Transidentität und Selbstkategorisierung
Transidentität und Selbstkategorisierung - # 4

allgemeiner Austausch
Marielle
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 1857
Registriert: Do 11. Aug 2011, 10:52
Geschlecht: Mensch
Pronomen: ikke
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 0
Kontaktdaten:

Re: Transidentität und Selbstkategorisierung

Post 46 im Thema

Beitrag von Marielle »

Guten Morgen Lara,

bitte ganz locker bleiben. "Dann lass mal hören." meint, dass ich gespannt auf die Ideen bin.
Aber ich verstehe schon, was du meinst (hoffe ich).
Jepp, tust du. So war der 'Zwinki' am Ende des Satzes zu verstehen, als ein freundliches, interessiertes Augenzwinkern.

Marielle
As we go marching, marching, we bring the greater days
For the rising of the women, means the rising of the race
No more the drudge and idler ten that toil where one reposes
But the sharing of life's glories, Bread and Roses, Bread and Roses.
Frida
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 346
Registriert: Mi 13. Nov 2013, 12:47
Geschlecht: weiblich
Pronomen:
Wohnort (Name): Neuss
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 0
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Transidentität und Selbstkategorisierung

Post 47 im Thema

Beitrag von Frida »

Hallo,

wie kommst du darauf, Lara, dass hier keiner liest und das bei über 2000 Aufrufen?

Ich hatte schon auch kundgetan, dass es mich sehr interessiert und auch inspiriert, was hier diskutiert wird.
Ich bin sogar dankbar dafür und kann aber leider nicht gut mithalten, weil mir das theoretische Wissen fehlt,
da ich mich längst nicht solange und intensiv mit der Materie beschäftige, wie ihr ( die Hauptschreiber) das tut.
Ich habe mich daher nicht so umfassend und kenntnisreich äußern können, eben eher laienhaft, aus dem Bauch heraus.
Nichtsdestotrotz wollte ich doch meinen Senf dazugeben, weil es mich beschäftigt und ich meinen Weg noch finden muss.
Ich finde es auch nicht schlimm, wenn man kein direktes Feedback bekommt, auch wenn es schade ist, wenn nur noch
zwei oder drei mitwirken, aber ich möchte dann doch nicht als Keiner bezeichnet werden.
Es fühlt sich für mich dann etwas hochnäsig , arrogant an.
Ich jedenfalls lerne durch diese unterschiedlichen Standpunkte und mache mir ein Bild, dass auf mich wirkt und sicher
auch beeinflusst. Das verändert mich in meiner Sichtweise und nur so kann ich mich weiterentwickeln
und wachsen, hoffentlich bis an mein Lebensende.
Mir ist es wichtig, mich selbst zu finden und zu entfalten, also meine Weg finden und gehen, aber auch zu wissen
wo ich zu Hause bin. Und es geht mir auch darum, dass man mich sieht und auch erkennt als das, was ich bin...
und dafür sind Namen, Kategorien usw. oft total unzureichend.

Und bitte...schreibt weiter! Danke!

Liebe Grüße, Dita (moin) (flo)
Magdalena
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 2724
Registriert: Di 4. Feb 2014, 10:17
Geschlecht: weiblich
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Dresden
Hat sich bedankt: 403 Mal
Danksagung erhalten: 505 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Transidentität und Selbstkategorisierung

Post 48 im Thema

Beitrag von Magdalena »

Hallo an Alle! )))(:

So Marielle, jetzt werde ich meine Überlegungen einbringen. Wie ich schon geschrieben habe bin ich nicht Transident im Sinne der Definition. So stelle ich mir die Frage zu meiner Identität . Da zu rufe ich mir wieder meine Selbstkatalogisierung auf. Da ist zunächst meine männliche Identität. Dazu gehört unteranderem mein biologisches Geschlecht und soziale Zugehörigkeit. Nun betrachte ich meine weibliche Identität. Hier zähle ich vor allem das Bedürfnis nach dem Tragen weiblicher Kleidung, das Tragen von Schmuck und Schminken dazu, um nur einiges zu nennen. Jetzt komme ich aber zu einem Punkt, jede Identität für sich ergibt kein Ganzes. Habe ich etwa eine gespaltene Identität? Etwa wie bei der Geschichte um Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Nein, das kann es auch nicht sein. Mit eine gespaltenen Identität wäre ich auch eine gespaltene Person. Im Gegenteil, ich lebe bewusst mit einer Identität. Ich kam nicht weiter. Da nahm ich mir ein Blatt Papier, auf dem ich einen Kreis zeichnete. Dieser Kreis soll meine Identität bildlich darstellen. Den Kreis teilte ich in zwei Hälften, eine Seite weiblich die andere männlich. Der jeweiligen Seite ordnete ich zu, wie ich mich einschätzte. Der männlichen Seite zum Beispiel meine soziale Rolle, der weiblichen zum Beispiel Kleider, Röcke, die gern trage. Dann fand ich auch Punkte, die zu meiner Identität gehören ,die nicht geschlechtlich zugeordnet werden können. Zum einen fühle ich mich deutsch zugehörig. Es ist nicht nur die Sprache sondern auch die Kultur in der ich aufgewachsen bin. Selbst wenn ich eine Fremdsprache erlerne, denke ich deutsch, so wie ich in der Kindheit geprägt worden bin. So habe ich meinen gezeichneten Kreis vernichtet und eine neuen größeren Kreis gezeichnet in deren Mitte jetzt ein Feld befindet, was ich als ungeschlechtlich bezeichne. Hier trage ich alles ein, was mich sowohl in meiner männlichen Seite aber auch in meiner weiblichen Seite meiner Identität zuschreibe. Dieses Feld hat noch eine wichtige Aufgabe. Es ist die Verbindung zu meinen Seiten. Und ist ein Transportmittel für Informationen. Ich möchte hier wieder an meinen kürzlich zu Ende gegangenen Urlaub zurückgreifen. In Regensburg in einem Eiskaffee war ich in einer netten Unterhaltung mit den Damen des benachbarten Tisches. Da ich als Frau unterwegs war, und mein Passing aufging, bekam Einblick auf die bevorstehende Abschlussfeier der Tochter von der Schule und die Beschreibung des Weges zum Schloss Emmeram. Als Mann hätte ich vielleicht eine Suchmaschine genutzt, und hätte mich einsamer Wolf mich durch die Stadt geschlagen. Sicher hinkt das Beispiel. Aber ich wollte nur auf die Wechselwirkung aufmerksam machen. Jetzt beschäftigt mich noch ein weiterer Aspekt. Wie wirkt meine Identität nach außen. Und erlebe ich es immer Bewusst. Es fallen mir einige Begebenheiten aus meiner Kindheit ein. An alle Einzelheiten zwar nicht mehr. Doch die Reaktionen von Eltern, Lehrern und Erziehern haben sich eingeprägt. Nicht gezählt habe ich den Satz, "Sei nicht so mädchenhaft.", oder "Du willst doch mal ein richtiger Mann werden." Ich habe unterbewusst anders reagiert, als meine Umwelt von mir erwartete. Ich konnte damals nicht wissen, woran es lag. Und so legte ich mich ins Zeug um ein richtiger Junge zu sein. Beim Spielen an einem Landgraben wollte ich richtig mich als kleiner Mann beweisen. Mit dem Ergebnis, ich war der schmutzigste von allen. Und meine Mutter steckte mich Abends in die Wanne zum Baden. Um anschließend das Treppenhaus, vier Etagen zu reinigen. Auch heute vermischt sich mein Verhalten und ist nicht eindeutig zu trennen. Auf meiner Arbeitsstelle sind wir ein gemischtes Team. Bei Pausengesprächen werden oft auch Frauenthemen besprochen. Ich kann mich nicht immer zurückhalten. Da fällt dann die Bemerkung, " Woher weißt du als Mann das."

Und an meiner eigenen Entwicklung schauend, folgere ich, dass die männliche und weibliche Identität eine ständigen Veränderung unterliegt. Einmal ist weibliche Seite größer, ein andermal die männliche Seite. Ich sehe darin auch die Ursache, nach einigen Zweifeln meiner männlichen Seite, meine weiblichen Kleidungstücke in der Vergangenheit entsorgt zu haben. Später war wieder die weibliche Seite stärker. Ich begann erneut meine weiblichen Weg. Das nenne ich nicht Transidentität, wobei ich mich mit den Begrifflichkeiten immer schwer tue .Ich strebe keine GAOP an. Vielleicht ist aber transidente Entwicklung passend. Ich kann für mich nicht sagen wo der Weg endet.

