Der innere Kampf
Verfasst: Fr 1. Nov 2019, 01:49
Hallo Ihr Lieben,
seit etwa dreißig Jahre beschäftigt mich das Thema meiner sexuellen Identität und mittlerweile ist es eine Qual. Tja, wo soll ich anfangen"¦
Ich wusste schon immer irgendwie, dass ich anders bin. Schon als Kind wollte ich oft jemand anderes sein, nur nicht ich selbst. Und schon als Kind hatte ich mit meinen Emotionen zu kämpfen.
Meine ersten Erfahrungen mit dem Tragen von Mädchensachen habe ich im Alter von 5 oder 6 Jahren gemacht. Einmal war ich im Spätsommer mit meiner Mutter unterwegs und am Ende haben wir meine Oma besucht. Leider wurde es etwas später und meine Mutter machte sich Sorgen, dass ich auf dem Weg nach Hause frieren würde, also beschlossen meine Mutter und meine Oma, dass ich eine Strumpfhose anziehen soll, damit mir nicht kalt wird. Ich kann mich an die Details nicht besonders gut erinnern, aber ich weiß noch dass ich mich mit allen Kräften dagegen gewehrt habe, denn Jungs tragen keine Mädchensachen und Strumpfhosen sind nun mal Mädchensachen. Allem Widerstand zum Trotz musste ich mich in mein Schicksal ergeben und den Weg nach Hause in einer Hautfarbenen Strumpfhose meiner Oma? Antreten. Wie gesagt an die Details kann ich mich nicht besonders gut erinnern. Aber an das interessante Gefühl der Strumpfhose an meinen Beinen als wir mit dem Bus nach Hause gefahren sind.
Das andere Mal war in der Vorschule. Ich habe in der Nachbarschaft eine Freundin gehabt welche mit mir in die Vorschule gegangen ist, und so ergab es sich, dass wir sehr viel miteinander gespielt haben. Eines Abends war ich bei ihr Zuhause spielen und sie wollte mit mir Gummitwist spielen, was ich verneint habe, denn Jungs machen nun mal keine Mädchensachen. Sie und ihre Oma meinten dann, dass ich doch ein Kleid von meiner Freundin anziehen könnte und wir beide dann Mädchen wären. Erstaunlicherweise war ich damit einverstanden und habe diesen Abend bei Ihr als Mädchen verbracht, sehr zum Erstaunen meiner Mutter, als mich diese abgeholt hat.
Ich kann mich leider nicht genau erinnern ob zuerst mein Vater gestorben ist, oder ich die feminine Seit in mir entdeckt habe. Mein Paps starb leider an einem Herzinfarkt vor meinen Augen als ich nicht ganz 10 Jahre gewesen bin.
Wir hatten Karneval in der Schule. Hier mag das ganz normal sein, aber ich wohnte zu diesem Zeitpunkt in Polen und da war Karneval was außerordentliches. Ich ging, wie Jungs das nun mal so machen als Cowboy hin. Einer der Schulkameraden kam gekleidet wie ein Mädchen und ich war hin und weg, nein, nicht von ihm, aber von der Idee weibliche Kleidung zu tragen.
Von da an ließ mich der Gedanke nicht mehr los und weibliche Kleidung übte einen sehr starken Reiz auf mich aus.
Die Pubertät kam bei mir recht früh, vielleicht weil ich mich verantwortlich für meine Mutter fühlte, denn ich war nun mal der einzige Mann im Haushalt seit mein Vater gestorben ist. So war ich mit 11 oder 12 voll in der Pubertät und machte auch einen Schuss nach oben.
Als ich von der Körpergröße meine Mutter erreicht habe (nicht sonderlich schwer, denn sie ist nur 152cm groß) kam ich auf die Idee, dass ich mich doch an ihrem Kleiderschrank Mutter bedienen könnte. Vereinfacht wurde das Ganze dadurch, dass meine Mutter aufgrund ihres Berufes immer Nachts gearbeitet hat und ich seit dem Tod meines Vaters die Abende alleine verbringen durfte. Na ja bis auf die Nachbarin, die um neu Uhr Abends nach mir schaute. Zu diesem Zeitpunkt gab es in Polen in Tanzlokalen ganz oft Cover-Livebands welche die Besucher unterhalten haben und meine Mutter war Mitglied einer solchen Band. Also hatte ich sechs Tage die Woche Zeit Blödsinn zu veranstalten, wenn ich Zuhause alleine gewesen bin. Berufsbedingt war die Garderobe meiner Mutter auch nicht zu Verschmähen, also konnte ich mich so richtig austoben. Von der Unterwäsche, über ihre Kleider und Röcke, bis hin zu ihren Schuhen und Makeup.
