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Meine Reise in ein neues Land

Verfasst: Mi 20. Jan 2016, 15:38
von Dolores59
Ein Resümee nach zwei Jahren Crossdresser

Dieses ist keine chronologische Aufzeichnung meines Werdegangs als Crossdresser, sondern der stichwortartige Versuch einer Beschreibung meiner Empfindungen und Beobachtungen in den vergangenen zwei Jahren.

Ein Schriftsteller ist nicht an mir verloren gegangen, deshalb bitte ich um Nachsicht, wenn ich mich schwer damit tue, meine Gefühle auszudrücken.

Anfang (November 2013)
Nach einer überstandenen größeren Operation hatte ich die Idee, etwas völlig Neues anzufangen. Wie ich ausgerechnet auf High Heels gekommen bin, kann ich im Detail nicht mehr sagen. Eine gewisse Rolle hat die seinerzeitig Genderdebatte mit einigen skurrilen Auswüchsen gespielt und eine Tendenz in den Medien, Frauen als die besseren Menschen darzustellen. Das ist mir dermaßen auf den Zeiger gegangen, dass ich unbedingt etwas "typisch" Weibliches zur Schau stellen wollte. Wahrscheinlich war auch gekränkte männliche Eitelkeit dabei und ich wollte es "den Frauen" auf einem ihrer ureigenen Feldern zeigen.

Outing
Von Beginn an war mir klar, dass ich nicht heimlich meiner neuen Leidenschaft frönen wollte. Also habe ich nach wenigen Tagen mit den neuen Schuhen eine Rundmail an die Arbeitskollegen und an die Verwandten geschrieben samr Foto. Damals stammte ausser den Schuhen das restliche Outfit aus der Männerabteilung und ich habe streng darauf geachtet, ja nicht weiblich 'rüberzukommen.

Klärung
Der Begriff Crossdresser samt seiner Definition war mir anfänglich nicht geläufig. Bis mich mal jemand fragte und ich mich schlau gemacht habe. Denn trotz meines bewußt männlichen Looks gab es einige Mutmaßungen und auch Verbalattacken, die in Richtung schwul, Schwuchtel, Transgender usw. gingen. Bei meine Recherchen bin ich auf die Definition des Begriffs Crossdresser gestoßen. Seitdem ist für mich klar, dass ich ein Crossdresser bin. Ist so wie es ist.

Nicht alleine
Mein erstes Forum war eines, in dem sich Männer auf hohen Absätzen austauschen. Es war sehr hilfreich festzustellen, dass ich nicht ganz alleine auf weiter Flur bin. Dort bin ich noch heute aktiv, denn es sind feine Menschen unter den Usern, die meine modische Entwicklung in Richtung weibliche Schiene mitbekommen haben und nie ein böses Wort darüber fallen ließen. Einige persönliche Begegnungen haben auch schon stattgefunden.

Verbalattacken mit Folgen
Nach einer aufdringlichen Attacke eines jungen Mannes ("Ey, was trägst Du denn für Schuhe?") und einer anschließenden Diskussion mit einer Frau ("die Schuhe stehen ihnen nicht") wollte ich einen Kontrapunkt setzen. Zunächst bestellte ich mir einen Männerrock (Kilt) aus Schottland. Samt passendem Zubehör inkl. traditioneller Schuhe. Da es sich um ein Sonntagsstück handelt, kam später ein Utility-Klit für den Alltag hinzu. Das männliche Outfit verhinderte dennoch nicht die Mutmaßungen in Richtung Transgender.

Dammbruch (Januar 2014)
Nach der Erkenntnis, dass ich mit Absatzschuhen oder Männerrock sowieso auffalle und in falsche Schubladen gesteckt werde, kam der Wunsch auf, noch einen "draufzusetzen". Die Idee, komplett auf Röcke umzusteigen, kam während eines Gesprächs mit einer Arbeitskollegin. Damenhosen als Zubehör zu den High Heels waren mir einfach zu wenig, ausserdem reizte mich der Gedanke eine Art "Girlfriend-Look" als Gegensatz zum "Boyfriend-Look" zu erfinden.

Nachdem ich das erste Mal im Rock und fast komplett (bis auf die Jacke) in Frauenkleidung unterwegs war und nichts passiert ist, gab's kein Halten mehr. Innerhalb weniger Wochen habe ich meine Garderobe auf Frauenkleidung umgestellt.

Dabei war mir das Buch von Christian Seidel "Die Frau in mir" eine große Hilfe. Vieles von dem, was Christian Seidel schreibt, habe ich in abgeschwächter Form auch erlebt. Bis hinein in meine Gefühlswelt.