LG Magdalena ---))) ---)))
Lebe jeden Tag.
ab08
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 2160
Registriert: So 12. Feb 2012, 14:43
Geschlecht: Frau (TS bzw. IS)
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Nürnberg
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 0
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Transidentität und Selbstkategorisierung

Post 49 im Thema

Beitrag von ab08 »

Hallo Marielle,

vorher hatte ich für eine Antwort leider keine Zeit, denn das RL fordert mich gegenwärtig sehr.

- Danke für den Hinweis, nun werde ich auf eine korrekte Anrede achten und den Begriff "Nichtbetroffen" ,wenn es irgend geht, vermeiden. Wie sind eben sehr verschieden.
Meine Hinweise bezogen sich auch nicht auf Deine Beiträge, die ich schätze, sondern haben mit meinen persönlichen Erfahrungen / Empfindlichkeiten zu tun. Es hat mit Menschen zu tun, deren Schicksale ich kenne und denen übel mitgespielt wurde. Daher auch obiger "Kampfbegriff", der übrigens nicht von mir stammt, sondern zur Verteidigung genau dieser Personen erfunden wurde.

- Standardisierte Lösungen halte ich ebenfalls für sehr problematisch. Daher schrieb ich ja: "Der Eindruck SHG <==> Konfektionsware " ist absolut richtig!"
Standardwege gibt es nicht, das ist meine tiefste Überzeugung. (Dass ich meinen eigenen Weg fand, schrieb ich bereits und ist nach all den Jahrzehnten nicht verwunderlich.)
Nur bin ich eben auch überzeugt, dass die Bedeutung des Aussehens des Genitalbereiches in unserer Gesellschaft extrem überschätzt wird.
Für mich hat der Bereich eben mit der Person/Persönlichkeit herzlich wenig zu tun. (Daher ist für mich mit OP oder ohne OP irrelevant und eine rein persönliche Entscheidung)

Liebe Grüße
ab

@ Lara. Nur kurz.
Deine Spekulationen("verstecken hinter biologischen Ansätzen") kenne ich, höre ich häufig. Für mich stehen die Gedanken wie "Entscheidung treffen" / "Angst den falschen Weg beschritten zu haben" im Widerspruch zur Realität. Ich erwähnte Namen ("Täter"). Einer der prominenten Experten sagte vor kurzem im Fall Mollath zu seinem Gutachten aus. Es amüsant von anderen zu hören, was man selber denkt und fühlt. Wer widerspricht und sich doch äußert, dem wird oft gesagt "Du täuscht Dich! Ich weiß es besser!"
Ich bitte herzlich um Rücksichtnahme, denn es gibt Personen, die belasten solche Formulierungen. - Hier spreche ich nicht von mir, sondern von Menschen, die ich kenne.
Anm: Nicht jeder/jede ist psychisch krank und Transsexualität ist keine psychische Erkrankung! "psychisch krank" implizieren aber obige Spekulationen leicht, wenn man sie weiterverfolgt...
Uff "Gott-sei-Dank konnte ich den Kampfbegriff vermeiden!"
Meine persönliche Erfahrung mit dem CO: Keine "Entscheidung" , eher: Jemand fällt ins Wasser fällt und schwimmt. -- Überlegt der und entscheidet sich zu schwimmen, oder schwimmt er einfach los...?? --- Wenn es unmittelbar danach zu diversen Spontanheilungen kommt, zweifelt der Mensch dann? Will er nicht zurück, weil er vermeiden will, den falschen Weg beschritten zu haben? Ich persönlich wollte gesund bleiben!
FÜR: Respekt, Menschenrechte und eine gelebte, demokratische Zivilgesellschaft, die Minderheiten schützt
ERGO: Umfassende Bildung für alle, effektive Regeln in Alltag und Netz, eine gut ausgestattete Polizei/Justiz
Marielle
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 1857
Registriert: Do 11. Aug 2011, 10:52
Geschlecht: Mensch
Pronomen: ikke
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 0
Kontaktdaten:

Re: Transidentität und Selbstkategorisierung

Post 50 im Thema

Beitrag von Marielle »

Guten Abend zusammen,

klasse, da sind ja einige Beiträge dazugekommen.

Besten Dank an Eilin, Joe, Dita, Mona, Magdalena, die ihre Sicht auf sich selbst beschrieben haben. Ich finde es wirklich wichtig, dass die ganze Breite der Selbstsichten zur Sprache kommt, weil es für jede/-n Einzelne/-n um das geht, was Dita schrieb: " Ich will einen Weg finden, der für mich der Richtige ist... ". Wenn jede_r das kann und darf, ohne Ängste, Sorgen und Nachteile, dann haben wir alles erreicht.


zu ab08s Beitrag: Ich verstehe nicht, wie du auf die Idee kommst, ich würde 'Geschlecht' an körperlichen Merkmalen festmachen. Ich wehre mich doch mit Händen und Füssen gegen diesen Kurzschluss! Das habe ich doch auch mehr als einmal und mehr als deutlich gesagt. Es gibt einen wesentlichen Unterschied in unserer beider Sichtweisen; der liegt aber ganz woanders.

Du 'selbstkategorisierst' dich als 'Frau'. Dagegen ist absolut nichts zu sagen; rund dreieinhalb Milliarden Menschen auf der Welt tun das auch und haben, wie du, jedes Recht dazu. Im (vermutlichen) Unterschied zu den meisten dieser dreieinhalb Milliarden lehnst du eine (Selbst-)Kategorisierung anhand von körperlichen Merkmalen ab. Auch völlig OK, dazu bin ich, wie gesagt, deiner Meinung. Innerhalb der Gesellschaft versuchst du, einen passenden, gerechten Status für dich und deine 'Gruppe' zu erreichen. Wunderbar, da bin ich auch dabei.

Womit ich aber ein erhebliches Problem habe ist, wenn du versuchst (so fasse ich es jedenfalls auf) deiner Darstellung, deiner Selbstkategorie, deiner Persönlichkeit einen normierenden, abgrenzenden Charakter zu geben, ohne diese Kategorie wirklich beschreiben zu können. Wenn der 'Pimmel' es nicht ausmacht, was ich ja auch nicht glaube, was ist es dann, das dich so sicher macht, dass ich und andere 'nicht betroffen' sind? Bitte genau lesen; ich stelle hier NICHT deine Selbstkategorisierung in Frage, sondern weise darauf hin, dass eine zwar unwiderlegte, aber eben auch unbelegte, These der Selbstkategorisierung nicht zur Kategorisierung Anderer taugt. Wenn man 'nur weiss', dass man eine Frau ist, aber nicht sagen kann was das ist, dann sollte (darf) man daraus keine Fremdkategorisierungen machen.

Du und ich werden 'draussen' oft falsch kategorisiert, wir wurden hier im Forum als "behindert" beschrieben ... da liegt das Problem, an dem wir gemeinsam arbeiten sollten. Ich verstehe, dass du für deine Position eintrittst und finde es ehrlich gut, dass du dich damit auch für Andere einsetzt. Aber setze dabei bitte keine (unbegründeten) Kriterien, die Andere als 'Ausschlussgruppe' belegen. Erst an dem Tag, an dem man mir schlüssig erklärt, was eine 'Frau', jenseits von Vagina und Absätzen, ist, billige ich dir zu mich als 'anders' zu kategorisieren. Bis dahin bleibt die Selbstkategorisierung 'Frau' für mich eine Frage des Glaubens, Hoffens oder Verzweifelns; nämlich, so oder so, für alle der dreieinhalb Milliarden davon 'Betroffenen'.


allgemein zum Thema: Ich möchte die nahezu geniale (finde ich) Formulierung von Anne-Mette nochmal aufgreifen, weil ich sicher bin, dass die Einteilung der Menschheit in 'Frauen' und 'Männer' den individuellen Selbstwahrnehmungen nicht mal im Einzelfall wirklich gerecht wird und deswegen hinterfragt werden muss.

