Vicky_Rose hat geschrieben: Fr 3. Mai 2019, 10:25
Und in der Arbeitswelt gehört auch ein deutliches Maß an Gewohnheit dazu. Irgendwann verstummen die Stimmen, die es definitiv gibt.
Im besten Fall verstummen die
hörbaren Stimmen. Das Gerede hinter vorgehaltener Hand geht unvermindert weiter. Damit das niemals endet, gibt es wahre 'Netzwerke' von eifrigen Kolleginnen und Kollegen, die dafür Sorge tragen, die neue Belegschaft innerhalb von zwei bis spätestens drei Wochen (bei ca. 200 Personen) gewissenhaft zu briefen. Wer als ahnungsloser Mann zuvor unwissend die Transfrau angeflirtet hat, wird im Kreise der 'Wissenden' kräftig ausgelacht und vielleicht als 'schwul' hingestellt. Dann steigt die Wut auf die Transperson, die armen Cis-Männer derart hinterlistig zu täuschen, anstatt ein gut lesbares Schild um den Hals zu tragen
'Achtung! Ich bin kein Mensch, ich habe mich nur als solcher verkleidet.'
Die Thematik ist leider kein Hirngespinst, sondern findet sogar bei Mobbingfällen unter Cis-Menschen gleichartige Auswüchse. Die 'Vernetzung' derer, von denen die Gewalt ausgeht, verbessert sich stetig. Innerhalb einer Verwaltungssparte von Behörden desselben Bundeslandes ist es darum sehr wahrscheinlich, dass ein Mobbing-Opfer bereits an seinem ersten Arbeitstag in der neuen Behörde auf verbrannter Erde steht. Der Horror geht weiter, nur mit anderen Leuten. Und das gilt ebenso für Trans*Personen, woran der von vornherein sauber ausgehebelte -§5 Abs. 1 TSG und div. (Un-)Rechtsprechung ebenfalls ihren Anteil haben.
Ich hatte letztens ein Gespräch mit einer Dame aus der übergeordneten Personalabteilung, die einen landesweiten Überblick genießen darf. Danach hab ich geheult. Meine schlimmen Befürchtungen waren eher noch zu kurz gegriffen ...
Darum ist es nur allzu verständlich, dass die meisten ein Coming Out auf Arbeit vermeiden. Das Überleben in vergiftetem Klima gelingt nicht ewig. Die Transfrauen, von denen ich weiß, waren alle schlauer als ich: Sie verschwanden 6-12 Monate komplett von der Bildfläche, um danach mehr oder weniger "fertig" in einer anderen Fachbehörde desselben Landes oder sogar in einem anderen Bundesland wieder aufzutauchen.
Und dann gibt es natürlich die
Stimmen im Kopf. In einer Umgebung, wo die Hälfte der Beschäftigten noch die Männer-Imago von früher kennt und der Rest der Leute umfangreich gebrieft ist, entsteht ein tödliches Kopfkino, das leider doch mehr ist als Kino: Jeder Blick, jede Geste wird automatisch darauf bezogen, dass einen alle stets auf die Vergangenheit reduzieren. Es geht soweit, dass selbst die Wände und Flure anklagen:
'Du bist derjenige, der versucht, die Leute zu täuschen. Aber alle wissen, als was du geboren wurdest! Nur das zählt und wird auf ewig in allen Köpfen eingebrannt sein!'
Das Perverse daran ist, dass selbst Männer, die mich nur kurz und flüchtig von damals kannten, regelrecht verbissen am alten Bild festhalten! Es bereitet ihnen die unangenehmsten Komplexe, mir als Frau zu begegnen, mich in Röcken und Kleidern geschminkt mit Damenfrisur zu sehen. Das Geständnis hab ich von jemandem, den ich rethorisch zu etwas Klartext veranlasst hatte ...
Die Arbeit ist das negative Spiegelbild zum sonstigen Alltagsleben: Dort werde ich so gelesen, wie ich bin - keine Vorurteile, woher auch. Die Arbeit verzerrt alles, bis der Spiegel zerspringt ... Ohne ein positives Gegenbild außerhalb des Jobs geht alles kaputt. Es ist wie bei Mobbingopfern, die ein starkes privates Gegengewicht mit vielen - vor allem neuen und damit unvoreingenommenen - sozialen Kontakten aufbauen müssen, um sich nicht die Seele von Kolleginnen und Kollegen zertrampeln zu lassen. Oder sie fallen in den warmen Schoß einer treusorgenden Familie, die sie aufbaut. Das ist die einzige mir bekannte Chance (die ein Weiterleben ermöglicht).
Meine Erfahrung ist deshalb, dass man sich selbst und ebenso der Umgebung einen großen Gefallen damit tut, Coming Out und Transition
nicht am bisherigen Arbeitsort durchzuziehen. Ein wirklicher Neuanfang ist dort keinesfalls möglich. Niemand begreift, dass nicht die jetzige äußere Erscheinung eine Täuschung ist, sondern dass es im Gegenteil die alte war! Das übersteigt ganz klar die Anforderungen an Mitmenschen im Job - logisch, wenn in vielen Fällen selbst der eigene private Kreis nur Ausgrenzung, Ablehnung und Gewalt kennt.
-Diva