Der (zu) lange Weg zur Wahrheit
Verfasst: Fr 7. Jul 2017, 22:54
Ich lese bereits seit ein paar Monaten hier im Forum mit. Die Idee mich hier zu outen existiert fast genau so lange. Wie es scheint, ist die Zeit nun endlich gekommen. Jetzt schreib ich euch erst mal die Haare glatt und heule mich mal aus. Ich schiebe das eh schon viel zu lange vor mir her. Warum noch länger warten?
Damenkleidung fasziniert mich bereits seit der Pubertät - wahrscheinlich aber schon davor. Ab einem gewissen Alter verlassen einen ja schon mal die Erinnerungen. Das etwas nicht stimmt war mir schon damals klar - nur gab es niemanden der mir das Erklären oder mit dem ich darüber hätte reden können. Soweit, so klassisch. Und bevor jemand fragt: Mamas Strumpfhosen waren toll. Und die Unterarm langen Samthandschuhe erst... Wow. Von den Röcken rede ich gar nicht erst.
Mich so akzeptiert, wie ich nun mal bin, hab ich mich allerdings erst über ein viertel Jahrhundert später.
Irgendwann tummelten sich im meinem Kleiderschrank bereits ein paar selbst erworben, "unpassende" Kleidungsstücke nur mal so zum "ausprobieren wie das so ist". Und selbst zu dieser Zeit konnte und wollte ich mir einfach nicht eingestehen, das ich wohl mindestens das bin was man einen Crossdresser nennt und ich es niemals werde ändern können. Es konnte einfach nicht sein, was nicht sein durfte. So simpel wie blöd. Vermutlich wird die erzkonservative Umgebung in der ich Lebe dazu beigetragen haben. Ständig dumme Sprüche und Unverständnis über alles und jeden der nicht ins Weltbild passt. Hauptsächlich stand ich mir mit meiner Angst vor der Wahrheit aber selber im Weg. Also hab ich mir immer und immer wieder eingeredet: Jetzt sei keine Enttäuschung! Sei ein Mann wie es erwartet wird! Verdränge es! Das ist nur eine Phase, die geht bald vorbei.
Ging sie aber nicht. Die Phase wurde immer länger und länger. Und dann noch länger. Erst Jahre, dann Jahrzehnte. Ich könnte schon wieder heulen beim Schreiben. So viele verlorene Jahre...
Also hab ich mir und allen Anderen gegenüber eine Lüge gelebt. Bei den Anderen wird sich daran wohl nichts ändern — so leid es mir auch tut. Obwohl es mir in letzter Zeit immer häufiger — unbewusst vielleicht sogar absichtlich — passiert, dass ich diverse für einen alleinstehenden Mann unpassende Sachen "vergesse" wegzuräumen.Da stehen schon mal Nagellackfläschchen im Regal, die Perlenkette liegt im Sessel, der Damenrasierer auf dem Wohnzimmertisch und solche Sachen halt. Ich komme mir teilweise vor wie ein Serienkiller der unbedingt erwischt werden will. Sherlock könnte es jedenfalls problemlos herleiten. Wenn mal irgendwer versehentlich in mein Schlafzimmer guckt (ich lebe alleine — da fliegt alles kreuz und quer herum und ein Paar High Heels kann man ja noch erklären. Aber nicht acht..) platzt der Ballon sowieso. Der Tag wird kommen und ich hab noch eine Heidenangst davor. Ich schweife ab...
Der innere Druck wurde über die Jahre immer stärker und an einem Freitagabend vor gut zwei Jahren hatte ich plötzlich keine Kraft und keine Lust mehr, mich ständig gegen den Drang zu wehren und alles weiterhin zu verdrängen. Alle aufgebauten Verdrängungsmechanismen und Blockaden sind innerhalb von Sekunden zusammengebrochen, ich hab ein paar Stunden geheult, mich widerspruchslos akzeptiert wie ich bin und ab da der Geschichte freien Lauf gelassen. Seit dem will ich irgendwie alles nachholen und es gibt kein Halten mehr: FSH, halterlose Strümpfe, Ballerinas, High Heels, Röcke, Ringe,überall Kettchen und Bling-Bling,Nagellack, Unterwäsche und in der bis lang letzten Eskalationsstufe ging es dann allen Haaren unterhalb der Nase an den Kragen. Wieso hat mir eigentlich keiner gesagt, dass das so angenehm ist? Immer werden mir die Details verschwiegen.