Zum Glück hat meine Mutter das nie bemerkt, oder ich denke eher, sie wollte es nicht bemerken. Meine Mama weiß heute von meiner weiblichen Seite und wir sprechen ganz offen darüber. Ich habe ihr das dieses Jahr erzählt und sie sagte mir, es wäre ihr nie in den Sinn gekommen damals, dass ich ihre Sachen getragen hatte.
Doch es kam wie es kommen musste, ich bin irgendwann aus ihren Sachen herausgewachsen und konnte meine Leidenschaft nicht mehr fortsetzen.
Ungefähr zur selben Zeit beneidete ich auch immer wieder Mädchen für die Sachen die sie tragen durften, habe mir aber niemals was anmerken lassen. Nach Außen hin war ich ein ganz normaler pubertierender Junge. Das war ich auch irgendwo. Jungs oder Männer haben mich nicht wirklich interessiert, bis auf die Tatsache, dass ich manchmal erotische Fantasien hatte in denen ich die Frau an der Seite eines Mannes gewesen bin.
Irgendwann mit 12 oder 13 Jahren war ich dann im Kino und in Polen gab es damals die Wochenschau vor dem Hauptfilm. Dieses mal ging es um Transsexuelle und deren Weg im Leben inkl. Gerichtsbeschluss zur Namensänderung. In dieser einen Wochenschau wurden zwei MzF Transsexuelle gezeigt und ich dachte mir nur: WOW, das will ich sein!!!
1989 sind wir dann nach Deutschland umgezogen und für eine Zeitlang verlor sich mein Hobby mangels Möglichkeiten. Ab und an hatte ich noch den einen oder anderen erotischen Traum in dem es um Männer ging, aber sonst war ich ein ganz normaler männlicher Teenager. Männer sind und waren für diese Seite meiner Persönlichkeit weitgehendst uninteressant.
Dennoch war das Verlangen weibliche Kleidung zu tragen nicht weg, so dass ich eines Tages den Kleiderschrank meiner Mutter geplündert habe und mich in eines ihrer Kleider rein gezwängt hatte. Ich fand dieses Kleid so wunderschön, ich wollte auch so toll darin aussehen wie sie.
Leider habe ich nicht gut genug hinter mir Aufgeräumt und meiner Mutter ist aufgefallen, dass ich an ihren Sachen gewesen bin. Sie war total sauer, ich kam aber mit der Lüge davon, dass ich aus purer Neugier geschaut habe was sie in ihrem Schrank hat.
Die Zeit verging und meine feminine Seite schlummerte im Tiefschlaf bis ich dann 1995 in meine eigene Wohnung gezogen bin.
Ich kann mich erinnern, dass ich im Fernsehen einen Bericht gesehen habe in dem es um einen Jungen Mann aus München ging, der sich schminkte und oft auch als Frau unterwegs gewesen ist. Erstens fand ich diesen jungen Mann total ansprechend und zweitens wollte ich genau so ein Leben führen können. Ich habe mich allerdings nicht getraut, also blieb es dabei, dass ich nur ab und an eine Strumpfhose gekauft hatte und mich dabei wie ein totaler Perversling gefühlt habe. Wie oft habe ich die Sachen weggeworfen und mir geschworen ein ganz normaler Mann zu sein. Es hat niemals lange funktioniert.
1999 oder 2000 entdeckte ich das Internet und, dass es Tausende wenn nicht Millionen solcher Menschen wie mich gibt. Einige von Euch werden sicherlich noch das Susanna Marques TG Directory kennen. Ich war nicht alleine! Nach und nach fing ich an mich mit dem Thema zu beschäftigen und sogar mich im Chat als ein junges Mädchen auszugeben. Und was soll ich sagen, es war toll, ich spielte keine Rolle, ich war ich selbst und kam anscheinend auch gut bei den Leuten an. Es war übrigens ein ganz normaler banaler Chat in dem es nicht um Sex, sondern um alles Mögliche ging. Es gab sogar ab und an Treffen in Deutschland. Ich hatte mich dort ebenfalls auch als Mann angemeldet und bin dann 2001 zu einem dieser Treffen gefahren. Dort habe ich meine spätere Lebenspartnerin kennengelernt. Doch dazu später mehr.
