Moin Lisa,
den Anspruch, im Alltag einfach normal behandelt zu werden, kann ich auch persönlich sehr nachvollziehen. Geht mir auch so. Geht mir aber auch in all meinen Facetten so. Es ist einfach nicht anderer Leute Business, was ich so mache, wie ich es mache, ob ich das mache - solange ich ihnen nicht in ihre Privatsphäre eindringe. Genau das erwarte ich dann auch von ihnen. Ich habe meine Räume, geografisch und sozial, und da hat niemand anders drüber zu bestimmen.
Bei den gemeinsamen Räumen, draussen auf der Strasse, wo man sich im Alltag begegnet, müssen wir uns arrangieren. Da nehmen wir uns alle ein wenig zurück, respektieren uns gegenseitig und lassen uns in Ruhe. Wir verwahren uns auch dagegen, blöd angemacht zu werden, Kommentare über Erscheinung und Outfit zu bekommen.
Ich denke, bis hier her haben wir Konsens.
Die Pride Demos, also Christopher Street Day, Trans* Märsche, etc. sind eine ganz andere Sache. Sie sind immer noch politische Demos. Und der Inhalt ist seit jeher: "Ich bin anders als ihr (cis-het-Menschen) und das ist nicht nur bitte bitte irgendwie tolerabel, sondern f*ck yeah: ich bin auch stolz drauf und es ist nicht euer (cis-het) f*cking Business".
Deshalb heisst es _Pride_. Die Initiator_innen hatten nach Jahren der ständigen Repression endgültig die Nase voll. Deshalb sind sie schon damals auch schrill und bunt raus.
Drei Jahre vor den Stonewall Riots, also dem Namensgeber der CSD Demos, gab es die Comptons Cafe Riots in San Francisco. Kennt kaum jemand, leider. Aber sowohl Comptons Cafe wie auch das Stonewall Inn waren keine Treffpunkte unauffälliger LGBT-Personen, sondern zum Beispiel dieser hier:
Quelle: https://s.hdnux.com/photos/47/64/16/104 ... _large.jpg
Quelle: https://s.hdnux.com/photos/47/64/16/104 ... _large.jpg
Quelle:
https://www.sfchronicle.com/bayarea/art ... 323730.php Der Artikel ist sehr lesenswert.
Ebenso im Stonewall Inn (Christopher Street, NY). Das hier sind
Marsha P. Johnson und
Sylvia Rivera, die die Aufstände gegen die Übergriffe der Polizei mit gestartet haben, auf einem Pride March:
Quelle: https://i.pinimg.com/originals/87/0e/5f ... 712992.jpg
Inzwischen gibt es Dokus darüber. Zum Beispiel
"Screaming Queens" über Comptons Cafe. Nehmt euch die Zeit dafür. Es lohnt sich.
Also: Die Aufstände, die zu den Pride Marches führten, wurden von Transpersonen gestartet. Von nicht-weissen. Viele unter sich, in ihren Räumen, sehr auffällig und exaltiert, selbst wenn sie - sofern sie überhaupt die Möglichkeit hatten - in ihrem Alltagsleben angepasst und unauffällig waren. Die Unterscheidung zwischen CD, TV, TS, Drag Queen gab es so noch nicht, denn es gab noch keine Möglichkeit zur Transition. In den Jahren danach haben sich andere diese Ereignisse angeeignet. Namentlich die von weissen schwulen Männern dominierte Gay Liberation Front in den USA, die farbige und nicht schwule, nicht männliche Menschen aktiv raus gedrängt haben, um "normal" zu wirken. Sie wollten sich den eigenen kleinen Komfort auf Kosten anderer erkaufen, die z.B. als Trans*personen nicht die Möglichkeit zur Unauffälligkeit im Alltag hatten.
Die meisten CSDs in D sind da glücklicherweise anders. Aber die gleichen Diskussionen wie hier im Thread gibt es da auch immer wieder. "Seid doch nicht so schrill, wir verschrecken die armen Normalos und dann sind sie uns nicht mehr wohlgesonnen". Dieser Ansatz ist aus meiner Sicht nicht zielführend. Was wir wollen, nämlich anständig behandelt zu werden, ist kein Gnadenakt. Es steht uns zu. Es steht, anders als noch vor Jahren, in Gesetzen. Es ist eine absolute Schande, dass eine Gruppe rückständiger Menschen im Gegensatz sogar zur Mehrheit der Bevölkerung, jahrzehntelang Menschen das Recht auf eine gleichgestellte Ehe verweigert hat. Mit so haarsträubenden Argumenten wie Mutti Merkels "Bauchgefühl". Es ist haarsträubend, was bei Gutachten zu Transitionen passiert. Adoptions- und Abstammungsrecht. Und so weiter. Von alltäglichen Diskriminierungen mal ganz zu schweigen.
Die Erfahrungen zeigen aus meiner Sicht, dass bitten und betteln verhallt. Irgendwann muss es auch mal laut und schrill und bunt werden. Wenigstens einmal im Jahr.
Damit zu den anderen Themen und hier bin ich etwas auf Krawall gebürstet:
Es geht bei den CSDs inzwischen wieder um mehr als nur schwule Männer. Es geht um grundsätzliche persönliche Freiheit der geschlechtlichten Identität und sexueller Orientierung. Das heisst: Wir wollen im Alltag anständig behandelt werden, egal ob wir uns als Männchen, Weibchen oder anders verstehen und egal wen wir lieben und was wir einvernehmlich miteinander machen.
Wenn ich privat im Pferdekostüm laufe, dann habe ich trotzdem genau das gleiche Recht, im Alltag, im Backwarenfachgeschäft, in der Tankstelle, etc mit dem gleichen Respekt behandelt zu werden wie alle anderen. Ich kommentiere ja z.B. auch keine religiösen Überzeugungen, so albern ich sie auch finde.
Genau das sagen die CSDs. Schau mal: Uns gibt es, so sehen wir auch manchmal aus. Get used to it und erweist uns ansonsten den gleichen Respekt, den ihr auch erwartet.
Mein Beispiel ist durchaus nicht aus der Luft gegriffen. Ich bin seit 1997 bei CSD-Paraden dabei, und das hier ist ein Bild mit meiner Frau (mit Zylinder), unserer besten Freundin (links) und mir (rechts) von 2007
Quelle: http://pets-de.org/csd2007/original/csd ... int_47.jpg
Wenn Du also das inzwischen ziemlich bekannte Grüppchen zweibeiniger Pferdchen auf einem CSD siehst und die Hundchen mit Maske an der Leine, dann sind das Freunde und Bekannte von mir, die genau wie ich dafür demonstrieren, dass Vielfalt okay ist, sich niemand wegen Identität, Körper, Vorlieben oder Partnerschaft zu schämen braucht, sondern wir trotzdem alle das gleiche Recht auf Respekt haben.
Wer auch immer irgendwo im Spektrum selbstbestimmter und einvernehmlicher sexueller Identitäten und Orientierungen eine willkürlich Grenze der OK-ness / nicht-OK-ness ziehen will, hat das ganze Konzept nicht verstanden und soll gerne zuhause bleiben und sich unsolidarisch still verhalten.
Freiheit ist immer auch die Freiheit der anders liebenden.