Nora_7 hat geschrieben: So 8. Nov 2020, 11:23
Natürlich geben die aktuellen Tests ein retrospektives Bild. Dennoch wird die Zahl weiterhin noch hoch bleiben, weil im engen Dunstkreis angesteckt wird, der nicht der Zwangsstillegung unterliegt. Regierungsargumentation: Die Gesundheitsämter sagen, dass bei 75 Prozent der Infizierten sei unklar, wo sie sich mit dem Virus angesteckt hätten. Deswegen müsse man alles schließen, was entbehrlich sei.
Tolle Logik — oder? Also, Im Entbehrlichen steckt sich keiner an? Dafür aber im Unentbehrlichen - Familie, Beruf! Absurd.
Die Lockdown-Strategie funktioniert nur, wenn diese
vollständig — s. Neuseeland — und über längere Zeit durchgehalten wird, so dass jedes Cluster "ausgehungert" wird. Sobald der Lockdown aufgehoben wird, und internationaler Reiseverkehr mit nicht Lockdown-Regionen erfolgt, ist der Erfolg wieder vorbei. Kontrolle statt Verbote muss das langfristige Ziel sein.
Japp, Zustimmung - bis auf den letzten Satz. Aber es gibt ja gerade keinen Lockdown wie in den Ländern um uns herum. Keine Ausgangssperren, keine Ausnahmegenehmigungen zum einkaufen, keine Totalverbote, trotzdem (noch) keine Überlastung des Medizinsystems. Verglichen mit den Ländern um uns herum schneiden wir verdammt gut ab. (OK, Asien und Afrika kriegen es besser hin, das wird gerade bei letzterem mal sehr interessant zu untersuchen sein) Stattdessen einen - leider - Flickenteppich, da geb ich dir vollkommen recht.
Das Problem sehe ich darin, dass es nicht nur ein technisches ist. Die Ursache, die Folgen und die Mechanismen sind naturwissenschaftlich erfassbar, aber die bisher möglichen epidemiologischen Maßnahmen haben eine starke psychologische bzw politische Komponente. Damit kommen Unwägbarkeiten ins Spiel. Solange du keinen totalen Polizeistaat einführst, was die VTler ja befürchten oder schon in Effekt sehen, müssen weitere emotionale und materielle Bedürfnisse gegen die Erkrankungen und das Medizinsystem abgewogen werden. Politik ist eben immer ein Eiertanz.
Weitere vier oder mehr Wochen totaler Winterschlaf im Sinne von Totalverboten sind - soweit ich das verstanden habe - weder wirtschaftlich, noch politisch machbar. Viele Leute sind erschöpft, viele persönlichen Reserven sind aufgebraucht. Wer materiell schlechter gestellt ist, hat auch kaum Möglichkeiten, denn Geld muss rein kommen, Wohnraum ist beschränkt, die Kinder müssen betreut werden, der Job ist nicht homeoffice-fähig, die Ausstattung für online-Unterricht zu teuer. Ausserdem sind Monitoring, Clusterverfolgung und Testsystem überlastet. Klar liegt das auch an der Verschleppung vieler sinnvoller Maßnahmen und dass etliche davon überhaupt nicht gemacht wurden/werden.
Also wie kriegst du in so einer Situation die Balance hin, die aktuell 75-80% Zustimmung zu den Maßnahmen zu halten? Mit staatlicher Gewalt, die wenn du zu viel verbietest dann privat unterlaufen wird, was noch mehr staatliche Gewalt bzw Kontrolle erfordert? Mit Maßnahmen, die gerade bei Millionen Geringverdienenden an die pure Existenz gehen?
(Was ich noch nicht verstanden habe: Was willst du kontrollieren? Dass die Leute die Regeln einhalten? Auch im privaten Bereich? Ordnungsamt und Polizei in die Wohnungen schicken, ob sich da mehr als "2 Haushalte" treffen? Eine Vollerfassungsapp mit GPS und so, die aus technischen Gründen, s.u. schon keinen praktischen Gewinn bringt, dafür aber mit zu vielen Verdachtsmeldungen die Test- und Nachverfolgungskapazitäten überfordert?)
Wie kriegst du die _Denke_ der Kontaktvermeidung in den größten Teil der Menschen, damit die Lage im behandelbaren Bereich bleibt? Also keine Triage in den Kliniken, keine Massengräber, keine kompletten Firmen etc in Quarantäne. Aus meiner Sicht ist dieser Flickenteppich vor allem ein psychologisches Tool, um das Problembewusstsein zu schärfen. Es ist Katastrophenvermeidung mit der Hoffnung auf eine Schutzimpfung, denn natürlich ist klar, dass es ohne die oder wirklich effektive Behandlung nicht gehen wird wegen genau der neuen Infektionsquellen, die du genannt hast.
Fazit: Es kann gar nicht um eine Total-Ausrottung des Virus gehen; dein Argument mit den Infektionen von aussen. Also managen, abwägen, unter den vielfältigen Belastungsgrenzen bleiben. Und ja, die unterschiedlichen Maßnahmen sind vielfach nicht einsichtig.
Übrigens: Danke für die Diskussion
Zwei Nachsätze zur Warnapp - da kenn ich mich zufällig aus, weil ich mit der
proximity detection gearbeitet habe

Kleines Paradox: Erstens, die Nähe-Berechnung funktioniert nicht, zweitens, die App tut es doch. Das ist immer nur ein Daumenwert, der von Position und Lage des Geräts abhängt, von abschirmenden Materialien (menschliche Körper!), etc. Plexiglasscheiben und PVC-Vorhänge schirmen nicht ab, schützen aber; wer mit einer infizierten Person spricht, aber beide das Ding in der Po-Tasche haben ist sich nicht "nah genug", aber weniger geschützt.