Jedenfalls hatte ich mich dort in meiner Identität als Jessica auch in einen jungen Mann verliebt, rein über das Schreiben. (Ja ich weiß, ich bin naiv). Eines Tages habe ich meinen gesamten Mut zusammengenommen und ihm gebeichtet was mit mir los ist. Ihr werdet es nicht glauben, aber er hat das für sich behalten, denn er war ebenfalls ein Transgender. Eine Zeitlang haben wir eine Art Fernbeziehung geführt und bei seinen Besuchen bei mir ein wenig rumgemacht, aber es ging recht schnell vorbei. Wir beide kamen nur schlecht damit zurecht eine Schwule Beziehung zu führen. Das Ganze veranlasste mich aber dazu mehr über meine Identität nachzudenken und ob ich nicht den Weg einer Transsexuellen Person gehen möchte.
Dann kam das Chatter-treffen zu dem ich gefahren bin um die anderen Menschen kennenzulernen mit denen ich geschrieben habe. Natürlich wusste bis auf eine Person dort, niemand von meiner Doppelidentität. Hingefahren ist Marius und nicht Jessica.
Es war ein sehr schönes Treffen und es funkte zwischen mit und einer Frau aus Köln auf Anhieb. Wir haben zwar ab und zu davor schon miteinander geschrieben, aber seit diesem Wochenende, gingen wir uns beide nicht aus dem Kopf, knapp anderthalb Monate später waren wir zusammen und haben ein Jahr Fernbeziehung geführt bei der wir und nur alle zwei Wochen am Wochenende gesehen haben. Ich habe ihr von meiner weiblichen Seite erzählt, von meinen Wünschen weiblicher zu sein und kam zum Schluss, das ich damit leben kann wenn ich ein Mann bliebe, der sich ab und an verkleiden kann und seine Weibliche Seite ausleben kann. Meine Freundin hat mich damit sogar anfangs unterstützt und unternahm die notwendigen Einkäufe mit mir. 2002 bin ich zu ihr, nach Köln, gezogen.
Sie brachte zwei Kinder aus der geschiedenen Ehe in die Beziehung und wir bekamen 2003 einen Sohn. Ich war jetzt Vater und musste mich auf den Familienunterhalt konzentrieren. So verschwand die weibliche Seite erstmal langsam. Ich habe dann noch eine gewisse Zeitlang mich komplett um gestylt Abends und den Kindern haben wir erzählt, dass ich für Karneval übe. Irgendwann habe ich den Kindern erzählt, dass ich einfach Lust habe mich so anzuziehen und dass es einfach normal sein sollte, dass man Sachen tragen kann, die man mag.
Doch die Kinder wurden größer und um es den Kindern nicht zu erschweren, habe ich damit aufgehört. Ich glaube teilweise auch weil ich immer eine starke Diskrepanz zwischen meinem Aussehen und meinem Innerem gefühlt habe. Ich habe immer nur einen dicken Kerl im Fummel gesehen und niemals die Frau, welche ich in diesen Momenten in meinem Innerem fühlte.
Doch die Sehnsucht nach mehr Weiblichkeit verschwand nicht, ganz im Gegenteil, der Wunsch wurde immer stärker und die Auswirkungen immer drastischer. 2014 wurde mir bewusst, dass ich an extrem starken Depressionen und Burnout leide, eine der Ursachen ist sicherlich der Wunsch weiblicher zu sein und der damit verbundene Wunsch nach Anerkennung. Ich weiß nicht ob ich mir nicht irgendwann was angetan hätte, aber zu meinem Glück hörte ich eines Morgens im Radio die Meldung, dass sich der Schauspieler Robin Williams das Leben genommen hat. Und zu meinem Erschrecken war der einzige Gedanke der mir dann durch den Kopf ging: Der Glückliche, er hat es hinter sich!!!
