Maya hat geschrieben: Di 12. Dez 2023, 18:17
Uahhhhhh, bleib von mir. So redet doch keiner.
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Zum besseren Verständnis extra für Dich:
Wenn ich mich mit jemandem unterhalten will, den ich nicht kenne, spreche ich den erst mal genau so an, wie ich ihn lese.
Also erst mal als Mann oder Frau, Z.B.: Guten Tag Herr Maier.
Wenn dieser Mensch nonbinär sein sollte, liegt es an ihm, mich darauf hinzuweisen, wie er angesprochen werden möchte.
Und das werde ich dann natürlich auch berücksichtigen.
Wäre ich nonbinär würde ich das, als Angehöriger einer extrem kleinen Minderheit, auch so machen, ohne mich drüber aufzuregen.
Einem Nonbinären im Alltag zu begegnen tendiert nach meiner Meinung gegen fast Null.
Da haben wir doch was jenseits der Sternchen.
Ich kann dir nur bei einem recht geben: Du hast es noch nicht erlebt. Das heisst nicht, dass es keine nichtbinären Menschen in deinem Umfeld gibt. Bei mindestens einem Prozent Bevölkerungsanteil wäre es schon verwunderlich. Nur: Du kennst sie nicht. Warum nicht, darüber wäre zu spekulieren.
Zwei Gründe sehe ich auf Anhieb: Es ist anstrengend und risikoreich. Besser gesagt: Menschen mit deiner Haltung sind potenziell anstrengend und risikoreich für mich. Für dich ist es eine einzelne exotische Begegnung. Vielleicht eine für Wochen oder Monate. Für mich ist das täglich. Bei jedem neuen Kontakt, spätestens wenn Anrede mit Name vorkommt. Jeder Telefonkontakt, jeder Mailkonktakt, jeder Brief. Und die physischen Begegenungen, in denen ich ge-Herrt, ge-Fraut, ge-Sohnt und ge-Tochtert werde. Überall Menschen wie du, die nicht einladen, nachfragen, sondern erst mal von sich ausgehen, bzw mich deuten wegen Vorname, Stimme, Erscheinung.
Für mich ist jedes einzelne Mal die Frage: Leiste ich mir jetzt die zusätzliche Energie, obwohl ich nur was mit der Versicherung telefonisch klären will oder meine Mutter in eine Praxis begleite? Was kommt als Antwort? Muss ich viel erklären? Wird es beachtet oder kriege ich stattdessen eine anstrengende Diskussion ob und wie und warum und dass das alles so neu ist und so ungewohnt und wie (Person) das denn wissen soll, rhabarber rhabarber rhababer. Geht mein eigentliches Thema unter und vor allem: Wie abhängig bin ich ggf von dem Wohlwollen der Person, mein Anliegen zu behandeln?
Deshalb ist es für mich erstens anstrengend und zweitens risikoreich, das anzusprechen. Auch wenn ich ziemlich selbstsicher, redegewandt und ziemlich unabhängig bin. Für drei bis vier Begegnungen an einem Tag habe ich vielleicht Energie, dann lässt es nach. Mit mehr Stress eher. Und ich brauche Auszeiten, in denen soetwas nicht vorkommen kann. Privat, ohne neue, anstrengende Menschen.
Ich bin daher nicht sicher, dass du an meiner Stelle so handeln würdest, wie du beschrieben hast, also wenn du selbst wirklich betroffen wärest. So, total unberührt, stellt sich das völlig anders dar.
Es ist leichter, wenn es einladende Signale gibt. Wenn sich die Institution sichtbar genderinklusiv darstellt. Am meisten, wenn Personen zum Beispiel ihre Pronomen signalisieren. Auch binäre, auch wenn sie cis sind.
Genau das gleiche wie beschrieben gilt übrigens für neurodiverse Menschen, Menschen mit chronischen Krankheiten, usw. Allen erzeugt diese "ich mach so, als ob alle wie ich sind, sollen sie sich halt melden"-Attitüde bei jedem einzelnen Mal das Quentchten zusätzlichen Energiebedarf, Stress, etc, auf ihre sonstigen Schwierigkeiten obendrauf.
So, mal praktisch. So redet doch keiner? Oh doch. Ich zum Beispiel. Mein Umfeld auch. Auch die cis Leute, die binären. Sogar im Job. International tätiger Industrie-Konzern, wo ich als externes Sternchen im IT-Bereich beitrage. Machen die. Auf deutsch und die englischen Äquivalente, weil ihre Kontakte in USA sie sonst sehr schräg angucken. Bei meinem Ehewesen genauso. Hauptkunde ein deutschstämmiger Elektro-Weltkonzern; IT-Bereich: Alles mit Pronomen im Mailfooter, im Adressbuch, überall Sternchen und_oder inklusive Formulierungen.
Es sind sicherlich einige Firmen voraus, andere hinterher, aber der generelle Trend geht klar in Richtung Diversity und neuen, einladenden Umgangsformen. Übrigens in Deutschland tatsächlich langsamer als zB in UK, USA und anderen.
Noch mal praktisch: Wenn ich bei einer Person nicht sicher bin, kann ich fragen oder mich möglichst geschickt drum herum mogeln. Haben wir alle schon gemacht, wenn wir den Namen nicht (mehr) wissen. Das ist meist besser, als mit falschem Namen oder Anrede aufzufallen. Natürlich geht das am besten, wenn das ganze Umfeld entsprechend sensibilisiert wurde, also generell einladend für solche Rücksichtnahme. Damit wären wir wieder zurück auf Feld 1.
Zusammengefasst: "Dann sollen die das eben sagen" ist nicht wirklich einladend. Ich empfinde das auch nicht als wirklich respektvoll, sondern absolute Basis. Es kostet mich extra Nerven und Aufwand. Es gibt ein paar kleine Tricks, mit denen uns allen das Leben leichter sein könnte, aber die müssen auch mal gelernt und eingeübt werden. Insgesamt ist eine Umgebung nur angenehm, wenn auch genderdiverse Menschen, genauso wie neurodiverse, etc von vorneherein sehen, dass hier Menschen auf sie eingerichtet sind.