Seite 1 von 2

Mitten durch's Getümmel

Verfasst: Mo 2. Dez 2019, 16:04
von sbsr
Hallo zusammen,

ich möchte hier nur kurz (naja, Svenja Definition von kurz halt) was erzählen, was mir eigentlich erst im Nachhinein so richtig bewusst geworden ist.

Letzten Freitag war Stammtisch in Regensburg angesagt, wir mussten in ein anderes Lokal ausweichen, da unser Stammtisch Stammlokal wegen einer Feier komplett ausgebucht war. Die Wahl fiel auf ein Traditions Gasthaus in der Regensburger Altstadt.

Black Friday und erstes Adventwochenende haben für ordentlich Betriebsamkeit gesorgt, laut Info Seite war das Parkhaus in den Arcaden das einzige mit freien Plätzen. Also bin ich frohen Mutes dort hin gefahren, und habe einen der letzten freien Stellplätze ergattert. Beim Einparken sah ich erst das Schild, ich befand mich bei den Frauenparkplätzen. Ich wollte fast schon weiter suchen, dachte mir dann aber, von weiten sehe ich ja fast so aus :D
Doch im Ernst, es war schlichtweg sonst nichts in Aussicht und ich hatte keine Lust, wieder stundenlang im Kreis zu fahren.

Dann ging's los, mein Weg sollte mich durch den Hauptbahnhof in die Innenstadt führen. Was ich dabei nicht bedacht hatte, vom Parkhaus geht es erst mal mit dem Aufzug runter, und um zum Übergang Richtung Hauptbahnhof zu kommen, muss man mitten durch das Einkaufszentrum. Hilft nichts, dachte ich mir.

Erst als die Menschenmengen sich ein wenig verteilt hatten und ich auf dem letzten Stück in Richtung Domplatz halbwegs alleine auf der Straße war, wurde mir klar, ich war gerade zum ersten mal in Mädchenoptik Aufzug gefahren, zum ersten mal in einem Einkaufszentrum, zum ersten mal auf der Rolltreppe unausweichbar auf relativ engem Raum mit vielen anderen Leuten, zum ersten mal in einer Schar an der Fußgängerampel. Alle meine bisherigen Ausflüge waren immer irgendwo draußen, wo der Andrang überschaubar war.

"Ja und?" werden jetzt viele denken. Ich übrigens auch, denn wie man regelmäßig liest, fällt man nicht wirklich auf, zumindest ist mir nicht aufgefallen, dass ich jemandem aufgefallen wäre.

Auf dem Heimweg war es schon wesentlich ruhiger, wir hatten es doch eine gute Weile ausgehalten und uns gut unterhalten. Zurück am Auto war ich fast ein wenig stolz auf mich, vor drei Jahren hätte ich noch jeden ausgelacht, der mir erzählt hätte, dass ich mal als Mädchen durch ein Einkaufszentrum laufe, vor zwei Jahren wäre ich vorher kurz gestorben, und noch vor einem Jahr hätte ich mir vorsichtshalber den Pony bis über die Augen runter und den Schal bis zur Nase hochgezogen.

Tja, und damit ist das Forum um eine "es ist nichts besonderes passiert" Geschichte reicher 8)

Einen kleinen Lacher möchte ich deshalb doch noch nachreichen. Im Restaurant ist es anderen Gästen am Nebentisch natürlich nicht ganz verborgen geblieben, dass hier was nicht stimmt. Vor dem Heimweg wollten wir ein Erinnerungsfoto machen, im Foyer stand ein Christbaum als Kulisse zur Verfügung. Eine liebe Bio Frau aus unserer Stammtisch Runde ging raus, um die Raucher vor der Türe zu fragen, ob jemand ein Foto von uns machen mag, da hörte sie den vorherigen Tischnachbarn noch zu seiner Begleitung sagen "Jetzt kommen sie raus, schau genau hin". Der hat jetzt auf jeden Fall eine Geschichte zu erzählen :roll:

Re: Mitten durch's Getümmel

Verfasst: Mo 2. Dez 2019, 16:30
von Helga
Hallo Svenja,
je mehr los ist desto weniger fällt auf wenn "etwas nicht stimmt", da die Atmosphäre so reizueberflutet ist dass dich kaum jemand wahrnimmt. Auch ist die Wahrscheinlichkeit angepoebelt zu werden geringer da sich potentielle Pöbler stärker kontrolliert fühlen. Lieber zum Black Friday ins EKZ als abends ins Gewerbegebiet. Dort fällt frau (egal ob Bio oder TransX) garantiert auf.
Liebe Grüße
Helga

Re: Mitten durch's Getümmel

Verfasst: Mo 2. Dez 2019, 16:34
von Dolores59
Tja, und damit ist das Forum um eine "es ist nichts besonderes passiert" Geschichte reicher
Gerade diese Geschichten sind "Mut-mach-Geschichten" und damit besonders wichtig.
Einen kleinen Lacher möchte ich deshalb doch noch nachreichen. Im Restaurant ist es anderen Gästen am Nebentisch natürlich nicht ganz verborgen geblieben, dass hier was nicht stimmt. Vor dem Heimweg wollten wir ein Erinnerungsfoto machen, im Foyer stand ein Christbaum als Kulisse zur Verfügung. Eine liebe Bio Frau aus unserer Stammtisch Runde ging raus, um die Raucher vor der Türe zu fragen, ob jemand ein Foto von uns machen mag, da hörte sie den vorherigen Tischnachbarn noch zu seiner Begleitung sagen "Jetzt kommen sie raus, schau genau hin". Der hat jetzt auf jeden Fall eine Geschichte zu erzählen
Selbst wenn die Leute gute Beobachter sind und den Unterschied bemerken muss das nicht Furcht einflössend sein.

LG
Dolores

Re: Mitten durch's Getümmel

Verfasst: Mo 2. Dez 2019, 16:35
von Valerie Bellegarde
Ganz lieb erzählt, Svenja.
Was du schreibst, erinnert mich an meine allerersten "Auftritte" en femme draußen in der Stadt, als ich fast meinte, ich spüre mein Herzchen blubbern und höre das Blut rauschen in meinen Ohren. Aber das ist Jahre her und hat sich inzwischen alles gegeben mit der Zeit. Heute ist es für mich zwar auch noch nicht normal, so cool bin ich nicht, aber es ist nicht mehr so extrem aufregend, und ich muß sagen es gefällt mir, wenn ich merke, jemand schaut rüber zu mir.

L. G. Valerie

Re: Mitten durch's Getümmel

Verfasst: Mo 2. Dez 2019, 16:42
von Anne-Mette
Moin,
sbsr hat geschrieben: Mo 2. Dez 2019, 16:04 da hörte sie den vorherigen Tischnachbarn noch zu seiner Begleitung sagen "Jetzt kommen sie raus, schau genau hin".
ich bin es gewohnt, aufzufallen )))(:

Schon vor Jahrzehnten:
in der "tiefsten Proviz" standen wir vor dem einzigen Lokal einer Ortschaft und überlegten, ob wir wohl "ohne Gefahr" dort ein Bier trinken könnten.
(Easy Rider war noch ganz frisch im Gedächtnis).
Tatsächlich sagte einer der Gäste, die drinnen saßen: "guckt mal, da stehen Hippies".

Daran kann ich mich noch gut erinnern, nicht jedoch daran, wie wir die Bierfrage an dem Abend gelöst haben; denn in das Lokal sind wir nicht gegangen.

