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Re: Platz in der Gesellschaft?

Verfasst: Do 5. Jul 2018, 12:05
von Nicole Fritz
Vicky_Rose hat geschrieben: Do 5. Jul 2018, 08:14 Bist Du Dir selber nicht Wert genug, Deine Situation so zu verändern, dass sie für Dich passt ? Andere dafür verantwortlich zu machen, ist mMn der falsche Weg. ....
Hallo Vicky-Rose,

ich denke, genau bei diesem Selbstwert liegt bei vielen von uns das Problem. Ich versuche es gerade als Nicole genauso zu machen, wie Du es in Deinem Beitrag beschrieben hast. Und dabei betone ich: als Nicole. Denn das "dumme kleine A********", das ich immer gespielt habe, war es nicht Wert, dass man auch nur die linke Arschbacke hebt. So empfand ich das jedenfalls. Es gab kein Selbst, über dessen Wert ich mir irgendwie hätte bewusst sein können. Also habe ich immer nur gesucht und gesucht und nie meinen Platz gefunden. Ich habe nicht gefragt: "wo fühle ich mich wohl?", - es war mir ja letztlich scheißegal, ob sich dieses A******** wohl fühlt oder nicht - sondern ich habe gefragt: "passe ich dahin?" - was ich dann immer für mich mit einem klaren "nein" beantworten konnte.

Und so nahm es seinen Lauf mit meiner Sozialphobie. Ich gab alles auf: Partnerin, Job, (falsche?) Freunde. Am Ende blieb nur noch meine Mutter als (unvermeidbare) Bezugsperson - bis sie starb. Und erst dann erwachte so langsam mein stets geheim gehaltener Frauenkleider-Fetisch zum Leben. Und erst jetzt mit Nicole gibt es ein Selbst, (einen Teil von mir) der mir etwas Wert ist, dessen Gefühle ich bewusst wahrnehme. Damit muss ich aber nun erst einmal lernen umzugehen.

Was hätte ich aber vorher als Mann tun sollen? (wie heißt das noch: hätte, hätte, Fahrradkette?) Mama oder Freunde fragen? - dann wäre alles nur noch schlimmer geworden. Einen Psychiater aufsuchen? - vor dem hatte ich panische Angst wegen meiner Tante in der geschlossenen Psychiatrie. Also musste ich mir immer anhören: "Du bist doch an deiner Situation selbst schuld." Das machte mich so wütend, dass ich für diese Leute ein KZ als viel zu human empfand - sie waren, verdammt nochmal, schuld, nicht ich. Also zog ich mich immer mehr in meine eigene Welt zurück. Mit Adolf Hitler oder der braunen Brut wollte ich mich keinesfalls identifizieren.

Als letzten Punkt möchte ich anführen, dass wir unseren Alltag nur bewältigen können, wenn dieser nach einem gut eingeübten Muster abläuft. Müssten wir über jeden kleinen Schritt nachdenken, würden wir morgens um sechs aufstehen und kämen erst nachmittags um fünf für den Weg zur Arbeit aus dem Haus. Solche Muster lassen sich ändern, aber immer nur ganz langsam, Schritt für Schritt. Ein gutes Beispiel hierzu ist aktuell mein Coming Out bei meinem Modellfliegerverein.

Ich habe mehrfach geschrieben: das kleine Mädchen Nicole - sie ist Ende März ein Jahr alt geworden - muss jetzt erst einmal die Welt entdecken. Mit der Erfahrung eines 60-jährigen Erwachsenen geht das natürlich viel schneller als bei einem kleinen Kind, aber der Prozess ist der selbe. Ganz aktuell hat die kleine Nicole jetzt einen Roller bekommen - als erwachsene Person mit Führerschein einen solchen mit Motor. Das sorgt hier auf dem Land für Beweglichkeit. Ein Auto als Statussymbol, wie man es bei einem erfolgreichen Mann erwartet, braucht Nicole nicht. Und wenn Nicole irgendwann einmal "groß" sein wird, kann sie sich ja (wieder) ein Auto anschaffen - falls sie es braucht.