Das war mein Weckruf und ich habe angefangen mich selbst zu analysieren und zu therapieren. Ich habe Vieles in meinem geändert, und bin ein ganz anderer Mensch geworden, doch der Wunsch weiblicher zu sein, hat mich niemals verlassen und wurde immer stärker, was leider immer wieder zu Rückfällen in depressive Phasen geführt hat. Ebenso habe ich wohl mehr unbewusst meine Lebenspartnerin auf den Abstellgleis gestellt und mich nur noch auf den ewigen Kampf konzentriert, damit ich einfach weiter leben kann. Irgendwann letztes Jahr kam der Punkt an dem ich sagte, endlich geht es mir wieder gut und ich will Leben. Die Depressionen waren besiegt und die einzige Baustelle die mich noch belastete was meine Transidentität. Aber solange nur dieses Problem existierte war es handlebar- Da habe ich auch erkannt, dass ich meine Lebenspartnerin verlieren werde, wenn ich nichts ändere und habe wieder angefangen mich ihr anzunähern. Doch leider wie es sich Anfang August dieses Jahres herausgestellt hat, war es bereits zu spät. Sie hat mich Anfang August verlassen und erklärt, dass sie lange still um meine Liebe gekämpft hat, aber das Leben mit mir wohl eher wie in einer Wohngemeinschaft gewesen ist. Sie hat sich leider neu verliebt.
Für mich und unseren gemeinsamen Sohn ist in diesem Moment eine Welt zusammengebrochen. Sie hat uns verlassen. Ich habe anfangs gelitten ohne Ende, aber irgendwann kam der Punkt an dem ich es akzeptieren musste/konnte. Das Leben geht weiter. Doch ich habe die Rechnung ohne meine verkorkste Seite gemacht, denn Ende September kam der lang unterdrückte Wunsch heraus, meine weibliche Seite zu ergründen, nein nicht nur mich anders zu kleiden, sondern auch das Äußere mehr dem einer Frau anzupassen, ein Wunsch der schon so lange in meinem Geist herumschwirrte aber den ich immer unterdrücken konnte, weil ich mich für das Leben als Mann an der Seite einer Frau entschieden habe. Doch dieser Anker ist jetzt weg und der Geist ist im Moment aus der Flasche und ich weiß nicht weiter. Ich habe eine andere Frau getroffen, welche an mir interessiert ist und bin gerade dabei das Ganze abzubrechen weil der Wunsch danach zumindest teilweise das Leben einer Frau zu führen im Moment so stark ist, dass mir das wichtiger ist, als eine Frau an meiner Seite zu haben.
Ich habe Angst mit meinem Sohn darüber zu sprechen, und das obwohl ich denke, dass er damit souverän umgehen könnte, denn wir haben die Kinder von Anfang an so erzogen, dass sie niemals Angst davor haben sollten sich zu outen, falls sie homosexuell oder transident sein sollten. Ich habe Angst, dass er dann zu seiner Mutter ziehen will und sich am Ende von uns beiden im Stich gelassen fühlt. (Er ist bei mir geblieben und hat ein großes Problem mit der Entscheidung seiner Mutter)
Ich weiß nicht weiter.
Ich bewundere alle Menschen die sich getraut haben ihren Weg zu gehen, egal wie schwierig dieser gewesen sein mag und am Ende herausgefunden haben, was oder wer sie sind. Ich habe Angst davor. Ich habe Angst davor herauszufinden, dass meine weibliche Seite nur das Ergebnis irgendeiner Störung sein könnte und ich nicht Transsexuell bin. Ich habe Angst herauszufinden, dass ich als Frau genauso unglücklich sein würde wie eigentlich bisher in meinem Leben als Mann. Ja ich hatte viel Glück im Leben und kann mich eigentlich nicht beschweren, aber ich war niemals richtig glücklich.
Ich wünschte mir es gäbe eine Möglichkeit eine Pille zu nehmen und dann geht man ins Bett und am nächsten Morgen weiß man ganz klar wer man ist. Egal ob Mann oder Frau. Ich möchte, dass dieser Kampf und diese Sehnsucht einfach aufhören.
Bitte verzeiht mir diese Wall of Text, aber ich trage das schon so lange mit mir herum, ich musste es einfach loswerden.