Experimente
Im Laufe der letzten zwei Jahre habe ich mit kindlicher Neugier so einiges ausprobiert und vieles davon übernommen. Was früher undenkbar war, ist jetzt Bestandteil meines Alltags. Einiges ständig, anderes gelegentlich, z.B.
- Handtasche (fast immer)
- Nagellack (oft)
- schmückende Kosmetik - Puder, Kajal, Mascara, Augenbrauenstift etc. (gelegentlich)
- pflegende Kosmetik (immer)
- Schmuck - Halskette, Armreif, Ohrclips (ab und zu)

Neue Welt
Das Tragen von Frauensachen ist nicht ohne Auswirkungen auf mein Innenleben geblieben. Oder hat sich mein Äusseres geändert, weil sich mein Innenleben verändert hat.? Oder ist es eine Wechselwirkung? Oder waren die weiblichen Anteile schon immer vorhanden? Nur ganz verschüttet oder unterdrückt? Ein rudimentäres Interesse an weiblicher Kleidung war schon früher vorhanden, ist aber nicht zum Tragen gekommen. Ich trauere nicht um die verpassten Gelegenheiten, sondern erfreue mich an neuen Möglichkeiten, die sich mir durch Frauenkleider erschlossen haben.

Verletzlichkeit
Als Rockträger mache ich mich nicht nur äusserlich durch das unten offene Kleidungsstück angreifbar, sondern signalisiere auch eine persönliche (innere) Verletzlichkeit. Im Unterschied zum "zugeknöpften" Erscheinungsbild eines Hosenträgers.

Achterbahn
Wenn ich einen Rock oder ein Kleid trage, fällt es mir leichter, Gefühle an mich heranzulassen oder zu äussern. Das kann schon mal eine Achterbahn mit Auf und Ab sein. Aber es tut gut, seine Gefühle zeigen zu können und nicht alles in sich hinein zu fressen.

Verhalten
Ganz sicher hat sich mein Verhalten in Richtung weiblich verschoben. Wenigstens in Nuancen und Kleinigkeiten. Erstaunlich, dass dafür das Tragen von Frauenkleidung schon genügt.

Sichtweise
Als jemand, der deutlich erkennbar ausserhalb des Mainstreams steht, hat sich meine Sichtweise auf andere Menschen, die ebenfalls "Aussenseiter" sind, verändert. Die Toleranz und Akzeptanz gegenüber anderen Lebensweisen ist größer geworden.

Selbstbewußtsein
Früher war ich sowas wie "ein Loch in der Landschaft", schüchtern , scheu, introvertiert, unsichtbar. Seitdem ich mich in Folge meiner Outfits nicht mehr verstecken kann, bin ich "gezwungen" Flagge zu zeigen. Da ein schüchterner Rock- oder Heelsträger fast zwangsläufig ein Opfer von Hohn und Spott werden kann, gehe ich in Frauenkleidern immer geradewegs und selbstverständlich und mit einem Lächeln "durch" die Menschen. Fünf oder zehn Zentimeter mehr unterm Absatz sind dabei von Vorteil. Deshalb trage ich oft meine "Ego-Pusher", wie ich sie nenne.

Wohlgefühl
Das Tragen von Röcken, Kleidern & Co. verursacht ein großes Wohlgefühl bei mir, wie ich es niemals vorher als Hosenträger empfunden habe.

Stimmungen
Die "neuen" Kleider geben mir eine Vielzahl von Möglichkeiten, meine Stimmungen sichtbar auszudrücken. Mal möchte ich ein Lederluder sein, mal ein bodenständiges Country-Girl. Oder ich gehe im Business-Outfit los. Vielleicht habe ich eine flippige Phase oder möchte ganz in Grün (mit Fraben lässt sich sehr viel ausdrücken) gehen. Die Liste ließe sich verlängern. Das alles war mir mit Männerklamotten nur sehr begrenzt möglich.

Ja zu mir selbst
Es fällt mir leichter, mich zu akzeptieren. Füße, Beine, Schultern, Rücken und Hinterteil können kaum besser sein. Die Brüste sind in Folge des zunehmenden Alters etwas größer geworden, wogegen ich absolut nichts habe (ich bin mal auf Grund eines Fotos gefragt worden, ob ich einen BH trage, dem war aber nicht so). Einzig der Bauch hat's schwer bei mir. Aber das wird noch, ich arbeite daran. An mein Gesicht habe ich gewöhnt und benötige kein anderes und die graumellierten Haare strahlen einen Hauch Eleganz aus.