Wenn man mal für einen Moment die eigenen Glaubenssätze und Überzeugungen beiseite legt und annimmt, dass das 'ureigenste Sein' tatsächlich geschlechtslos ist, dann widerspricht das der Selbstwahrnehmung 'Frau' nur zum Teil. Es schliesst ja nicht aus, das man sich selbst so sieht bzw. so 'ist', wie die Mitglieder_innen einer sehr großen Gruppe von Menschen sich selbst sehen bzw. 'sind', nämlich (als) 'Frau'. Wann und wie diese Selbstwahrnehmung, dieses 'Sein' entstanden ist, vor oder nach der Geburt, nach oder gar vor der Zeugung, spielt überhaupt keine Rolle. Das ist der besondere Charme des Ansatzes. Er stellt keinerlei Behauptungen zu den Gründen für das eigene 'Ich' auf.

Das `Problem` über das wir hier reden (tut mir leid, dass ich mich wiederhole) entsteht dabei nicht durch dieses Denkmodelll, sondern erst dadurch, dass es Menschen gibt, die sagen sie seien eine 'Frau', ohne diesen 'Zustand', ohne Rückgriffe auf Körperlichkeiten oder Stereotypen, beschreiben zu können. Eine in den vergangenen zwei Tagen von mir durchgeführte (absolut unrepräsentative) 'Umfrage' unter den drei für mich dazu grade greifbaren 'Frauen' hat vollkommen verzweifelte Gesichter ergeben, sonst aber NICHTS. Diese drei Menschen sind (bzw. waren) jeweils seit Jahrzehnten absolut davon überzeugt, dass sie 'Frauen' sind. Die drei sind wahrlich nicht 'simpel gestrickt', auf der Höhe der Zeit und offen für vieles, aber sie waren nicht in der Lage, meine Frage zu beantworten, was nun eine 'Frau', jenseits von Körperlichkeit und klischeehaftem Rollenbild, sei. Bei aller zugegebenen 'Unrepräsentativität': Das Problem liegt nicht in der Selbstkategorisierung als 'Frau', sondern in der Wirklichkeit, die erzeugt wird, wenn die Selbstwahrnehmung auf Annahmen und Statistiken zu den jeweiligen Geschlechter-Stereotypen oder auf Körperlichkeiten beruht;. Oder anders gesagt: Eine Kategorie braucht notwendig eine hinreichende Beschreibung, sonst ist sie schlichtweg keine Kategorie.


Ich glaube, dass die Frage nach dem Wesen von 'Frau' und 'Mann', jenseits von Penis und Vagina, wenn sie jemals in der Gesellschaft ankommt, dort einen erheblich größeren Krater hinterlassen wird, als es Galileos neues Weltbild getan hat. Den meisten Menschen damals wird es leidlich egal gewesen sein, dass sie sich fortan um die Sonne drehten und nicht umgekehrt. Der Verlust der 'Männlichkeit" würde für sehr viele Menschen allerdings zu einem persönlichen Drama werden, der 'Verlust' der Weiblichkeit für genausoviele einen riesigen Fortschritt bedeuten. Man denke nur an die Zustände in Indien, aber auch andernorts und auch hier. Für ein paar wird auch der Verlust der Weiblichkeit ein Drama werden, für ein paar andere der Verlust der 'Männlichkeit' ein Fortschritt.

Das Drama und Fortschritt dicht beieinander liegen, ist aber nichts Neues. Die Menschheit hat in den letzten Jahrhunderten verstanden, dass niemand einen anderen Menschen besitzen kann, sie lernt seit einigen Jahrzehnten mühsam, dass die Hautfarbe eines Menschen keine Rolle spielt. Eines Tages wird sie auch erkennen, dass z.B. die Nationalstaaten ziemlicher Unfug sind. Und irgendwann danach wird, wenn alles gut geht, ein Mensch einfach deshalb den Job von Captain Kirk bekommen, weil die Personalabteilung der Sternenflotte vergessen haben wird, dass die Menschheit mal eingeschränkt genug war, um sich in 'Männer' und 'Frauen' einzuteilen.

Habt es gut

Marielle
As we go marching, marching, we bring the greater days
For the rising of the women, means the rising of the race
No more the drudge and idler ten that toil where one reposes
But the sharing of life's glories, Bread and Roses, Bread and Roses.
Joe95
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 3423
Registriert: Fr 22. Jan 2010, 14:27
Geschlecht: Frau
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Gummersbach - Niederseßmar
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 3 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Transidentität und Selbstkategorisierung

Post 51 im Thema

Beitrag von Joe95 »

Marielle hat geschrieben:... Eine in den vergangenen zwei Tagen von mir durchgeführte (absolut unrepräsentative) 'Umfrage' unter den drei für mich dazu grade greifbaren 'Frauen' hat vollkommen verzweifelte Gesichter ergeben, sonst aber NICHTS...
Finde ich logisch...
Angeblich bin ich seit 56 Jahren ein Mann - ich weiß bis heute noch nicht wirklich wie "Mann sein" geht.
Auch wenn ich sage ich fühle mich weiblich oder ich habe einen weiblichen Anteil sind das nur Vermutungen.

Damit kann ich mich vielleicht selbst kategorisieren, aber ob das wirklich zutrifft weiß ich nicht.

Ich empfinde eben so.
Sei vorsichtig mit deinen Wünschen, sie könnten in Erfüllung gehen.
Natürlich ist das wahr, es steht doch im Internet!

Du hast ne Frage, brauchst Rat oder Hilfe?
Ohren verleih ich nicht, aber anschreiben darfst du mich jederzeit...
MarieB
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 432
Registriert: Do 13. Sep 2012, 11:38
Pronomen: Sie
Wohnort (Name): Waldsee
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 0
Kontaktdaten:

Re: Transidentität und Selbstkategorisierung

Post 52 im Thema

Beitrag von MarieB »

[quote="Joe95Auch wenn ich sage ich fühle mich weiblich oder ich habe einen weiblichen Anteil sind das nur Vermutungen.

Damit kann ich mich vielleicht selbst kategorisieren, aber ob das wirklich zutrifft weiß ich nicht.

Ich empfinde eben so.[/quote]

Genau so sehe ich das auch. Ich kann mich nur selbst kategorisieren. Ich weiß nicht, wie sich eine Frau fühlt und wahrscheinlich fühlen die sich auch nicht gleich und ich weiß auch nicht wie sich ein anderer Mann fühlt. Ich weiß nur wie ich mich fühle oder in irgendeiner Situation fühlen würde. Und vielleicht würde ein anderer Mann genauso fühlen in einer speziellen Situation. Aber vielleicht auch eine Frau!!!

Dieses ganze Katagorisieren ist doch Quatsch. Wir wissen, dass in jedem Menschen "weibliche" und "männliche" Anteile stecken. Aber für mich sind es keine männlichen und weiblichen Anteile, sondern menschliche. Und so katagorisiere ich mich dann doch: als Mensch.
Dazu passen ja auch die Erkenntnisse der Altdorfer Empfehlung. Oder sehe ich das falsch?


