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Schuldgefühle bei der Familie

Verfasst: Fr 10. Apr 2020, 23:24
von Rominalein
Hallo ihr Lieben!

Ich nehme jetzt wieder meinen ganzen Mut zusammen und schreibe hier ins Forum. Ich bin einfach zu schüchtern, um mich groß zu beteiligen, aber langsam fällt mir die Decke auf den Kopf. :(
Wegen den Ausgangsbeschränkungen, die momentan aufgrund vom Coronavirus/COVID-19 herrschen, habe ich viel Zeit über alles nachzudenken und das ist nicht unbedingt gut. Ich werde oft von depressiven Gedanken heimgesucht, die mich dann nicht mehr los lassen. Eigentlich bin ich schon recht weit gekommen - für meine Verhältnisse. Bei meinen Freunden und meinem Bruder habe ich mich als transsexuell geoutet und bekomme sowohl von meinen Freunden als auch von meinem Bruder viel Unterstützung. Vor allem meinem Bruder bin ich sehr dankbar dafür. Wir gehen durch dick und dünn.
Was mir jedoch noch bevorsteht ist das Outing bei meinen Eltern und meinen Verwandten. Das werde ich allerdings erst nach diesem Sommersemester angehen, weil ich gerade sehr viel Stress mit meinen Abschlussprüfungen habe und ohnehin mental sehr schwach bin gerade. Aber ich muss trotzdem bei jedem Telefonat mit meinen Eltern daran denken, dass ich sie enttäuschen werde, wenn ich nicht der "Bilderbuch-Mann" werde, den sie sich wünschen; mit Frau, Kindern und einem gemeinsamen Haus für die komplette Familie.

Und damit kommen wir zum eigentlichen Thema: Habt oder hattet ihr auch mal Schuldgefühle euren Familien gegenüber? Wie geht ihr damit um? Warum schäme ich mich dafür, dass ich transsexuell bin?

Dazu möchte ich euch noch ein paar Informationen zu meinem Hintergrund geben. Ich bin in einem familiären Umfeld groß geworden, das eine Kombination aus den mitunter homophobsten und transphobsten Kulturen ist. Meine Mutter kommt aus Russland und mein Vater aus Tadschikistan, einem religiösen islamischen Land. Themen wie Transsexualität waren immer ein Tabuthema, meine Familie hat mir immer das Gefühl gegeben, dass es verwerflich ist, wenn man trans, schwul oder nichtbinär ist. In Russland ist es ein Verbrechen. Wobei ich ehrlich gesagt das Gefühl habe, dass meine Verwandten noch negativer dem Ganzen gegenüber stehen als meine Eltern.
Dennoch ist mir klar, dass ich es nicht mehr lange verschweigen kann. Obwohl ich noch so jung bin, habe ich genug davon eine falsche Rolle zu spielen. Ich weiß, dass ich nie glücklich werde, wenn ich mich verstelle. Und dennoch quälen mich Gewissensbisse. Ich liebe meine Eltern, auch wenn sie mich nicht immer gut behandelt haben, und ich will sie nicht enttäuschen. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich sie verlieren werde oder meine Verwandten und meine Eltern auf ewig mit der "Schande" leben müssen. Tut mir leid für die harte Wortwahl, aber genau solche Gedanken gehen mir durch den Kopf, weil ich in so einem Umfeld groß geworden bin. Ich habe sogar von meiner Mutter schon mehrfach gehört, dass sie transsexuelle und homosexuelle Menschen ekelhaft findet. Es tut einfach sehr weh so etwas von der eigenen Mutter zu hören und das bremst mich sehr in meiner Entwicklung aus.
Ich weiß, dass ich jetzt den richtigen Weg gehe, ich bin in Therapie, aber ich habe Angst vor der Zukunft. Ich fühle mich nicht gut genug und schäme mich. Was kann ich tun?

Re: Schuldgefühle bei der Familie

Verfasst: Sa 11. Apr 2020, 10:31
von Renée
[/quote]Hallo Romina,

so wie ich das lese, hast du schon viel geschafft. Es ist dein Leben. Du willst glücklich leben/werden. Man soll auf andere Rücksicht nehmen, aber nicht bis in die Selbstaufgabe. Geh deinen Weg, egal was deine Eltern dazu sagen. Es ist nicht deine Schuld wie du bist. Es ist die schuld deiner Eltern, dass du Schuldgefühle entwickelst.
Rominalein hat geschrieben: Fr 10. Apr 2020, 23:24 Ich liebe meine Eltern, auch wenn sie mich nicht immer gut behandelt haben, und ich will sie nicht enttäuschen. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich sie verlieren werde oder meine Verwandten und meine Eltern auf ewig mit der "Schande" leben müssen.
Die Schande ist doch dass sie so boniert sind. Nicht du. Kehr das doch mal.
Rominalein hat geschrieben: Fr 10. Apr 2020, 23:24 Habt oder hattet ihr auch mal Schuldgefühle euren Familien gegenüber?
Nur gegenüber meiner Frau, auch wenn ich erst in unserer Ehre über meine weibliche Seite Bewusstheit erlanget habe. So gab es doch schon vorher Dinge welche ich meiner Frau schon früher hätte sagen können. Gegenüber meinen Eltern klares Nein. Ich gebe Ihnen aber die Schuld, nicht das entsprechende Selbstbewusstsein entwickelt zu haben um mit meiner Familie darüber zu reden.