Eins habe ich als Nicole aber jetzt hoffentlich verstanden: Ich muss meinen Platz in der der Gesellschaft nicht suchen, sondern diesen für mich selbst beanspruchen. Und die Personen, mit denen ich diesen Platz teile, werden sich dann hoffentlich irgendwann einfinden. Sich immer nur anpassen um irgendwo hin zu gehören führt jedenfalls zu NICHTS! Es macht nur unglücklich.

Und so frage ich mich auch: was würde eine erfolglose HT und/oder eine fehlgeschlagene GAOP aus meinem neuen Selbstbewusstsein machen? Würde der wie eine Nova aufblitzende Stern Nicole dann wieder zu einem dunklen Sternchen erlöschen? Das ermahnt mich zu sehr großer Vorsicht, denn mit meinen eher mäßigen Passing komme ich zurecht.

Liebe Grüße
Nicole

Re: Platz in der Gesellschaft?

Verfasst: Do 5. Jul 2018, 15:02
von Anja
Moinsen,
Nicole Doll hat geschrieben: Do 5. Jul 2018, 12:05 Und so frage ich mich auch: was würde eine erfolglose HT und/oder eine fehlgeschlagene GAOP aus meinem neuen Selbstbewusstsein machen? Würde der wie eine Nova aufblitzende Stern Nicole dann wieder zu einem dunklen Sternchen erlöschen? Das ermahnt mich zu sehr großer Vorsicht, denn mit meinen eher mäßigen Passing komme ich zurecht.
Eine HT kann man nicht nur nach der Wirkungsweise auf die äußeren Merkmale bewerten. Natürlich stehen sie zu Anfang erstmal im Vordergrund und man freut sich wie Bolle, wenn plötzlich in den Geheimratsecken wieder Haare sprießen oder man Wachstumsschmerzen in den Brüsten spürt.
Aber auch im Kopf tut sich viel. In Bezug auf meine Sichtweise zu (anderen) Frauen hat sich viel verändert. Die Sexualität ist eine ganz andere (bessere!) sowohl im Kopf als auch zwischen den Beinen (und ich bin nicht operiert).
Auch meine Persönlichkeit hat sich verändert. Ich selbst merke das nicht, aber meiner Frau fällt das auf. Ob das der HT oder dem Leben als Frau zuzuschreiben ist, vermag ich nicht zu beurteilen, da ich beides nahezu zeitgleich begonnen habe.
Aber die inneren (Aus)Wirkungen finde ich mindestens genauso wichtig.

Welches Risiko eine HT für dich persönlich hätte, kannst du ja abklären lassen.
Meine persönliche Meinung, nach meinen Kindern, das Beste was ich je gemacht habe! Bin jetzt über 2 Jahre in HT und spüre und sehe immer noch Veränderungen. Ich wollte die HT für mich und nicht, damit es für andere besser "passt"
Der Blick in den Spiegel muss mir ja passen )))(:

Oder mal andersrum gefragt. Was könntest du verlieren?

Grüße
die Anja

Re: Platz in der Gesellschaft?

Verfasst: Do 5. Jul 2018, 16:09
von Tatjana_59
Zu Anjas Posting möchte ich für dich Nicole noch anfügen.
Wenn du merkst dass dir die HT nichts bringt, oder es dir nicht gut geht (was ich kaum glaube)
Dann kannst du die Hormone jederzeit wieder absetzen.
Nach Gaop geht das nicht mehr, aber diese strebst du ja nicht an.

LG Tatjana

Re: Platz in der Gesellschaft?

