Wer bin ich und wenn ja „ wieviele?
Verfasst: Di 10. Mai 2016, 12:03
Hallo zusammen,
nach meiner etwas länger überlegten Anmeldung hier, falle ich dann doch gleich mal mit einem "Roman" und der obligatorischen Tür ins Haus. Seit einiger Zeit studiere ich diverse Foren zum Thema Transgender und allen Spielarten, die dieses kleine Wort zu bieten hat, weil ich je älter ich werde, immer mehr das Gefühl habe, dass bei mir die Kategorien Mann/Frau nicht ausreichen, nicht zutreffen oder wie auch immer man das formulieren möchte. Und weil es mir hier irgendwie am sympathischsten war — tadaa: here I am!
Zu mir: Ich bin dreißig Jahre alt und biologisch eine Frau. Und da sind wir schon beim Thema. Meine Körperbiologie. Nichts, was mich extrem stört oder mich in echte Krisen stürzen würde, aber auch nichts, was sich vollkommen richtig und gut anfühlt. Und das ist eigentlich schon immer so. Immer latent da, als "komisches Gefühl" oder "Anderssein", aber nie als echtes Problem oder etwas, was mich unglücklich macht.
Als Kind hatte ich eine recht lange Phase, in der ich äußerlich wie auch verhaltenstechnisch, vollkommen als Junge durchgegangen bin. Das war im Prinzip nichts Forciertes oder extrem Gewolltes — es ist tatsächlich einfach so gewesen. Kurze Haare, neutrale bis hin zu jungenhafte Klamotten, hauptsächlicher Umgang mit Jungs und Jungensachen und keiner da, der es ernsthaft in Frage stellte. Lehrer/innen, Verkäufer/innen und andere "Fremde" hielten mich ohne Korrektur von mir selbst, meinen Freunden oder meinen Eltern über mehrere Jahre für einen Jungen. Für mich fühlte sich das so immer richtig an. Als die Pubertät kam und ich logischerweise immer weiblicher wurde, fühlte sich aber auch das nicht zwangsweise falsch an. Irgendwann stellte ich fest, dass meine Umwelt mich allein durch mein Verhalten (okay ich schminke mich nicht, ich trage eher neutrale bzw. männliche Kleidung, aber das ist jetzt ja kein allzu großes Indiz in der heutigen Zeit) meist sofort in die "Schublade" lesbisch schob. Das typische Mannweib. Obwohl ich für mich selbst nicht wirklich zu der Erkenntnis gekommen war, dass ich auf Frauen stehe.
Und hier wird es jetzt kompliziert. Ich nehme andere Menschen nicht direkt nach "Geschlecht sortiert" wahr. Also ich habe kein typisches Männerbild oder Frauenbild anhand dessen ich meinen Gegenüber einordne. Und somit habe ich mich über die Zeit in Männer wie auch in Frauen verliebt. Immer ohne Tendenz zu einem der beiden. Es waren die Menschen, die ich geliebt habe. Nicht ihr Geschlecht. Ihre Geschlechterrolle. Okay, bist du halt bisexuell, dachte ich mir nach den ersten erotischen Träumen über Frauen und der Gewissheit, dass ich den Typen aus der Oberstufe einfach nur zum Niederknien fand. Leider scheint das bei mir nicht ganz so einfach zu sein. Warum?
Zum einen kann und will ich nicht verleugnen, dass ich viele "typische Frauensachen" einfach nicht leiden kann und es mir oft genug gesagt wird, dass ich in Bezug auf viele Dinge "männlich denke". Sei es im Rahmen einer Shoppingtour oder tiefergehend bei der Beziehungsanalyse für meine Freunde. Irgendwie lande ich da immer eher in der "Männerecke" mit dem, was ich dazu zu sagen habe, wie ich Sachen wahrnehme und empfinde und wie ich handle. Zum anderen ist da der sexuelle Aspekt, der mich inzwischen dann doch reichlich verwirrt. Früher war es einfach. Ich verliebte mich, dann schwärmte man, kam vielleicht kurzzeitig zusammen — ein bisschen knutschen, ein bisschen fummeln, erster Sex. Alles irgendwie aufregend, neu und herrlich naiv. Dann wird man älter. Hat die erste(n) ernsthafte(n) Beziehung(en) und registriert, dass irgendetwas nicht ganz ins Schema F passt.
