Interessanter Beitrag gestern auf N3... - # 3
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Marielle
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Re: Interessanter Beitrag gestern auf N3...
Guten Morgen zusammen, Rosi,
du (Rosi) schriebst, dass du auch für überspitzte Beispiele offen bist:
Manchmal habe ich schon den Eindruck, dass die Wunschvorstellung von einigen ein anonym zu bedienender PSYCHO-HRT-OP-Automat ist, in den man die Krankenversicherungskarte schiebt, sich menügeführt durch ein vordefiniertes Angebot klickt, daraus auswählt, dann umstandslos bedient wird und am Ende körperlich eigenwahrnehmungsgemäß, im Reinen mit sich selbst und vollintegriert zurück in die Welt gestellt wird.
Es ist wichtig und richtig zu wissen gegen was man ist. Um etwas zu bewegen, etwas zu gestalten oder zu schaffen braucht man aber eine Idee dazu, wie es sein sollte, eine Idee für die man ist. Wie sieht dein Vorschlag zum künftigen (medizinischen, psychologischen, rechtlichen, sozialen, .......) Verfahren aus?
Habt es gut, habt einen schönen Sonntag und, wer mag, einen besinnlichen vierten Advent
Marielle
du (Rosi) schriebst, dass du auch für überspitzte Beispiele offen bist:
Manchmal habe ich schon den Eindruck, dass die Wunschvorstellung von einigen ein anonym zu bedienender PSYCHO-HRT-OP-Automat ist, in den man die Krankenversicherungskarte schiebt, sich menügeführt durch ein vordefiniertes Angebot klickt, daraus auswählt, dann umstandslos bedient wird und am Ende körperlich eigenwahrnehmungsgemäß, im Reinen mit sich selbst und vollintegriert zurück in die Welt gestellt wird.
Es ist wichtig und richtig zu wissen gegen was man ist. Um etwas zu bewegen, etwas zu gestalten oder zu schaffen braucht man aber eine Idee dazu, wie es sein sollte, eine Idee für die man ist. Wie sieht dein Vorschlag zum künftigen (medizinischen, psychologischen, rechtlichen, sozialen, .......) Verfahren aus?
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Marielle
As we go marching, marching, we bring the greater days
For the rising of the women, means the rising of the race
No more the drudge and idler ten that toil where one reposes
But the sharing of life's glories, Bread and Roses, Bread and Roses.
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Marielle
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Re: Interessanter Beitrag gestern auf N3...
Guten Abend Rosi, Hallo zusammen,
über deine persönliche Sicht und dein Empfinden, eben das, was du unter "Grundsätzliches" genannt hast, kann und will ich mit dir nicht diskutieren. Ich kenne dich nicht, du mich nicht, und deswegen nehme ich die 'grundsätzlichen' Punkte als deine Selbstwahrnehmung, als dein Empfinden, als dein Sein einfach neutral zur Kenntnis.
Unter dem alleinigen Aspekt der "mündigen Bürger_in" kann ich nichtmal was gegen das "Notwendige" sagen. Ich bin aber sehr sicher, dass die ganze Sache noch andere wichtige Aspekte hat. Ich würde mir jedenfalls wünschen, dass der PSYCHO-HRT-OP-Automat nie Wirklichkeit wird, weil ich die Sorge habe, dass sich Menschen damit kaputtmachen würden. Nicht alle, vielleicht nicht du, aber manche eben schon.
Über die Jahre habe ich viele Menschen getroffen, die sehr reflektiert über sich und ihre Situation geurteilt und dann sehr besonnen entschieden haben. Das ist toll, ehrlich. Diese Leute brauchen keine 'Bevormundung' durch Regelungen irgendwelcher Art. Andererseits bin ich sehr sicher auch Menschen getroffen zu haben, die die Beurteilung ihrer eigenen Person und Situation (zumindest eine Zeit lang) nicht so gut im Griff hatten, als das sie in dieser Zeit eine so weitreichende Entscheidung wie eine HRT oder OP allein hätten treffen sollen. Das kannst du gern eine anmassende, von mir aus auch arrogante Art der Beurteilung Anderer nennen; es ist und bleibt aber meine eigene Wahrnehmung dessen, was ich erlebt, gehört und gesehen habe. Um nochmal auf den Automaten zu kommen: Ich bin absolut sicher, dass manche dieser Menschen das Untermenü 'Psycho' schnellstens wegklicken würden, um damit eventuellen Fragen auszuweichen, die sie sich nichtmal selbst auch nur ansatzweise beantworten können.