Beweggründe
Meine derzeitigen Beweggründe für das Tragen von Röcken/Kleidern sind ein Gemisch aus verschiedenen Gründen:
- Bequemlichkeit (was ist bequemer als ein Kleid? Zwei Kleider.)
- Freiheit (vom Zwang, bestimmte Kleidung tragen zu müssen)
- Erotik (auch Männer sollten die Möglichkeit haben, sexy Kleidung zu tragen)
- Mode (sieht besser aus)
- Persönlich (ich fühle mich als Mensch kompletter)
- .................

Ausblick
Hinter meinen derzeitigen Crossdresser-Stand möchte ich nicht zurückfallen. Mir ist klar, dass ich trotz der Gewöhnung meiner Umgebung an meine modischen Präferenzen immer wieder kämpfen muss, den Status zu erhalten. Nicht zuletzt mit Zweifeln und Ängsten, die sich entwickeln können. Aber auch die politische und gesellschaftliche Entwicklung ist sorgfältig zu beobachten. Mir kommt es so vor, als ob bürgerliche Freiheiten in Europa zur Disposition stehen. Aus welchen Gründen auch immer. Die Freiheit der Kleiderwahl gehört für mich zu den bürgerlichen Freiheit, wie auch die Meinungsfreiheit.

Wie meine Reise in die neue Welt weitergeht, weiß ich nicht. Vieles, was ich für unmöglich hielt, ist in kurzer Zeit eingetreten. Manchmal habe ich mich selbst überholt. Ob es beim jetzigen Stand bleibt, kann ich nicht garantieren.

Falls ich in die Verlegenheit komme, einen Rollator schieben zu müssen (die Gesundheit kann schneller den Bach 'runtergehen, als es uns lieb ist), dann lieber im Rock und Stöckelschuhen als in Hose und Schlappen.

Mein Sermon ist doch länger geworden als ich dachte, sorry.

Liebe Grüße
Dolores

P.S. Zwei Fotos, die während der Weihnachtsfeier im Betrieb entstanden sind. Unter den rund 60 Anwesenden (m/w) war ich der einzige "Rocker".

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Re: Meine Reise in ein neues Land

Verfasst: Mi 20. Jan 2016, 18:30
von Brigitta
Hallo Dolores,

habe Deine Vorstellung neulich und auch das Resümee jetzt mit großem Interesse gelesen.
Ich muss schon sagen, dass mich Deine Einstellung und die Konsequenz, mit der Du Damenkleidung trägst, sehr beeindruckt!
(ap)
Ich hoffe, bald noch mehr von Dir zu lesen und zu sehen.
(flo)
Liebe Grüße
Brigitta ))):s

Re: Meine Reise in ein neues Land

Verfasst: Mi 20. Jan 2016, 21:38
von Cybill
Respekt!

-Cy

Re: Meine Reise in ein neues Land

Verfasst: Mi 20. Jan 2016, 23:07
von LanaX
Hallo Dolores,

ebenfalls, großen Respekt auch von mir, nicht nur inhaltlich,
sondern auch für die gute Gliederung, es "liest sich sehr gut weg".

Mich würde persönlich mal interessieren, wie dein Umfeld auf
das Outing mit den Schuhen reagiert hat und in welchem
Schuhforum du gestartet bist?

Meine weibliche Seite ist tatsächlich zumindest äußerlich seit einer
ganzen Weile eher inaktiv. Ab und zu kommen mal die Schuhe aus
dem Schrank, da kann ich einfach nicht wiederstehen ;)

Ich würde natürlich auch gern ab und zu einen Rock oder ein Kleid tragen,
finde aber, dass das einfach nicht gut aussieht und dann fühle ich mich
auch wieder nicht wohl. Ich habe im letzten halben Jahr auch die männliche
Garderobe (wieder) für mich entdeckt und etwas investiert und mit dem
Krafttraining begonnen. Lana hat also momentan den "Kampf um mein
Äußeres verloren", so will ich das mal nennen. Ich bin gespannt, wie es
weitergeht in 1,2,5 oder 30 Jahren ;) Eine weibliche Seite und eine Schuhtick
sind definitiv vorhanden, mehr im Moment nicht.

Oh, so lang sollte der Beitrag eigentlich nicht werden, wollte ja deinen Fred
nicht kapern...

