Menalee hat geschrieben: Mo 16. Nov 2020, 08:53Auch ich bin der Meinung, das in einem Fall wie diesem wo ein tödliches Virus eine tödliche Bedrohung darstellt, Transparenz sehr wichtig wäre.[...] Ich habe das Gefühl, da wird wieder was ausgehandelt, mir vor den Kopf geknallt und mit Sanktionen gedroht.[...] Warum werde ich das Gefühl nicht los, das die Politik nur immer reagiert statt vorausschauend zu agieren.
Auf der einen Seite verstehe ich vermutlich deinen Frust. Geht mir ja auch so, auch wenn ich versuche, mich davon nicht runterziehen zu lassen.
Andererseits hat sich eigentlich nichts geändert seit der ersten Welle. Das Virus ist das gleiche, die möglichen Gegenmassnahmen auch, dehalb auch die Vorsichtsmassnahmen und Appelle: Abstand, Schutzmasnahmen, Kontakte minimieren. Bloss dass sich zu viele nicht mehr dran gehalten haben. Dann kam der Übergang von der Draussen- zur Drinnenzeit, der Wiederbeginn von Schule, Uni, Firmen nach dem Urlaub und damit die erwartete und angekündigte zweite Welle. Die Verbreitung ist klar, die Dynamik ist klar, das Virus tickt berechenbar und verlässlich wie die Schwerkraft.
Für mich ist da nichts unerwartet, nichts mystisch, und ich wüsste auch nicht, was von der Seite der Politik jetzt anderes gesagt werden könnte oder sollte. Es gibt keine anderen Massnahmen, bis aus der Forschung sichere, allgemein verträgliche Impfstoffe kommen - oder neue Medikamente zur spezifischen Behandlung.
Es könnten also die gleichen Statements der gleichen Leute immer wieder abgespielt werden. Welche anderen Informationen würden bewirken, dass Menschen statt zu lamentieren und zu protestieren, sich einfach an die naturwissenschaftlich gebotenen Regeln halten?
Ich stimme dir zu, dass mehr reagiert wird. Aber welche anderen Massnahmen wären denn denkbar? OK, Luftwäscher überall da, wo Menschen zwangsweise zusammenkommen. Bin ich für. Dämpft die Zahlen, ändert aber nicht grundsätzlich die Dynamik, d.h. wir müssten imme rnoch massiv Kontakte minimieren. Und dann? Mehr öffnen - mehr Probleme. Mehr schliessen - mehr Proteste (und Schäden anderer Art).
"Die Politik" hat auf Eigenverantwortung und Solidarität gesetzt. Schützt euch und andere, dann kommen wir da durch. Funktioniert sogar zu großen Teilen. Bei uns besser als in den Ländern um uns herum. Weniger Tote, weniger Langzeitgeschädigte, keine Triage, kein Unfallopfer wird im KH abgewiesen, weil alles belegt ist, usw. Aber funktioniert eben nicht gut genug unter den jahreszeitlich wechselnden Bedingungen. Die 15% total Unzufriedenen einerseits, die vielleicht auch noch vorsätzlich sich und andere in Gefahr bringen, rein aus Protesthaltung - was das Virus so gar nicht interessiert, aber auch die 85%, die eigentlich OK sind mit den Massnahmen, aber dann doch ab und zu einmal zu viel riskieren. Doch den Geburtstag besuchen, das Treffen mit 5-10 Haushalten, wo es dann wieder überspringt. Die leider besonders betroffenen frontline worker im Einzelhandel oder körpernahen Dienstleistungen, die entweder selbst nachlässig werden oder auf nachlässige Kundys treffen.
All das plus die verständliche
Pandemie-Müdigkeit führt doch zu mehr Infektionen. Was soll "die Politik" denn groß anderes machen? Klar sind so Schliessungen eine absolute Notmassnahme. Einigen scheint nicht klar zu sein, was sonst passiert. Vielleicht fehlen die drastischen Bilder aus anderen Ländern oder die Fälle im direkten Bekanntenkreis, die wir in D glücklicherweise bisher vermieden haben. Leergestorbene Seniorenheime in Schweden, Massengräber in New York und Italien, Schwerstkranke auf Fluren in Belgien, abgewiesene und zuhause gestorbene in Spanien - und dazu eine Menge nicht-Covid19-Kranke, die ihre Therapie auch nicht mehr bekommen konnten. Was dann erst in Wirtschaft und öffentlichen Protesten los sein mag.
Ich habe es oben beschrieben. Es gibt Kipppunkte. Sobald die Zahl der gleichzeitig Infizierten steigt, lässt sich ausrechnen, wann es soweit sein wird. Sobald die Betten voll und die arbeitsfähigen Pflegekräfte am Limit sind, ist es vorbei. Wenn du dann Hilfe brauchst, egal ob Covid19 oder was anderes, kriegst du einfach nix mehr. Dann kannst du würfeln, ob du es überstehst. Exponenzielles Wachstum bedeutet, letzte Woche 75% freie Kapazität, diese Woche 50%, nächste Woche 0%. Und Covid19 hat 2 Wochen Nachlauf. Was heute auf die Intensiv kommt, hat sich vor dem Shutdown infiziert - zum Beispiel bei einer "letzten Party vor dem Lockdown". Was soll "die Politik" anderes tun?
Aktuell geht es nach meinem Eindruck rein um Katastrophenvermeidung mit möglichst geringen Beschränkungen. Da hat doch auch kein Mensch Interesse an rigorosen Einschränkungen, weil das unglaublich viel Arbeit nach sich zieht, Personal aus anderen Bereichen bindet, alles in Aufruhr bringt.
Also vorausschauend regieren: Ich hatte alle Infos. Sie waren und sind für mich verständlich, sinnvoll, nachvollziehbar. Ich sehe aus anderen Ländern, dass die Vorgaben funktionieren, wenn sich alle dran halten - Asien, Afrika - und nicht, wenn zu viele Menschen sie ignorieren - Europa, USA. Dann gehen die Zahlen hoch und die Kipppunkte kommen näher und "die Politik" muss "auf Sicht" reagieren.
Meine Frage also: Was hätte "die Politik" vorausschauenderweise anders machen sollen?