Liebe Grüße
MJP
seit etwa dreißig Jahre beschäftigt mich das Thema meiner sexuellen Identität und mittlerweile ist es eine Qual. Tja, wo soll ich anfangen"¦
Ich wusste schon immer irgendwie, dass ich anders bin. Schon als Kind wollte ich oft jemand anderes sein, nur nicht ich selbst. Und schon als Kind hatte ich mit meinen Emotionen zu kämpfen.
Meine ersten Erfahrungen mit dem Tragen von Mädchensachen habe ich im Alter von 5 oder 6 Jahren gemacht. Einmal war ich im Spätsommer mit meiner Mutter unterwegs und am Ende haben wir meine Oma besucht. Leider wurde es etwas später und meine Mutter machte sich Sorgen, dass ich auf dem Weg nach Hause frieren würde, also beschlossen meine Mutter und meine Oma, dass ich eine Strumpfhose anziehen soll, damit mir nicht kalt wird. Ich kann mich an die Details nicht besonders gut erinnern, aber ich weiß noch dass ich mich mit allen Kräften dagegen gewehrt habe, denn Jungs tragen keine Mädchensachen und Strumpfhosen sind nun mal Mädchensachen. Allem Widerstand zum Trotz musste ich mich in mein Schicksal ergeben und den Weg nach Hause in einer Hautfarbenen Strumpfhose meiner Oma? Antreten. Wie gesagt an die Details kann ich mich nicht besonders gut erinnern. Aber an das interessante Gefühl der Strumpfhose an meinen Beinen als wir mit dem Bus nach Hause gefahren sind.
Das andere Mal war in der Vorschule. Ich habe in der Nachbarschaft eine Freundin gehabt welche mit mir in die Vorschule gegangen ist, und so ergab es sich, dass wir sehr viel miteinander gespielt haben. Eines Abends war ich bei ihr Zuhause spielen und sie wollte mit mir Gummitwist spielen, was ich verneint habe, denn Jungs machen nun mal keine Mädchensachen. Sie und ihre Oma meinten dann, dass ich doch ein Kleid von meiner Freundin anziehen könnte und wir beide dann Mädchen wären. Erstaunlicherweise war ich damit einverstanden und habe diesen Abend bei Ihr als Mädchen verbracht, sehr zum Erstaunen meiner Mutter, als mich diese abgeholt hat.
Ich kann mich leider nicht genau erinnern ob zuerst mein Vater gestorben ist, oder ich die feminine Seit in mir entdeckt habe. Mein Paps starb leider an einem Herzinfarkt vor meinen Augen als ich nicht ganz 10 Jahre gewesen bin.
Wir hatten Karneval in der Schule. Hier mag das ganz normal sein, aber ich wohnte zu diesem Zeitpunkt in Polen und da war Karneval was außerordentliches. Ich ging, wie Jungs das nun mal so machen als Cowboy hin. Einer der Schulkameraden kam gekleidet wie ein Mädchen und ich war hin und weg, nein, nicht von ihm, aber von der Idee weibliche Kleidung zu tragen.
Von da an ließ mich der Gedanke nicht mehr los und weibliche Kleidung übte einen sehr starken Reiz auf mich aus.
Die Pubertät kam bei mir recht früh, vielleicht weil ich mich verantwortlich für meine Mutter fühlte, denn ich war nun mal der einzige Mann im Haushalt seit mein Vater gestorben ist. So war ich mit 11 oder 12 voll in der Pubertät und machte auch einen Schuss nach oben.
Als ich von der Körpergröße meine Mutter erreicht habe (nicht sonderlich schwer, denn sie ist nur 152cm groß) kam ich auf die Idee, dass ich mich doch an ihrem Kleiderschrank Mutter bedienen könnte. Vereinfacht wurde das Ganze dadurch, dass meine Mutter aufgrund ihres Berufes immer Nachts gearbeitet hat und ich seit dem Tod meines Vaters die Abende alleine verbringen durfte. Na ja bis auf die Nachbarin, die um neu Uhr Abends nach mir schaute. Zu diesem Zeitpunkt gab es in Polen in Tanzlokalen ganz oft Cover-Livebands welche die Besucher unterhalten haben und meine Mutter war Mitglied einer solchen Band. Also hatte ich sechs Tage die Woche Zeit Blödsinn zu veranstalten, wenn ich Zuhause alleine gewesen bin. Berufsbedingt war die Garderobe meiner Mutter auch nicht zu Verschmähen, also konnte ich mich so richtig austoben. Von der Unterwäsche, über ihre Kleider und Röcke, bis hin zu ihren Schuhen und Makeup.