Hier im Forum sagte mal jemand (den ich flüchtig kannte), dass er die aufgesuchte Psycholog_in qua Intellekt ohne weiteres 'hinters Licht geführt' hätte. Mag ja sein, nur: Wieso musste die denn hinters Licht geführt werden? Was war denn wohl 'falsch' an der lichten Wahrheit? Schade ist nur, dass dieser Mensch sich damit vermutlich selbst ins Knie geschossen hat, anstatt eine Chance zu nutzen. Andere klicken das Psycho-Menü weg, indem sie sich, in SHGs oder ähnlichem, Psycholog_innen empfehlen lassen, die möglichst wenige, möglichst unkritische Fragen stellen und ihr Honorar als optimierte Aufwandsentschädigung für das Kopieren vorgefertigter Gutachten betrachten; und sag jetzt nicht, dass es das ja nur bei denen gibt, die aus reflektierter Selbsterkenntnis den kürzesten Weg suchen. Wieder eine andere beteuert unaufhörlich, dass sie sich ihres Geschlechtes absolut sicher ist, nur um ein paar Sätze später zu beklagen, dass ihr zur endgültig richtigen äusseren! Identifikation eine Eigenschaft eines körperlichen Merkmals fehlt, die allerdings nicht mal die Mehrheit der 'Bios' dieses sogen. Geschlechts hat. Aber...absolut sicher, das alles.
Aus diesen Erfahrungen heraus bin ich bei einigen deiner Punkte anderer Meinung als du, auch wenn daraus zweifellos eine regulatorische Bevormundung entsteht; das ist mit bewusst. Die entsteht aber ganz trivial auch dadurch, dass man 'genötigt' wird eine Führerscheinprüfung abzulegen, obwohl man absolut sicher sein kann, dass man autofahren schon vorher konnte. Solcherlei Regeln muss man auch nicht mit unpassenden Vergleichen belegen, man kann sie auch als Auswirkung einer, im besten und ehrlichen Sinn, sozialen Gemeinschaft ansehen.
Über 'Amtshandlungen', wie Eintragungen in Registern und Urkunden, über Namensänderungen und über Kostenübernahmepflichten müssen wir nicht streiten, dazu habe ich hier oft und deutlich meine Meinung geschrieben, die sich nicht wesentlich von deiner unterscheidet. Und eine 'Beweispflicht' für das eigene Geschlecht kann ich schon deswegen nicht glaubwürdig fordern, weil ich annehme, dass es 'Geschlecht' als unumstössliches Faktum gar nicht gibt.
Obwohl ich grundsätzlich auch der Ansicht bin, dass jede_r für sein Leben und Schicksal selbst verantwortlich ist, halte ich aber ein Art 'Rastplatz' auf dem Weg zu irreversiblen Massnahmen für sinnvoll und geboten. Und zwar, um den oben erwähnten Menschen unter allen Umständen (also auch, wenn sie selbst sie nicht suchen würden) eine neutrale Hilfe anzubieten, damit sie zu der für sie besten Entscheidung kommen. Das dabei ein Hemmnis, eine Bevormundung für die anderen entsteht, ist nicht von der Hand zu weisen, aber vielleicht ist dies als 'zumutbares Übel' anzusehen, wenn meine Wahrnehmung stimmt, dass nicht alle zu jeder Zeit in der richtigen Verfassung sind, um die notwendigen Entscheidungen auf einer grundsoliden Basis zu treffen.
Habt es gut
Marielle
PS: Über einen Punkt unter "Grundsätzliches" in deinem Beitrag bin ich aber doch 'gestolpert': "Ich möchte ein Outingfreies normales Leben führen können"
Ich verstehe natürlich was du meinst, glaube aber, dass das letztendlich eigentlich nicht geht.
running over the same old ground, what have we found?
the same old fears.........
aus: Wish you were here, Pink Floyd
über deine persönliche Sicht und dein Empfinden, eben das, was du unter "Grundsätzliches" genannt hast, kann und will ich mit dir nicht diskutieren. Ich kenne dich nicht, du mich nicht, und deswegen nehme ich die 'grundsätzlichen' Punkte als deine Selbstwahrnehmung, als dein Empfinden, als dein Sein einfach neutral zur Kenntnis.