4 Weiterentwicklungen seit Veröffentlichung der Altdorfer
Empfehlungen
4.1 Hirngeschlechtsvarianten — Abschied von "Trans" und "Gender"
Die Entpathologisierung von Transsexualität ist inzwischen stärker in den Fokus der politischen
Auseinandersetzungen gelangt. Es deutet, dass die WHO die Entpsychopathologisierung
im ICD-11 teilweise umsetzt. Andererseits ist — wie es Trans-Menschenrechtsorganisationen
formulieren — eine schleichende Neopsychopathologisierung im Gange, indem das
— wie sie es formulieren — "pseudodiagnostische" Label "Gender Dysphoria" auf den
Schild gehoben werde. Fundamentalistische Christen versuchen eine Art "Roll Back":
transsexuelle Menschen sollen nicht die Transition anstreben, sondern die Abkehr mit
Unterstützung von sog. "Therapeuten".
Die neurowissenschaftliche Normvariantenkonzeption konnte auch empirisch zunehmend
weiter fundiert werden: strukturell-bildgebende und Electrical-Neuroimaging-Befunde
verdichten die neurowissenschaftliche Grundauffassung, dass transsexuelle Frauen
(Männer) Normal-Befunde aufweisen, die denen nichttranssexueller Frauen (Männer)
ähneln und eben keine pathologischen Befunde ausweisbar sind.
Eine zunehmend wichtige Rolle spielen neurowissenschaftliche Konzepte des Hirngeschlechts
(siehe die Studien von Melissa Hines u. A. zum Thema "Brain Gender") und
darauf aufbauende epigenetische Überlegungen z.B von Rice, Friberg und Gavrilets (um
die Befunde der Zwillingsstudien z.B. von Beijsterveldt, Hudziak und Boomsma zu erklären).
Grundsätzlich ist von neurowissenschaftlicher Seite ein Konzept von individuellen
Hirngeschlechtsvarianten angedacht; m.a.W. es ist "normal", dass das Hirngeschlecht
viele Varianten ausweist, genau genommen gibt es so viele individuell ausgeprägte Hirngeschlechtsvarianten,
wie es Menschen gibt. Denn Hirngeschlecht ist grundsätzlich ein
"Patchwork" (also eine Kombination) von mehreren Hundert anatomischen und funktionellen
geschlechtlichen Charakteristika des Gehirns (Grammer). Kein individuelles Gehirn
gleicht bezüglich seiner Kombination an Geschlechtscharakteristika einem anderen.
In den jüngsten Diskursen deutet sich an, dass Transsexualität ein besonderer Sammelbegriff
für individuelle Hirngeschlechtsvarianten darstellt; entsprechend diesem Konzept
gibt es genauso viele Trans-Hirngeschlechtsvarianten, wie es transsexuelle Menschen gibt.
Also ist auch Transsexualität ein Sammelbegriff unter vielen und bezeichnet nicht etwas
Fixes, Exklusives, sondern ein Inkludierendes mit ineinander fliessenden Übergängen "an
den Rändern" und einem "inneren" Spektrum der Vielfalt.
Durch diese Entwicklungen dürfte der "Trans"-Begriff selbst zunehmend kritisch gesehen
werden, da es beim Angleichungsprozess — neurowissenschaftlich gesehen — nicht
um eine Expedition hinüber (lat. trans) ins "Gegengeschlecht" geht, sondern eher um
die Entfaltung des eigenen, bereits an sich vorhandenen genuinen Hirngeschlechts. Und
auch der Begriff "Gender" wird zunehmend wegen der Rollenklischeelastigkeit von Menschenrechtsorganisationen
infrage gestellt: "Trans*" ist keine Theaterrolle, sondern ein
existentielles Phänomen, oft (leider) mit existentiellem Leid verbunden. Inzwischen gibt
es auch sehr verständliche mediale Aufbereitungen dieser Kritik am Gender-Konzept wie
Harald Eias "Gender-Gleichstellungs-Paradox".

c 2014 Verein trans-evidence, Gersau (SZ) 17
Drei Jahre Altdorfer Empfehlungen — eine Bilanz
Es deutet sich an, dass man künftig von "normalen" Hirngeschlechtsvarianten ausgehen
wird (unter Verzicht auf Zentralbegriffe wie "Trans*"), mit vielfältigen Formen wie z.B.
bimodalen Formen (Switchende, Mann/Frau-Komplementäre) oder bodydiskrepanten
Formen, unzähligen Übergängen ... im Laufe der nächsten Jahre wird man noch viele
andere Formen erkennen. Die erkannte Vielfalt wird wachsen und mit ihr die Menge der
begrifflichen Spiegelungen.
Yogyakarta und Ottawa beginnen langsam im Bereich der Trans-Betreuung an Fahrt
zu gewinnen, die Alltagstester, Stufenplaner und Trans-Inquisitoren sprich "Gutachter"
sind langsam auf dem Rückzug.
Auch die WPATH hat eine Statuseinbusse in Kauf nehmen müssen: so meinte die APA
unlängst in einer Stellungnahme:
"Die WPATH Leitlinien ... haben sich noch nie auf Forschung oder Studien
... gestützt ... Wie erwartet, erfüllen die aktualisierten WPATH Standards
... keinen Anspruch auf Objektivität und Professionalität und lesen sich eher
wie ein politisches Manifest von Genderisten."
4.2 Transsexualität als physiologische Normvariante — Abschied vom
Identitätskonstrukt
Die Beschreibung des Entfaltungsprozesses war zunächst schwierig zu konzipieren. Gängige
Konzepte zur Beschreibung von inneren, subjektiven Prozessen sind in der Regel
vom Geist der Klinik durchdrungen, sind also mit einer pathologisierenden "Denke" verknüpft.
Befindlichkeiten werden vom klinischen Hintergrund aus wahrgenommen und
beurteilt. Es ist für Psychiater und klinische Psychologen oft schwierig Normales als
normal zu erkennen, d.h. den pathologisierenden Standpunkt loszulassen: man scheint
den kranken Anderen zu benötigen, um ein eigenes gesundes Selbst zu labeln. Dass man
sich damit selbst beschneidet und bescheidet, wird eher verdrängt. Rituale helfen, sich
eine eigene Normalität vorzuspiegeln und sich vom kranken Anderen abzugrenzen.
Um nicht in klinisch-pathologisierendes Fahrwasser zu geraten, wurde in den Altdorfer
Empfehlungen auf die Theorien der Kritischen Psychologie von Klaus Holzkamp und
Mitarbeitern Bezug genommen. Weitere Vorteile: diese psychologischen Konzepte sind
nicht nur gesundheitsorientiert, sondern sie erlauben auch die Analyse, wie sich Transphobie
via Selbstfeindschaft in der Psyche niederschlägt. Und: es gibt enge konzeptuelle
Beziehungen zur Neurowissenschaft. Der Preis: es gibt nur wenige, die mit den Begrifflichkeiten
der Kritischen Psychologen vertraut sind, daher sind die Ausführungen dieses
Teils der Altdorfer Empfehlungen etwas schwierig zu rezipieren.
Zwar ist die Neurowissenschaft im Begriff, sich der gesunden Subjektivität zu nähern
und ist auch mit der Psychoanalyse diesbezüglich in einen fruchtbaren Diskurs eingetreten
(Stichwort "Neuropsychoanalyse"), aber bis zur praktischen Anwendbarkeit wird es
noch einige Zeit brauchen. Was Neurowissenschaftler wie Georg Northoff und Thomas
Metzinger zum Thema Selbst und Subjekt herausgefunden haben, ist zukunftsweisend.
In der Konsequenz dürfte dieser Diskursstrang darauf hinauslaufen, dass die Wertigkeit
von Begriffen wie "Identität" oder "Selbst" abnimmt. Metzinger und Andere sehen die

c 2014 Verein trans-evidence, Gersau (SZ) 18
Drei Jahre Altdorfer Empfehlungen — eine Bilanz
Identität als kognitive Simulation an (laienhaft formuliert: als eine kognitive, durch das
Gehirn physiologisch erzeugte "Fata morgana"), also als physiologischen Prozess. Nicht
aber als Entität mit Realitäts- und Objektivitätscharakter. Künftig zeichnen sich Konzepte
ab, die davon ausgehen, dass Geschlecht sehr wohl mit Bewusstsein in Zusammenhang
steht, hingegen wird die wissenschaftliche Bedeutung von Geschlechtsidentität
verblassen (quasi als "aufgeblasenem" "Geschlechtsego").
Von nachhaltiger Bedeutung sind auch andere neurowissenschaftliche Beiträge. So hat
Ramachandran in zwei Veröffentlichungen zur Körperdiskrepanz und entsprechendem
Phantomerlebnissen eine wichtige Tür aufgemacht, damit das alltägliche Erleben der
problematischen "eigenen" Körperlichkeit endlich in der Forschung den gebührenden
Platz einnimmt. Es ist bedrückend, dass transphobe Therapeuten nach wie vor transsexuellen
Menschen implizit oder auch explizit unterstellen, sie würden nur glauben, dass
sie in einem falschen Körper stecken würden. Dies sei nicht real, denn Penis bzw. Vagina
sprächen doch eine eindeutige Sprache. Sie würden trotz biologisch-eindeutigem Körper
an etwas anderes glauben. Neurowissenschaftlich gesehen wird hier einiges verdreht: Das
Bewusstsein nimmt den falschen Körper wahr. Und erlebt Phantome des "richtigen"
Körpers, Ausdruck des von Geburt an fix verdrahteten Körperschemas. Hingegen stellt
das subjektive Erleben (auch des "richtigen") als "meinem" Körper eine Schimäre dar.
Es zeichnet sich auf Betreuerseite ein neuer — von transphoben und bornierten Scheuklappen
freier — nüchterner, "normaler", störungsfreier und unsentimenaler Umgang mit
transsexuellen Klient_innen ab.
4.3 Aufbruch zu neuen Ufern
Viele Trans-Aktivist_innen haben inzwischen begonnen, der Medizin auf die Sprünge zu
helfen. Heute wird eine konsequente Entpsychiatrisierung von Transsexualität gefordert,
"informed consent" ist in vielen Mündern. Transaktivist_innen beginnen Guidelines
zu erstellen. Es wird ein konsequentes Lobbying aufgebaut, damit die Macht von Sexologen,
Psychologen und Psychiatern über transsexuelle Menschen ein Ende findet. Ensprechend
werden auch ihre Versuche, mittels der S3-Guideline-Masche den historischen
Fortschritt anzuhalten und das Transthema weiterhin psychiatrisch zu besetzen (Therapiezwang,
Türsteherprivileg), von Trans-Aktivist_innen konterkariert. Und: Langsam
segnet auch das Betreuungsmonopol von Psychiatern und Psychologen das Zeitliche.
Sozialarbeiter beginnen bei der Begleitung eine wichtige Rolle zu spielen. Diese Entwicklung
ist als sehr positiv einzustufen, denn sozialarbeiterische Interventionen sind —
dies kann man in vielen Cochrane-Reviews nachlesen —eine der effektivsten Massnahmen,
die das Gesundheitswesen kennt. Zudem beginnt auch das Prinzip der Evidenzbasierung
allmählich in den Transdiskursen Fuss zu fassen.

