Mechthild und Hein haben sich sehr zurückgezogen. Die große Hochzeitsfeier hat Eindruck hinterlassen, obwohl einige Neider schon kurz danach sagen: "Ja, wenn sein Chef nicht so viel spendiert hätte, da wäre die Feier wohl sehr viel kleiner ausgefallen".
Missgunst und Neid gibt es auch in den kleinen aufstrebenden Dörfern und sie sind weit verbreitet.
Immer wieder macht auch die Geschichte "von dem, der aus dem Krieg kam und dann erst einmal mit seiner Schwester"¦" die Runde.
Sie werden nicht müde, die Geschichte zu erzählen, finden immer noch neue Zuhörer und lenken gern von eigenen Angelegenheiten ab.
Hein und Mechthild machen den Leuten es auch nicht einfach, ja, man könnte sogar sagen, er sorgt sogar dafür, dass seine Frau nicht unter Leute kommt und Teil der Dorfgemeinschaft werden kann.
Aber auch sie hat schon gesagt, dass sie ihre Ruhe braucht und dass sie keinesfalls der olen Hex begegnen will.
Ja, sie möchte nicht "
so ein Kind", sondern ein wohlgeratenes, bei dem jeder sofort weiß, ob es ein Mädchen oder ein Junge ist.
Hein und Mechthild meiden sogar den kleinen Dorfladen.
Vieles kann er nach der Arbeit in den anderen Dörfern besorgen. Mechthild legt ihm die Einkaufszettel auf den Küchentisch. In der ersten Zeit steht noch "Ich hab Dich lieb" unter der Liste, was bei Hein einen kleinen, wohligen Schauer verursacht, wenn er das liest, aber das hält nicht lange an.
Schon bald enden die Einkaufslisten mit "nicht vergessen!"
Ja, auch zwischen ihnen hat es sich abgekühlt.
Mechthild muss viel liegen; da sind sich Hebamme und Arzt einig.
Hein darf sie auch nicht mehr berühren.
Dabei hat ein Kollege erzählt: "auch in der Schwangerschaft muss man regelmäßig mit seiner Frau zusammensein; denn so kann der Mann seinen Beitrag zur Fütterung des ungeborenen Kindes leisten!"
Einige Kollegen lachten, andere sagten: "Du Spinner".
Hein sagte nichts.
Tagsüber ist Mechthild allein, hat fast nie Besuch.
Die Frauen aus dem Dorf sehen keinen Anlass, nach ihr zu sehen.
Sie strickt für das Kind und kümmert sich, so gut es geht, um den Haushalt.
Sie ist einsam und bereut fast, die Stadt verlassen zu haben, aber eine Frau mit Kind und ohne Mann hat es auch dort sehr schwer. Das wollte sie ihren Eltern nicht zumuten.
Nun ist sie "gut verheiratet auf der Insel" und ihre Eltern können ein wenig stolz auf sie sein.
Aber ist sie gut verheiratet?
Der Wind macht sie verrückt — und es ist immer windig.
Wenn es trocken ist und es aus nördlichen Richtungen weht, dann krisselt der feine Sand, der von den Kiesgruben hinübergetragen wird, den ganzen Tag an den Fenstern.
Jeden Tag muss sie mit dem Staubtuch die Fensterbänke von Sand und Staub befreien.
In manchen einsamen Stunden spürt sie den Sand am ganzen Körper, schmeckt ihn — und er knirscht sogar zwischen den Zähnen.
Eigentlich könnte sie froh sein, wenn Hein von der Arbeit kommt, aber sie ist es nicht.
Das Abendessen verläuft meistens schweigsam.
Was Hein zu erzählen hätte, das interessiert Mechthild nicht.
Sie hat nicht viel zu erzählen — und ihre ständigen Klagen haben Hein müde gemacht.
So ist es besser, sie sagt nichts.
Ein Kollege will ihm einen Radioapparat besorgen; der könnte dafür sorgen, dass es keine Grabesstille wird.