Unter dem alleinigen Aspekt der "mündigen Bürger_in" kann ich nichtmal was gegen das "Notwendige" sagen. Ich bin aber sehr sicher, dass die ganze Sache noch andere wichtige Aspekte hat. Ich würde mir jedenfalls wünschen, dass der PSYCHO-HRT-OP-Automat nie Wirklichkeit wird, weil ich die Sorge habe, dass sich Menschen damit kaputtmachen würden. Nicht alle, vielleicht nicht du, aber manche eben schon.
Über die Jahre habe ich viele Menschen getroffen, die sehr reflektiert über sich und ihre Situation geurteilt und dann sehr besonnen entschieden haben. Das ist toll, ehrlich. Diese Leute brauchen keine 'Bevormundung' durch Regelungen irgendwelcher Art. Andererseits bin ich sehr sicher auch Menschen getroffen zu haben, die die Beurteilung ihrer eigenen Person und Situation (zumindest eine Zeit lang) nicht so gut im Griff hatten, als das sie in dieser Zeit eine so weitreichende Entscheidung wie eine HRT oder OP allein hätten treffen sollen. Das kannst du gern eine anmassende, von mir aus auch arrogante Art der Beurteilung Anderer nennen; es ist und bleibt aber meine eigene Wahrnehmung dessen, was ich erlebt, gehört und gesehen habe. Um nochmal auf den Automaten zu kommen: Ich bin absolut sicher, dass manche dieser Menschen das Untermenü 'Psycho' schnellstens wegklicken würden, um damit eventuellen Fragen auszuweichen, die sie sich nichtmal selbst auch nur ansatzweise beantworten können.
Hier im Forum sagte mal jemand (den ich flüchtig kannte), dass er die aufgesuchte Psycholog_in qua Intellekt ohne weiteres 'hinters Licht geführt' hätte. Mag ja sein, nur: Wieso musste die denn hinters Licht geführt werden? Was war denn wohl 'falsch' an der lichten Wahrheit? Schade ist nur, dass dieser Mensch sich damit vermutlich selbst ins Knie geschossen hat, anstatt eine Chance zu nutzen. Andere klicken das Psycho-Menü weg, indem sie sich, in SHGs oder ähnlichem, Psycholog_innen empfehlen lassen, die möglichst wenige, möglichst unkritische Fragen stellen und ihr Honorar als optimierte Aufwandsentschädigung für das Kopieren vorgefertigter Gutachten betrachten; und sag jetzt nicht, dass es das ja nur bei denen gibt, die aus reflektierter Selbsterkenntnis den kürzesten Weg suchen. Wieder eine andere beteuert unaufhörlich, dass sie sich ihres Geschlechtes absolut sicher ist, nur um ein paar Sätze später zu beklagen, dass ihr zur endgültig richtigen äusseren! Identifikation eine Eigenschaft eines körperlichen Merkmals fehlt, die allerdings nicht mal die Mehrheit der 'Bios' dieses sogen. Geschlechts hat. Aber...absolut sicher, das alles.
Aus diesen Erfahrungen heraus bin ich bei einigen deiner Punkte anderer Meinung als du, auch wenn daraus zweifellos eine regulatorische Bevormundung entsteht; das ist mit bewusst. Die entsteht aber ganz trivial auch dadurch, dass man 'genötigt' wird eine Führerscheinprüfung abzulegen, obwohl man absolut sicher sein kann, dass man autofahren schon vorher konnte. Solcherlei Regeln muss man auch nicht mit unpassenden Vergleichen belegen, man kann sie auch als Auswirkung einer, im besten und ehrlichen Sinn, sozialen Gemeinschaft ansehen.
Über 'Amtshandlungen', wie Eintragungen in Registern und Urkunden, über Namensänderungen und über Kostenübernahmepflichten müssen wir nicht streiten, dazu habe ich hier oft und deutlich meine Meinung geschrieben, die sich nicht wesentlich von deiner unterscheidet. Und eine 'Beweispflicht' für das eigene Geschlecht kann ich schon deswegen nicht glaubwürdig fordern, weil ich annehme, dass es 'Geschlecht' als unumstössliches Faktum gar nicht gibt.