Alles in allem gute Entwicklungen — ganz im Sinne der Altdorfer Empfehlungen.
Gruß

Marie
Joe95
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 3423
Registriert: Fr 22. Jan 2010, 14:27
Geschlecht: Frau
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Gummersbach - Niederseßmar
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 3 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Transidentität und Selbstkategorisierung

Post 53 im Thema

Beitrag von Joe95 »

Puh...
Anstrengender Text, jedenfalls für mich...

Aber ich glaub der meint das Gleiche wie ich... ;-)
Sei vorsichtig mit deinen Wünschen, sie könnten in Erfüllung gehen.
Natürlich ist das wahr, es steht doch im Internet!

Du hast ne Frage, brauchst Rat oder Hilfe?
Ohren verleih ich nicht, aber anschreiben darfst du mich jederzeit...
Anne-Mette
Administratorin
Beiträge: 27369
Registriert: Sa 24. Nov 2007, 18:19
Geschlecht: W
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Ringsberg
Forum-Galerie: gallery/album/1
Hat sich bedankt: 201 Mal
Danksagung erhalten: 2323 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Transidentität und Selbstkategorisierung

Post 54 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Moin,

da passt vielleicht ein kleiner Artikel von standard.at, der das Ganze ein wenig auflockert (smili)

Die Frage nach dem Auftreten

http://diestandard.at/2000003552443/Die ... -Auftreten

Gruß
Anne-Mette
Frida
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 346
Registriert: Mi 13. Nov 2013, 12:47
Geschlecht: weiblich
Pronomen:
Wohnort (Name): Neuss
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 0
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Transidentität und Selbstkategorisierung

Post 55 im Thema

Beitrag von Frida »

Ja ich glaube auch, dass im Grunde die Seele geschlechtslos ist, aber das Gehirn kategorisiert, weil es nicht anders kann.
Es teilt ein und gibt Namen , der Dinge und Bilder, die es sieht, erkennt. Aus dem, was ich erfahren, gelernt und erkannt
habe, ist mir das Prinzips des Weiblichen sehr nah und ich kann mich mit ihm identifizieren.
"Frau" war ja die Bezeichnung einer sozialen Rolle eines Weibes, das verheiratet und gesellschaftlich höher stand ( "Herrin").
Heute ist ist der Ausdruck Weib verpönt, leider finde ich, weil er nicht so belastet ist von sozialen, gesellschaftlichen Zuweisungen
und Normen.
Wenn ich mich, mein Selbst, als Frau bezeichne, dann meine ich keine Äußerlichkeiten, sondern eben dieses Prinzip Weib.
Das sehe ich mit meinem inneren Auge, ich erkenne mich als Weib. Und das ist so. Und das möchte ich als soziales Wesen
so gut wie möglich auch nach außen zeigen. Dafür benutze ich auch die Sprache der Kleidung, der Mode, weil ich das damit
ausdrücken kann( bisher aber leider nur zu Hause).
Ich fühle mich wohl dabei, wahrscheinlich auch in der Hoffnung, dass mein Selbst richtig erkannt wird.
Warum das so ist, weiß ich nicht, aber die Gehirnforschung scheint eine Antwort zu geben.
"Deine" drei Frauen, Marielle, die du befragt hattest, konnten dir auch keine Antwort darauf geben, obwohl sie sich
als Frau bezeichnen und auch weiterhin davon überzeugt sein werden eine zu sein.

Liebe Grüße, Dita
Anni
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 816
Registriert: Mo 20. Jul 2009, 20:09
Pronomen:
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 0
Kontaktdaten:

Re: Transidentität und Selbstkategorisierung

Post 56 im Thema

Beitrag von Anni »

Hallo Marie B )))(:

... schön , mal wieder von Dir zu hören bzw. zu lesen (smili) - wenn es auch für mich " schwere Kost " ist :shock:

Aber nach dem ich mich mit meinen " Dritten " da so leidlich " durchgebissen " habe :lol: kann ich sagen , das diese Entwicklung und Sichtweise schon mal besser ist - die SACHE an sich aber nicht einfacher macht :roll:

Von Transidentität zu sprechen halte ich zwar auch für falsch - es war und ist aber für sehr Viele immer noch die einzige allgemeinverständliche
" Beschreibung " für ihr Sein und Tun .

Wobei ich es für das größte " Malheur " halte , das wir uns überhaupt beschreiben , erklären, katalogisieren und dann auch noch dafür rechtfertigen müssen :((a
dita hat geschrieben: Ja ich glaube auch, dass im Grunde die Seele geschlechtslos ist, aber das Gehirn kategorisiert, weil es nicht anders kann.
Ist DEM wirklich so ??? Oder ist es nur deshalb so , weil es uns vom ersten Atemzug so anerzogen wurde ??? Oder weil wir alle faul sind ( und ich ganz besonders :mrgreen: ) und es für uns alle einfacher ist ???

Und hier wird es noch schwieriger :

Dita schrieb: " Ich will einen Weg finden, der für mich der Richtige ist... ".

Ich denke DEN richtigen Weg gibt es gar nicht :!: ..... Unser Leben besteht zu einem Teil aus uns auf's Auge gedrückten Verhaltensregeln und
Kategorisierungen / Normativen und zum anderen Teil aus den eigenen Erfahrungen gemäß der Methode " Trial and Error " .

Allein die Tatsache , das wir entgegen aller " Vernunft " nicht den Weg des geringsten Widerstandes nehmen ( und mit der Meute heulen :wink: )
und statt dessen " gegen den Strom schwimmen " läßt mich am " richtigen Weg " so ab und zu zweifeln zweifeln . :roll:

@ Marielle : Ob Mann , ob Frau - wer weiß DAS so genau ???

ICH sehe mich als Mensch ohne Selbstkategorisierung - mit ausgeprägten Vorlieben und genau so ausgeprägten Abneigungen im Kontext
mit VIEL Dolleranz !