Liebe Grüße
Lana

Re: Meine Reise in ein neues Land

Verfasst: Do 21. Jan 2016, 10:49
von Katarina
Liebe Dolores
Vielen Dank für deinen ausführlichen Bericht. Ich finde es toll und bewundernswert, wie du zu deiner weiblichen Seite stehst, sie förderst und entwickelst und wie du deinen Weg gehst.
Viele Grüsse
Katarina

Re: Meine Reise in ein neues Land

Verfasst: Do 21. Jan 2016, 10:53
von Dolores59
Hallo Lana,

"mein" Schuhforum ist menonhighheels.forumieren.com

Reaktionen auf mein erstes Outing
Meine Frau bei meinem ersten Auftritt in High Heels ganz spontan: "Bekommt man davon nicht Krampfadern?". Einige Tage später: "Wenn Du im Sommer Sandaletten trägst, musst die Zehennägel lackieren, das sieht besser aus." (Natürlich habe ich auf meine Frau gehört. Es stimmt, sieht besser aus. Krampfadern habe ich nicht bekommen. In dem Punkt hat sie nicht recht.)

Meine jüngste und meine älteste Tochter: "Cool!". Eine Tochter dazwischen hat mit der Stirn gerunzelt und hat es bis letztes Weihnachten kritisch gesehen. Da haben wir uns ganz locker und entspannt über Mode unterhalten. Von "Frau" zu Frau. Die anderen Familienmitglieder habe sich nicht geäußert.

Mein Bruder hat nachgefragt, ob da mehr dahintersteckt, in Richtung Transgender. Er wollte einfach Bescheid wissen. Meine Neffen haben sich etwas zurück gezogen.

In der Firma kamen unter rund 100 Mitarbeitenden ein halbes Dutzend positive Rückmeldungen auf meine Mail. Einer der Kollegen hat mir seine geheimen modischen Wünsche mitgeteilt, die er leider bis heute nicht realisiert hat. Dabei sind die viel harmloser als meine aktuellen Outfits. Ablehnende Antworten kamen nicht, die Kollegen und Kolleginnen sind eben höfliche Menschen. Aber ich will niemandem etwas unterstellen. Bein der letzten Grillfeier im Sommer wollte ein Geschäftsführer unbedingt mit mir auf einem Foto abgelichtet werden. Ich habe ein beigefarbenes Etuikleid aus Leder getragen, einen hellen Panamahut und Sandaletten. Auf der letzten Weihnachtsfeier erzählte mir ein anderer Geschäftsführer, dass seine Frau manchmal neidisch auf meine Schuhe ist. Gelegentlich "füttere" ist die Kollegen mit aktuellen Fotos, die herumgereicht werden. Da ich viel auf Montage bin, sehen mich die Kollegen und Kolleginnen sehr selten.

In der Nachbarschaft ist der Buschfunk losgegangen, ganz klar. Einmal habe ich es mitbekommen, weil die ratschenden Nachbar sehr laut gesprochen haben und mich nicht gesehen haben. Da war vom gestiefelten Kater die Rede (zutreffend, denn zu dem Zeitpunkt habe ich Stiefel getragen) und es fiel der Satz: "Wenn ich so rumliefe, würde mich meine Frau ins Irrenhaus stecken!" (der arme Mann). Natürlich grüße ich diese Nachbarn freundlich wie immer (und die grüßen freundlich zurück), wenn sie wieder mal in Schlappen und ausgebeulter Hose und labberigem Shirt unterwegs sind. Ein anderer Nachbar hat nach einigen Monaten freundlich nachgefragt und wir haben uns nett unterhalten. Wenn sich die Leute nur öfter trauen würden, statt zu denken.

Das soll erstmal reichen. Über die Reaktionen der weiteren Umgebung aus den letzten zwei Jahren werde ich an anderer Stelle schreiben.

Sei nicht so streng mit Dir, Lana. Du schreibst, dass Du gerne einen Rock oder ein Kleid tragen würdest, aber findest, dass Du nicht gut darin aussiehst. Ist das wirklich so oder ist das Dein subjektiver Eindruck? Aus dem heraus das Unwohlsein entsteht. Ich habe mich zuerst auch nicht an Kleider herangetraut, weil ich der Meinung war, das stünde mir nicht. Bis ich es gewagt habe und festgestellt habe: "Das sieht gut aus!". Und es sah gut aus. Ich bin sicher, dass unter der großen Spannbreite an Röcken oder Kleidern das passende Modell für Dich dabei ist.

Mein Kleidertrip hatte letzten August seinen vorläufigen Höhepunkt, als ich eine 10tägige Dienstreise nach Österreich nur in Kleidern bestritten habe. Der Koffer war schön leicht und ich brauchte mir keinen Kopf zu machen, welches Oberteil ich zu welchem Rock kombiniere. Bei 35 bis 38 Grad waren luftige Kleider genau richtig. Während der Arbeit musste ich, wie alle anderen Arbeitenden, Sicherheitskleidung tragen. Die ist unisex, weil für Alle gleich. Aber während der Freizeit habe ich nur Kleider und Sandaletten getragen. Gab manche neidischen Blicke, vornehmlich von Männern.

