Transtagung Teil2:
Am nächsten Morgen hieß es wieder früh aufstehen, da der erste Workshop dieses Tages bereits um 9 Uhr begann. Also um 5:45 raus aus den Federn damit ich zwei Stunden später zum Frühstück konnte. Ich war nervös, man weiß eben nie was einem im Frühstücksraum erwartet und wie die Leute reagieren. Es war zu der frühen Uhrzeit noch relativ wenig los und alles lief gut.
Beim 1. Workshop des Tages ging es um das Thema Stimme. Es war ein super Kurs. Die Probleme die jeder hat sind ja immer die selben. Die Transmänner möchten tiefere Stimmen und die Transfrauen höhere.
So teilte ich dann auch dem Kursleiter mit, dass meine Erwartung für den Kurs wäre, dass man lernt, wie man zwischen der normalen männlichen Stimme und einer zu erlernenden weiblicheren Stimme switchen kann. Mit der Rückmeldung, dass dies nicht wirklich geht und auch ganz schlecht für die Simmbänder wäre, wurde meine Hoffnung gleich zerstört.
Wir haben dann eine Übung gemacht um unsere eigene Indifferenzialstimme (so hieß es glaube ich) zu finden. Auch ist es immer so, dass unsere Stimme über den Tag schwankt.
Da man an der eigentlichen Stimmlage also wenig machen kann, kommt es mehr auf das an, wie man die Stimme einsetzt sowie eine passende Mimik und Gestik. Langsames deutliches Sprechen wenn möglich mit einer ruhigen Simme und entsprechende Pausen sind wohl generell gut.
Jeder durfte daher üben, indem jeder eine ca. 5 minütige Rede vor den anderen halten konnte. Das war zum einen spannend, da man dabei auch oft etwas über den Menschen erfahren hat und zum anderen, weil man von den anderen und dem Kursleiter ein Feedback bekam, wie das Gesamtpaket (Stimme, Mimik, Gestik) angekommen ist.
Da ich eigentlich von allen ein sehr positives Feedback erhielt und mich auch bei meiner ersten Rede vor Menschen als Marie sauwohl gefühlt habe, war der Tag für mich schon klasse. Ich war jetzt auf der Tagung angekommen.
In meinem zweiten Kurs des Tages, ging es um Kindheits/Jugenderlebnisse im Bereich Thema Trans. Es waren insgesamt zwei sehr intensive Stunden in einem Kurs mit über zwanzig Teilnehmern. Es war bei den meisten doch sehr Emotional und bei einigen sind auch viele Tränen geflossen.
Zunächst wurden kleine Gruppen a 4 Personen gebildet. Jeder sollte nun 5 Minuten über seine Kindheit/Jugend berichten. Die anderen sollten immer nur zuhören und nichts sagen. Für mich war das gar nicht so einfach, da ich mir gar nicht so viele Gedanken drüber mache. Ich berichtete also, dass es bei mir irgendwann in der Übergangsphase Kindheit/Jugend damit begann, dass mich Nylonstrümpfe anmachten und High Heels. Dann kam es dazu, wenn man alleine war, die Sachen anzuziehen, dann mal noch ein Rock dazu usw.! Das es sich so weiter hinzog bis ins Erwachsenenalter. Das man zwischenzeitlich schon dachte, dass es nicht normal sei und auch mal alles in den Müll warf, was man sich an Sachen so angehäuft hatte, aber dann sich halt irgendwann wieder besorgen musste, da der Drang einfach da war. usw. usw.
Es war sehr interessant, dass zwei andere aus der Gruppe eigentlich ähnliche Erfahrungen machten.
Ein wirklich extremer Kurs aber super.
Um 17:30 Uhr bin ich dann zurück ins Hotel, um mich für den Abend zu stylen. Es war ein gemeinsamer Partyabend angesetzt. Also Minirock raus geholt und da es in München nur 10 Grad waren, konnte man gut die Stiefel dazu anziehen.
Es war ein sehr netter Abend mit tollen Menschen. Es wurde viel geredet, gelacht und getanzt. Die Cocktails waren lecker und kosteten an dem Abend nur 5 EUR, was mich für München echt erstaunte. Da ich aber am nächsten Morgen ja wieder früh raus musste, ließ ich mir um 23:45 Uhr ein Taxi kommen, dass mich ins Hotel zurück brachte. Ich war ganz froh, dass es eine Taxifahrerin war, da ich immer so den Gedanken habe, dass die Toleranz bei Frauen doch größer ist. Warum auch immer ich das denke. Wie immer keine Reaktion. Anscheinend traut sich noch nicht einmal jemand zu fragen, warum wieso weshalb!