Gruß
Anne-Mette

Re: Mitten durch's Getümmel

Verfasst: Mo 2. Dez 2019, 16:51
von Anja
Moinsen (moin)
Anne-Mette hat geschrieben: Mo 2. Dez 2019, 16:42 Daran kann ich mich noch gut erinnern, nicht jedoch daran, wie wir die Bierfrage an dem Abend gelöst haben; denn in das Lokal sind wir nicht gegangen.
Wenn die Erinnerung weg ist, dann werdet ihr wohl auf die eine oder andere Weise an Bier gekommen sein :)p
:lol:

Grüße
die Anja

Re: Mitten durch's Getümmel

Verfasst: Mo 2. Dez 2019, 19:17
von Mara
Prima, lieber Svenja,

Schöner Bericht, hat mir gut gefallen. Für mich ist es auch noch sehr aufregend und so ähnlich war es bei mir vor einer Woche das erste Mal in einem Fahrstuhl so eng beieinander....
LG Mara

Re: Mitten durch's Getümmel

Verfasst: Mo 2. Dez 2019, 19:46
von crossi
Hi Svenja
Ich wäre wahrscheinlich im Boden versunken oder Tod umgefallen. Ich glaube ich hätte lieber die Treppe genommen. Schönes Erlebnis für Dich

LG Crossi/Anne

Re: Mitten durch's Getümmel

Verfasst: Mo 2. Dez 2019, 20:41
von JuLa67
Hallo Svenja,
ich freue mich über deine schöne Erfahrung mit Dir mit👏.
Wie Helga schon schrieb, umso mehr Getümmel und Geschiebe, desto weniger fällt der einzelne Mensch auf - es sei denn mensch legt es durch Verhalten und schrägem Äußeren darauf an aufzufallen 🤖.
Und wie Dolores sehr treffend formuliert muss ein erkannt werden nicht gleich zu negativen Reaktionen führen. Es ist mE eher eine Art Aha- Effekt bei den Betreffenden. Irgendwie haben die gespürt, dass irgendwas nicht normal (im Sinne von 08/15) ist, und waren dann froh, dass von dieser Situation keine Gefahr für sie ausging (fliehe weit und schnell)😼.
Mut gemacht hätte mir deine Geschichte früher (vor 4 Jahren) auf jeden Fall. Jetzt bringt sie mir Bestätigung meiner eigenen Erfahrungen als Transfrau.
Also weiterhin so gute für dich!
Larissa

Re: Mitten durch's Getümmel

Verfasst: Mo 2. Dez 2019, 23:04
von NanaVistor
Wie soll man in den dicken Wintersachen groß auffallen?
Wenn du dich im Bikini in dem schönen Spiegel im Aufzug fotografiert hättest, dann wärst du dort zu dieser Zeit wohl aufgefallen. Im Sommer eher weniger, da dann dort auf dem Dach eine Strandbar ist. Wer weiß, vielleicht kommt es soweit noch...? :-D
Mit Rolltreppen und Aufzügen fängt es oft an, und nicht nur manchmal geht es hoch hinaus....

Re: Mitten durch's Getümmel

Verfasst: Di 3. Dez 2019, 07:07
von Jasmine
sbsr hat geschrieben: Mo 2. Dez 2019, 16:04 ...................vom Parkhaus geht es erst mal mit dem Aufzug runter, und um zum Übergang Richtung Hauptbahnhof zu kommen, muss man mitten durch das Einkaufszentrum. Hilft nichts, dachte ich mir.
.................
Da war doch was, war ich doch letztens auch dort,
K640_IMG_20191021_103055.JPG
Ich habe mich dort bisher auch wohlgefühlt.
Liebe Grüße Jasmine

Re: Mitten durch's Getümmel

Verfasst: Di 3. Dez 2019, 08:28
von Nicole_muc
Hallo Svenja,

Glückwunsch zu deinen tollen neuen Erfahrungen.

Mir gings letzte Woche im Einkaufszentrum genauso. Einfach nicht aufgefallen :)

Liebe Grüsse
Nicole

Re: Mitten durch's Getümmel

Verfasst: Di 3. Dez 2019, 08:38
von sbsr
crossi hat geschrieben: Mo 2. Dez 2019, 19:46 Ich wäre wahrscheinlich im Boden versunken oder Tod umgefallen. Ich glaube ich hätte lieber die Treppe genommen.
Hätte ich vorher gezielt darüber nachgedacht, hätte ich wahrscheinlich auch einen Schleichweg gewählt, oder gleich ganz woanders geparkt, wo nicht so viel los ist. Da mir erst danach aufgefallen ist, was da in den letzten Minuten eigentlich passiert ist, hat sich das Versinken auch nicht mehr gelohnt :lol:

Auf dem Rückweg Richtung Parkhaus habe ich mich noch ein wenig mit einer deutlich erfahreneren Teilzeitfrau aus unserer Runde weiter unterhalten. Kurz vor dem Bahnhofsvorplatz meinte sie, vor Jahren wären wir hier auseinander genommen worden, schon erstaunlich wie unproblematisch und frei wir uns jetzt bewegen können.