Liebe Grüße
Dolores

Re: Meine Reise in ein neues Land

Verfasst: Do 21. Jan 2016, 19:00
von martina
hallo dolores,
vielen dank für deine ausführliche beschreibung. wenn ich das richtig aus deinen worten herauslese, dann ist bei dir nicht der wunsch vorhanden, frau sein zu wollen, sondern als mann seine grenzen zu überschreiten und durch den gebrauch weiblicher kleidung, schmuck, makeup sich selbst zu bereichern und zu erweitern. damit unterstelle ich dir mal meine eigene intention. ich nehme mal ein paar begriffe von dir zum anlass, meine eigenen gedanken oder mein tun in worte zu fassen.

klärung: ok, da kann ich auch mit dem begriff crossdresser leben.

dammbruch: ich habe bisher noch keine negativen reaktionen erfahren, wenn ich im rock mit strumpfhose, damenpullover, damenjacke draussen unterwegs war. allerdings habe ich nicht komplett auf frauenkleidung umgestellt, sondern trage auch meistens teile aus der herrenabteilung, pullover, t-shirts. es gibt auch teile, z.b. longcardigans, die in der damenabteilung ganz gängig sind, in der herrenbekleidung findet man aber auch so ein einzelstück unter 1000. dann greife ich auch schon mal zum cardigan aus der herrenabteilung. mir zeigt es, dass es sowas auch für herren gibt, wenngleich äusserst selten, dass so ein stück aber auch nicht wesentlich anders aussieht als gängige teile aus der damenabteilung. das hilft mir dann bei der vorstellung von unisex-kleidung.

experimente: da bin ich nicht so weit wie du, ist aber nicht unbedingt mein anliegen. alle haare bis auf die kopfhaare entferne ich. ich hab lackierte finger- und fussnägel, ich trage gern ein armkettchen und benutze gern auch mal lipgloss.

neue welt: innenwelt und aussenwelt stehen in ständiger wechselbeziehung. durch selbstüberwindung habe ich mich mit kleidung, schmuck, makeup weiter entwickelt, was auch wieder wirkung auf das innenleben hat, das gespür für mehr freiheit, eine innere harmonie und nicht mehr dieses zerrissensein zwischen innerem wollen und äusserem nicht-können.

sichtweise: da ich mich auch selbst als nicht dem mainstream zugehörig fühle, empfinde ich auch mehr toleranz allen gruppen gegenüber, die nicht dem standard entsprechen.

wohlgefühl: das tragen von röcken, strumpfhosen, leggins bringt mir auch ein wohlgefühl, das ich vom hosentragen nicht kenne.

verhalten: ob sich da bei mir etwas verändert hat? ich gehe aus vom yin und yang, dass in jedem menschen männliche und weibliche elemente stecken. ich weiss, dass es frauen gibt, die deutlich männlicher sind als ich, aber auch frauen, die weiblicher sind als ich. genauso verhält es sich bei männern, wobei ich mich wohl noch etwas von den männlichen männern entfernt habe und mhhhh ... weibliche männer?

beweggründe: auch hier fühle ich mich als mensch kompletter und freier. teile wie strumpfhose und leggins sehe ich auch als zweckmässiger, wesentlich leichter als eine hose, wärmt trotzdem genauso gut, ist leichter zu waschen und trocknet wesentlich schneller als jede hose. und manche teile aus der damenabteilung entsprechen eher von schnitt, form, farbe, muster meinem geschmack als teile aus der herrenabteilung.

liebe grüsse
martina

Re: Meine Reise in ein neues Land

Verfasst: Fr 22. Jan 2016, 10:25
von Astrid
Saari hat geschrieben: ...
Auch könnte sich so mancher jugendlicher Schlabberlook-Träger ein Beispiel nehmen, wie ordentliches Auftreten in der Gesellschaft auch sein kann. Zerrissene Jeans gehören in den Altkleidersammelcontainer bzw. in den Lumpensack, aber nicht an den Beine junger Leute und schon gar nicht in die Schaufensterauslagen von Bekleidungsgeschäften.
Tut mir leid, aber ich bin der Meinung, daß wer solche Sätze in einem Forum schreibt, das sich u.a. freie Kleiderwahl für jedermensch auf die Fahnen geschrieben hat, hat nichts begriffen.