Seit dem Eingeständnis mir selbst gegenüber hat sich meine Einstellung zum Leben verändert. Irgendwie sehe ich alles etwas lockerer, bin befreiter und ruhiger. Gut schlafen kann ich auch wieder. Vielleicht wird das alles durch dieses Mini-Outing noch viel besser. Allerdings frage ich mich seit dem, ob da nicht eventuell irgendwo noch mehr schlummert und stelle mir immer neue Fragen.
Wer bin ich überhaupt?
Bin ich einfach nur verrückt? (das kann ich mittlerweile ausschließen)
Bin ich Mann, Frau, irgendwas dazwischen oder gar ein Alien?
Bin ich eine gespaltene Persönlichkeit? (das könnte ich auch streichen sagt der andere Ich mir grade)
Ist womöglich von Anfang an bei mir alles schief gelaufen und bin ich gar im falschen Körper gelandet?
Ich weiß es nicht und habe irgendwie Angst vor einigen Antworten. Ich hab vor vielem Angst merk ich grade.
Das mit dem falschen Körper würde allerdings erklären wieso mir bis dahin der einzige verfügbare völlig egal war und ich ihn behandelt habe wie eine Biotonne. Ich hab alles in mich hinein geworfen was flüssig (sehr, sehr gerne auch alkoholisch), süß, fettig, sauer, salzig oder einfach nur da war. Die gesundheitlichen Quittungen für diesen Irrsinn hab ich bereits mehrfach bekommen. Und selbst diese sehr lauten und deutlichen Warnschüsse haben mich bis zu jenem Moment vor 2 Jahren nicht davon abgehalten diesen selbstzerstörerischen Weg über Jahrzehnte weiter zu gehen — wird schon gut gehen. Ging es regelmäßig nicht. Wie war das noch in diesem einen Computerspiel? Das Hauptmerkmal von Wahnsinn ist es, immer wieder das gleiche zu tun und zu hoffen das sich etwas ändert. War ich also wahnsinnig, leichtsinnig oder hab ich mich einfach nur abgrundtief gehasst? Weiß ich auch nicht. Es wird aber langsam alles besser.
Es werden bestimmt noch viele Fragen auftauchen und vielleicht finde ich hier ja die Antworten. Eine hab ich jedenfalls schon gefunden: Alleine bin ich nicht!
So. Ich habe fertig. Ist recht viel Text geworden. Danke fürs zuhören oder besser gesagt lesen.
Liebe Grüße
eure Trillian
Ach ja: ich hab mittlerweile einen veritablen und auch nicht ganz günstigen Schuhtick entwickelt. Ich denke das gehört aber irgendwie dazu. Gibt sich das wieder? Wenn nicht, dann brauch ich wohl mehr Geld ...
Damenkleidung fasziniert mich bereits seit der Pubertät - wahrscheinlich aber schon davor. Ab einem gewissen Alter verlassen einen ja schon mal die Erinnerungen. Das etwas nicht stimmt war mir schon damals klar - nur gab es niemanden der mir das Erklären oder mit dem ich darüber hätte reden können. Soweit, so klassisch. Und bevor jemand fragt: Mamas Strumpfhosen waren toll. Und die Unterarm langen Samthandschuhe erst... Wow. Von den Röcken rede ich gar nicht erst.
Mich so akzeptiert, wie ich nun mal bin, hab ich mich allerdings erst über ein viertel Jahrhundert später.
Irgendwann tummelten sich im meinem Kleiderschrank bereits ein paar selbst erworben, "unpassende" Kleidungsstücke nur mal so zum "ausprobieren wie das so ist". Und selbst zu dieser Zeit konnte und wollte ich mir einfach nicht eingestehen, das ich wohl mindestens das bin was man einen Crossdresser nennt und ich es niemals werde ändern können. Es konnte einfach nicht sein, was nicht sein durfte. So simpel wie blöd. Vermutlich wird die erzkonservative Umgebung in der ich Lebe dazu beigetragen haben. Ständig dumme Sprüche und Unverständnis über alles und jeden der nicht ins Weltbild passt. Hauptsächlich stand ich mir mit meiner Angst vor der Wahrheit aber selber im Weg. Also hab ich mir immer und immer wieder eingeredet: Jetzt sei keine Enttäuschung! Sei ein Mann wie es erwartet wird! Verdränge es! Das ist nur eine Phase, die geht bald vorbei.
Ging sie aber nicht. Die Phase wurde immer länger und länger. Und dann noch länger. Erst Jahre, dann Jahrzehnte. Ich könnte schon wieder heulen beim Schreiben. So viele verlorene Jahre...