Verfasst: Do 5. Jul 2018, 16:44
von Kleine Ketzerin
Hi Sternchen!
dunkles_sternchen hat geschrieben: Mi 4. Jul 2018, 22:52 Ich sagte ja bereits, dass ich zutiefst bereue diesen Schritt gegangen zu sein. Es war der größte Fehler meines Lebens. Damit habe ich mir komplett die Gesundheit ruiniert.
Es ist inzwischen mehr als deutlich geworden, wie sehr Du diesen Schritt bereust. Es steht auch völlig außer Frage, dass es Dich physisch richtig böse erwischt hat und dass Du deswegen jedes Recht der Welt hast, maßlos enttäuscht zu sein. Trotzdem bleibt am Ende eine Frage übrig: Könnte es vielleicht sein, dass Du Dir vor lauter Reue selbst Dinge untersagst, die Dir vielleicht doch irgendwie gut tun könnten? Du musst diese Frage hier nicht beantworten, wenn Du nicht magst. Denk nur einfach mal drüber nach.

Ein paar Gedanken noch zu den gesellschaftlichen Themen, die Dich so beschäftigen...

Im Grunde hast Du mit allem, was Du schreibst, völlig recht. Allerdings lässt Du bei Deiner Betrachtung den am Ende entscheidenden Faktor außer Acht: die Menschen. Solange die Menschen nicht in der Lage sind, die fantastischen Ideen der größten Denker mit Leben zu erfüllen, sind diese Ideen leider keinen müden Pfifferling wert. Homo demens - den irgendwer mal versehentlich "Homo sapiens" nannte - hat leider die unglaublich dusselige Eigenschaft, in aller Regel nicht so zu "ticken", wie die großen Denker das gerne hätten. Beispiele dafür, wie gnadenlos dumm und zugleich hocheffizient Homo demens dabei vorgeht, gute Ideen in ihr Gegenteil zu verkehren, gibt es in der Geschichte mehr als genug. Man braucht sich da auch gar nicht die größten Katastrophen wie z.B. den "real existierenden Sozialismus" anzuschauen, denn Homo demens scheitert schon äußerst zuverlässig an im Grunde einfachen Ideen wie z.B. der Idee der "Freiheit": kaum spürt er auch nur den Hauch von Freiheit, kleistert Homo demens im spontanen Affekt diesen Hauch wieder mit Regeln, Normen und saurer Moral zu, denn er will im Grunde gar keine wirkliche Freiheit, er will nur das Gefühl haben, als ob er sie hätte. Wirkliche Freiheit wäre viel zu kompliziert, denn die brächte Selbstverantwortung mit sich und das hätte zur Folge, dass Homo demens die Bequemlichkeit, Verantwortung für sich selbst auf andere (die Vorgesetzten, die Regierung, den Priester, den Psychiater, Oma Hilde...) delegieren zu können, aufgeben müsste. Und das geht - bei aller Liebe - nun wirklich gar nicht.

Auch mit dem Hinterfragen vermeintlich gegebener "Wahrheiten" sieht es nicht viel besser aus. Warum zum Teufel sollte Homo demens sowas tun? Was, wenn ihm die Antworten auf dieses Hinterfragen am Ende nicht in den Kram passen, sich nicht mit Feierabendbier und RTL aus der Welt schaffen lassen? Auch das wäre doch viel zu unbequem, denn es könnte ja bedeuten, dass Homo demens ausnahmsweise mal nachdenken müsste. Und das ist doch - um Gottes Willen - viel, viel, viel zu anstrengend!!! Wer macht denn sowas freiwillig??? Nein, da lebt Homo demens dann doch lieber teil- oder vollsediert sein "Leben", das in den lustigen Strophen des folgenden Liedchens so schön beschrieben ist, unberührt weiter:



P.S.: Falls es in meinen Zeilen nicht deutlich geworden ist: Lass Dich von dem Scheiss, der auf dieser Welt passiert, nicht so runterziehen. Man kann - und darf - sich über diesen ganzen unsinnigen Mist, den Menschen anstellen und für "normal" halten, auch mal lustig machen, denn das hilft ungemein dabei, trotz allem noch Spaß am Leben zu haben...

Re: Platz in der Gesellschaft?