Am Sonntag also wieder früh raus und stylen. Ich hatte beschloßen den letzten Workshop ausfallen zu lassen und stattdessen lieber den Tag ruhig angehen zu lassen. Ich wollte es heute richtig auskosten. Statt der üblichen 20 Minuten für ein kleines Frühstück, zelebrierte ich diesmal über eine Stunde das Erlebnis. Ich war insgesamt später dran, und daher war es auch schon etwas voller. Ich bekam aber wieder meinen Zweiertisch vom Vortag und neben mir war auch noch der Zweiertisch frei. Während ich am ersten Tag noch schnell meine Sachen (Kaffee, O-Saft, Brötchen, Obst, Butter...) zusammenraffte um schnell am Tisch zu verschminden, genoss ich es diesmal, dass Ganze in Ruhe zu machen. Ich schritt also mehrmals durch den Raum zum Buffet und genoss es einfach.
Am Tisch blätterte ich dann auch noch locker in meiner Zeitschrift und ließ den Blick durch den Frühstücksraum wandern. Dann wieder aufstehen, zweiten Kaffe holen, dann noch etwas Obst usw.
Erst kam ein Paar mittleren Alters in den Raum und der Mann war wohl schon bereit den Zweiertisch neben mir zu nehmen. Als mich dann seine Frau sah und durch die übereinander geschlagenen Beine ein wenig Rand meiner halterlosen Strümpfe zu sehen war, wollte Sie doch lieber einen anderen Platz suchen. Ich musste schmunzeln.
Irgendwann war es schon ziemlich voll und es kamen zwei Bayernfans, die wohl am Vorabend in München feierten, in den Raum. Auch Sie steuerten auf den Tisch neben mir zu bis der eine dann doch mal probieren wollte, ob es nicht im schönen Garten warm genug wäre. (Es waren an dem Morgen höchstens 7 Grad um die Uhrzeit)
Sie kamen dann auch schnell wieder zurück und setzten sich wirklich neben mich.

Happy End, wie schön.
Die Heimfahrt war Stress pur. Sehr viel Verkehr, sehr viele Staus. Natürlich musste ich irgendwann noch an einer Raststätte raus um die Toilette aufzusuchen. Zuviel Kaffee am Morgen. Aber es war mein Genießertag und so hollte ich mir noch einen Cappucino und pflanzte mich gemütlich in eine Sitzgruppe und beobachtete die Menschen um mich rum. Wieder wurde man kaum beachtet und wenn doch, reichte oft ein Lächeln.
Erkenntnisse: Die vielen Transfrauen die ich gesprochen habe, haben oder hatten doch die gleichen Probleme. Die meisten waren oder sind verheiratet und die Partnerin kommt nicht gut klar damit. Viele gehen den Weg trotzdem weiter auch wenn es im Endeffekt heißt, dass die Beziehung auf dem Spiel steht. Sie nehmen Hormone und bekommen dadurch auch Brustwachstum. Sie sind voll stolz darauf um möchte die Brüste berühren oder von der Partnerin berührt werden. Doch genau da sind auch die Probleme. Die Partnerin ist nicht lesbisch und will die Brüste nicht berühren. Nur ein Beispiel. usw usw.
Erkenntnis für mich: Es waren super Tage. "Frau zu sein" ist wunderschön. Oder ist es vielleicht schön Trans zu sein? Da ist doch mehr als ich bisher annahm. Ich werde weiter gehen. Schon heute steht mein nächster Termin an. Ich werde meine Fingernägel machen lassen. Hoffe auf eine Zwischenlösung die sowohl als Frau als auch noch als Mann durchgeht. Im Herbst werde ich mit der Haarentfernung anfangen und mir über Sommer schon Beratungstermin dafür holen. Ich will das leidige Thema Bartschatten los werden.
Was ich dann mache weiß ich nicht. Wäre ich Single, würde ich wahrscheinlich anfangen Hormone zu nehmen um meine Weiblichkeit mehr zu fördern. Bin ich aber nicht.
Eins ist klar. Der Status TV in der Form wie bisher ist für mich nicht mehr haltbar. Dafür bestimmt das Thema Frau sein schon zu sehr mein handeln und denken und die Zeit die ich bereit bin dafür zu investieren. Auch wie ich es inzwischen genießen kann und immer mehr raus ins Leben muss. Auch das Outing heute bei der "Nageltante" meiner Frau die mich bisher nur als Mann kennt. Wenn ich shoppen gehe, schau ich eigentlich nur noch nach Frauenkleidung usw.
Mal sehen was noch passiert. Aber das wichtigste ist: Mir geht es innerlich gut dabei.

Ich liebe es.
LG
Marie