Frohe Ostern

Re: Schuldgefühle bei der Familie

Verfasst: Sa 11. Apr 2020, 10:48
von Engelchen
Rominalein hat geschrieben: Fr 10. Apr 2020, 23:24 ch weiß, dass ich jetzt den richtigen Weg gehe, ich bin in Therapie, aber ich habe Angst vor der Zukunft. Ich fühle mich nicht gut genug und schäme mich. Was kann ich tun?
Es ist dein Leben was du leben musst.
Auch wenn es deinen Eltern nicht gefällt - du musst glücklich werden.
Ich finde es sehr schön das dein Bruder so zu dir steht - so sollten es auch die Eltern tun.
Glaube an dich selber und schäme dich nicht für etwas was zu deiner Persönlichkeit gehört.
Fühl dich mal gedrückt und wir sehn uns wieder wenn es die Zeit zulässt.
Bin in Gedanken bei dir
Liebe Grüße
Lisa

Re: Schuldgefühle bei der Familie

Verfasst: Sa 11. Apr 2020, 11:00
von Céline
Hallo Romina,
Du musst Dich für gar nichts schämen oder ein schlechtes Gewissen haben. Ich kann es da ich katholisch in Bayern aufgewachsen und erzogen verstehen. So unterschiedlich ist das in manchen Punkten gar nicht.Mein ganzes Leben war mit Angst und Schamgefühl durchzogen. Über 40 Jahre lang. Und für was??? Das ich das Leben und die Konventionen der Gesellschaft gelebt habe...
Im Grunde können doch alle nichts dafür da sie genau in diesen Schemata erzogen worden sind. Aber genau deshalb dürfen wir uns dem nicht fügen und zeigen das wir da sind und im Grunde ganz normale Menschen. Ich weiß dazu gehört viel Mut und Kraft aber genau die bekommen wir wenn wir es wollen auf unserem Weg.
Du hast schon sehr viel erreicht und wirst deinen Weg noch erfolgreich weiter gehen. Bleib stark und habe Geduld und gehe jeden Schritt überlegt und bewusst. Ich bin überzeugt du schaffst das.
Und deine Eltern... mein Vater schämt sich obwohl anfangs alles positiv war jetzt auch über mich. "Der einzige Sohn rennt in Frauenkleidern rum und hat lange Haare " Ich verstehe ihn sogar weil die Angst über Gerede irgendwie im menschlichen Kopf verankert ist. Ich muss damit leben auch wenn es mich oft belastet. Er ist trotzdem mein Vater.
Ich drücke dir die Daumen und schreib einfach wie es dir geht
Liebe Grüße
Céline

Re: Schuldgefühle bei der Familie

Verfasst: So 19. Apr 2020, 16:20
von Rominalein
Danke für euer liebes Feedback. Ihr seid alle Vorbilder für mich. :)
Ihr habt natürlich Recht. Heute hat mich mein Bruder angerufen und sich nach dem Stand meiner Therapie erkundigt und wie es mir geht. Ich fand es sehr schön, dass er sich dafür interessiert und mir Mut zugesprochen hat. Alles andere wird sich in der zweiten Jahreshälfte zeigen, wenn ich mit meinen Eltern gesprochen habe. Ich versuche aber zumindest die negativen Gedanken nicht mehr so sehr an mich heran zu lassen. Danke!

Re: Schuldgefühle bei der Familie

Verfasst: So 19. Apr 2020, 16:41
von Kathi87
Liebe Romina,

mies ist schön zuhören das du deinen Weg bestreitet und das es für dich voran geht, aber nicht schöner ist es zuhören das dein Bruder zu dir steht.
Mit deinen Eltern, würde ich auf dich zu kommen lassen, auch für sie ist es eine Entwicklung. Es ist ja nicht alltäglich, das das eigene Kind sagt es fühlt sich in der jetztigen Geschlechtsrolle nicht wohl.
Aber zu sagen das es ihre Schuld ist das du Schuldgefühle hast, ist zu hart, genauso wie du haben sie auch eine Erziehung genossen und sich negativ äußern über etwas was sie bisher nicht betrifft ist immer leichter. Das auseinandersetzen kommt er wenn man da Thema nicht auf Weg schieben kann.

