder auf Gebriefte, Hater, Aufgehetzte. Dadurch traue ich mich kaum noch auf die Straße. Nun lässt sich witzeln, dass das ja beim neuerlichen Lockdown ohnehin egal sei, doch für mich ist das leider kein Witz, sondern tägliche psychische Qual, die darin endet, dass ich irgendwann nichts mehr zu essen habe und mir die Tabletten ausgehen. Spätestens dann MUSS ich raus, aller Ängste zum Trotz.
Ungeachtet der schlimmen Folgen bin ich froh, den beruflichen Wiedereinstieg gewagt zu haben, alle Kräfte zusammen zu nehmen, meinen Peinigern ins Gesicht zu schauen und offen zu sein. Es ging mir nie um die Zurrechenschaftziehung derjenigen, die mich vor aller Augen in alkoholisiertem Zustand attackierten, beleidigten und angriffen; derer, die von Hass getrieben keinerlei Professionalität zeigten und offen die Zusammenarbeit unter meiner Projektleitung verweigerten - unter stummer Duldung ihrer Chefs. Diese Leute kann und will ich ebenso wenig zur Verantwortung zwingen wie die Ärzte, die sich unter Ausnutzung ihrer Machtstellung im Rahmen sog. "Zwangsbegutachtungen" an mir vergingen und mir schwere psychische Schäden zufügten, die nun mühevoll von Psychologen therapiert werden müssen. Wenn sich die "Allgemeinheit" empören sollte, die hohen Kosten für meine jahrelangen Behandlungen tragen zu müssen, dürfen sie sich gerne an diejenigen wenden, die ihren Hass, ihre Komplexe oder einfach nur ihre Geilheit im weißen Kittel schamlos an mir austobten.
Ich sitze im zwangsverordeten Rest-urlaub (da ich so frech war, wegen enormen Termindrucks und mangels Vertretung 2 Jahre lang durchzuarbeiten) und warte auf die Zusage für den Beginn meiner stationären Intervallbehandlung. Nun muss ich mit einem komplett geänderten Weltbild klarkommen, dass auch meine "Karriere" beendet ist und mir einzig bleibt, die drohende Zwangspensionierung hinauszuzögern. Mit vielleicht Mitte 50 in Pension zu gehen, entsprach nun wirklich nicht meiner Planung. Aber ich beuge mich dem Willen meiner Feinde, die auf ganzer Linie gesiegt haben - herzlichen Glückwunsch!
Darum sehe ich die Fortsetzung meiner Therapie als letzte Chance, das Leben unter den ständig schlimmeren Bedingungen irgendwie dennoch annehmen und vor allem ohne tägliche Zusammenbrüche ertragen zu können.