Verfasst: Do 5. Jul 2018, 23:08
von dunkles_sternchen
Vicky_Rose hat geschrieben: Do 5. Jul 2018, 08:14 Was mir aber immer wieder auffällt, ist Deine Haltung bez. Deiner OP. Du bereust den Schritt gegangen zu sein. Das ist gut nachvollziehbar. Mir scheint, Du lebst mit ständigem Blick in die Vergangenheit und kannst Dich mit der Situation nicht abfinden. Auch verständlich, aber ist diese Haltung sinnvoll und für Dich gut ? Wäre nicht eine Veränderung in Deiner Grundhaltung nicht positiver für Dich ?

Wir müssen alle früher oder später mit Veränderungen und Verlusten leben. Ich glaube, das anzunehmen ist ein Schlüssel für gelingendes Leben. Es liegt also an Dir, und nur an Dir, damit so umzugehen, dass Du Dein Leben aktiv gestalten kannst und nicht in Deiner scheinbar endlosen Schleife hängen bleibst. Ein wenig Aufbruchstimmung könnte nicht schaden. Aber das ist jetzt zum Teil OT.
Ich habe diesen Schritt des Vergebens recht gut genommen in den letzten Monaten - mein Psychologe war sehr überrascht. Ein erneuter gesundheitlicher Rückschlag hat jedoch innerhalb weniger Wochen wieder alles zunichte gemacht, sodass ich abermals von vorn beginnen muss - vielleicht muss ich meinen Sport nun auch aufgeben. Ich weiß es nicht. Wenn dir in regelmäßigen Abständen immer wieder etwas wichtiges im Leben genommen wird, kommt man aus diesem Prozess des "Annehmens" einfach nicht mehr raus. Es wird schlichtweg zur Daueraufgabe. Sobald man wieder aufgestanden ist, kann man förmlich wittern, dass jetzt ein neuer Schicksalsschlag auf dich wartet. Und so geht das nun seit Jahren und so völlig ohne jede Erfolgserlebnisse, wird das mental irgendwann sehr einseitig und hart.

Kleine Ketzerin hat geschrieben: Do 5. Jul 2018, 16:44 P.S.: Falls es in meinen Zeilen nicht deutlich geworden ist: Lass Dich von dem Scheiss, der auf dieser Welt passiert, nicht so runterziehen. Man kann - und darf - sich über diesen ganzen unsinnigen Mist, den Menschen anstellen und für "normal" halten, auch mal lustig machen, denn das hilft ungemein dabei, trotz allem noch Spaß am Leben zu haben...
Naja, Demenz und Ignoranz kann man nicht im Laden kaufen und mein Kopf hat auch keinen Schalter. Ich habe auch meinen schönen Momente, auch wenn die rar geworden sind, vor allem eben durch meine gesundheitlichen Defizite. Und wenn mich irgendwas am wenigsten stört, dann dass irgendwelche Klamotten nicht mehr tragen oder so, pfff ... klar, wer will nicht irgendwie bisschen attraktiv als Frau sein. Diese Sehnsucht wird aber Jahr für Jahr weniger. Mich ärgert aber extrem, dass ich dafür so viel verloren und nichts gewonnen habe. Und das kann und will ich mir nicht verzeihen. Diese Schuld und Reue werden mich für immer begleiten.

Re: Platz in der Gesellschaft?

Verfasst: Fr 6. Jul 2018, 00:12
von Kleine Ketzerin
dunkles_sternchen hat geschrieben: Do 5. Jul 2018, 23:08 Naja, Demenz und Ignoranz kann man nicht im Laden kaufen und mein Kopf hat auch keinen Schalter.
Irgendwie habe ich das Gefühl, dass Du mich falsch verstanden hast... Schade...

Re: Platz in der Gesellschaft?

Verfasst: Fr 6. Jul 2018, 00:37
von dunkles_sternchen
Kleine Ketzerin hat geschrieben: Fr 6. Jul 2018, 00:12
dunkles_sternchen hat geschrieben: Do 5. Jul 2018, 23:08 Naja, Demenz und Ignoranz kann man nicht im Laden kaufen und mein Kopf hat auch keinen Schalter.
Irgendwie habe ich das Gefühl, dass Du mich falsch verstanden hast... Schade...
Ich habe das sehr gut verstanden. Nur gehöre ich nicht zu Homo Demens. Darum gibt es doch das Thema. Google mal "Wrong Planet Syndrome" ...