Obwohl ich grundsätzlich auch der Ansicht bin, dass jede_r für sein Leben und Schicksal selbst verantwortlich ist, halte ich aber ein Art 'Rastplatz' auf dem Weg zu irreversiblen Massnahmen für sinnvoll und geboten. Und zwar, um den oben erwähnten Menschen unter allen Umständen (also auch, wenn sie selbst sie nicht suchen würden) eine neutrale Hilfe anzubieten, damit sie zu der für sie besten Entscheidung kommen. Das dabei ein Hemmnis, eine Bevormundung für die anderen entsteht, ist nicht von der Hand zu weisen, aber vielleicht ist dies als 'zumutbares Übel' anzusehen, wenn meine Wahrnehmung stimmt, dass nicht alle zu jeder Zeit in der richtigen Verfassung sind, um die notwendigen Entscheidungen auf einer grundsoliden Basis zu treffen.
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PS: Über einen Punkt unter "Grundsätzliches" in deinem Beitrag bin ich aber doch 'gestolpert': "Ich möchte ein Outingfreies normales Leben führen können"
Ich verstehe natürlich was du meinst, glaube aber, dass das letztendlich eigentlich nicht geht.
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Jaddy
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Re: Interessanter Beitrag gestern auf N3...
@Marielle: Du sprichst ja sehr richtig die Problematik an, dass aktuell die Umsetzung einer körperlichen und behördlichen Genderänderung [ich sage ganz bewusst nicht Angleichung; kommt gleich] erstens kompliziert, zweitens teuer und drittens quasi unumkehrbar ist.
Deshalb werden Hürden davor gesetzt, um Geld zu sparen (Krankenkassen, Behörden) und die Betroffenen vor sich selbst, bzw. vor "unbedachten" Entscheidungen zu schützen.
Beim Geld müsste das Gesamtsystem angesichts der Anzahl der Fälle eigentlich nicht sonderlich sparsam sein. Da gäbe es andere Posten und andere Anforderungen, die sparwürdiger wären.
Die Unumkehrbarkeit ist das Problem und die möglicherweise folgende psychische Leidensgeschichte, wenn die Motivation für einen anderen Lebensrahmen nicht primär die Geschlechterrolle ist. (sprich: Der aktuelle Leidensdruck andere Ursachen hat und eine andere Lösung benötigt)
Meine Folgerung: Dann ist dieses Problem - Unumkehrbarkeit - eben an der Wurzel zu packen.
Das ist keine Lösung für hier und heute, aber meine Perspektive. _Wenn_ sich jeder Mensch ab und zu entscheiden kann, wie der eigene Körper aussieht, welche Identität man nach aussen zeigt, welche Verhaltensweisen etc., so wie man heute den Haarschnitt wechselt, _könnte_ sich auch mehr Verständnis dafür entwickeln, dass Verhaltenszuweisungen aufgrund von Chromosomen ungefähr so lächerlich sind, wie diese biologistischen Apologien, die letztens so in Mode waren; von wegen Zuhören und Einparken.
Vielleicht würde dann auch der Druck etwas sinken und auch die Fixierung auf die eine, alternativlose Lösung - die möglicherweise gar nicht zielführend ist, wie Marielle ja richtigerweise zu bedenken gegeben hat.
Deshalb werden Hürden davor gesetzt, um Geld zu sparen (Krankenkassen, Behörden) und die Betroffenen vor sich selbst, bzw. vor "unbedachten" Entscheidungen zu schützen.
Beim Geld müsste das Gesamtsystem angesichts der Anzahl der Fälle eigentlich nicht sonderlich sparsam sein. Da gäbe es andere Posten und andere Anforderungen, die sparwürdiger wären.
Die Unumkehrbarkeit ist das Problem und die möglicherweise folgende psychische Leidensgeschichte, wenn die Motivation für einen anderen Lebensrahmen nicht primär die Geschlechterrolle ist. (sprich: Der aktuelle Leidensdruck andere Ursachen hat und eine andere Lösung benötigt)
Meine Folgerung: Dann ist dieses Problem - Unumkehrbarkeit - eben an der Wurzel zu packen.
Das ist keine Lösung für hier und heute, aber meine Perspektive. _Wenn_ sich jeder Mensch ab und zu entscheiden kann, wie der eigene Körper aussieht, welche Identität man nach aussen zeigt, welche Verhaltensweisen etc., so wie man heute den Haarschnitt wechselt, _könnte_ sich auch mehr Verständnis dafür entwickeln, dass Verhaltenszuweisungen aufgrund von Chromosomen ungefähr so lächerlich sind, wie diese biologistischen Apologien, die letztens so in Mode waren; von wegen Zuhören und Einparken.