Liebe Grüße - Astrid

Re: Meine Reise in ein neues Land

Verfasst: Fr 22. Jan 2016, 11:02
von Dolores59
martina hat geschrieben:hallo dolores,
vielen dank für deine ausführliche beschreibung. wenn ich das richtig aus deinen worten herauslese, dann ist bei dir nicht der wunsch vorhanden, frau sein zu wollen, sondern als mann seine grenzen zu überschreiten und durch den gebrauch weiblicher kleidung, schmuck, makeup sich selbst zu bereichern und zu erweitern. damit unterstelle ich dir mal meine eigene intention. ich nehme mal ein paar begriffe von dir zum anlass, meine eigenen gedanken oder mein tun in worte zu fassen.

liebe grüsse
martina
Liebe Martina,
das ist die Quintessenz meiner Ausführungen. Du hast es auf den Punkt gebracht.

Die weiblichen Elemente empfinde ich wirklich als eine Bereicherung meines Lebens (innen + aussen). Dass es eine Gratwanderung ist, nehme ich in Kauf. Für manche Menschen, die das Mannsein an der Kleidung festmachen, bin ich kein richtiger Mann mehr. Andere haben die Erwartung/Befürchtung/Vermutung, dass ich zu einer Frau werde (mutiere, hat mal jemand im Rockmode-Forum geschrieben).

Derzeit bin ich mit meinem Stand zufrieden und picke mir Rosinen aus "beiden Lagern" heraus. Selbst als feminin erscheindender Mann in Frauenkleidern habe ich in einigen Bereichen mehr Freiheiten, als die meisten Frauen. Hinzu kommen kleine Schmankerl, die ich als "Cisdresser" nicht hätte.

Wenn von wildfremden Menschen Komplimente kommen, tut das einfach gut und ich nehme es dankbar an. Oder wenn ich von einem Kavalier über die Straße gelassen wird, weil er mich mit einer Frau verwechselt hat (er hat mich im Winter von der Seite gesehen, dick eingemummelt, aber im Rock), korrigiere ich ihn nicht. Auch habe ich den Eindruck, dass Röcke und Kleider das Gespräch mit anderen Menschen (überwiegend Frauen) erleichtert. Überhaupt komme ich mit Frauen (oder die mit mir?) besser zurecht, als in alten Zeiten. Zu Männern ist die Distanz eher größer geworden, weil sich meine Sichtweise der Welt verändert hat, weg von einer rein männlichen zu einer gemischt männlich-weiblichen. Vielleicht sogar eine überwiegend weibliche Sichtweise.

Meiner Frau stehe ich emotional näher als je zuvor. Möglicherweise weil ich ein klein wenig von der "Welt der Frauen" erkannt habe und weil ich gelernt habe, mich fallenzulassen.

Was im Moment erfolgt oder noch aussteht, ist eine Art "Feintuning". Weniger bei den Klamotten, da möchte ich das ein oder andere ausprobieren (besser gesagt anprobieren), z.B. ein schulterfreies Kleid (Neckholder- oder Carmenstil). Könnte gut aussehen. Oder ein Bandeaukleid. Könnte schwierig sein, mangels genügend Masse im Brustbereich. :wink:

Ein Besuch in einem Kosmetiksalon steht noch aus. Die Eigenversuche gefallen mir nicht 100%ig. Das Ergebnis ist nicht schlecht, wenn ich mit Mascara, Eyeliner & Co. hantiere. Aber es könnte besser sein. Ich bin der Ansicht*, dass auch Männer dekorative Kosmetik benutzen können und es gut aussieht. Kommt auf das Maß an.

*In dem Punkt habe ich meine Meinung gegenüber früher um 180 Grad geändert. Die ganze Kosmetik war für mich überflüssiger "Weiberkram". Eine Ansicht, die ich 1:1 von meinem Vater übernommen hatte. Als Betroffener sehe ich das jetzt differenzierter. Wenn ich daran denke, wie aufregend es für mich war, das erste Mal Nagellack und Lippenstift zu verwenden oder meinen ersten Lidstrich zu ziehen. Und damit los zu gehen. Wäre schade, wenn ich das alles verpaßt hätte.

Mag sein, dass das für viele von Euch nur Routine und Alltag ist. Ich hoffe, dass ich meine kindliche Neugier mit zunehmendem Alter nicht verliere und gegenüber neuen Dingen abstumpfe.

Liebe Grüße
Dolores

P.S.
Mein weiblicher Name als Mann in Damenkleidung ist natürlich inkonsequent. Eigentlich müsste ich einen männlichen Namen verwenden. Den weiblichen Namen habe ich aus Hochachtung vor den Mitgliedern gewählt, die den endgültigen Schritt zur Frau gehen bzw. gegangen sind. Ob ich den Mut dazu aufbrächte, weiß ich nicht.