Re: Platz in der Gesellschaft?

Verfasst: Fr 6. Jul 2018, 02:15
von Kleine Ketzerin
dunkles_sternchen hat geschrieben: Fr 6. Jul 2018, 00:37 Ich habe das sehr gut verstanden. Nur gehöre ich nicht zu Homo Demens. Darum gibt es doch das Thema. Google mal "Wrong Planet Syndrome" ...
Nein Süße, Du hast mich offensichtlich völlig falsch verstanden. Ich habe nie gesagt, dass Du zu "Homo demens" gehören würdest. Im Gegenteil: Ich wollte Dich in Deinen Ansichten bestätigen, Dir aber gleichzeitig eine andere Perspektive auf die Dinge nahe legen. Eine Perspektive, die Dir vielleicht weniger weh tun könnte. Aber wenn Du mit "Wrong Planet Syndrome" tatsächlich das meinst, was Google ausspuckt, dann verstehe ich, warum das komplett schief gelaufen ist. Tut mir leid, das war so nicht beabsichtigt!

Re: Platz in der Gesellschaft?

Verfasst: Fr 6. Jul 2018, 07:49
von ExUserIn-2026-04-08
dunkles_sternchen hat geschrieben: Do 5. Jul 2018, 23:08 ...Wenn dir in regelmäßigen Abständen immer wieder etwas wichtiges im Leben genommen wird, kommt man aus diesem Prozess des "Annehmens" einfach nicht mehr raus. Es wird schlichtweg zur Daueraufgabe. Sobald man wieder aufgestanden ist, kann man förmlich wittern, dass jetzt ein neuer Schicksalsschlag auf dich wartet.
Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Das kostet sehr viel Energie. Aber gibt es eine Alternative als das Annehmen ? Ich sehe keine. Damit zu hadern, würde mich versinken lassen, zumal das auf Dauer auch noch soziale Kontakte kostet. Die "Kleine Ketzerin" schreibt von Perspektivwechsel. Ich könnte mir schon vorstellen, dass das helfen kann. Wenn man Dinge nicht ändern kann, bleibt einem doch die Möglichkeit, sie anders zu betrachten. Du kannst einen Sport nicht mehr betreiben ? Scheiß drauf, Du hast jetzt Zeit für etwas anderes. Und sei froh, dass Du diesen Sport betreiben durftest und Spaß hattest.

Ich bin in einem Alter, in dem immer mehr Dinge nicht mehr oder nicht mehr so gut gehen. Ich muss mich von immer mehr Dingen verabschieden. Das sind noch nicht so sehr gravierende Dinge, aber es macht mir immer mehr klar, dass das Abschiednehmen Teil des Lebens ist. Ich habe schon öfter ältere Menschen gesehen, die noch sehr fit waren. Aber als sie eine Krankheit oder Unfall übermannte, die sie sehr stark einschränkten, sind sie psychisch zusammen geklappt, da sie es nicht gelernt hatten, sich von Möglichkeiten zu verabschieden und neue Wege zu suchen. Vielleicht ist das ein Kernsatz im Leben: immer wieder neue Wege suchen und gehen. Man darf um die verlorenen Möglichkeiten trauern. Aber letztlich kann die Trauer in neue Energie umgewandelt werden, wenn sie dazu geführt wird, sich von Dingen oder Menschen zu verabschieden.

Wo stehe ich heute und was kann ich heute machen ? Es geht nicht darum, was ich gestern konnte oder morgen nicht mehr kann, sondern hier und heute habe ich Möglichkeiten, die ich nutzen kann. Die gilt es zu suchen. Das ist aktiv leben.

Ist das für Dich ein Ansatz ?

Re: Platz in der Gesellschaft?