Was genau passt nicht? An sich fühle ich mich — wie gesagt — in meiner weiblichen Rolle nicht völlig unwohl, zumal ich ja ohnehin an Weiblichkeit "einspare" und meinen Mittelweg gefunden habe in Bezug auf meine Umwelt. Ich kann nicht sagen, dass ich meine Brüste und den Rest untenrum hasse oder so, wirklich mögen tun wir uns aber dennoch nicht"¦beim Sex mit einer Frau fühle ich mich momentan prinzipiell wohler. Ich habe ein besseres Körpergefühl und kann mich einfach besser fallen lassen. Beim Sex mit einem Mann ist schon gleich nach den ersten pubertären Erfahrungen ein Unwohlsein entstanden. Nicht weil ich mich mit dem Mann an sich nicht gut fühlte (also in Bezug auf meine sexuelle Orientierung), sondern weil ich ständig das Gefühl habe, dass mir etwas fehlt. Mir fehlt das Mannsein beim Sex mit einem Mann. Dessen bin ich mir inzwischen sicher.
Und jetzt sind wir am Punkt meiner Verwirrung angekommen. Ich fühle mich nicht akut im falschen Körper, solange es um mein "normales" Leben geht und den Sex mit einer Frau. Sobald ich aber mit einem Mann zusammen bin, will ich ein Mann sein. Und inzwischen habe ich auch oft beim Sex mit einer Frau den Gedanken daran, wie es wäre das Ganze als Mann zu erleben.
Beziehungstechnisch hat mich das letztlich in ein Fiasko geführt, da ich meiner lesbische Freundin zu männlich bin und meinem heterosexuellen Freund zu unweiblich. Ja, ich durfte mir Sachen anhören wie "wenn ich einen Kerl wollte, wäre ich nicht lesbisch" bzw. "wenn ich einen Kerl wollte, wäre ich wohl schwul geworden". Nicht nur in Bezug auf den Sex — um mal die schlüpfrige Seite des Themas wieder ein bisschen zu verlassen. Auch auf anderen Ebenen. Kommunikation. Ansichten zu bestimmten Themen. Verhaltensweisen. Wobei ich auf diesen Ebenen nie das Gefühl habe etwas ändern zu müssen, da ich ja einfach bin wie ich bin und mir darüber (bis dato) nicht sonderlich viele Gedanken gemacht habe. Aber in letzter Zeit häufen sich die Fragen und das Gefühl, das etwas nicht passt, nimmt zu. Wirklich etwas an meinem jetzigen Sein will ich aber gar nicht ändern...
Und nun sitze ich hier und suche nach Antworten.
Gibt es für das, was ich bin überhaupt eine Kategorie?
Und wenn ja, würde mir das helfen, wenn ich wüsste, was genau ich bin?
Gibt es andere Menschen, die ähnlich empfinden?
nach meiner etwas länger überlegten Anmeldung hier, falle ich dann doch gleich mal mit einem "Roman" und der obligatorischen Tür ins Haus. Seit einiger Zeit studiere ich diverse Foren zum Thema Transgender und allen Spielarten, die dieses kleine Wort zu bieten hat, weil ich je älter ich werde, immer mehr das Gefühl habe, dass bei mir die Kategorien Mann/Frau nicht ausreichen, nicht zutreffen oder wie auch immer man das formulieren möchte. Und weil es mir hier irgendwie am sympathischsten war — tadaa: here I am!
Zu mir: Ich bin dreißig Jahre alt und biologisch eine Frau. Und da sind wir schon beim Thema. Meine Körperbiologie. Nichts, was mich extrem stört oder mich in echte Krisen stürzen würde, aber auch nichts, was sich vollkommen richtig und gut anfühlt. Und das ist eigentlich schon immer so. Immer latent da, als "komisches Gefühl" oder "Anderssein", aber nie als echtes Problem oder etwas, was mich unglücklich macht.
Als Kind hatte ich eine recht lange Phase, in der ich äußerlich wie auch verhaltenstechnisch, vollkommen als Junge durchgegangen bin. Das war im Prinzip nichts Forciertes oder extrem Gewolltes — es ist tatsächlich einfach so gewesen. Kurze Haare, neutrale bis hin zu jungenhafte Klamotten, hauptsächlicher Umgang mit Jungs und Jungensachen und keiner da, der es ernsthaft in Frage stellte. Lehrer/innen, Verkäufer/innen und andere "Fremde" hielten mich ohne Korrektur von mir selbst, meinen Freunden oder meinen Eltern über mehrere Jahre für einen Jungen. Für mich fühlte sich das so immer richtig an. Als die Pubertät kam und ich logischerweise immer weiblicher wurde, fühlte sich aber auch das nicht zwangsweise falsch an. Irgendwann stellte ich fest, dass meine Umwelt mich allein durch mein Verhalten (okay ich schminke mich nicht, ich trage eher neutrale bzw. männliche Kleidung, aber das ist jetzt ja kein allzu großes Indiz in der heutigen Zeit) meist sofort in die "Schublade" lesbisch schob. Das typische Mannweib. Obwohl ich für mich selbst nicht wirklich zu der Erkenntnis gekommen war, dass ich auf Frauen stehe.