Keine noch so tolle App kann Infektionen sicher auffinden. So viele Locationcodes kannst du gar nicht installieren, zum Beispiel in Öffis und anderen Verkehrsmitteln. Deshalb reichen anonymisierten die Begegnungs-Daten.
Deshalb die Warnstufen. "Begegnung mit geringem Risiko" ist so etwas. Vielleicht an der Bushaltestelle, vielleicht Rücken an Rücken in der Kantine, in einer Warteschlange oder wenn die Handtasche in der Umkleide der Boutique hing. Eine positiv getestete Person war dir nahe, aber das Risiko war gering. Sei noch ein bisschen vorsichtiger und wenn sie verschwunden ist, ist deine potenzielle Inkubationszeit (14 Tage) von der Begegnung vorbei.
Der Blogbeitrag ist schon interessant und nicht ganz von der Hand zu weisen. Aber auch hier gibt es die Probleme wie oben. Akzeptanz, Machbarkeit, Gefahr der Totalüberwachung. Du kannst die Leute nicht zwingen, das Ding zu benutzen - oder sie finden Wege, es aktiv zu unterlaufen. Wir haben weder die kolkektivistische Tradition von Südkorea oder Singapur, noch die staatlichen Rechte. Viele Menschen haben gar kein kompatibles Smartphone, gerade die ältere Risikogruppe. Und yeah, komplette Kontaktverfolgung aller Smartphones. Der feuchte Traum aller Überwachungsbehörden. Schlimm genug, dass die meisten das mit WhatsApp und Google Maps eh schon laufen haben, aber die können wenigstens keine Unbeteiligten Passant"¢innen in Ermittlungsdatenbanken einbeziehen. Stichwort: Funkzellenabfrage.
Die Zustimmung dürfte weit unter 99% bleiben, denn a) kannst du nicht alle Menschen ständig einzeln kontaktieren und an Bord holen, b) dürften die 10-15% Solidaritätsverweigernden, die rechts-aussen, anti-System wählen auf jeden Fall raus fallen. Da sind die 75-80% aktuell Zustimmenden auch ohne Zwang ausreichend.
Weiteres praktisches Problem: Die Massen an gemeldeten Konakten _könnten_ gar nicht mehr alle in Quarantäne, geschweige denn getestet werden. Von daher ist spätestens jetzt eine Komplettverfolgung nicht leistbar.
Das reale Leben ist schon etwas komplexer, als Solutionist"¢innen wie Michael Seemann sich das vorstellen. Alles wird einfach, wenn ein die Bandbreite an konkreten Situationen ausser acht lässt.
Schönes Beispiel von "nicht mitgedacht":
https://www.heise.de/meinung/COVID-Test ... 41959.html
Dazu trug auch bei, dass Verily die Teststation als Drive-In bewarb, obwohl sie, im Einklang mit den Bedürfnissen der lokalen Bevölkerung, für Fußgänger eingerichtet war. Die falsche Beschreibung lockte Wohlhabendere aus anderen Gegenden an, die dann wütend waren, weil sie ihr Vehikel parken und ein bisschen zu Fuß gehen mussten — in einem Armenviertel "wo sie wahrscheinlich noch nie waren und offenbar nicht sein wollten", berichtete die Ärztin, "Sie haben eine ziemliche Szene gemacht." So arg und geifernd, dass mehrere rausgeschmissen werden mussten.
[...]
Überraschend unflexibel ist Verilys Terminvergabe. Frühestens am nächsten Tag kann man sich testen lassen. Das ist besonders frustrierend für Personen, die mangels eigenen Internetzugangs zur Teststelle kommen, um sich dort online zu registrieren. Selbst wenn sich die Krankenschwestern gerade langweilen, müssen die Patienten an einem anderen Tag zu einer bestimmten Zeit wiederkommen. Das ist in der Zielgruppe eine hohe Hürde.
Im Stadtzentrum San Franciscos war zudem ein Smartphone Pflicht für die Terminvereinbarung vor Ort. Wer keines hatte, wurde weggeschickt — und fiel damit auch um den versprochenen Einkaufsgutschein über zehn Dollar um. [...]
Viele sozial Benachteiligte haben durchaus ein Gmail-Konto und würden es auch verwenden. Doch ein Gutteil hat das Passwort vergessen, weil Menschen ohne Internet selten das Passwort brauchen. Nun setzt Google für die Passwortrücksetzung voraus, dass der Kontoinhaber entweder das Passwort eines anderen, dereinst hinterlegten E-Mail-Kontos kennt, oder dass er noch die selbe Telefonnummer wie bei Einrichtung des Gmail-Kontos hat. Eine weltfremde Forderung für die Zielgruppe.
Zu allem Überdruss verlangt Verily, dass Testwillige alle Angaben selbst machen. Hilfe Dritter ist unzulässig. Gleichzeitig stellt Verily die Anmeldung ausschließlich auf Englisch und Spanisch zur Verfügung. Verily geht also davon aus, dass alle Kalifornier ausreichend Lesen und Schreiben können, um Fragen nach Krankheiten schriftlich beantworten und Datenschutzbestimmungen verstehen und akzeptieren zu können.
Dabei ist bekannt, dass die Hälfte aller US-Amerikaner nicht in der Lage ist, für die achte Schulstufe vorgesehene Bücher zu lesen. Und unter allen US-Staaten hat Kalifornien mit 23,1 Prozent die höchste Analphabetenrate, wobei der Anteil unter sozial Benachteiligten noch höher ist. Auch das erklärt, warum eine Terminvergabe für einen anderen Tag eine Hürde darstellt: Der Testwillige muss Datum und Uhrzeit korrekt ablesen und sich einprägen.