Carry hat geschrieben: Do 5. Mär 2020, 12:32Vicky_Rose hat geschrieben: Do 5. Mär 2020, 12:26
Die Erde hat zwei Pole, ist dazwischen ganz schön "divers". Aber sie ist nicht binär. Sie besteht nicht nur aus zwei Polen.
Genau! Und würde jetzt deswegen, weil dazwischen ganz schön viel "divers" ist, irgendjemand sagen, dass die beiden Pole eine "schwachsinnige Idee" und nur ein kulturell-religiöses Konstrukt seien??? Wohl kaum ...
Ein schönes Beispiel, denn: Kennt ihr die südatlantische Störung? Das ist quasi ein "Loch" im Erdmagnetfeld. Flugrouten werden drum herum gelegt, weil durch diese Störung in Reiseflughöhe mehr Belastung durch kosmische Strahlung auftritt. Das Ding wächst übrigens, so wie die Sichtbarkeit nicht-binärer Menschen
Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/ ... lution.gif
Das Erdmagnetfeld ist bunt und chaotisch. Die entgegengesetzten Maxima sind nicht 180-° zueinander, also die "Achse" zwischen ihnen krumm. Sie wandern chaotisch und der magnetische Äquator, die Nulllinie in der Mitte, ist keineswegs ein Kreis, sondern eine Schlangenlinie.
Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/ ... 10.pdf.jpg
Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/ ... 15.svg.png
Was so locker als "der Nordpol" bezeichnet wird, ist eine eher unscharfe Sache, die nur für äusserst einfache Anwendungen und nur zeitlich und örtlich begrenzt als Punkt angenommen werden kann. Die verlängerten Kompassnadeln an drei oder mehr verschiedenen Punkten der Erde schneiden sich nicht unbedingt in einem Punkt. So gesehen gibt es also je nach Standpunkt auf der Erde mehrere gültige Nordpole.
Und das ganze funktioniert auch nicht in beliebiger Höhe. Von aussen betrachtet sieht es nämlich so aus, mit mehreren Nord- und Südpolen.
Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/ ... versal.gif
Das liegt daran, dass das Magnetfeld nicht nur durch den Erdkern zustande kommt, sondern auch durch den Teilchenstrom der Sonne und andere Faktoren. (Vgl. Geschlecht hat mehr Koordinatenachsen als Genitalien und jede Achse ist in sich komplex, s.u.)
Insgesamt sind das ganz schön viele Abhängigkeiten und Nebenbedingungen, damit das Modell "Die Erde hat zwei Pole" funktioniert. Eigentlich müssen wir sagen: Im großen und ganzen, wenn wir nicht so genau hinschauen und ziemlich viele Details ignorieren, können wir über den breiten Daumen gepeilt grob annehmen, dass es für den alltäglichen Hausgebrauch hinkommt. Aber es taugt nicht mal für ne längere Navigation und nur innerhalb der unteren Kilometer der Atmosphäre.
(Alle Bilder aus
Wiki:Erdmagnetfeld)
Wie gesagt: Wo immer 1 genauer hinschaut, wird die Welt bunt, komplex, vielfältig und sehr interessant.
Die persönlichen Gender-Kompassnadeln ("männlich - weiblich") zeigen im großen und ganzen, wenn wir nicht so genau hinschauen und ziemlich viele Details ignorieren, über den breiten Daumen gepeilt grob angenommen in eine ziemlich ähnliche Richtung. Aber diese Pole wandern, abhängig von Zeit und Raum, geprägt durch kulturelle Entwicklungen. Hohe Absätze, zuerst von Männern im 16ten Jahrhundert getragen, sind zu einem weiblichen Signal geworden. Die 70er merken jetzt auf und zeigen auf ihre Plateauschuhe für alle... Aufwändige, farbenprächtige Kleidung war früher ein Zeichen von Stand, Adel und Reichtum, nicht von Geschlecht. Bei schwerer Arbeit war es ähnlich. Eine Aufgabe der niederen Stände. Die Genderfarben blau und rosa haben im 19ten Jahrhundert die Polarität gewechselt. In Asien, Afrika und den Amerikas waren die Farben eh anders sortiert. Krieger trugen bunter Kleider, schöne Düfte und schrieben Gedichte.
