Ein großes Stück Freiheit mehr...
Verfasst: Fr 13. Mai 2016, 08:54
Hallo,
es gibt Momente, in denen ich es selbst immer noch nicht glauben kann, daß ich vor zwei Wochen damit begonnen habe, meinen Coming-Out-Prozess sowohl in dr Öffentlichkeit, als auch an meiner Arbeitsstelle voranzutreiben.
Scheinbar muß ich wohl immer erst psychisch im Keller ankommen, bis ich mich zu Neuem aufraffen kann. Vielleicht hat aber auch die PN einer Forumsteilnehmerin an mich, die ich als sehr aufbauend empfand, dazu beigetragen, daß ich den Mut dazu fassen konnte. Ich danke Dir nochmals ganz herzlich!
An meinem Arbeitsplatz ist manfrau ja schon seit längerem gewohnt, daß ich mit langen, lackierten Nägeln, dezent geschminkt und mit nicht ganz männertypischer Kleidung zur Arbeit erscheine. Daß hat wohl auch schon zu Spekulationen geführt und, wie ich an anderer Stelle schon erwähnte, habe ich mich bei den Personen, die den Mut hatten mich darauf anzusprechen, auch geoutet. Einige wußten also Bescheid.
Jetzt vor zwei Wochen kam ich zum Entschluß, Ernst zu machen. Ich zog mir einfach meine Wohlfühlkleidung an und schminkte mich kräftiger, sodaß ich zweifelsfrei als das zu erkennen war was ich bin: Transgender. Dann habe ich mich den ganzen Morgen an der Musik von Alice in Chains berauscht und bin dann zur Spätschicht gefahren, vorher noch ein paar Teile Einkaufen und Tanken. Zum Warmwerden sozusagen. Das hat auch ganz gut geklappt. Anfangs noch leicht zittrig, dann aber lief es.
Als ich auf den Firmenparkplatz fuhr, wurde mir allerdings dann schon deutlich mulmiger, aber ich mußte nun da durch. Und als ich den Eingang betrat und mir die ersten Leute entgegenkamen, hatte ich das Gerfühl, bald ohnmächtig zu werden. Ich mußte mich zusammenreißen und Haltung bewahren. Die Leute schauten nur verblüfft, aber keine sagte etwas dazu.
Bei der Arbeit muß ich Sicherheitsschuhe und Jacke tragen, also zog ich mich also um, wobei zwei Kollegen zugegen waren, die sich aber normal verhielten und dann war für mich das Erste geschafft.
Zu Schichtende, als es dann wieder ans Umziehen ging, war mein Mut von morgens verflogen und ich habe mich richtig elend gefühlt, aber es nutzte ja nix, ich mußte es durchhalten.
Und so habe ich nun in den nächsten zwei Wochen bis heute weitergemacht. Zwei Wochen den ganzen Tag nur in "Frauenkleidung". Meine Frau sah dem Ganzen anfangs sehr skeptisch entgegen, aber mittlerweile hat sie sich gefasst.
Einige Kollegen haben mich in der Zwischenzeit angesprochen und mir ihren Respekt für meinen Mut ausgesprochen. Ich habe ihnen einiges von mir erzählt. Andere wiederum lassen sich nichts anmerken, sind wie immer, was ich auch gut finde, denn das schafft für mich Normalität, auch wenn ich weiß, daß hinter meinem Rücken eventuell gelästert wird.
Dann gibt es aber auch welche, denen ich anmerke, daß sie mir nun deutlich unterkühlt entgegentreten. Damit mußte ich aber rechnen, auch wenn es wehtut. Allerdings platzte wohl gestern einem Kollegen der Kragen und brachte lautstark seine Empörung über mich zum Ausdruck, in dem er zu anderen, während ich zugegen war, in der dritten Person über mein unfassbares Verhalten schimpfte. Gestern Abend haben sich dann noch drei Kolleginnen im Vorbeigehen anscheinend über mich lustig gemacht, allerdings sprachen sie russisch und ich konnte nicht verstehen, was sie sagten.
Solch ein Verhalten finde ich total unfair und es hat mich richtig runtergezogen.
Ich überlege nun, ob meine neue Offensive überhaupt richtig war und ob ich in der Art weitermachen soll. Jetzt scheint der schwierige Teil zu beginnen, vor dem ich mich immer gefürchtet habe.
Diese "Öffentlichkeitsarbeit" ist sehr anstregend für mich und ich spüre, wie sich der Ladestand meiner Akkus dem Ende entgegenneigt. Aber ich möchte auf keinen Fall dieses großartige Stück Freiheit, was ich mir selbst erkämpft habe, wieder hergeben.
Offen als Transgender zu leben, scheint einem ewigen Kampf zu gleichen. Ob ich dem gewachsen bin, wird sich zeigen...
