susanneb hat geschrieben: Fr 13. Apr 2018, 18:19
Hallo,
Heute Morgen war ich in Hagen unterwegs. Dort bin ich öfter, meist am Vormittag. Ich habe da so meinen Ablauf, ist immer sehr entspannt.
Auf einmal werde ich von einer Frau von hinten angesprochen. Ob sie mir mal was sagen dürfte. Meine erste Vermutung war, die ist sich nicht sicher was ich bin und will nun meine Stimme hören. Meine zweite war, da ist irgendetwas mit meiner Kleidung nicht in Ordnung, und sie möchte mich darauf hinweisen.
Ich drehe mich um, und die junge Frau meint ich solle meinen Weg weitergehen. Ihr Chefin wäre den Weg schon gegangen.
Verwirrt antworte ich, dass ich nicht verstehe was sie meint, und ich würde meinen Weg schon gehen. Dann bin ich gegangen.
Danach war ich so verwirrt, dass ich mich auf eine Bank gesetzt habe, und darüber nachgedacht habe. Nun ist mir klar, dass ich spätestens auf dem 2. Blick erkennbar keine Frau bin. Blicke bin ja gewohnt. Aber das man mich anspricht ist neu. Ich denke, sie hat es gut gemeint, und ich hätte vielleicht mich nicht so schnell von dannen machen sollen. Ist nun nicht mehr zu ändern.
Hat jemand schon mal ähnliches erlebt, und was haltet ihr davon?
LG
Susanne
Hallo Susanne,
in deinen Beiträgen bezeichnest du dich selbst manchmal als TV, im Profil steht CD - aber dein Text hätte nach meiner Auffassung ebenso von einer "Transfrau" geschrieben sein können. Da ich mich selbst wohl am ehesten als "Transfrau", also transidente Frau, bezeichnen würde, hoffe ich, aus meiner Sicht nichts zu schreiben, was den Auffassungen von TV / CD zuwider läuft. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass mitunter Welten dazwischen liegen.
Aber der Kern der kleinen Episode liegt nach meinem Verständnis in dem, was allgemein als
Passing bezeichnet wird. Dieses Thema ist wohl bei TV / CD / TG außer non-binary gleichermaßen zentral. Du wurdest
erkannt, hast dich vielleicht sogar "ertappt" gefühlt, warst stark verunsichert und wurdest obendrein auch noch direkt auf das Thema, das eigentlich im Verborgenen bleiben sollte, angesprochen.
Erlebt habe ich so etwas bislang weder in meiner Zeit als TZF / PTL noch jetzt als VZF / FTL. Ich kann nur die zweite Frage beantworten, was ich davon halte:
Du schreibst, es wäre eingangs eine sehr entspannte Atmosphäre gewesen. Sicher warst du optimal zurechtgemacht, mit der gewohnten Routine und das "erste Mal" liegt ja sicher auch schon lange zurück. Trotzdem bleibt ein Rest der zum Anfang noch viel größer gewesenen Anspannung. Unbewusst werden alle Anzeichen eines "Entdecktwerdens" gecheckt, jede Reaktion der Umwelt verleitet dazu, alles auf sich selbst und das Trans-Thema zu beziehen. Diese Sachen klingen zwar mit der Zeit ab, aber sie hören vermutlich - und nach dem zu urteilen, was einige ehrliche und der Selbstkritik fähige transidente Frauen in ihren Blogs schreiben - niemals auf.
Deshalb war dein erster Gedanke, als du von hinten angesprochen wurdest, dass dein
Passing nicht okay sein könnte und nun der abgeklapperte Stimmtest folgen würde. Ich würde deshalb meinen, dass du noch auf dem Weg bist, dein Selbstbewusstsein und deine Authentizität als Frau in der Öffentlichkeit zu finden.
Es ist kein Zeichen von Schwäche, "erkannt" zu werden. Es gibt keinen Grund, deshalb in Verzweiflung zu stürzen! Dann bist du ebenso wie 99% aller anderen auch jemand, die auf den 2. Blick als keine Biofrau identifiziert werden - na und?
Jede hat vermutlich am Anfang die geheime Hoffnung, einfach so als geborene Frau durchzugehen. Das ist normal. Die Erkenntnis, dass es nicht so ist, reift mit jedem Erlebnis, das das Gegenteil beweist. Die Frage ist, wie damit umgegangen wird. Manche schalten komplett auf Ignorieren, gehen durch die Welt, ohne irgendetwas um sich herum noch wahrzunehmen und umgeben sich quasi mit einem "Schutzschild", an dem alles abprallt. Die Umwelt wäre "egal" und sie würden "eigentlich gar nicht mehr darauf achten".