Zum Glück hat meine Mutter das nie bemerkt, oder ich denke eher, sie wollte es nicht bemerken. Meine Mama weiß heute von meiner weiblichen Seite und wir sprechen ganz offen darüber. Ich habe ihr das dieses Jahr erzählt und sie sagte mir, es wäre ihr nie in den Sinn gekommen damals, dass ich ihre Sachen getragen hatte.
Doch es kam wie es kommen musste, ich bin irgendwann aus ihren Sachen herausgewachsen und konnte meine Leidenschaft nicht mehr fortsetzen.
Ungefähr zur selben Zeit beneidete ich auch immer wieder Mädchen für die Sachen die sie tragen durften, habe mir aber niemals was anmerken lassen. Nach Außen hin war ich ein ganz normaler pubertierender Junge. Das war ich auch irgendwo. Jungs oder Männer haben mich nicht wirklich interessiert, bis auf die Tatsache, dass ich manchmal erotische Fantasien hatte in denen ich die Frau an der Seite eines Mannes gewesen bin.
Irgendwann mit 12 oder 13 Jahren war ich dann im Kino und in Polen gab es damals die Wochenschau vor dem Hauptfilm. Dieses mal ging es um Transsexuelle und deren Weg im Leben inkl. Gerichtsbeschluss zur Namensänderung. In dieser einen Wochenschau wurden zwei MzF Transsexuelle gezeigt und ich dachte mir nur: WOW, das will ich sein!!!
1989 sind wir dann nach Deutschland umgezogen und für eine Zeitlang verlor sich mein Hobby mangels Möglichkeiten. Ab und an hatte ich noch den einen oder anderen erotischen Traum in dem es um Männer ging, aber sonst war ich ein ganz normaler männlicher Teenager. Männer sind und waren für diese Seite meiner Persönlichkeit weitgehendst uninteressant.
Dennoch war das Verlangen weibliche Kleidung zu tragen nicht weg, so dass ich eines Tages den Kleiderschrank meiner Mutter geplündert habe und mich in eines ihrer Kleider rein gezwängt hatte. Ich fand dieses Kleid so wunderschön, ich wollte auch so toll darin aussehen wie sie.
Leider habe ich nicht gut genug hinter mir Aufgeräumt und meiner Mutter ist aufgefallen, dass ich an ihren Sachen gewesen bin. Sie war total sauer, ich kam aber mit der Lüge davon, dass ich aus purer Neugier geschaut habe was sie in ihrem Schrank hat.
Die Zeit verging und meine feminine Seite schlummerte im Tiefschlaf bis ich dann 1995 in meine eigene Wohnung gezogen bin.
Ich kann mich erinnern, dass ich im Fernsehen einen Bericht gesehen habe in dem es um einen Jungen Mann aus München ging, der sich schminkte und oft auch als Frau unterwegs gewesen ist. Erstens fand ich diesen jungen Mann total ansprechend und zweitens wollte ich genau so ein Leben führen können. Ich habe mich allerdings nicht getraut, also blieb es dabei, dass ich nur ab und an eine Strumpfhose gekauft hatte und mich dabei wie ein totaler Perversling gefühlt habe. Wie oft habe ich die Sachen weggeworfen und mir geschworen ein ganz normaler Mann zu sein. Es hat niemals lange funktioniert.
1999 oder 2000 entdeckte ich das Internet und, dass es Tausende wenn nicht Millionen solcher Menschen wie mich gibt. Einige von Euch werden sicherlich noch das Susanna Marques TG Directory kennen. Ich war nicht alleine! Nach und nach fing ich an mich mit dem Thema zu beschäftigen und sogar mich im Chat als ein junges Mädchen auszugeben. Und was soll ich sagen, es war toll, ich spielte keine Rolle, ich war ich selbst und kam anscheinend auch gut bei den Leuten an. Es war übrigens ein ganz normaler banaler Chat in dem es nicht um Sex, sondern um alles Mögliche ging. Es gab sogar ab und an Treffen in Deutschland. Ich hatte mich dort ebenfalls auch als Mann angemeldet und bin dann 2001 zu einem dieser Treffen gefahren. Dort habe ich meine spätere Lebenspartnerin kennengelernt. Doch dazu später mehr.