Also hab ich mir und allen Anderen gegenüber eine Lüge gelebt. Bei den Anderen wird sich daran wohl nichts ändern — so leid es mir auch tut. Obwohl es mir in letzter Zeit immer häufiger — unbewusst vielleicht sogar absichtlich — passiert, dass ich diverse für einen alleinstehenden Mann unpassende Sachen "vergesse" wegzuräumen.Da stehen schon mal Nagellackfläschchen im Regal, die Perlenkette liegt im Sessel, der Damenrasierer auf dem Wohnzimmertisch und solche Sachen halt. Ich komme mir teilweise vor wie ein Serienkiller der unbedingt erwischt werden will. Sherlock könnte es jedenfalls problemlos herleiten. Wenn mal irgendwer versehentlich in mein Schlafzimmer guckt (ich lebe alleine — da fliegt alles kreuz und quer herum und ein Paar High Heels kann man ja noch erklären. Aber nicht acht..) platzt der Ballon sowieso. Der Tag wird kommen und ich hab noch eine Heidenangst davor. Ich schweife ab...
Der innere Druck wurde über die Jahre immer stärker und an einem Freitagabend vor gut zwei Jahren hatte ich plötzlich keine Kraft und keine Lust mehr, mich ständig gegen den Drang zu wehren und alles weiterhin zu verdrängen. Alle aufgebauten Verdrängungsmechanismen und Blockaden sind innerhalb von Sekunden zusammengebrochen, ich hab ein paar Stunden geheult, mich widerspruchslos akzeptiert wie ich bin und ab da der Geschichte freien Lauf gelassen. Seit dem will ich irgendwie alles nachholen und es gibt kein Halten mehr: FSH, halterlose Strümpfe, Ballerinas, High Heels, Röcke, Ringe,überall Kettchen und Bling-Bling,Nagellack, Unterwäsche und in der bis lang letzten Eskalationsstufe ging es dann allen Haaren unterhalb der Nase an den Kragen. Wieso hat mir eigentlich keiner gesagt, dass das so angenehm ist? Immer werden mir die Details verschwiegen.
Seit dem Eingeständnis mir selbst gegenüber hat sich meine Einstellung zum Leben verändert. Irgendwie sehe ich alles etwas lockerer, bin befreiter und ruhiger. Gut schlafen kann ich auch wieder. Vielleicht wird das alles durch dieses Mini-Outing noch viel besser. Allerdings frage ich mich seit dem, ob da nicht eventuell irgendwo noch mehr schlummert und stelle mir immer neue Fragen.
Wer bin ich überhaupt?
Bin ich einfach nur verrückt? (das kann ich mittlerweile ausschließen)
Bin ich Mann, Frau, irgendwas dazwischen oder gar ein Alien?
Bin ich eine gespaltene Persönlichkeit? (das könnte ich auch streichen sagt der andere Ich mir grade)
Ist womöglich von Anfang an bei mir alles schief gelaufen und bin ich gar im falschen Körper gelandet?
Ich weiß es nicht und habe irgendwie Angst vor einigen Antworten. Ich hab vor vielem Angst merk ich grade.
Das mit dem falschen Körper würde allerdings erklären wieso mir bis dahin der einzige verfügbare völlig egal war und ich ihn behandelt habe wie eine Biotonne. Ich hab alles in mich hinein geworfen was flüssig (sehr, sehr gerne auch alkoholisch), süß, fettig, sauer, salzig oder einfach nur da war. Die gesundheitlichen Quittungen für diesen Irrsinn hab ich bereits mehrfach bekommen. Und selbst diese sehr lauten und deutlichen Warnschüsse haben mich bis zu jenem Moment vor 2 Jahren nicht davon abgehalten diesen selbstzerstörerischen Weg über Jahrzehnte weiter zu gehen — wird schon gut gehen. Ging es regelmäßig nicht. Wie war das noch in diesem einen Computerspiel? Das Hauptmerkmal von Wahnsinn ist es, immer wieder das gleiche zu tun und zu hoffen das sich etwas ändert. War ich also wahnsinnig, leichtsinnig oder hab ich mich einfach nur abgrundtief gehasst? Weiß ich auch nicht. Es wird aber langsam alles besser.
Es werden bestimmt noch viele Fragen auftauchen und vielleicht finde ich hier ja die Antworten. Eine hab ich jedenfalls schon gefunden: Alleine bin ich nicht!
So. Ich habe fertig. Ist recht viel Text geworden. Danke fürs zuhören oder besser gesagt lesen.
Liebe Grüße
eure Trillian
Ach ja: ich hab mittlerweile einen veritablen und auch nicht ganz günstigen Schuhtick entwickelt. Ich denke das gehört aber irgendwie dazu. Gibt sich das wieder? Wenn nicht, dann brauch ich wohl mehr Geld ...