Re: Der Weg, der so schwierig ist / scheint.
Verfasst: Mo 20. Aug 2018, 17:08
Vielen Menschen fällt es nach wie vor schwer anzuerkennen, dass es neben den "klassischen" Geschlechtern "männlich" und "weiblich" noch ein drittes, gleichwertiges Geschlecht gibt, ob man dies nun "trans", "inter", "divers" oder sonstwie bezeichnet. Dies bedeutet, sich von lebenslang als sicher geglaubten Gewissheiten verabschieden zu müssen. Hinzu kommt, dass ja selbst in der Wissenschaft Transsexualität lange Zeit als pathologisch galt und auch in der "Fachwelt" die Meinung vertreten wurde, dass ursächlich dafür frühkindliche Entwicklungsstörungen, traumatische Erlebnisse o. ä. sein könnten.Anna Marie hat geschrieben: So 19. Aug 2018, 18:30
Nur meine Mutter macht mir ein bisschen Sorgen.
Sie möchte, dass ich mich in Hypnose begebe, da was in meiner jüngsten Kindheit vorgefallen sei.
Das sagte meine Tante zu ihr.
Woher sie das weiß?
Keine Ahnung!
Mein Erzeuger soll mich wohl, wenn ich frech war, in Mädchenkleidung gesteckt haben, so als Strafe.
Und das könnte mein jetziges Empfinden "hervor geholt haben/begünstigt haben?!"
So what?
Insbesondere, wenn es um enge Verwandte oder sogar die eigenen Kinder geht, klammert man sich dann oft an die Idee (Hoffnung), dass Transsexualität so etwas wie eine kurierbare Krankheit sei und die Betroffenen mit der passenden Therapie wieder "normal" werden könnten. Dieser Hoffnung liegt aber eben ein grundsätzliches Ressentiment gegen Transmenschen zu Grunde, die "irgendwie" nicht als gleichwertig zu "echten" Männern und Frauen erachtet werden: Transsexualität als Makel.
Ich schätze mal, so verhält es sich auch bei Deiner Mutter.
Erst in jüngerer Zeit verfolgt die Wissenschaft zunehmend einen anderen Ansatz, der auf eine pränatale "Weichenstellung" hindeutet:
https://www.welt.de/wissenschaft/articl ... rleib.html
Vielleicht solltest Du Deiner Mutter diese aktuellen Erklärungsmodelle zugänglich machen, damit sie von dem Irrglauben ablässt, dass Transidentität "heilbar" sei. Allerdings könnte das auch dazu führen, dass sie noch verzweifelter wird, weil damit sozusagen ihre "letzte (heimliche) Hoffnung" zunichte gemacht würde und aus ihrer subjektiven Sicht "alles verloren" schiene
Letztlich führt wohl kein Weg daran vorbei, dass Deine Mutter eine wichtige Hürde in ihrem Welt- und Menschenbild nimmt, nämlich eben anzuerkennen, dass es so etwas wie ein "drittes Geschlecht" gibt und dass Menschen, die sich diesem zugehörig fühlen, in keiner Hinsicht gegenüber den "klassischen" Geschlechtern zurückstehen. Das mag für sie eine gewaltige Herausforderung sein, aber es wäre ein riesiger Fortschritt für Euch beide, da sie dann ihren Frieden mit Deinem Lebensweg machen könnte und Du wiederum Deinen Frieden mit Deiner Mutter machen könntest. Das wäre somit die "Ideallösung", und ich kann nur hoffen und wünschen, dass sie gelingen möge.
Wenn sich aber am Ende erweisen sollte, dass sich Deine Mutter trotz aller Bemühungen nicht zu dieser Einsicht durchringen kann, sondern im "alten Denken" verhaftet bleibt, solltest Du Dich mMn davon in Deinem Weg nicht beirren lassen! Natürlich fällt es schwer und ist schmerzhaft, die Eltern "enttäuschen" zu müssen - aber der Preis, den Du entrichten müsstest, um dieses Schicksal abzuwenden, wäre Dein lebenslanges Unglück und ein Leben wider Deine Natur. Niemand - auch keine Mutter dieser Welt - hat nach meiner Auffassung das Recht, einen so hohen Preis von den Kindern zu verlangen. Und eigentlich kann es auch nicht ihr Wunsch sein, ihr Kind in ein lebenslanges Unglück zu treiben...Daher bleibt womöglich doch die Hoffnung/Chance, dass sie Deine Entwicklung akzeptiert, sofern sie erst einmal anerkannt hat, dass Transsexualität weder eine (kurierbare) Krankheit ist noch einen Menschen zu einem minderwertigen Teil der Gesellschaft macht, wofür es ja glücklicherweise immer mehr Beispiele gibt:
https://www.queer.de/detail.php?article_id=31738
LG N.