Verfasst: Sa 7. Jul 2018, 02:24
von dunkles_sternchen
Kleine Ketzerin hat geschrieben: Fr 6. Jul 2018, 02:15 Aber wenn Du mit "Wrong Planet Syndrome" tatsächlich das meinst, was Google ausspuckt, dann verstehe ich, warum das komplett schief gelaufen ist.
Also bitte nicht falsch verstehen, ich bin kein Aspeger, besitze aber solche Anteile in mir. Ob das damit zusammenhängt, weiß ich nicht. Ich habe eher einen sehr, sehr guten sozialen Umgang und bin auch keineswegs introvertiert. Trotzdem schaue ich den Menschen zu und fühle mich hier fremd und unverstanden. Dieser Planet ist definitiv nicht meiner - nicht der, auf dem ich wirklich tiefen Herzens glücklich sein könnte. Dafür existiert mir einfach zu viel Gier und Unrecht auf dieser Welt.

Vicky_Rose hat geschrieben: Fr 6. Jul 2018, 07:49 Die "Kleine Ketzerin" schreibt von Perspektivwechsel. Ich könnte mir schon vorstellen, dass das helfen kann. Wenn man Dinge nicht ändern kann, bleibt einem doch die Möglichkeit, sie anders zu betrachten. Du kannst einen Sport nicht mehr betreiben ? Scheiß drauf, Du hast jetzt Zeit für etwas anderes. Und sei froh, dass Du diesen Sport betreiben durftest und Spaß hattest.

Ist das für Dich ein Ansatz ?
Nein. Ich bin nicht der Mensch, der immer gleich aufgibt und was anderes probiert. Ich werde weiter Sport machen und wenn ich auf allen Vieren krieche. Sport ist kein Hobby, sondern eine Einstellung und die werde ich mir nicht nehmen lassen. Ich bin in vielen Dingen sehr stur und geradelinig. Und für mich wird es Wege geben, wie ich das weitermachen kann.

Re: Platz in der Gesellschaft?

Verfasst: Sa 7. Jul 2018, 03:57
von Laila-Sarah
Hallo Sternchen,

Die Sache mit deiner Gesundheit, tut mir wirklich leid und ich verstehe wie es dich herunterzieht. Ich selbe habe sehr viele gesundheitliche Bedenken wegen HET und was danach kommt und da hat deine Situation mich noch vorsichtiger gemacht. Danke für die Warnung.

Allerdings bilde ich mir auch ein zu sehen, dass du deinen Pech nicht zu den Akten legst und loslässt. Es hätte ja z.B. auch ein Verkehrsunfall sein können. Da würdest du es als höhere Gewalt betrachten und dir keine Vorwürfe deshalb täglich machen. Ich denke du würdest dir wirklich einen Gefallen tun wenn du aus dieser negativ Schleife herausbrechst.

Es ist sehr wichtig mit der Vergangenheit abzuschließen und loszulassen, denn es gibt nichts was man da tun kann und was geschehen ist wird nicht mehr ungeschehen.

Es gibt da einen Spruch von Dalai Lama:
Es gibt nur zwei Tage in deinem Leben an denen du nichts ändern kannst. Der eine ist gestern und der andere ist morgen.

Außerdem könntest du dich hier im Forum noch mehr öffnen. Deine täglichen Launen und Bilder posten. Es sind meist die sehr kleinen, ja fast banalen zwischenmenschlichen Interaktionen, die uns helfen unser Kummer zu vergessen, ablenken und trösten.

VlG

Re: Platz in der Gesellschaft?

