Re: Platz in der Gesellschaft?
Verfasst: Do 5. Jul 2018, 12:05
Hallo Vicky-Rose,Vicky_Rose hat geschrieben: Do 5. Jul 2018, 08:14 Bist Du Dir selber nicht Wert genug, Deine Situation so zu verändern, dass sie für Dich passt ? Andere dafür verantwortlich zu machen, ist mMn der falsche Weg. ....
ich denke, genau bei diesem Selbstwert liegt bei vielen von uns das Problem. Ich versuche es gerade als Nicole genauso zu machen, wie Du es in Deinem Beitrag beschrieben hast. Und dabei betone ich: als Nicole. Denn das "dumme kleine A********", das ich immer gespielt habe, war es nicht Wert, dass man auch nur die linke Arschbacke hebt. So empfand ich das jedenfalls. Es gab kein Selbst, über dessen Wert ich mir irgendwie hätte bewusst sein können. Also habe ich immer nur gesucht und gesucht und nie meinen Platz gefunden. Ich habe nicht gefragt: "wo fühle ich mich wohl?", - es war mir ja letztlich scheißegal, ob sich dieses A******** wohl fühlt oder nicht - sondern ich habe gefragt: "passe ich dahin?" - was ich dann immer für mich mit einem klaren "nein" beantworten konnte.
Und so nahm es seinen Lauf mit meiner Sozialphobie. Ich gab alles auf: Partnerin, Job, (falsche?) Freunde. Am Ende blieb nur noch meine Mutter als (unvermeidbare) Bezugsperson - bis sie starb. Und erst dann erwachte so langsam mein stets geheim gehaltener Frauenkleider-Fetisch zum Leben. Und erst jetzt mit Nicole gibt es ein Selbst, (einen Teil von mir) der mir etwas Wert ist, dessen Gefühle ich bewusst wahrnehme. Damit muss ich aber nun erst einmal lernen umzugehen.
Was hätte ich aber vorher als Mann tun sollen? (wie heißt das noch: hätte, hätte, Fahrradkette?) Mama oder Freunde fragen? - dann wäre alles nur noch schlimmer geworden. Einen Psychiater aufsuchen? - vor dem hatte ich panische Angst wegen meiner Tante in der geschlossenen Psychiatrie. Also musste ich mir immer anhören: "Du bist doch an deiner Situation selbst schuld." Das machte mich so wütend, dass ich für diese Leute ein KZ als viel zu human empfand - sie waren, verdammt nochmal, schuld, nicht ich. Also zog ich mich immer mehr in meine eigene Welt zurück. Mit Adolf Hitler oder der braunen Brut wollte ich mich keinesfalls identifizieren.
Als letzten Punkt möchte ich anführen, dass wir unseren Alltag nur bewältigen können, wenn dieser nach einem gut eingeübten Muster abläuft. Müssten wir über jeden kleinen Schritt nachdenken, würden wir morgens um sechs aufstehen und kämen erst nachmittags um fünf für den Weg zur Arbeit aus dem Haus. Solche Muster lassen sich ändern, aber immer nur ganz langsam, Schritt für Schritt. Ein gutes Beispiel hierzu ist aktuell mein Coming Out bei meinem Modellfliegerverein.
Ich habe mehrfach geschrieben: das kleine Mädchen Nicole - sie ist Ende März ein Jahr alt geworden - muss jetzt erst einmal die Welt entdecken. Mit der Erfahrung eines 60-jährigen Erwachsenen geht das natürlich viel schneller als bei einem kleinen Kind, aber der Prozess ist der selbe. Ganz aktuell hat die kleine Nicole jetzt einen Roller bekommen - als erwachsene Person mit Führerschein einen solchen mit Motor. Das sorgt hier auf dem Land für Beweglichkeit. Ein Auto als Statussymbol, wie man es bei einem erfolgreichen Mann erwartet, braucht Nicole nicht. Und wenn Nicole irgendwann einmal "groß" sein wird, kann sie sich ja (wieder) ein Auto anschaffen - falls sie es braucht.
Eins habe ich als Nicole aber jetzt hoffentlich verstanden: Ich muss meinen Platz in der der Gesellschaft nicht suchen, sondern diesen für mich selbst beanspruchen. Und die Personen, mit denen ich diesen Platz teile, werden sich dann hoffentlich irgendwann einfinden. Sich immer nur anpassen um irgendwo hin zu gehören führt jedenfalls zu NICHTS! Es macht nur unglücklich.
Und so frage ich mich auch: was würde eine erfolglose HT und/oder eine fehlgeschlagene GAOP aus meinem neuen Selbstbewusstsein machen? Würde der wie eine Nova aufblitzende Stern Nicole dann wieder zu einem dunklen Sternchen erlöschen? Das ermahnt mich zu sehr großer Vorsicht, denn mit meinen eher mäßigen Passing komme ich zurecht.
Liebe Grüße
Nicole