Vielleicht würde dann auch der Druck etwas sinken und auch die Fixierung auf die eine, alternativlose Lösung - die möglicherweise gar nicht zielführend ist, wie Marielle ja richtigerweise zu bedenken gegeben hat.
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Marielle
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Re: Interessanter Beitrag gestern auf N3...
Guten Tag zusammen, Hallo Rosi,
naja "galant".... mir ist selbst klar, dass mein Standpunkt ein Stück weit wie eine 'Einlassung der Bischofskonferenz zu Fragen des Schwangerschaftsabbruchs' klingt. Umso mehr freue ich mich, dass wir in der Diskussion bleiben.
Wenn du schreibst
"...schon in Ordnung wenn versucht wird, Systeme auf die schwächsten Glieder auszurichten, doch sollte dieses Bestreben nicht über Menschenrechte und die Würde Aller gestellt werden"
dann trifft das ziemlich genau das Dilemma, in dem ich diese Frage sehe.
'Gesellschaft' (so wie ich sie verstehe und mir wünsche) hat sehr oft mit der Frage zu tun, wem was und wieviel zugemutet werden kann und darf, damit es in Summe allen möglichst gut geht und keine_r gänzlich auf der Strecke bleibt. Dazu gehört natürlich auch die Frage, wieviel Verantwortlichkeit und individuelle Freiheit man mindestens vom einzelnen erwartet, fordert bzw. ihm/ihr zugesteht.
Wir könnten uns sehr schnell auf deine Sicht der Dinge einigen, wenn ein Konsens darüber besteht, dass mit der individuellen Entscheidung auch die Verantwortlichkeit der Gesellschaft für das entscheidende Individuum erlischt. Das entspräche dann der allgemeinen Entwicklung gesellschaftlichen Handelns; Individualisierung fast um jeden Preis. Das dabei aber viel zu viele auf der Strecke bleiben, muss man hoffentlich nicht diskutieren. Das ist wirklich nicht mein Bild von 'Gesellschaft'.
Um es mit Bezug zum Thema (und nur leicht überspitzt) zu formulieren: Die Trans*-Community, die auch ein Teil der Gesellschaft ist, stellt aus meiner Sicht (zu) häufig sehr genau definierte Anforderungen an ihre Mitglieder, erzeugt (zu) häufig einen erheblichen Druck auf Einzelne, kümmert sich in der Regel aber einen Dreck um diejenigen, die unter diesem Druck leiden oder die an den Anforderungen Schaden nehmen, weil sie nicht zum eigenen Erleben passten. Stattdessen werden diese Menschen an den 'Reparaturbetrieb Gesellschaft' zurückgegeben, der seinerseits wieder mit Anforderungen auf diese Menschen zukommt, denen sie vielleicht nicht gewachsen sind. Soll das so sein?
Damit ich nicht missvestanden werde: Ich bin FÜR möglichst weitgehende Freiheit des Individuums. Jede Einschränkung dieser Freiheit muss sehr gut begründet werden und darf nur mit dem ehrlichen Ziel einer gerechten, aber auch verantwortlichen, Gesellschaft erfolgen. Dazu gehört für mich eben auch der Blick auf diejenigen, die Unterstützung brauchen. Dieses Menschenrecht (wenn man es so hoch hängen will) ist gegen das Menschenrecht auf individuelle Freiheit der Persönlichkeit abzuwägen.
Ich wäre für die Abschaffung sämtlicher! Regeln und Hemmnisse, wenn ich den Eindruck hätte, dass die Trans*-Community, als Teil der ganzen Gesellschaft (und mit der Community die ganze Gesellschaft), willens und in der Lage ist, sich auf einer unreglementierten, menschlichen Basis auch um ihre schwächsten Mitglieder zu kümmern. Solange das nicht so ist, halte ich es für angemessen und richtig, dass sich jemand auf dem Weg zu irreversiblen, körperlichen Massnahmen einer neutralen, fachkundigen und kritischen Instanz stellt, um darzulegen, dass es um eine individuelle, möglichst dauerhaft richtige Entscheidung und nicht um eine kurzfristige Reaktion auf äussere Einflüsse geht. Für diejenigen, die sich ihrer Entscheidung sicher sind ist das mühsam, aber m.E. zumutbar, um den anderen Fehlentscheidungen und ihre Folgen zu ersparen.