Dolores59 hat geschrieben: Mo 2. Dez 2019, 16:34 Selbst wenn die Leute gute Beobachter sind und den Unterschied bemerken muss das nicht Furcht einflössend sein.
Ich denke sogar, in der Art auffallen hat eine positive Wirkung. Aus Perspektive der anderen Gäste saßen da vier Frauen am Tisch, wovon mindestens eine offensichtlich keine ist. Mehr ist aber auch nicht passiert. Insofern ist das an der Stelle sogar positive Aufmerksamkeit, denn hätte niemand was bemerkt, hätte auch niemand darüber nachgedacht. Manch einer hat es wohl bemerkt und hat nun hoffentlich ein anderes realistischeres Bild, als zum Beispiel Queen of Drags oder dergleichen von uns vermitteln. Meiner Meinung nach schaffen wir so mehr Akzeptanz als mit Demos oder lautem Geschrei.

NanaVistor hat geschrieben: Mo 2. Dez 2019, 23:04 Wie soll man in den dicken Wintersachen groß auffallen?
Auch der schönste rosa Wintermantel lenkt vielleicht ein wenig ab, verbirgt aber nicht das kantige Gesicht 8)

NanaVistor hat geschrieben: Mo 2. Dez 2019, 23:04dich im Bikini
Na, also das will und braucht wirklich niemand sehen :((a

Re: Mitten durch's Getümmel

Verfasst: Di 3. Dez 2019, 08:49
von Frieda
sbsr hat geschrieben: Di 3. Dez 2019, 08:38 ... Kurz vor dem Bahnhofsvorplatz meinte sie, vor Jahren wären wir hier auseinander genommen worden, schon erstaunlich wie unproblematisch und frei wir uns jetzt bewegen können.
Genau das ist es, was ich auch denke und hin und wieder schon mal erwähnt habe. Wir befinden uns bereits im Umbruch, der in meiner Wahrnehmung positiv ist. Und ich bin und bleibe da echt zuversichtlich, dass die Entwicklung in und bei der Gesellschaft positiv weiter geht❣️

sbsr hat geschrieben: Di 3. Dez 2019, 08:38 ... Manch einer hat es wohl bemerkt und hat nun hoffentlich ein anderes realistischeres Bild, als zum Beispiel Queen of Drags oder dergleichen von uns vermitteln. Meiner Meinung nach schaffen wir so mehr Akzeptanz als mit Demos oder lautem Geschrei.
Auch bei diesen Worten möchte ich dir gerne zustimmen liebe Svenja.
Ich freue mich ehrlich über deinen Post hier... Super Idee uns davon erzählt zu haben❣️👍

Namaste 🙏

Re: Mitten durch's Getümmel

Verfasst: Di 3. Dez 2019, 10:58
von Marlene K.
Guten Morgen,
Ihr Lieben... und auch die nicht so Braven...

Ich hatte gerade eine schöne, menschliche Begegnung im örtlichen Biomarkt in Köpenick. Der junge Mann an der Kasse sagte zu mit: "Durch Ihre Art, Ihr Auftreten, inspirieren Sie mich!". (cow)
Genau diese unerwarteten Komplimente, das unerwartete Lächeln, das nette Gespräch in den öffentlichen Verkehrsmitteln machen mein Leben lebenswert...

Danke für ganz viele positive Geschichten, ich möchte mehr davon. (fwe3)

Das wünsche ich uns allen, Eure

Marlene