Nach dem Abendessen setzt Mechthild sich mit ihrem Strickzeug in die Stube.
Eine Weile hört sich Hein das Klicken und Klacken der Stricknadeln an und blickt in die Zeitung, die er mitgebracht hat. Die ist aber schnell ausgelesen; denn das kleine Käseblatt ist nicht sehr umfangreich.
Hein hält die stille Nähe nicht mehr aus, traut sich aber auch nicht, ein Gespräch anzufangen und sie zu durchbrechen.
"Ich gehe noch in die Werkstatt!"
Dort hat er sein Rückzugsgebiet und kann sich sicher sein, dass Mechthild ihm nicht folgt.
Die schmale Stiege kann sie nicht hinabsteigen.
Hein hat hölzerne Fensterläden in Arbeit; denn der Winter könnte hart werden.
Er kann sich nicht recht auf seine Arbeit konzentrieren; dabei kommt es auf Genauigkeit an, wenn die Verbindungen passen und stabil sein sollen.
Erst einmal holt er sich ein Feierabendbier und setzt sich in den alten Korbsessel, für den sie oben keinen Platz hatten.
Auch er ist unzufrieden.
Ihm fehlt das Zusammensein mit seiner Schwester.
Mechthild ist so ganz anders.
Nun gut, sie ist schwanger, aber wird es schön mit ihr, wenn das Kind da ist?
Hein ist skeptisch, würde das nicht unterschreiben wollen.
Er denkt wieder an seine Schwester.
Ist es das Bier, das ihn leicht einlullt, oder sind es seine Gedanken?
Ein wohliges Gefühl durchströmt ihn. Seine Hose wird ihm eng.
Er öffnet den Knopf und den Reißverschluss.
"Ein schöner Stab", denkt er, "nur schade, dass er so selten benutzt wird!"
Er muss grinsen.
Er fasst sich selbst an, erst schüchtern, als hätte er es verlernt.
Zaghafte Bewegungen.
Immer fester, immer schneller.
Er stöhnt und entlädt sich in ein Taschentuch.
"Hein, hast Du was?"
Mechthild hat oben an der offenen Kellertür gestanden; das hat er nicht bemerkt.
"Nein, ich habe wohl nur falsch gemessen!"
Obwohl er sicher sein kann, dass sie nicht in den Keller kommt, verstaut er seinen Stab schnell wieder in der Hose.
"Ich geh ins Bett!"
"Ist gut, gut Nacht".
"Ich habe Dir noch einen Zettel hingelegt für morgen".
Was auch sonst.
Hein wartet, bis sie eingeschlafen ist.
Dann geht er nach oben.
Das Bier und sein Tun in der Werkstatt haben ihn müde gemacht.
Er ist gern müde.
Leider kann er jede Nacht nur kurz schlafen.
Oft wird er von seinen schrecklichen Träumen geweckt; manchmal ist es auch nur eine Bewegung von Mechthild, die ihn aufschreckt.
Seine toten Kameraden erscheinen ihm immer wieder, auch die Menschen, die sie in den Tod geschickt haben, weil sie Feinde waren.
Feinde!
Menschen!
Muss man Feinde nicht kennen, um zu wissen, dass sie Feinde sind?
Hein hat keinen gekannt.
Er hört ihre Schreie immer noch.
Er sieht ihre weit aufgerissenen Augen die zu fragen scheinen: "warum hast Du das gemacht? Ich möchte so gerne noch leben, möchte heim zu meiner Frau und meinem Kind!"
Ja, warum hat er das gemacht?
"Das war ein Befehl; ich konnte nicht anders!"
Wenn er sich selbst richten sollte, dann wäre das Urteil trotzdem "schuldig".
Er möchte nicht schuldig sein; er hat das Gefühl, ewig mit dieser Schuld leben zu müssen.
Davor hat er Angst.
Er wünscht sich, dass er doch eines Tages aufwachen könnte — und dann wäre alles vergessen.
Dazu müsste er wohl lange und traumlos schlafen, sehr lange.
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