Re: Meine Reise in ein neues Land

Verfasst: Fr 22. Jan 2016, 12:03
von Dolores59
Astrid hat geschrieben:
Saari hat geschrieben: ...
Auch könnte sich so mancher jugendlicher Schlabberlook-Träger ein Beispiel nehmen, wie ordentliches Auftreten in der Gesellschaft auch sein kann. Zerrissene Jeans gehören in den Altkleidersammelcontainer bzw. in den Lumpensack, aber nicht an den Beine junger Leute und schon gar nicht in die Schaufensterauslagen von Bekleidungsgeschäften.
Tut mir leid, aber ich bin der Meinung, daß wer solche Sätze in einem Forum schreibt, das sich u.a. freie Kleiderwahl für jedermensch auf die Fahnen geschrieben hat, hat nichts begriffen.

Liebe Grüße - Astrid
Lieber Saari,
hier muss ich Astrid zustimmen. Warum?

Nun, wenn ich von anderen Menschen erwarte, dass sie meine Art mich zu kleiden und zu präsentieren, tolerieren, dann muss ich umgekehrt auch den Look anderer Menschen tolerieren. Ich kann die Freiheit der Kleiderwahl nicht für mich einfordern und mit dem Finger auf andere zeigen.

Auch wenn es z.B. ein Schlabberlook für die Mülltonne ist, den ich nicht leiden mag und nicht mal bei der Gartenarbeit trage. Ich möchte mir meine Kleiderwahl nicht vorschreiben lassen und mache demzufolge auch anderen Menschen keine Vorschriften. Manchmal muss ich mir auf die Zunge beißen, um nichts zu sagen (eine Meinung darf jeder haben), ganz gewiß. Besonders das Schuhwerk anderer Leute habe ich im Blick, das bringt meine Leidenschaft für hohe Schuhe so mit sich. Ich freue mich dann über Leute, die schöne Schuhe tragen. Das genügt. Was mir weniger gefällt, "muss" ich nicht sehen.

Als junger Mann war ich auch nicht unbedingt vorteilhaft gekleidet, jedenfalls in den Augen der älteren Generation. Das haben die vor 45 Jahren auch ertragen. Und ich muss es heute ertragen. That's life.

Über meine Kinder kann ich nicht klagen. Klar tragen sie das, was unter Jugendlichen "in" ist. Darunter sind auch Jeans im Destroyed-Look* und schlabberige Oberteile. Und viele dunkle Farbtöne. Aber modische Auswüchse haben bisher nicht stattgefunden. Dazu sind sie zu konservativ. Die blauen Haare meiner Zweitjüngsten (17) stehen ihr gut, alles eine Frage der Gewöhnung.

*Ich gestehe: Eine Jeans im Destroyed-Look besitze ich auch. :shock:

Wenn sie wollen, können sie elegant auftreten. Zur Familienweihnacht erschienen sechs Familienmitglieder in Rock oder Kleid (meine Frau, vier Töchter und ich) und drei in Hosen (mein Sohn, mein Enkel und eine Tochter), alle ordentlich, wie man so sagt. Ohne Vorschrift oder vorherige Verabredung.

Jetzt im Winter hat meine Frau überwiegend die Hosen an (im wortwörtlichen Sinn), obwohl sie sonst gerne Röcke trägt. Darin sehe ich sie lieber, aber ich mache ihr keinerlei Vorschriften. Bestenfalls Vorschläge, wenn sie fragt. Tatsächlich hat sie mich schon gefragt, welche Bluse am besten zu einem bestimmtem Rock passt und meinen Vorschlag angenommen. Dafür schreibt sie mir auch nicht vor, was ich zu tragen habe. In den vergangenen zwei Jahren hatte sie zweimal etwas zu bemängeln bzw. zu verbessern.

Liebe Grüße
Dolores

Re: Meine Reise in ein neues Land

Verfasst: Fr 22. Jan 2016, 23:35
von LanaX
Hallo Dolores,

zum Tragen eines Kleides oder Rockes gehört halt auch ein rasierter Körper
(blickdichte Strumpfhosen helfen auch zumindest untenrum).
Hier hat allerdings die Frau in mir nicht die Oberhand und ich will nicht
6 Tage die Woche meinen Beinpelz vermissen ;)

Das Outfit auf meinem Profilbild steht mir eigentlich schon ganz gut, finde
ich. Nur wird es mit dem zusätzlichen Krafttraining jetzt nicht einfacher mein
doch ziemlich breites Kreuz zu kaschieren. Das Training tut mir aber gut.
Man muss im Leben eben Prioritäten setzen und im Moment sind mir
andere Dinge eben wichtiger.