Verfasst: Mo 9. Jul 2018, 02:14
von dunkles_sternchen
Laila-Sarah hat geschrieben: Sa 7. Jul 2018, 03:57
Allerdings bilde ich mir auch ein zu sehen, dass du deinen Pech nicht zu den Akten legst und loslässt. Es hätte ja z.B. auch ein Verkehrsunfall sein können. Da würdest du es als höhere Gewalt betrachten und dir keine Vorwürfe deshalb täglich machen. Ich denke du würdest dir wirklich einen Gefallen tun wenn du aus dieser negativ Schleife herausbrechst.
Ich sage mal so: Ab einem gewissen Schweregrad, im Sinne einer Einschneidung im Leben, legt man etwas einfach nicht mehr "zu den Akten". Das kann man tun, wenn man irgendwie wieder in einen gewissen, gewohnten Alltag zurückkehren kann. Ich konnte das aber nicht. Vor allem aus körperlichen Gründen nicht. Und ich musste mir dann quasi über Nacht Gedanken machen, wie ich jetzt mein Leben neu organisiere. Ich meine damit dann wirklich so grundlegende Dinge wie Nahrungsmittel besorgen und Arbeiten - ich habe über Monate von meiner Couch aus gearbeitet, weil ich nicht sitzen konnten. Meine Versicherung hat auch jede Zahlung von Krankengeld dermaßen erschwert, dass ich irgendwann aufgab. Und die Kostenübernahme der GaOP, die ich vorgeleistet hatte, wurde plötzlich auch in Frage gestellt.

Sorry, man findet dann nicht einfach mal zurück ins Leben und legt was zu den Akten. Und auch wo ich meine Haare verlor konnte ich plötzlich am nächsten Montag nicht mehr rausgehen. Ich kann den Tag und das Bild meiner vielen Haare in der Wanne einfach nicht vergessen. Mich wird das einfach auch ewig beschäftigen, es sind ja nicht die einzigen Momente, die so abliefen. Wenn ich dir dagegen irgendwas sehr Positives berichten sollte, müsste ich echt überlegen ... in jedem "Krieg" gibt es sicher auch "schöne" Momente, doch daran wird sich kaum jemand erinnern.

Re: Platz in der Gesellschaft?

Verfasst: Mo 9. Jul 2018, 11:15
von Laila-Sarah
Hallo Sternchen,
dunkles_sternchen hat geschrieben: Mo 9. Jul 2018, 02:14
Laila-Sarah hat geschrieben: Sa 7. Jul 2018, 03:57
Allerdings bilde ich mir auch ein zu sehen, dass du deinen Pech nicht zu den Akten legst und loslässt. Es hätte ja z.B. auch ein Verkehrsunfall sein können. Da würdest du es als höhere Gewalt betrachten und dir keine Vorwürfe deshalb täglich machen. Ich denke du würdest dir wirklich einen Gefallen tun wenn du aus dieser negativ Schleife herausbrechst.
Ich sage mal so: Ab einem gewissen Schweregrad, im Sinne einer Einschneidung im Leben, legt man etwas einfach nicht mehr "zu den Akten". Das kann man tun, wenn man irgendwie wieder in einen gewissen, gewohnten Alltag zurückkehren kann. Ich konnte das aber nicht. Vor allem aus körperlichen Gründen nicht. Und ich musste mir dann quasi über Nacht Gedanken machen, wie ich jetzt mein Leben neu organisiere. Ich meine damit dann wirklich so grundlegende Dinge wie Nahrungsmittel besorgen und Arbeiten - ich habe über Monate von meiner Couch aus gearbeitet, weil ich nicht sitzen konnten. Meine Versicherung hat auch jede Zahlung von Krankengeld dermaßen erschwert, dass ich irgendwann aufgab. Und die Kostenübernahme der GaOP, die ich vorgeleistet hatte, wurde plötzlich auch in Frage gestellt.

Sorry, man findet dann nicht einfach mal zurück ins Leben und legt was zu den Akten. Und auch wo ich meine Haare verlor konnte ich plötzlich am nächsten Montag nicht mehr rausgehen. Ich kann den Tag und das Bild meiner vielen Haare in der Wanne einfach nicht vergessen. Mich wird das einfach auch ewig beschäftigen, es sind ja nicht die einzigen Momente, die so abliefen. Wenn ich dir dagegen irgendwas sehr Positives berichten sollte, müsste ich echt überlegen ... in jedem "Krieg" gibt es sicher auch "schöne" Momente, doch daran wird sich kaum jemand erinnern.
Das hört sich schlimm und traurig an. Und du warst auch noch ganz alleine. Sprichwörtlich bist du durch die Hölle gegangen und bist da auch nicht ganz raus.