Dir muss aber auch klar sein, das eine Veränderung immer gewinn und Verlust bedeuten kann, egal in welchen Bereichen.

Liebe Grüße
Kathi

Re: Schuldgefühle bei der Familie

Verfasst: So 19. Apr 2020, 21:18
von Helga
Hallo Romina,
du machst dir im Moment unnötigen Stress. Bei deinen Eltern musst du dich erst outen wenn wirklich feststeht dass du dauerhaft als Frau leben willst. Da du erst am Anfang der Therapie stehst, dürfte es für eine solche Festlegung noch viel zu früh sein. Wenn es möglicherweise irgendwann feststeht würde ich vom Therapeuten erwarten, dass du dort entsprechende Hilfestellung auch für das Outing bei den Eltern bekommst. Ich habe selbst Kinder und kann dir bestätigen, dass Eltern immer auf der Seite ihrer Kinder sind und für diese nur das Beste wollen, auch wenn die Meinungen darüber was das Beste ist manchmal auseinandergehen. Vor deinen Eltern musst du keine Angst haben. Mag sein dass du dann einige Verwandte nicht mehr besuchen kannst. Damit musst du dich abfinden.
Corona gibt Zeit zum nachdenken, manchmal zuviel Zeit zum Nachdenken. Lade dir nicht zuviele Stressfaktoren gleichzeitig auf. Primär solltest du dich um dein Studium kümmern.
Liebe Grüße
Helga

Re: Schuldgefühle bei der Familie

Verfasst: Mo 20. Apr 2020, 19:57
von NikolaAusR
Liebe Romina,

es ist schön zu lesen, dass Du von deinem Bruder unterstützt wirst.

Da jeder Mensch eine individuelle Lebenssituation hat, ist es immer schwer etwas zu raten, deshalb schreib ich hier einfach meine Erfahrungen.

Was die Familie anbelangt, hatte ich das Glück bei meinem coming out vor fünf Jahren größtenteils auf Akzeptanz zu treffen.
Darüber hinaus habe ich aber die Erfahrung gemacht, dass erst das Erklären der Ursachen (während der fötale Entwicklung) echtes Verstehen erzeugt hat.
Es war auch ein Verstehen, warum ich, Jahrgang 1963, immer 'anders als die anderen Geschwister' war.

Was die Transphobien in den Gesellschaften anbelangt, so sehe ich da viele Klischees die es halt einfach zu überwinden gilt.
Ich war im März beruflich drei Wochen in der Ukraine, wo die orthodoxen Kirche und die Nationalisten auch massiv ihr Unwesen treiben. Eine Kollegin, blond, war im letzten Jahr als Automatisiererin auch alleine reisend in Azerbaidschan. Unsere Firma hatte ihr geraten, vor Ort aufkommende Fragen nach ihrerm Beziehungsstatus - nun ja - irgendwie zu umschiffen. Der gleichgeschlechtliche Lebensansatz hätte die Kundenseite möglicherweise dann doch endgültig überfordert :lol:
Frau muss sich halt trauen und nicht durch veraltete Gesellschaftsbilder in ihrer Bewegungsfreiheit beschränken lassen.
In den islamischen Staaten ist noch vieles negativ im 'Sittenbild' der Bevölkerung verankert, was durch Scharia- konforme Regelungen längst der Lebenswirklichkeit der Betroffenen entsprechend geregelt ist.
Im Iran z. B. hat der längst verstorbene Ajatollah Khomeni seinerzeit per Fathwa die Gesundheitsversorgung von Trans Personen geregelt. Den Iranischen Chirurgen wird eine große Kompetenz und exzellente OP Ergebnisse zugeschrieben.
Pakistan hat vor ein paar Jahren auch Scharia- konforme Gesetze beschlossen und ist gerade dabei, eine kostenlose trans* Gesundheitsversorgung einzuführen.
Gut, Russland / Putin ist ein schwieriger Fall. Letzterer betreibt innenpolitisch eine klassisch- populistische Propaganda.
Soweit ich Russen kennenlernen durfte, sowohl während beruflicher Reisen vor Ort als auch im Kollegenkreis, habe ich bisher keinerlei negative Erfahrungen machen müssen.
Wenn man etwas kennengelernt hat, kann man es einschätzen und ist nicht (mehr) auf Klischeebilder angewiesen.

Ich wünsch Dir, wenn es soweit ist, für Dein Outing bei der Familie viel Kraft und gutes Gelingen.
Mental gut vorbereitet zu sein ist mindestens die halbe Miete.

Liebe Grüße
Nikola