Und hier wird es jetzt kompliziert. Ich nehme andere Menschen nicht direkt nach "Geschlecht sortiert" wahr. Also ich habe kein typisches Männerbild oder Frauenbild anhand dessen ich meinen Gegenüber einordne. Und somit habe ich mich über die Zeit in Männer wie auch in Frauen verliebt. Immer ohne Tendenz zu einem der beiden. Es waren die Menschen, die ich geliebt habe. Nicht ihr Geschlecht. Ihre Geschlechterrolle. Okay, bist du halt bisexuell, dachte ich mir nach den ersten erotischen Träumen über Frauen und der Gewissheit, dass ich den Typen aus der Oberstufe einfach nur zum Niederknien fand. Leider scheint das bei mir nicht ganz so einfach zu sein. Warum?
Zum einen kann und will ich nicht verleugnen, dass ich viele "typische Frauensachen" einfach nicht leiden kann und es mir oft genug gesagt wird, dass ich in Bezug auf viele Dinge "männlich denke". Sei es im Rahmen einer Shoppingtour oder tiefergehend bei der Beziehungsanalyse für meine Freunde. Irgendwie lande ich da immer eher in der "Männerecke" mit dem, was ich dazu zu sagen habe, wie ich Sachen wahrnehme und empfinde und wie ich handle. Zum anderen ist da der sexuelle Aspekt, der mich inzwischen dann doch reichlich verwirrt. Früher war es einfach. Ich verliebte mich, dann schwärmte man, kam vielleicht kurzzeitig zusammen — ein bisschen knutschen, ein bisschen fummeln, erster Sex. Alles irgendwie aufregend, neu und herrlich naiv. Dann wird man älter. Hat die erste(n) ernsthafte(n) Beziehung(en) und registriert, dass irgendetwas nicht ganz ins Schema F passt.
Was genau passt nicht? An sich fühle ich mich — wie gesagt — in meiner weiblichen Rolle nicht völlig unwohl, zumal ich ja ohnehin an Weiblichkeit "einspare" und meinen Mittelweg gefunden habe in Bezug auf meine Umwelt. Ich kann nicht sagen, dass ich meine Brüste und den Rest untenrum hasse oder so, wirklich mögen tun wir uns aber dennoch nicht"¦beim Sex mit einer Frau fühle ich mich momentan prinzipiell wohler. Ich habe ein besseres Körpergefühl und kann mich einfach besser fallen lassen. Beim Sex mit einem Mann ist schon gleich nach den ersten pubertären Erfahrungen ein Unwohlsein entstanden. Nicht weil ich mich mit dem Mann an sich nicht gut fühlte (also in Bezug auf meine sexuelle Orientierung), sondern weil ich ständig das Gefühl habe, dass mir etwas fehlt. Mir fehlt das Mannsein beim Sex mit einem Mann. Dessen bin ich mir inzwischen sicher.
Und jetzt sind wir am Punkt meiner Verwirrung angekommen. Ich fühle mich nicht akut im falschen Körper, solange es um mein "normales" Leben geht und den Sex mit einer Frau. Sobald ich aber mit einem Mann zusammen bin, will ich ein Mann sein. Und inzwischen habe ich auch oft beim Sex mit einer Frau den Gedanken daran, wie es wäre das Ganze als Mann zu erleben.
Beziehungstechnisch hat mich das letztlich in ein Fiasko geführt, da ich meiner lesbische Freundin zu männlich bin und meinem heterosexuellen Freund zu unweiblich. Ja, ich durfte mir Sachen anhören wie "wenn ich einen Kerl wollte, wäre ich nicht lesbisch" bzw. "wenn ich einen Kerl wollte, wäre ich wohl schwul geworden". Nicht nur in Bezug auf den Sex — um mal die schlüpfrige Seite des Themas wieder ein bisschen zu verlassen. Auch auf anderen Ebenen. Kommunikation. Ansichten zu bestimmten Themen. Verhaltensweisen. Wobei ich auf diesen Ebenen nie das Gefühl habe etwas ändern zu müssen, da ich ja einfach bin wie ich bin und mir darüber (bis dato) nicht sonderlich viele Gedanken gemacht habe. Aber in letzter Zeit häufen sich die Fragen und das Gefühl, das etwas nicht passt, nimmt zu. Wirklich etwas an meinem jetzigen Sein will ich aber gar nicht ändern...
Und nun sitze ich hier und suche nach Antworten.
Gibt es für das, was ich bin überhaupt eine Kategorie?
Und wenn ja, würde mir das helfen, wenn ich wüsste, was genau ich bin?
Gibt es andere Menschen, die ähnlich empfinden?