Ich denke du hast mich da missverstanden. Ich wollte nicht irgendwelches "in die Akten legen" deiner alltäglichen gesundheitlichen Situation suggerieren sondern ein "in die Akten legen" der Schuldfrage. Das Abschließen mit der Vergangenheit. Loslassen in dem Sinne von "kein Groll hegen und keine Vorwürfe machen an das was passiert ist". Um das beste aus dem Jetzt zu machen und in eine bessere Zukunft zu zu steuern.

Entschuldigung falls es sich so angehört hat, dass ich deine Leiden verharmlosen möchte. Das war nie die Absicht.

Warum hast du deine Haare verloren, wenn ich fragen darf ?

VlG

Re: Platz in der Gesellschaft?

Verfasst: Mo 9. Jul 2018, 23:11
von dunkles_sternchen
Laila-Sarah hat geschrieben: Mo 9. Jul 2018, 11:15
Das hört sich schlimm und traurig an. Und du warst auch noch ganz alleine. Sprichwörtlich bist du durch die Hölle gegangen und bist da auch nicht ganz raus.

Ich denke du hast mich da missverstanden. Ich wollte nicht irgendwelches "in die Akten legen" deiner alltäglichen gesundheitlichen Situation suggerieren sondern ein "in die Akten legen" der Schuldfrage. Das Abschließen mit der Vergangenheit. Loslassen in dem Sinne von "kein Groll hegen und keine Vorwürfe machen an das was passiert ist". Um das beste aus dem Jetzt zu machen und in eine bessere Zukunft zu zu steuern.

Entschuldigung falls es sich so angehört hat, dass ich deine Leiden verharmlosen möchte. Das war nie die Absicht.

Warum hast du deine Haare verloren, wenn ich fragen darf ?

VlG
Ich wäre vorsichtig bei der Benutzung von Maximen wie "Hölle", weil ich mir sicher bin, dass das Schicksal immer noch die Möglichkeit hat "eine Schippe oben draufzulegen". Die Transition war aber ganz sicher eine Zeit, auf die ich gern verzichtet hätte - die man auch hätte sinnvoller und glücklicher verleben können. Die Zeit gibt dir ja niemand zurück und auch nicht die Gesundheit und Lebensqualität, die heute fehlt.

Kann man sich sowas verzeihen? Ich weiß es nicht und zum Vergessen und Vergeben stelle ich zu viele Fragen. Vor allem eben auch an mich. Ich besitze irgendwo halt auch nicht die charakterlichen Eigenschaften solche gravierenden Dinge einfach "sein zu lassen". Jeder Mensch geht mit solchen Dingen anders um.

Warum ich die Haare verloren habe, konnte mir damals kein Arzt sagen. Ich denke, dass es eine Kette von unglücklichen Faktoren bestimmt hat - allem voran die GaOP, nach der mein Hormonhaushalt völlig aus dem Rude geriert und meine Haut sehr schlimm wurde: trocken und fettig zugleich, extrem schuppig mit roten Ekzemen. Habe ich heute alles noch, aber auf dem Kopf war es sehr ausgeprägt - ich konnte das aber mit einer ausgedehnten Therapie in den Griff bekommen, die Haaren wuchsen dann auch großteils nach.

Re: Platz in der Gesellschaft?

Verfasst: Di 10. Jul 2018, 11:31
von Laila-Sarah
Huhu,
dunkles_sternchen hat geschrieben: Mo 9. Jul 2018, 23:11 Kann man sich sowas verzeihen? Ich weiß es nicht und zum Vergessen und Vergeben stelle ich zu viele Fragen. Vor allem eben auch an mich. Ich besitze irgendwo halt auch nicht die charakterlichen Eigenschaften solche gravierenden Dinge einfach "sein zu lassen". Jeder Mensch geht mit solchen Dingen anders um.
Einfach ist es nicht aber du kannst ja mal die Idee in dir tragen und reifen lassen. Und vielleicht, eines Tages .... wer weiß ?

VlG