Habt es gut
Marielle
naja "galant".... mir ist selbst klar, dass mein Standpunkt ein Stück weit wie eine 'Einlassung der Bischofskonferenz zu Fragen des Schwangerschaftsabbruchs' klingt. Umso mehr freue ich mich, dass wir in der Diskussion bleiben.
Wenn du schreibst
"...schon in Ordnung wenn versucht wird, Systeme auf die schwächsten Glieder auszurichten, doch sollte dieses Bestreben nicht über Menschenrechte und die Würde Aller gestellt werden"
dann trifft das ziemlich genau das Dilemma, in dem ich diese Frage sehe.
'Gesellschaft' (so wie ich sie verstehe und mir wünsche) hat sehr oft mit der Frage zu tun, wem was und wieviel zugemutet werden kann und darf, damit es in Summe allen möglichst gut geht und keine_r gänzlich auf der Strecke bleibt. Dazu gehört natürlich auch die Frage, wieviel Verantwortlichkeit und individuelle Freiheit man mindestens vom einzelnen erwartet, fordert bzw. ihm/ihr zugesteht.
Wir könnten uns sehr schnell auf deine Sicht der Dinge einigen, wenn ein Konsens darüber besteht, dass mit der individuellen Entscheidung auch die Verantwortlichkeit der Gesellschaft für das entscheidende Individuum erlischt. Das entspräche dann der allgemeinen Entwicklung gesellschaftlichen Handelns; Individualisierung fast um jeden Preis. Das dabei aber viel zu viele auf der Strecke bleiben, muss man hoffentlich nicht diskutieren. Das ist wirklich nicht mein Bild von 'Gesellschaft'.
Um es mit Bezug zum Thema (und nur leicht überspitzt) zu formulieren: Die Trans*-Community, die auch ein Teil der Gesellschaft ist, stellt aus meiner Sicht (zu) häufig sehr genau definierte Anforderungen an ihre Mitglieder, erzeugt (zu) häufig einen erheblichen Druck auf Einzelne, kümmert sich in der Regel aber einen Dreck um diejenigen, die unter diesem Druck leiden oder die an den Anforderungen Schaden nehmen, weil sie nicht zum eigenen Erleben passten. Stattdessen werden diese Menschen an den 'Reparaturbetrieb Gesellschaft' zurückgegeben, der seinerseits wieder mit Anforderungen auf diese Menschen zukommt, denen sie vielleicht nicht gewachsen sind. Soll das so sein?
Damit ich nicht missvestanden werde: Ich bin FÜR möglichst weitgehende Freiheit des Individuums. Jede Einschränkung dieser Freiheit muss sehr gut begründet werden und darf nur mit dem ehrlichen Ziel einer gerechten, aber auch verantwortlichen, Gesellschaft erfolgen. Dazu gehört für mich eben auch der Blick auf diejenigen, die Unterstützung brauchen. Dieses Menschenrecht (wenn man es so hoch hängen will) ist gegen das Menschenrecht auf individuelle Freiheit der Persönlichkeit abzuwägen.
Ich wäre für die Abschaffung sämtlicher! Regeln und Hemmnisse, wenn ich den Eindruck hätte, dass die Trans*-Community, als Teil der ganzen Gesellschaft (und mit der Community die ganze Gesellschaft), willens und in der Lage ist, sich auf einer unreglementierten, menschlichen Basis auch um ihre schwächsten Mitglieder zu kümmern. Solange das nicht so ist, halte ich es für angemessen und richtig, dass sich jemand auf dem Weg zu irreversiblen, körperlichen Massnahmen einer neutralen, fachkundigen und kritischen Instanz stellt, um darzulegen, dass es um eine individuelle, möglichst dauerhaft richtige Entscheidung und nicht um eine kurzfristige Reaktion auf äussere Einflüsse geht. Für diejenigen, die sich ihrer Entscheidung sicher sind ist das mühsam, aber m.E. zumutbar, um den anderen Fehlentscheidungen und ihre Folgen zu ersparen.
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Marielle
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For the rising of the women, means the rising of the race
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Ninakadin
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Re: Interessanter Beitrag gestern auf N3...