Und meine größter Tick sind sowieso die Schuhe und ich bilde mir ein, dass
ein paar meiner Stiefeletten gar nicht so schlecht zu meiner Jeans passen,
mal so zum Spaziergang ;)

Liebe Grüße
Lana

Re: Meine Reise in ein neues Land

Verfasst: Sa 23. Jan 2016, 09:11
von Dolores59
Hallo Lana,
als typischer Vertreter meiner Art* sage ich: Die Kleidung hat sich dem Körper anzupassen und nicht der Körper der Kleidung. :wink:

*Wenn ein Kleidungsstück nicht richtig passt, sagen Männer: Es liegt an der Kleidung.
Wenn ein Kleidungsstück nicht richtig passt, sagen Frauen: Es liegt am Körper.

Um einen Rock oder ein Kleid zu tragen, muss ich nicht zwangsläufig eine Komplettenthaarung durchführen. Mir genügt es an den Beinen. Da gehe ich regelmäßig mit dem Epilierer drüber und fertig. Eine Extraportion Bodylotion sind sie mir wert, nebst Gymnastik (Bauch, Beine, Po). Das Ergebnis kann sich sehen lassen, denke ich:

Externes Bild, es gelten die Datenschutz- und Nutzungsbestimmungen der ausgewählten Seite.Quelle: http://i59.servimg.com/u/f59/18/64/71/84/dscf4715.jpg


Externes Bild, es gelten die Datenschutz- und Nutzungsbestimmungen der ausgewählten Seite.Quelle: http://i59.servimg.com/u/f59/18/64/71/84/dscf4713.jpg


Ich gebe zu, dass ich eine FSH übergezogen habe, die die Altersflecken tarnt.

Am übrigen Körper bleiben die Haare stehen. Selbst wenn ich ein Sommerkleid mit Spaghettiträgern anziehe oder eine feine Bluse samt leichtem Sommerrock. Damit erzeuge ich ganz bewußt eine Spannung zwischen dem Männlichen (Haare auf Brust und Armen) und dem Weiblichen (feine Stoffe).

Falls Du Dich über Schuhe austauschen willst, kannst Du in das erwähnte Schuh-Forum schauen. Das ist keine Abwerbung, der Schwerpunkt dort sind High Heels.

An Deinem Profilbild gibt's absolut nichts auszusetzen. (ap)

Liebe Grüße
Dolores

Re: Meine Reise in ein neues Land

Verfasst: Sa 23. Jan 2016, 12:00
von martina
Saari hat geschrieben:denn arm kann man, aber sauber muß man sein.
Nicht umsonst dürfte ein solcher Schlabberlook keine Empfehlung bei einer Bankbewerbung oder dgl. sein.
hallo saari,
erklärst du bitte mal, was armut oder sauberkeit und schlabberlook miteinander zu tun haben.
liebe grüsse
martina

Re: Meine Reise in ein neues Land

Verfasst: Sa 23. Jan 2016, 17:49
von Astrid
Hallo Saari,

sicherlich ist "Schlabberlook" wie Du es nennst oder Used/Destroyed-Denim nicht jedermanns Geschmack. Aber auch die Träger dieser Styles drücken damit Aspekte ihrer Persönlichkeit aus, selbst wenn es der ist, auf das Äußere eben keinen Wert zu legen.
Dolores hat es in ihrem Beitrag sehr schön formuliert. Dem ist von meiner Seite eigentlich nichts mehr hinzuzufügen.

Ich wollte auch garnicht an Deiner Ablehnung gegenüber "Schlabberlook" und Co. an sich herummäkeln, sondern mir misfiel die diktatorische Art, mit der Du diese Ablehnung zum Ausdruck gebracht hast. Das kann nicht in dem Sinne der Kleidungsfreiheit sein, wie sie hier üblicherweise propagiert wird.

Allerdings finde ich im Nachhinein meinen Ton Dir gegenüber in meinem Post vom Freitag auch nicht angemessen. Ich hätte es auch besser formulieren können.
Ich entschuldige mich dafür bei Dir!

Liebe Grüße -Astrid

Re: Meine Reise in ein neues Land

Verfasst: Sa 23. Jan 2016, 19:23
von martina
Dolores59 hat geschrieben:Die Kleidung hat sich dem Körper anzupassen und nicht der Körper der Kleidung. :wink:
hallo doleres,
deine fotos zu diesem beitrag gefallen mir gut.
allerdings egal wie: ob sich der körper der kleidung anpassen muss oder umgekehrt, das ganze geht mir zu sehr auf eine gedankliche analytische ebene und ermöglicht einen streit über vermeintlich objektive tatsachen. dem möchte ich die freie kleiderwahl entgegen stellen, die einfach auf persönlichem geschmack und persönlicher stimmung basiert.
liebe grüsse
martina