LG von frecher Anni
Der einzige Mensch, der sich vernünftig benimmt, ist mein Schneider. Er nimmt jedesmal neu Maß, wenn er mich trifft, während alle anderen immer die alten Maßstäbe anlegen in der Meinung, sie paßten auch heute noch. George Bernard Shaw
ab08
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 2160
Registriert: So 12. Feb 2012, 14:43
Geschlecht: Frau (TS bzw. IS)
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Nürnberg
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 0
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Transidentität und Selbstkategorisierung

Post 57 im Thema

Beitrag von ab08 »

Marielle hat geschrieben: Womit ich aber ein erhebliches Problem habe ist, wenn du versuchst (so fasse ich es jedenfalls auf) deiner Darstellung, deiner Selbstkategorie, deiner Persönlichkeit einen normierenden, abgrenzenden Charakter zu geben, ohne diese Kategorie wirklich beschreiben zu können. Wenn der 'Pimmel' es nicht ausmacht, was ich ja auch nicht glaube, was ist es dann, das dich so sicher macht, dass ich und andere 'nicht betroffen' sind? Bitte genau lesen; ich stelle hier NICHT deine Selbstkategorisierung in Frage, sondern weise darauf hin, dass eine zwar unwiderlegte, aber eben auch unbelegte, These der Selbstkategorisierung nicht zur Kategorisierung Anderer taugt. Wenn man 'nur weiss', dass man eine Frau ist, aber nicht sagen kann was das ist, dann sollte (darf) man daraus keine Fremdkategorisierungen machen.

Du und ich werden 'draussen' oft falsch kategorisiert, wir wurden hier im Forum als "behindert" beschrieben ... da liegt das Problem, an dem wir gemeinsam arbeiten sollten. Ich verstehe, dass du für deine Position eintrittst und finde es ehrlich gut, dass du dich damit auch für Andere einsetzt. Aber setze dabei bitte keine (unbegründeten) Kriterien, die Andere als 'Ausschlussgruppe' belegen. Erst an dem Tag, an dem man mir schlüssig erklärt, was eine 'Frau', jenseits von Vagina und Absätzen, ist, billige ich dir zu mich als 'anders' zu kategorisieren. Bis dahin bleibt die Selbstkategorisierung 'Frau' für mich eine Frage des Glaubens, Hoffens oder Verzweifelns; nämlich, so oder so, für alle der dreieinhalb Milliarden davon 'Betroffenen'.

Hallo Marielle,

das tut mir leid, drückte ich mich offenkundig falsch aus: "ein normierender, abgrenzender Charakter" war von mir jedenfalls nie beabsichtigt!
Über mich weiß ich einigermaßen Bescheid. Aber natürlich steht es mir wirklich überhaupt nicht zu, Dich oder irgendjemand anderen als "nicht-betroffen" zu bezeichnen.
Inwieweit ein Mensch von dem Phänomen oder einem ähnlichen Phänomen betroffen ist, weiß nur dieser Mensch ganz allein. *)

Eine Kategorisierung fremder Personen lehne ich ab, mit einer Ausnahme:
Menschen, die aus finanziellen Motiven, religiösen Motiven, anderen Motiven oder auch nur zum Spaß alles tun, um TS/IS zu schaden.
https://www.facebook.com/196186736453/p ... 54/?type=1
Seit Jahrzehnten hintertreiben Lobbygruppen eine Reform/bzw. die Abschaffung des TSG. Eine Arbeitsgruppe nach der anderen wird eingerichtet. Immer wieder tauchen die Namen der gleichen Psychiater auf, die bisweilen sogar bei Prof. Dr. John Money lernten. Von denen sprach ich! Auf diese Personen ("Täter") und ihre Sprüche, die ich nach langem Umgang mit dem Blödsinn eben schnell wiederzuerkennen glaube, bezog sich der Begriff. Natürlich in dem Begriff steckt eine Abqualifikation, aber es ist ein Kampfbegriff und zur Verteidigung gedacht.

Weder bei Dir noch bei anderen hier im Forum trifft das nach meinem Eindruck nach irgendwie zu, daher wäre der Begriff hier völlig deplaziert.
Marielle hat geschrieben:Ich glaube, dass die Frage nach dem Wesen von 'Frau' und 'Mann', jenseits von Penis und Vagina, wenn sie jemals in der Gesellschaft ankommt, dort einen erheblich größeren Krater hinterlassen wird, als es Galileos neues Weltbild getan hat. Den meisten Menschen damals wird es leidlich egal gewesen sein, dass sie sich fortan um die Sonne drehten und nicht umgekehrt. Der Verlust der 'Männlichkeit" würde für sehr viele Menschen allerdings zu einem persönlichen Drama werden, der 'Verlust' der Weiblichkeit für genausoviele einen riesigen Fortschritt bedeuten...
Das seh ich genauso. Allerdings bin ich überzeugt, dass wir das bestimmt nicht mehr erleben, denn das liegt meiner Meinung nach im Bereich von Jahrhunderten...

Liebe Grüße, alles Gute!!
Große Gemeinsamkeiten seh ich übrigens auch
ab )))(:

P.S. Wie andere Aktivistinnen http://aufwind2012.wordpress.com/ bin ich aber eben fest davon überzeugt, dass das Gehirn der Schlüssel zum echten Verständnis ist.
_______________________________________________________
Was macht für mich Weiblichkeit aus? Warum sage ich: "Ich bin eine Frau." ...? In Gesprächen mit Freundinnen spüre ich oft so etwas wie Seelenverwandtschaft, also instinktives Verständnis. Bei männlichen Wesen ist das bei mir sehr selten und nie so intensiv. Machoverhalten, Dominanzverhalten stößt mich extrem ab. Ich kann im Grunde mit sowas nix anfangen. Wenn ich glaube, schwache Menschen schützen zu müssen, werde ich zur Furie (Selbstbild "Glucke"). Beruflich und privat seh ich mich eher als Kuh, geduldig sein, zunächst abwarten, sich melken lassen... Ich steh viel lieber in der zweiten Reihe als vorn dran... ==> In meinem Augen sind diese Bilder halt weiblich besetzt. :oops:
_______________________________________________________

@MarieB
)):m Danke Marie, für den Abdruck dieser Texte! Genau das meine ich! Es würde unseren Alltag ziemlich erleichtern, wenn sich dies mal durchsetzen würde...
Liebe Grüße
ab )))(:
FÜR: Respekt, Menschenrechte und eine gelebte, demokratische Zivilgesellschaft, die Minderheiten schützt
ERGO: Umfassende Bildung für alle, effektive Regeln in Alltag und Netz, eine gut ausgestattete Polizei/Justiz
ab08
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 2160
Registriert: So 12. Feb 2012, 14:43
Geschlecht: Frau (TS bzw. IS)
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Nürnberg
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 0
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Transidentität und Selbstkategorisierung

Post 58 im Thema

Beitrag von ab08 »

Nachtrag zu "Was macht für mich Weiblichkeit aus?"

Im obigen Beitrag ging ich nur auf das Bewußtsein ein. "Weiblichkeit" hat aber für mich auch eine körperliche Seite.
Wenn ich früher die Augen schloss, hatte ich stets einen normalen, weiblichen Körper. Ich spürte also auch die entsprechenden Organe. (Daher liebte ich kosmetische Behandlungen/Massagen)
Inzwischen entwickelte sich einiges normal, daher ist das heute auch mit offenen Augen so. Allerdings etwas stört weiterhin. Für mich war es stets eine Art Warze, die inzwischen zum Glück nicht mehr juckt. Warzen kann man operativ entfernen. Natürlich verstehe ich Menschen, die diese Entstellung ihres Körpers los werden wollen. Ich bin Kummer gewohnt und lebe momentan halt mit einem entstellten weiblichen Körper... Wie lang das gut geht, oder ob es sogar immer gut geht, weiß ich aber nicht. :wink:

Vielleicht hilft Dir das weiter...
Liebe Grüße
ab
FÜR: Respekt, Menschenrechte und eine gelebte, demokratische Zivilgesellschaft, die Minderheiten schützt
ERGO: Umfassende Bildung für alle, effektive Regeln in Alltag und Netz, eine gut ausgestattete Polizei/Justiz
Marielle
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 1857
Registriert: Do 11. Aug 2011, 10:52
Geschlecht: Mensch
Pronomen: ikke
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 0
Kontaktdaten:

Re: Transidentität und Selbstkategorisierung

Post 59 im Thema

Beitrag von Marielle »

Guten Abend zusammen,

ich bin ein wenig langsamer jetzt mit meinen Beiträgen, weil vieles zu erledigen ist und, ich will ehrlich sein, ein kleiner Teil des Tages auch für all das übrig bleiben muss, das nur bei diesem Sommerwetter geht..

Anni schrieb:
Wobei ich es für das größte " Malheur " halte , das wir uns überhaupt beschreiben , erklären, katalogisieren und dann auch noch dafür rechtfertigen müssen
Im Prinzip hast du schon Recht, datt is een groot Malöör. Um es zu Überwinden müssen wir uns aber wohl zumindest 'erklären'. Die 'Anderen' müssen ja erstmal erkennen, dass es uns gibt und ansatzweise kapieren können, wie wir, so im Groben, ticken.