Jedenfalls hatte ich mich dort in meiner Identität als Jessica auch in einen jungen Mann verliebt, rein über das Schreiben. (Ja ich weiß, ich bin naiv). Eines Tages habe ich meinen gesamten Mut zusammengenommen und ihm gebeichtet was mit mir los ist. Ihr werdet es nicht glauben, aber er hat das für sich behalten, denn er war ebenfalls ein Transgender. Eine Zeitlang haben wir eine Art Fernbeziehung geführt und bei seinen Besuchen bei mir ein wenig rumgemacht, aber es ging recht schnell vorbei. Wir beide kamen nur schlecht damit zurecht eine Schwule Beziehung zu führen. Das Ganze veranlasste mich aber dazu mehr über meine Identität nachzudenken und ob ich nicht den Weg einer Transsexuellen Person gehen möchte.
Dann kam das Chatter-treffen zu dem ich gefahren bin um die anderen Menschen kennenzulernen mit denen ich geschrieben habe. Natürlich wusste bis auf eine Person dort, niemand von meiner Doppelidentität. Hingefahren ist Marius und nicht Jessica.
Es war ein sehr schönes Treffen und es funkte zwischen mit und einer Frau aus Köln auf Anhieb. Wir haben zwar ab und zu davor schon miteinander geschrieben, aber seit diesem Wochenende, gingen wir uns beide nicht aus dem Kopf, knapp anderthalb Monate später waren wir zusammen und haben ein Jahr Fernbeziehung geführt bei der wir und nur alle zwei Wochen am Wochenende gesehen haben. Ich habe ihr von meiner weiblichen Seite erzählt, von meinen Wünschen weiblicher zu sein und kam zum Schluss, das ich damit leben kann wenn ich ein Mann bliebe, der sich ab und an verkleiden kann und seine Weibliche Seite ausleben kann. Meine Freundin hat mich damit sogar anfangs unterstützt und unternahm die notwendigen Einkäufe mit mir. 2002 bin ich zu ihr, nach Köln, gezogen.
Sie brachte zwei Kinder aus der geschiedenen Ehe in die Beziehung und wir bekamen 2003 einen Sohn. Ich war jetzt Vater und musste mich auf den Familienunterhalt konzentrieren. So verschwand die weibliche Seite erstmal langsam. Ich habe dann noch eine gewisse Zeitlang mich komplett um gestylt Abends und den Kindern haben wir erzählt, dass ich für Karneval übe. Irgendwann habe ich den Kindern erzählt, dass ich einfach Lust habe mich so anzuziehen und dass es einfach normal sein sollte, dass man Sachen tragen kann, die man mag.
Doch die Kinder wurden größer und um es den Kindern nicht zu erschweren, habe ich damit aufgehört. Ich glaube teilweise auch weil ich immer eine starke Diskrepanz zwischen meinem Aussehen und meinem Innerem gefühlt habe. Ich habe immer nur einen dicken Kerl im Fummel gesehen und niemals die Frau, welche ich in diesen Momenten in meinem Innerem fühlte.
Doch die Sehnsucht nach mehr Weiblichkeit verschwand nicht, ganz im Gegenteil, der Wunsch wurde immer stärker und die Auswirkungen immer drastischer. 2014 wurde mir bewusst, dass ich an extrem starken Depressionen und Burnout leide, eine der Ursachen ist sicherlich der Wunsch weiblicher zu sein und der damit verbundene Wunsch nach Anerkennung. Ich weiß nicht ob ich mir nicht irgendwann was angetan hätte, aber zu meinem Glück hörte ich eines Morgens im Radio die Meldung, dass sich der Schauspieler Robin Williams das Leben genommen hat. Und zu meinem Erschrecken war der einzige Gedanke der mir dann durch den Kopf ging: Der Glückliche, er hat es hinter sich!!!
