nicole.f hat geschrieben:
Anke hat geschrieben:
Ein Fachmedium? Das ist eine interessante Idee. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob damit Cis in nennenswertem Umfang erreicht werden können. Vermutlich wird sich die Zielgruppe auf die beschränken, die mittelbar oder unmittelbar betroffen sind, als Transsexuelle und Menschen, die mit ihnen in Beziehung stehen.
Bei diesem Fachmedium ginge es mir auch nur in zweiter Linie um ein sehr breites allgemeines Publikum, sondern eher darum, erstens uns selbst aus unterschiedlichen Quellen zu informieren - auch mit Fachbeiträgen aus den entsprechenden Fachkreisen wie Medizin, Recht etc.. Es gibt eine Menge Artikel in anderen Fachpublikationen, die viele von uns einfach nicht kennen und damit dann gar nicht mitreden können - hier schließe ich mich völlig mit ein, denn ich kann es mir nicht leisten, aus diesen Fachzeitschriften alle Artikel zu kaufen. Doch es gibt auch einige freie Artikel und bekannte Autor_innen, die man ansprechen könnte, ob sie ihre Artikel auch parallel bei "uns" veröffentlichen würden. Auch in unserer Community gibt es große Fachlichkeit! Diese könnten wir nutzen, damit auch diese publiziert und zitierbar wird. Und sicherlich noch ganz viele weitere Dinge, die wir damit bewirken könnten - vielleicht auch noch mehr cis Menschen erreichen. Ich denke schon, wenn das gut aufbereitet und gemacht ist, dass ein solches Magazin oder wie auch immer es heißen könnte, auch von den Fachkreisen aufmerksam betrachtet würde.
Liebe Grüße
nicole
Hallo,
ja, so etwas wünsche ich mir auch.

Ich frage mich nur, wie so etwas zu finanzieren ist. Denn die Qualität, die solch ein Medium braucht, ist nicht umsonst zu haben. Dabei denke ich vor allem an die redaktionelle Arbeit. Und ein professioneller Verlag wird sich auf so etwas nur dann einlassen, wenn sich das selbst trägt.
Vicky-Rose hat geschrieben:Allein die Begriffe "Trans" und "Cis" schaffen doch schon Differenzen, um nicht zu sagen Ghettos. Und das schaffen wir uns zum großen Teil selber
Das muss nicht zwingend so sein. Aus meiner Sicht kommt die Ghettoisierung nicht aus den Begriffen, sondern daraus, wie die Begriffe emotional wertend aufgeladen werden. Bei Ghetto fallen mir immer gleichen die Juden ein und das ist hier ein passendes Beispiel. Juden leben eine andere Religion, haben andere Riten, Feste und Kultur. Sie unterscheiden sich damit von Andersgläubigen. Dieser Unterschied ist erst einmal neutral. Erst dann, wenn das Anders-Sein gesellschaftlich missbraucht wird, entsteht ein Problem und die Ghettoisierung.
Und um im Beispiel zu bleiben, Juden sind eben auch vieles anderes und in vielen Kontexten spielt ihr "Jude sein" auch gar keine Rolle. Wenn ich mit Juden musiziere, dann ist mir ihre Religion herzlich egal.
Sprachliche Differenzierungen halte ich für sehr wichtig, damit wir uns auch ausdrücken und in die Lage versetzt werden, etwas zu benennen. Und es gibt Kontexte, in denen die Unterscheidungen wichtig sind, und andere, in denen das nicht der Fall ist. Als transsexuelle Frau habe ich beispielsweise Bedürfnisse nach Maßnahmen wie HRT oder GAOP, die eine Cis-Frau eben nicht hat. Probleme entstehen doch dann, wenn in Kontexten unterschieden wird, in denen die Unterscheidungen keine Rolle spielen und keinen Platz haben sollten.
Nicole.f hat geschrieben:Das Ganze könnte aber auch mittelfristig ein weiteres Problem erst erzeugen, nämlich das eine trans* Community dann als eine getrennte Gruppe wahrgenommen werden könnte, dass man damit ein "wir und ihr" erzeugt. Fügen wir uns nahtlos (stealth) in die cis Gemeinschaft ein, sind wir auf jeden Fall Teil davon. Bleiben wir trans*, dann gäbe es cis und trans*. Könnte das schädlich werden? Hier wiederum, glaube ich, gibt es genügend positive Gegenbeispiele. Es gibt so viele Gruppen, die eindeutig als solche auftreten oder sogar erkennbar sind, und denen dies überhaupt nichts ausmacht. Warum sollte dies ausgerechnet für uns ein so großes Problem sein?