D.h. was hier und heute gerne als genderstereotypisch angenommen wird, war beileibe nicht immer so und ist auf jeden Fall nicht "naturgegeben", Fortpflanzung hin oder her. Nicht hier und schon gar nicht pauschal überall auf der Welt. Und bitte jetzt nicht mit irgendwelchen Annahmen über die Rollenverteilung von "Naturvölkern" kommen. Das sind Mythen des 19ten Jahrhunderts, die zum Beispiel Völker mit matrilinearer oder genderunabhängiger Vererbung ignorierten.
Dass die meisten Menschen hier einen ähnlichen Satz Prägungen mitbekommen haben durch Eltern und Umgebung und sich damit irgendwie identifizieren können, heisst eben nicht, dass das "natürlich", "normal" oder "gut" oder unabänderlich ist. Es ist einfach nur der in dieser Zeit und in dieser Weltgegend häufigste. Das ist ja auch prima, so als virtuelle Fixpunkte. Wir können uns für die grobe Positionsbestimmung und Navigation daran orientieren und definieren. Passt bei den meisten irgendwie, bei manchen wie mir eben nicht wirklich. Ich verorte mich in dem magnetischen "Loch" oder irgendwo ausserhalb

Nord und Süd sind keine sinnvollen Richtungen für mich.
Und sobald wir etwas genauer hinschauen, wird es bunt, komplex, vielfältig und sehr interessant. Dann können wir "Geschlecht" von mindestens drei Seiten betrachten, nämlich Körper, Präsentation und Selbstgefühl (auch Identitätsgefühl genannt). (Und unabhängig von den dreien noch sowas seltsames wie eine staatliche Kategorisierung, die ihre praktisch Relevanz inzwischen ziemlich verloren hat.) Die drei Seiten sind ebenfalls komplex, denn wie definiert sich zum Beispiel binär gegenderte Körperlichkeit oder Präsentation zwischen Stan Laurel und Donald Trump, Dany deVito und Daniel Craig, Curt Cobain und Mahatma Gandhi auf der einen und Marilyn Monroe und Queen Elizabeth, Hella von Sinnen und Lady Gaga, Lucy Lawless (Xena) und Heidi Kabel auf der anderen Seite? Wo ordnen sich da
David Bowie und
Tilda Swinton ein?
Quelle: https://encrypted-tbn0.gstatic.com/imag ... RYtxDrN_&s
Quelle: https://s9.dziennik.pl/pliki/4727000/47 ... 42-900.jpg
(Ich liebe diese Bilder von den beiden

)
Klar kann 1 all diese Leute mit mehr oder weniger kruder Gewalt auf die zwei Kisten verteilen. Dann können wir aber nicht mehr über die Feinheiten, die Hintergründe, die komplexen Zusammenhänge reden. Über Historie und mögliche Zukunft, die auch denen gerecht wird, die an der Zuweisung in eine Kiste leiden.
Wir sind hier in einem Forum auch für differenzierte Betrachtungen. Es ist schön, wenn manche mit stark vereinfachten Definitionen klar kommen. Für den Alltag reicht das bei den meisten auch. Für Schuhe, Kosmetik und Klamotten. Aber das reicht eben nicht für alle Menschen hier und vor allem nicht für Selbstfindung und Weiterentwicklung. Abgesehen davon verbietet sich jede Behauptung von "natürlichen" Genderzuweisungen oder "normalen" Menschen schon allein durch die Existenz von Menschen hier, die eben damit nicht klar kommen. Wir sind alle "natürlich" und "normal", auch wenn einige Identitätsgefühle häufiger sind.