Das war mein Weckruf und ich habe angefangen mich selbst zu analysieren und zu therapieren. Ich habe Vieles in meinem geändert, und bin ein ganz anderer Mensch geworden, doch der Wunsch weiblicher zu sein, hat mich niemals verlassen und wurde immer stärker, was leider immer wieder zu Rückfällen in depressive Phasen geführt hat. Ebenso habe ich wohl mehr unbewusst meine Lebenspartnerin auf den Abstellgleis gestellt und mich nur noch auf den ewigen Kampf konzentriert, damit ich einfach weiter leben kann. Irgendwann letztes Jahr kam der Punkt an dem ich sagte, endlich geht es mir wieder gut und ich will Leben. Die Depressionen waren besiegt und die einzige Baustelle die mich noch belastete was meine Transidentität. Aber solange nur dieses Problem existierte war es handlebar- Da habe ich auch erkannt, dass ich meine Lebenspartnerin verlieren werde, wenn ich nichts ändere und habe wieder angefangen mich ihr anzunähern. Doch leider wie es sich Anfang August dieses Jahres herausgestellt hat, war es bereits zu spät. Sie hat mich Anfang August verlassen und erklärt, dass sie lange still um meine Liebe gekämpft hat, aber das Leben mit mir wohl eher wie in einer Wohngemeinschaft gewesen ist. Sie hat sich leider neu verliebt.
Für mich und unseren gemeinsamen Sohn ist in diesem Moment eine Welt zusammengebrochen. Sie hat uns verlassen. Ich habe anfangs gelitten ohne Ende, aber irgendwann kam der Punkt an dem ich es akzeptieren musste/konnte. Das Leben geht weiter. Doch ich habe die Rechnung ohne meine verkorkste Seite gemacht, denn Ende September kam der lang unterdrückte Wunsch heraus, meine weibliche Seite zu ergründen, nein nicht nur mich anders zu kleiden, sondern auch das Äußere mehr dem einer Frau anzupassen, ein Wunsch der schon so lange in meinem Geist herumschwirrte aber den ich immer unterdrücken konnte, weil ich mich für das Leben als Mann an der Seite einer Frau entschieden habe. Doch dieser Anker ist jetzt weg und der Geist ist im Moment aus der Flasche und ich weiß nicht weiter. Ich habe eine andere Frau getroffen, welche an mir interessiert ist und bin gerade dabei das Ganze abzubrechen weil der Wunsch danach zumindest teilweise das Leben einer Frau zu führen im Moment so stark ist, dass mir das wichtiger ist, als eine Frau an meiner Seite zu haben.
Ich habe Angst mit meinem Sohn darüber zu sprechen, und das obwohl ich denke, dass er damit souverän umgehen könnte, denn wir haben die Kinder von Anfang an so erzogen, dass sie niemals Angst davor haben sollten sich zu outen, falls sie homosexuell oder transident sein sollten. Ich habe Angst, dass er dann zu seiner Mutter ziehen will und sich am Ende von uns beiden im Stich gelassen fühlt. (Er ist bei mir geblieben und hat ein großes Problem mit der Entscheidung seiner Mutter)
Ich weiß nicht weiter.
Ich bewundere alle Menschen die sich getraut haben ihren Weg zu gehen, egal wie schwierig dieser gewesen sein mag und am Ende herausgefunden haben, was oder wer sie sind. Ich habe Angst davor. Ich habe Angst davor herauszufinden, dass meine weibliche Seite nur das Ergebnis irgendeiner Störung sein könnte und ich nicht Transsexuell bin. Ich habe Angst herauszufinden, dass ich als Frau genauso unglücklich sein würde wie eigentlich bisher in meinem Leben als Mann. Ja ich hatte viel Glück im Leben und kann mich eigentlich nicht beschweren, aber ich war niemals richtig glücklich.
Ich wünschte mir es gäbe eine Möglichkeit eine Pille zu nehmen und dann geht man ins Bett und am nächsten Morgen weiß man ganz klar wer man ist. Egal ob Mann oder Frau. Ich möchte, dass dieser Kampf und diese Sehnsucht einfach aufhören.
Bitte verzeiht mir diese Wall of Text, aber ich trage das schon so lange mit mir herum, ich musste es einfach loswerden.
Liebe Grüße
MJP