Mit dem Stealth Modus tue ich mich sehr schwer. Wenn einzelne das für sich entscheiden so zu leben, fein! Und ich möchte auch gar nicht in Frage stellen, ob das funktioniert oder nicht. Bei einigen, wie auch bei mir selbst, wird das nicht funktionieren. Allein meine bisherige Lebensgeschichte verhindert das. Und diese Geschichte möchte ich auch nicht verleugnen. Sie ist Teil meines Lebens und den versuche ich bestmöglich anzunehmen. Eine Cis-Frau wird niemals solch eine Geschichte und solch einen Weg haben.
Dazu kommt noch ein weiterer Aspekt. Trans zu sein ist Teil meiner Person und Persönlichkeit. Und ich möchte das nicht verleugnen oder verstecken. Wie Nicole es geschrieben hat, es soll nicht als Monstranz vor mir her getragen werden und ich möchte auch nicht ständig darüber sprechen. Aber es ist immer da und gehört auch zu mir. In diesem Punkt bin ich anders als andere Frauen. Trotzdem erlebe ich zu meiner großen Freude, dass ich da jetzt einfach dazu gehöre, trotz meines Anders-Seins.
Deshalb sehe ich wie Nicole kein Problem, wenn die die, die sich als trans* kennzeichnen, als eigene Gruppe wahrgenommen werden.
Anne-Mette hat geschrieben:Ich habe etliche Menschen, die ich getroffen habe, so verstanden, dass sie irgendwann ihre Transsexualität für sich erkannt haben. Dann sind sie "ihren Weg" gegangen - und sind für sich angekommen.
Sie sind ganz Frau - ganz Mann.
Wenn sie das wollen, dann ist ihre Vergangenheit zu "löschen" - und es geht niemanden mehr etwas an, ob sie mal transsexuell gewesen sind oder "dem anderen Geschlecht" angehört haben.
Meine Gedankengänge spielen auch eine Rolle in Hinblick auf Interessenvertretungen. Wie lange sollen welche Interessen vertreten werden? - sicherlich nur, so lange jemand transsexuell ist (?). Danach "greifen" andere Interessenvertretungen wie "Frauen gegen Gewalt", "Männergruppen".
Anders ist es natürlich, wenn jemand für sich sagt und bestimmt: "ich bin transsexuell, auch wenn ich meinen Weg zuende gegangen bin oder es keinen transsexuellen Weg, sondern einen Lebensweg gibt".
Ich verstehe, was Anne-Mette damit sagen möchte und ich kenne auch beide Sichtweisen. Ein Teil von "ich lasse mein Trans-Sein hinter mir" erlebe ich gerade selbst. Wie ich an anderer Stelle geschrieben habe, wird es immer weniger wichtig und mit dem Thema Feminismus und Frauenrechte beschäftige ich mich auch gerade.
Ich denke allerdings, dass egal wie wir es bezeichnen, etwas vom transsexuell sein immer übrig bleibt. Ich kann zwar meine Vergangenheit für andere verändern oder unsichtbar machen. Aber in mir drin, bleibt sie wie sie ist. Es sind doch auch die besonderen Erfahrungen die mich zu dem machen, was ich bin. So eine Transition wirbelt alles durcheinander, kaum ein Stein bleibt auf dem anderen. Und auch das Leben vor der Transition hat seine Spuren hinterlassen. Das werde ich nie abschütteln können.
Nach der Transition ganz Frau (oder auch Mann) zu sein, sehe ich nicht im Widerspruch zu meinem eigenen Bekenntnis transsexuell zu sein. Letzteres spielt bereits jetzt in meinem täglichen Leben eine immer geringere Rolle und wird sich weiter verflüchtigen. Trotzdem bin ich es einfach.
Wenn jetzt jemand Transsexualität mit dem Abschluss der Transition enden lässt, dann ist das nichts weiter, als eine besondere Definition von Transsexualität. Die Tatsache, als Frau mit einem männlichen Körper (oder umgekehrt) geboren worden zu sein, bleibt. Was sich für mich mit Abschluss der Transition zusehends endet ist die Bedeutung des "als Frau mit männlichem Körper geboren seins".
Liebe Grüße
Anke