Anne-Mette hatte wohl am Anfang des Threads die Befürchtung (so hab ich es jedenfalls rausgelesen), ich würde hier versuchen eine 'allgemeingültige Ursache' festzulegen. Mein Bestreben war das nie. Die Ursache ist m.E.sogar sekundär. Der entscheidende Punkt für uns besteht für mich darin, uns 'erklärlich' zu machen. Wenn wir das können, dann müssen wir uns auch irgendwann (dauert leider noch ne ganze Weile) nicht mehr rechtfertigen.

Dita schrieb:
"Deine" drei Frauen, Marielle, die du befragt hattest, konnten dir auch keine Antwort darauf geben, obwohl sie sich als Frau bezeichnen und auch weiterhin davon überzeugt sein werden eine zu sein.
Wie meint du das? Magst du versuchen mir zu erklären was du mit "konnten keine Antwort geben" meinst? Die drei waren natürlich von der Frage etwas überrascht und hatten wenig Zeit zum Nachdenken, Am Ende waren sie aber alle drei eher deswegen irritiert, weil sie es nicht beschreiben konnten, als wegen der Frage an sich. Eine meinte, sie werde darüber nochmal nachdenken müssen. Das Ergebnis steht noch aus.

ab08 schrieb:
das tut mir leid, drückte ich mich offenkundig falsch aus: "ein normierender, abgrenzender Charakter" war von mir jedenfalls nie beabsichtigt! ........ Aber natürlich steht es mir wirklich überhaupt nicht zu, Dich oder irgendjemand anderen als "nicht-betroffen" zu bezeichnen.
Prima, ehrlich. Zu viele Menschen, die sich selbst als transsexuell benennen / es sind, schaffen es leider nicht, ihre Sicht der Dinge nicht als 'das Mass der Dinge' anzusehen. Das mag an der schwierigen Situation liegen, in der sie sich befinden, aber mit ein bischen Selbstreflektionsvermögen sollte es doch allen möglich sein, zu erkennen, dass Transsexualität nicht darin besteht die eigenen 'Körperlichkeiten' möglichst geschickt zu kaschieren. Wie gesagt: Der 'Pimmel' ist es nicht. Dann können es breite Schultern, ein paar Haare oder eine etwas andere Selbstsicht auch nicht sein.

Auch wenn wir beide uns über die Ursachen hier nicht werden einigen können: Von mir aus kannst du wieder 'liebes' schreiben. Allerdings gefällt mir die Anrede nur mit Namen, ohne geschlechtsspezifisch geformtes Adjektiv, besser, weil sie 'kategorieärmer' ist. Zur Erläuterung: Ich hatte mir mal einen anderen Namen gewählt, der auf den Namen 'Maria' zurückgeht. Weil mir der aber, nach einer Weile der Selbstkategorisierung, nicht richtig passend erschien, habe ich ihn in Marielle, die 'kleine Maria', geändert. Diesen Namen ( es ist ein bischen auch ein (friedlicher) 'nom de guerre') will ich behalten, weil er mich ziemlich gut benennt, auch wenn er üblicherweise mit 'Frau' assoziiert wird und ich mir heute vielleicht einen 'neutraleren' wählen würde.


zu den Altdorfer Empfehlungen und dem von MarieB eingestellten Text dazu:
Es würde unseren Alltag ziemlich erleichtern, wenn sich dies mal durchsetzen würde.
Was das Bestreben nach einer Entpathologisierung angeht, bin ich völlig der gleichen Ansicht wie ab08. Es wird allerhöchste Zeit, dass zur Kenntnis genommen wird, das nicht wir krank sind, sondern das die Norm krank ist.

Was mich persönlich aber nicht wirklich überzeugt ist die Thesenbildung, aus der die Argumente für die Entpathologisierung hergeleitet werden. Ich will hier nicht mit der grossen Tube 'Copypaste' rumhantieren, aber ein paar Stücke Text aus den Empfehlungen könnten reichen, um zu erklären was ich meine.

Seitens der Neurowissenschaften werden zunehmend Studienergebnisse und Befunde vorgelegt, die belegen bzw. darauf hinweisen, dass Transsexualität als eine biologisch fundierte Variation des Gehirns angesehen werden muss.....

Angesichts des von anderen Neuro-Fachleuten beschriebenen Problems der möglichen ''Überinterpretation' von Daten aus neurologisch-messtechnischen Geräten, scheint mir "die darauf hinweisen" deutlich ehrlicher zu sein, als "die belegen".

Dabei dürften dynamische Selbstorganisationsprozesse von spezifischen Neuronennetzwerken in Richtung des Hirngeschlechts eine gewisse Rolle spielen.

"dürften ..... in Richtung .... eine gewisse Rolle spielen" Das hört sich für mich nach etwas anderem als einer 'unabweisbaren Wahrheit' an. Es ist gut, wenn Wissenschaftler ihre Ergebnisse und Thesen vorsichtig formulieren, aber 'vor Gericht' kommt man mit solch einer Aussage nicht weit.

Ich kann letztlich, wie wohl die meisten hier, die Belastbarkeit der verwendeten Daten und zugrundegelegten Studien nicht fachlich beurteilen. Deswegen bleiben mir nur die sprachlichen Eigenschaften des Empfehlungstextes und die Gesamtschau auf das was die Neurowissenschaft so alles kann oder nicht kann* als Beurteilungsbasis. Und danach komme ich zu dem Schluß, dass ich selbst mich, im Sinne einer tragfähigen Selbstkategorisierung, nicht zu sehr auf die Ausführungen zu den Ursachen der Transsexualität stützen würde. Es könnte, ist meine persönliche Sicht darauf, gut sein, dass aus dem Wunsch einer 'guten Sache' (der Entpathologisierung) einen wissenschaftlichen Unterbau zu geben, zu viel Argumentationsdruck entstanden ist, dem man versucht gerecht zu werden.

Wenn jemand im vorletzten Absatz über die Worte 'vor Gericht' gestolpert ist: Das meint kein 'ordentliches Gericht'. Zwei Aspekte an der ganzen Diskussion haben für mich aber schon den Charakter einer 'Verhandlung mit Urteil'.
Zum einen sagen wir oft, dass wir uns Toleranz und Verständnis von unserer Umwelt wünschen. Um uns zu verstehen und Toleranz zu üben, (be-)urteilt unsere Umwelt, ob wir 'schlüssig' genug sind, um in ihr Weltbild eingepasst zu werden (das hat absolut nichts mit 'Passing' zu tun!). Um unsere Argumente dafür nicht allzuoft widerrufen zu müssen, was uns unglaubwürdig machen könnte, sollten wir mit Angaben zu 'zwingenden', diagnostizierbaren Ursachen sehr vorsichtig sein.

Weiters werden, machen wir uns da bitte nichts vor, 'biologische Parameter' dazu führen, dass nach einer fixierten Definition dieser Parameter gesucht werden wird. Die Neuro-Leute könnten dann leicht versucht sein, anhand ihrer Messwerte Menschen einzuteilen (ich bin davon überzeugt, dass sie das zumindest versuchen werden). Was machen wir dann aber mit denen, denen die Neurowissenschaft bestätigt, dass sie nicht trans* sind, vielleicht weil sie knapp an den fixierten Parametern 'scheitern', die sich aber selbst nicht in dem ihnen zugewiesenen Geschlecht sehen? Sind die dann wieder krank?

Der zweite Aspekt der 'Verhandlung mit Urteil' betrifft mich selbst. meine Selbstkategorisierung. Ich habe kein Interesse daran, von jemandem eine 'Handreichung' für mein Selbstverständnis zu bekommen, die nicht wirklich gesichert ist. Ich muss mich selbst be-urteilen und mit diesem Urteil leben; darauf baue ich vieles auf. Wenn jetzt jemand sagt, er könne, ohne meine Sozialisation zu berücksichtigen, an meinem Grips erkennen, wer oder was ich bin ....... nee, ehrlich nicht. Der Schlag durch den möglichen, späteren Beweis, dass es doch nicht so, oder gar ganz anders ist, ginge mir viel zu tief. Ein solches Selbst-Fehlurteil möchte ich mir lieber ersparen. Und ich hoffe, dass den Autoren bewusst ist, welche Verantwortung sie haben, damit allen solche Selbst-Fehlurteile aufgrund von Thesen erspart bleiben.

