Also ich kann das gut nachvollziehen. Meine persönliche Verortung ist anders, aber die Reibungspunkte mit dem, was die meisten Menschen für "normal" halten in Bezug auf Körper, Gender, etc. sind die gleichen.
Ich denke, unsere Sprache ist zu eng. Und Sprache formt denken. Es fällt schwer, zu denken, was - noch - kein Wort hat. Nur wenige schaffen den Sprung, für ein Konzept, das auch andere haben, neue Wörter zu finden. Und die anderen, die ebenso ringen, hören die neuen Wörter und plötzlich ergibt alles Sinn und passt zusammen.
"Mann" und "Frau" sind Wörter für unfassbar komplex verknüpfte Konzepte. In der Alltagssprache vermengen sie Körper, Ausdruck/Aufmachung, Verhaltensformen, Ansichten, Vorlieben und vieles andere mehr. Bei jeder Verwendung wird im Kopf der ganze Komplex aktiviert. Und immer wird danach gefragt und werden wir taxiert, eingeschätzt, zugeordnet und dafür benotet, wie wir in anderer Menschen Ansichten zu diesen Komplexen passen. Auf eine gewisse Weise ist der Konformtiätsdruck heute stärker als früher. Theoretisch haben wir alle Freiheiten. Kein Gesetz hält uns zurück, uns zu kleiden, aufzutreten - oder unsere Körper zu ändern (Resourcen vorausgesetzt). Aber nicht mehr unerkannt, scheinbar eindeutig und damit sich unsichtbar machen könnend rumzulaufen hat einen Preis. Blicke, Sprüche, Nachteile bei der Berücksichtigung.
Es erfordert leider immer noch Mut, aus der Masse herauszustechen und sich nicht wieder "tarnen" zu können.
Dein Beitrag oben, Toni, ist der erste von Dir, der mir konsistent erscheint, weil ich meinen Weg auch erst gefunden habe, nachdem ich die Komplexe mal entwirrt habe. Mein Konzept von "Genderverse" hat viele Koordinatenachsen. "Mann" / "Frau" ist keine Linie, sondern besteht - mindestens - aus dem, was ich oben aufgezählt habe: Körper, Aufmachung, Selbstverständnis (ich mag "Identität" nicht. Meine Identität ist mehr als mein Geschlechtsverständnis).
Alle diese Koordinaten sind theoretisch unabhängig voneinander. Auch der Körper. Die Mittel sind etwas begrenzt auf diesem rückständigen Planeten, aber klar kann eine Person Hormone der eigenen Wahl nehmen. Auch wechseln. Es gibt Vorbilder. Es ist nicht einfach und ich empfehle medizinische Begleitung, um Risiken zu managen, aber es ist viel mehr möglich, als der Standard-Trans-Waschzettel vorsieht.
Ich war zuerst versucht, Dich als Mit-Enby zu vereinnahmen. Aber das wäre falsch. Für mich war die Selbstbezeichnung "Enby" eine Befreiung vom zugewiesenen "Mann" - bzw den dadurch immer wieder in meinem Kopf aktivierten Konzepten. Aber auch von "Frau" und den daran hängenden Erwartungen. Wenn die Selbstbezeichnung "Mann" in Dir eine positive Resonanz erzeugt, dann ist genau das richtig. Egal mit welchen körperlichen Features, egal mit welcher Aufmachung.
Also. Ich freue mich, dass Du wohl einen Durchbruch geschafft hat. Es wird von hier aus nicht einfacher. Du brauchst den Mut, herauszustechen. Du brauchst die Schläue, den medizinischen Werkzeugkasten für Dich zu nutzen. Und Du wirst wohl noch mehr über Sprache, Begriffe und Zusammenhänge nachdenken müssen, um Dich den Menschen da draussen - und auch hier drinnen

- zu erklären, die immer noch meinen, dass ein einzelnes Wort ausreicht, um einen ganzen Menschen zu beschreiben.