Liebe Grüße - Astrid
es gibt Momente, in denen ich es selbst immer noch nicht glauben kann, daß ich vor zwei Wochen damit begonnen habe, meinen Coming-Out-Prozess sowohl in dr Öffentlichkeit, als auch an meiner Arbeitsstelle voranzutreiben.
Scheinbar muß ich wohl immer erst psychisch im Keller ankommen, bis ich mich zu Neuem aufraffen kann. Vielleicht hat aber auch die PN einer Forumsteilnehmerin an mich, die ich als sehr aufbauend empfand, dazu beigetragen, daß ich den Mut dazu fassen konnte. Ich danke Dir nochmals ganz herzlich!
An meinem Arbeitsplatz ist manfrau ja schon seit längerem gewohnt, daß ich mit langen, lackierten Nägeln, dezent geschminkt und mit nicht ganz männertypischer Kleidung zur Arbeit erscheine. Daß hat wohl auch schon zu Spekulationen geführt und, wie ich an anderer Stelle schon erwähnte, habe ich mich bei den Personen, die den Mut hatten mich darauf anzusprechen, auch geoutet. Einige wußten also Bescheid.
Jetzt vor zwei Wochen kam ich zum Entschluß, Ernst zu machen. Ich zog mir einfach meine Wohlfühlkleidung an und schminkte mich kräftiger, sodaß ich zweifelsfrei als das zu erkennen war was ich bin: Transgender. Dann habe ich mich den ganzen Morgen an der Musik von Alice in Chains berauscht und bin dann zur Spätschicht gefahren, vorher noch ein paar Teile Einkaufen und Tanken. Zum Warmwerden sozusagen. Das hat auch ganz gut geklappt. Anfangs noch leicht zittrig, dann aber lief es.
Als ich auf den Firmenparkplatz fuhr, wurde mir allerdings dann schon deutlich mulmiger, aber ich mußte nun da durch. Und als ich den Eingang betrat und mir die ersten Leute entgegenkamen, hatte ich das Gerfühl, bald ohnmächtig zu werden. Ich mußte mich zusammenreißen und Haltung bewahren. Die Leute schauten nur verblüfft, aber keine sagte etwas dazu.
Bei der Arbeit muß ich Sicherheitsschuhe und Jacke tragen, also zog ich mich also um, wobei zwei Kollegen zugegen waren, die sich aber normal verhielten und dann war für mich das Erste geschafft.
Zu Schichtende, als es dann wieder ans Umziehen ging, war mein Mut von morgens verflogen und ich habe mich richtig elend gefühlt, aber es nutzte ja nix, ich mußte es durchhalten.
Und so habe ich nun in den nächsten zwei Wochen bis heute weitergemacht. Zwei Wochen den ganzen Tag nur in "Frauenkleidung". Meine Frau sah dem Ganzen anfangs sehr skeptisch entgegen, aber mittlerweile hat sie sich gefasst.
Einige Kollegen haben mich in der Zwischenzeit angesprochen und mir ihren Respekt für meinen Mut ausgesprochen. Ich habe ihnen einiges von mir erzählt. Andere wiederum lassen sich nichts anmerken, sind wie immer, was ich auch gut finde, denn das schafft für mich Normalität, auch wenn ich weiß, daß hinter meinem Rücken eventuell gelästert wird.
Dann gibt es aber auch welche, denen ich anmerke, daß sie mir nun deutlich unterkühlt entgegentreten. Damit mußte ich aber rechnen, auch wenn es wehtut. Allerdings platzte wohl gestern einem Kollegen der Kragen und brachte lautstark seine Empörung über mich zum Ausdruck, in dem er zu anderen, während ich zugegen war, in der dritten Person über mein unfassbares Verhalten schimpfte. Gestern Abend haben sich dann noch drei Kolleginnen im Vorbeigehen anscheinend über mich lustig gemacht, allerdings sprachen sie russisch und ich konnte nicht verstehen, was sie sagten.
Solch ein Verhalten finde ich total unfair und es hat mich richtig runtergezogen.
Ich überlege nun, ob meine neue Offensive überhaupt richtig war und ob ich in der Art weitermachen soll. Jetzt scheint der schwierige Teil zu beginnen, vor dem ich mich immer gefürchtet habe.
Diese "Öffentlichkeitsarbeit" ist sehr anstregend für mich und ich spüre, wie sich der Ladestand meiner Akkus dem Ende entgegenneigt. Aber ich möchte auf keinen Fall dieses großartige Stück Freiheit, was ich mir selbst erkämpft habe, wieder hergeben.
Offen als Transgender zu leben, scheint einem ewigen Kampf zu gleichen. Ob ich dem gewachsen bin, wird sich zeigen...
Liebe Grüße - Astrid