Andere marschieren mit extremstem Selbstbewusstsein durch gaffende Menschenansammlungen und verkünden mit dröhnendem Bass unter goldlockiger Langhaarperücke: "Keiner kuckt, alles super, alles nur Kopfkino!"
Manche verfügen auch über die angeborene Fähigkeit, sich gewisse Dinge mit solcher Überzeugung selbst einzureden, dass sie daran glauben und mitunter andere mit ihren vermeintlichen Weisheiten einer gnadenlosen Selbstüberschätzung missionieren zu wollen.
Wer weniger Selbstbewusstsein hat, verkriecht sich erstmal, weint, ist verzweifelt, geht schließlich doch wieder raus - und wird irgendwann vielleicht zur Fraktion "Schutzschild" oder "Kopfkino" wechseln, um zu überleben.
Andere arbeiten hart an sich, probieren neues Make-up, Frisuren und Outfits aus - und gehen erneut raus, um auch beim nächsten unschönen Erlebnis trotzdem wieder aufstehen zu können.
Aber was heißt denn das schreckliche Wort
Passing überhaupt? Es bedeutet, unerkannt, unbeachtet in der Masse anonym unterzutauchen und sich dadurch dem stupiden, festgemeißelten binärem Geburts-Geschlechtersystem der Gesellschaft, das für Trans* keinen Platz hat, kompromisslos unterzuordnen. Für mich hat das den ziemlich üblen Beigeschmack von Selbstverleugnung. Im gleichen Maß, in dem einem vermeintlich perfekten Passing nachgejagt wird, wird das Beharren auf dem erstarrten gesellschaftlichen Geschlechtermodell gestärkt, das wir - dank besseren Wissens aus eigener Erfahrung - bekämpfen.
Egal, was wir auch unternehmen - es wird immer jemand da sein, der uns "enttarnt". Lediglich die Häufigkeit dieser Vorkommnisse kann erheblich reduziert werden. Nachdem ich z.B. endlich auch ohne Epi meinen Bartschatten unsichtbar machen konnte, der mir trotz der Winzigkeit nach meinem Empfinden wirklich alles versaute, gingen die prüfenden oder erkennenden Blicke massiv zurück. Aber zu glauben, das würde komplett aufhören, ist reines Wunschdenken. Einige sehr ehrliche Berichte im Netz von Transfrauen nach jahrelanger HET und folgender GAOP, ja sogar plastischer Chirurgie, bestätigen, dass noch immer gekuckt wird - nur eben in vermindertem Umfang.
Vor unsereins und Leuten, die Trans* aus eigener Erfahrung kennen - so wie die Frau, die dich angesprochen hat - sind wir vor einer "Enttarnung" niemals sicher. Gleich und gleich erkennt sich nun mal, weil wir auf Details achten, die Cis-Menschen gar nicht bekannt sind (z.B. Form und Ausprägung des Adamsapfels).
Deshalb ist es meines Erachtens so wichtig, das gesunde Maß des
Passings für sich selbst herauszufinden. Für selbstkritische Menschen bedeutet das harte Arbeit. Einerseits muss der eigene Narzissmus befriedigt, andererseits will es gelernt werden, nicht perfekt zu sein. Sich selbst permanent etwas vorzumachen, nutzt ebenso wenig, wie ständig komplett abzustürzen und in Verzweiflung zu versinken, denn beides ist meiner Meinung nach keine Lösung, die auf Dauer ohne psychische Schäden durchzuhalten geht.
Das Thema "Authentizität" hat für uns eine enorme Bedeutung, weil es das Gesamtpaket, in dem wir wahrgenommen werden, ganz entscheidend mitbestimmt. Wie viele unserer Cis-Mitmenschen sind denn authentisch? Die meisten spielen irgendeine Rolle und sind häufig mehr oder weniger unzufrieden damit. Aber denen fällt die Sache nicht derart extrem auf die Füße als uns.
Heutzutage gibt es durch massive laienpsychologische Schulungen in Unternehmen stetig mehr Leute, die recht gut dazu in der Lage sind zu erkennen, ob jemand auswendig gelernte Gesten praktiziert oder sich nach einem einstudierten Muster bewegt. Andere erfassen das auch rein instinktiv. Deshalb bringt das ganze Nachahmen der holden Weiblichkeit meines Erachtens nicht sonderlich viel. Dagegen wirkt es manchmal Wunder, einfach den eigenen Vorstellungen freien Lauf zu lassen, sich komplett locker zu machen.
Sei einfach du selbst, versuche dein ausgewogenes Maß zwischen den eigenen Ansprüchen und dem Möglichen zu finden, ohne dich zu verbiegen. Es ist dir gelungen, wenn du beim nächsten Mal, falls dich jemand von hinten anspricht, zuerst den Gedanken hast, dass jemand deine Hilfe braucht.
LG
Semele