Weiterhin aus dem Empfehlungstext:

Neben der strikten Gesundheits-, psychosozialen, neurowissenschaftlichen und Menschenrechtsorientierung
dieser Empfehlungen ist insbesondere noch hervorzuheben, dass
erstmals im internationalen Massstab transsexualitätsbezogene Guidelines in enger Kooperation
mit transsexuellen Menschen, die sich für die Menschenrechte engagieren, entwickelt
wurden und gemäss dem Forschungsprinzip der Holzkamp-Schule transsexuelle
Menschen nicht als sog. zu "Beforschende" betrachtet werden, sondern allgemein als
Mitforschende


Es ist sicher eine gute Idee, das (philosophische) 'Subjekt' zu befragen, wie es ihm geht und was in der Welt besser sein könnte. Aus der Auswahl der "Mitforschenden" entsteht aber ein Problem; die Mitforschenden werden, ganz subjektiv, ihre Sicht der DInge in die Forschung einbringen. Es wäre also, für ein wissenschaftlich valides Vorgehen notwendig, eine (sehr) große Anzahl 'Mitforschender' zu haben oder wenigstens einen repräsentativen Querschnitt der sich selbst als 'betroffen' ansehenden Menschen mitforschen zu lassen. Ansonsten besteht die deutliche Gefahr der Verengung des Blickwinkels.

E ist nichts schlechtes daran, zu den Menschen zu gehören, die sich als Transsexuelle für Menschenrechte engagieren, ganz im Gegenteil. Allerdings führt dieses 'Auswahlkriterium' für Mitforschende mit Sicherheit nicht zu einem 360Grad-Rundum-Überblick über das Thema, sondern es beeinflusst schon aus sich selbst heraus das Ergebnis.


Ich will und werde die 'Empfehlungen' nicht schlecht machen. Sie sind ein deutlicher Fortschritt gegenüber den Thesen solcher Irren wie Money, aber der 'Weisheit letzter Schluss' sind sie auch nicht.

Ich stelle mal eine ganz persönliche These auf: Es wird nicht gelingen, das Wesen der trans-, inter, ....- sexualität zu ergründen und zu beschreiben, ohne sich von den körperlichen Merkmalen UND den sozialen Kategorien 'Mann' und 'Frau' zu verabschieden.

Leider, da hat ab08 sicher Recht, werden wir das Ergebnis der Überprüfung der These alle nicht erleben. Schade, aber wenigstens waren wir dabei, als es anfing.

habt eine gute Nacht und einen noch besseren Tag

Marielle


* da wären nämlich auch noch die Menschen, die fast ohne Gehirn halbwegs 'normal' durchs Leben kommen oder gar studieren. Dazu haben die Neuro-Leute noch so gar keine belastbare Idee.
As we go marching, marching, we bring the greater days
For the rising of the women, means the rising of the race
No more the drudge and idler ten that toil where one reposes
But the sharing of life's glories, Bread and Roses, Bread and Roses.
Anne-Mette
Administratorin
Beiträge: 27369
Registriert: Sa 24. Nov 2007, 18:19
Geschlecht: W
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Ringsberg
Forum-Galerie: gallery/album/1
Hat sich bedankt: 201 Mal
Danksagung erhalten: 2323 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Transidentität und Selbstkategorisierung

Post 60 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Moin,

"Selbstkategorisierung" ist sicherlich gut und richtig, wo sie gewünscht wird. Manche Menschen wollen dabei Hilfestellung haben —
und die sollen sie bekommen.
Manche lehnen eine "Kategorisierung" allerdings grundsätzlich ab; aber das ist vielleicht auch wieder eine Kategorisierung :mrgreen:

Wie auch immer: mit Selbstkategorisierung haben wir in Bezug auf Transsexualität noch nicht viel gewonnen, wenn wir an die überfälligen "Reformen" des TSG denken.
Unsere Diskussion hat gezeigt, dass selbst wir, die wir uns mit der Thematik (schon länger — auf die eine oder andere Art) auseinandersetzen, große Mühe haben, uns zu verstehen, verständlich zu machen und Meinungen und Worte der Anderen zu akzeptieren.

In vielen Diskussionsrunden landen DiskutantInnen in Kategorien, in die sie nicht hineingehören wollen, allein, weil sie eine gewisse Wortwahl haben oder es ihnen nicht gelingt sich so auszudrücken, dass sie mit diesem Ausdruck die gerade "politisch korrekte/gewünschte Beschreibung" treffen.
Schnell sind sie nicht nur in einer Kategorie, sondern auch in einer Gruppe — und es kann schon ein Fehler sein, zu einer gewissen Gruppe zu gehören — oder mit gewissen Leuten zu reden oder zu verhandeln, wenn es um (politische) Auseinandersetzungen zum Thema Transsexualität geht.
Mit anderen Worten: die verschiedenen Gruppen/Organisationen, die (jede für sich) in Anspruch nehmen, "für Transmenschen Verhandlungsführer sein zu dürfen/ zu müssen, sind sich untereinander nicht gerade wohlgesonnen.

Sicherlich sollten wir uns neben den Diskussionen um (Selbst)kategorisierung und Geschlecht nicht nur mit Theorien, sondern auch mit einigen Gesetzen beschäftigen.
Wenn ich es richtig verstanden habe, dann geht es vielen von "uns" darum, Namen und Personenstand "frei zu wählen" und es geht darum, GAOPs ebenso weiter als "Kassenleistung" zu erhalten wie eine freiwillige psychologische Begleitung, wo sie gewünscht wird. Es geht um Entpathologisierung der Transsexualität, Streichung/Vereinfachung einiger Verfahren und um Emanzipation.

Für uns steht "unsere Gruppe" zwar im Fokus, aber ein einheitliches und starkes WIR, das mit Nachdruck Forderungen aufstellen und durchsetzen könnte, werden wir kaum etablieren können, da die individuellen Unterschiede sehr stark sind.
Auch werden wir uns mit unseren Diskussionen nicht aus der Umklammerung durch recht starke Gesetze, die ALLE DEUTSCHEN betreffen, lösen können.
Ein Beispiel: laut Namensänderungsgesetz lässt sich der Familienname wie auch der Vorname nur ändern, wenn ein "wichtiger Grund" (dem Gesetz nach) das rechtfertigt.
Als wichtig genug für eine Namensänderung gelten unter anderem:
"¢ ein Name, den die Mehrheit mit anstößigen Gedanken verbindet,
"¢ ein lächerlich klingender"¦
"¢ ein Name, der sich nur schwer schreiben bzw. aussprechen lässt"¦

Aber, um "einen anderen wichtigen Grund" zu haben: müsste Transsexualität (für alle) dieses Gewicht haben/behalten, um als "wichtiger Grund" anerkannt zu werden/zu bleiben?
Wo bleibt dann die Selbstkategorisierung? Muss die Transsexualität nachgewiesen werden? Ich denke, das kann man nicht — ebenso wenig, wie ein Gewissen beweisbar ist.
Für mich stellen sich deshalb mehrere Kernforderungen heraus, die ich am wichtigsten finde — und so ein Ansatz würde erst einmal den Gesetzgeber beschäftigen, während wir uns weiterhin um Hintergründe und Diskussionen kümmern. Dann könnten sie sich schon mal an die Arbeit machen und es würde nicht immer mehr Zeit ins Land gehen, ohne dass sich etwas ändert (smili)

- Namensänderungsgesetz ändern — für alleDeutschen: Erleichtern eines Vornamenswechsels für alle Menschen, die das wollen
- "Freie" und selbst gewählte Bezeichnung des Geschlechtes: Frau/Mann/Anderes/Garnichts"¦..
- Psychologische und medizinische Betreuung und Behandlung (GAOP) für diejenigen, die das wollen
- Gleichberechtigung aller Geschlechter, d.h. natürlich auch gleicher Lohn für gleiche Leistung...
- Heiraten und Verpartnern für jede(n), derdie das will"¦

Gruß
Anne-Mette
Antworten

Zurück zu „Crossdresser Transgender DWT Portal“