Lange habe ich zu diesem Thema, meinem Werdegang nichts geschrieben.
Deshalb heute in tiefer Griff in die Kiste, die Altkleiderkiste in diesem Falle.
Beim schreiben in einigen Threads hier im Forum, kamen einzelne Kindheitserinnerungen wieder hoch. Beispielsweise die
ominöse Kiste, oder besser der große Korb, mit den Sachen für die Altkleidersammlung. Wobei, eine Sammlung. Oder gar
Sammelstelle wie heute gab es noch nicht.
Wir hatten einen großen eckigen Korb mit Deckel, der etwa die Abmessungen von 90x 50 Zentimeter hatte. Darin und einem
großen Karton, wurde all das gesammelt was uns Kindern nicht mehr passte. Diese Sachen bekam eine Cousine meiner Mutter,
die in ärmlichen Verhältnissen lebte, für ihre drei Kinder, die allesamt ein paar Jahre jünger waren wie wir.
Außerdem kamen, wie ich herausfand, dort hinein auch Sachen, die meine Mutter aussortiert hatte, weil sie schlichtweg
unmodern geworden waren. Den Inhalt dieses Korbes musste ich dann, in unregelmäßigen Abständen, in meinen Fahrradanhänger
umpacken und zu besagter Cousine bringen.
Bei einer Zwischensichtung fanden sich in dem Korb dann eines Tages auch zwei BH, drei elastische Hüfthalter und etliche Paare
von teilweise noch originalverpackten Damenstrümpfen. Mutter war da nämlich, Ende der 60iger Jahre auch auf Strumpfhosen
umgestiegen. Auch ihre Kleider und Röcke waren deutlich kürzer geworden und blitzende Strapse nicht eben das, was sie
präsentieren wollte. Sie war nämlich die letzte der Kolleginnen, die -so etwas altmodisches wie Strümpfe- noch anzog.
Ihr Chef hatte die Angewohnheit, anstatt Weihnachtsgeld den Damen Strümpfe, oder Strumpfhosen zu schenken. Die wurden,
ein paar hundert Meter weiter, in einem kleinen Geschäft für Kleidung und Kurzwaren bestellt. Diesen Zettel musste ich überbringen,
genauso, wie ich mit dem Fahrrad kurze Botengänge, für den Chef meiner Mutter, erledigte. Und das Paket mit den Strümpfen und
Strumpfhosen durfte ich dann auch abholen, wofür ich den seinerzeit für mich gewaltigen 100 DM Schein in die Hand bekam.
Nun lagen diese 6 oder 7 Tüten in dem Korb. Zusammen mit mindestens ebenso vielen bereits getragenen Damenstrümpfen. Diese
Schätze habe ich größtenteils, zusammen mit einem BH und dem engsten und festesten Hüfthalter, in meinem Versteck gebunkert.
Nur drei der Paare, in merkwürdigen Farben habe ich auftragsgemäß abgeliefert. Aufgefallen ist das glücklicherweise nicht und ich
wurde mutiger. Monate später lagen nämlich, außer Kindersachen, auch drei von Mutters Kleidern in dem Korb. Die hatte ich, in
den wenigen Momenten, wo ich allein Zuhause gewesen war, schon einmal angezogen gehabt und wusste welches gut passte und
mir auch gefiel. Das schlichte hellbeige Kleid landete ebenfalls in meinem Versteck.
Außerdem hatte Mutter Schuhe aussortiert. Nun, wo bunte und poppige Schuhe mit Blockabsätzen in waren, fand ich fünf Paare
die weg sollten. Allen gemeinsam waren die relativ hohen, dünnen Pfennigabsätze. Da ich auch diese Schuhe schon einmal
anprobiert hatte und wusste welche mir auch besonders gefielen, beschloss ich das Paar sehr hoher, cremefarbener Pumps zu
behalten. Den Rest habe ich auftragsgemäß, wieder einmal bei der Cousine abgeliefert.
Und dann, wenn meine Mutter nachmittags zur Arbeit war und meine Geschwister zum Sport, dann schlug meine Stunde. Ich zog
mich in der Werkstatt, wo ich auch alles versteckt hatte, um! Den BH, den Hüfthalter und ein Paar der Strümpfe hatte ich schnell
angezogen. Das Kleid, welches vorn geknöpft war, ließ sich leicht überstreifen und zum Schluss schlüpfte ich in die, mir damals
bereits etwas engen Pumps. So ausgestattet, stöckelte ich, mit den laut klappernden Absätzen, wieder und wieder durch die
Kellerräume unseres Hauses.
Dann war ich einerseits unheimlich glücklich, endlich dieses Sachen tragen zu können und mich endlich richtig gekleidet zu fühlen,
war allerdings anschließend auch tieftraurig, wenn ich, mit einem Auge stets auf die Uhr schauend, alles wieder ausziehen und
wegräumen musste.
Glücklicherweise bin ich nie entdeckt worden und die fehlenden Sachen wurden auch nie vermisst.
Und heute? Heute bin ich in der überaus glücklichen Lage mich, wenn mir danach ist, mich als Frau zurecht machen zu können.
So wie auf diesem bereits etwas älteren Foto.
Nach Knie-OP.JPG
Mich zu schminken, eine Perücke zu tragen, Schmuck und sogar eine Damenbrille mein Eigen zu nennen. Und das Allerschönste ist,
meine Frau versteht mich, hilft mir, fördert und fordert mich. Denn zusammen, wie zwei gute Freundinnen, gehen wir nicht nur zu
den Treffen unserer SHG, sondern auch bummeln, shoppen, ins Theater, oder zu einem Museumsbesuch, oder besuchen eine
Ausstellung oder Büchermesse.
Juliane, die immer noch unheimlich gerne, echte, alte Straps Strümpfe trägt, ist auch in der Familie, bei den Nachbarn und Freunden
akzeptiert. Das hätte mir einmal, als Jugendlichem, Ende der 60iger, jemand erzählen sollen, dass so etwas für mich möglich ist.
Liebe Grüße, Juliane
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Die mich kennen mögen mich. Die mich nicht mögen können mich. Frei nach Konrad Adenauer