Ich muss Marielle voll und ganz zustimmen. Auch ich kann mich den Forderungen von Rosi (und anderen, diese Diskussion läuft auch in anderen Foren) weitgehend anschließen, bin aber anderer Meinung, was eine grundsätzliche Diagnose angeht. Wie wir wissen, ist TS ja eine Selbstdiagnose, die offizielle Diagnose besteht ja darin, andere psychologischen Krankheiten auszuschließen. In Anbetracht der Schwere der nachfolgenden Maßnahmen (HRT, GaOP) halte ich eine notwendige psychologische Ausschlussdiagnose für zumutbar, zum Schutze der Menschen, die sich vorschnell aufgrund anderer Erkrankungen auf diesen Weg begeben wollen.
Die psychotherapeutische Begleitung halte ich für sinnvoll, bin aber damit einverstanden, die als freiwilliges Angebot zu definieren.
Entscheidend wird sein, dass wir uns dafür einsetzen, dass die Leistungspflicht der Krankenkassen festgeschrieben wird, auch für den Fall, dass TS nicht mehr als Krankheit eingestuft wird. Dafür werden wir aber mit Krankenkassen, Ärzten, Politikern usw. reden müssen. Ich bezweifle, dass wir dort ins Gespräch kommen, wenn wir solche Bedenken mit Radikalforderungen abschmettern.
LG,
Nina
Die psychotherapeutische Begleitung halte ich für sinnvoll, bin aber damit einverstanden, die als freiwilliges Angebot zu definieren.
Entscheidend wird sein, dass wir uns dafür einsetzen, dass die Leistungspflicht der Krankenkassen festgeschrieben wird, auch für den Fall, dass TS nicht mehr als Krankheit eingestuft wird. Dafür werden wir aber mit Krankenkassen, Ärzten, Politikern usw. reden müssen. Ich bezweifle, dass wir dort ins Gespräch kommen, wenn wir solche Bedenken mit Radikalforderungen abschmettern.
LG,
Nina
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Marielle
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Re: Interessanter Beitrag gestern auf N3...
Hallo zusammen, Hallo Rosi,
meinst du wirklich, dass es Selbstmorde gibt, die ursächlich auf die bestehenden Regularien zurückzuführen sind? (Das ist eine ernst gemeinte Frage; bitte nicht als provokante These lesen)
Ich finde es ziemlich schwierig mit der, meistens nicht wirklich in Gänze nachvollziehbaren, Motivlage solch verzweifelter Menschen zu argumentieren. Wenn es aber klare Anzeichen dafür gibt, dass nicht das allgemeine Umfeld und die persönliche Situation, sondern der vorgeschriebene Prozess (bzw. die daran beteiligten Personen) ursächlich sind, dann müsste man (ich) die Sache anders bewerten. Betreffend die 'beteiligten Personen' bedeutet dieser Aspekt aber auch einen ziemlich schweren Vorwurf, da es ja jeweils einen direkten Bezug zwischen dem/der Betroffenen und den Personen, die im Einzelfall die Regularien anwenden, gäbe. Ist das so wirklich aufrecht zu erhalten?
--------------------------
Die Angaben zu den rück-abgewickelten Namensänderungen kann man m.E. nicht wirklich als Argument für Forderung nach Abschaffung der Regularien anführen, da sie sich ausschliesslich aus der gegenwärtigen, hiesigen Situation ergeben und damit keine 'unabhängigen Größen' sind. Viel eher müsste man wohl aufpassen, dass nicht die 'Gegenseite' die Zahlen als 'ganz großen Erfolg' der bestehenden Regelungen darstellt; immerhin könnte man (nur) 0,6% Rückabwicklungen auch so interpretieren. Abgesehen davon, dass ich überhaupt nichts gegen die Forderung nach Abschaffung aller Regularien zur Namens- und Personenstandsänderung gesagt habe: Als Argument wären allenfalls entsprechende Erhebungen über den 'Zufriedenheitsgrad' nach HRT / OP aus Ländern mit diesbezüglich wesentlich unregulierteren Verfahren interessant. Die Aussagekraft solcher Erhebungen wurde neulich hier, anhand eines Berichtes im 'Deutschen Ärzteblatt', diskutiert; wohl ein schwieriges Thema.
zu Ninas Beitrag: Nina hat da einen ganz wichtigen Aspekt gebracht, zu dem ich noch etwas ergänzen möchte: Wenn sämtliche 'Diagnosestufen' abgeschafft würden, müsste man neben dem Problem der Kostenträgerschaft auch noch den Aspekt der 'medizinischen Verantwortung' (ein besserer Begriff fällt mir grade nicht ein) klären. Man müsste den handelnden Mediziner_innen nämlich eine Begründung liefern, auf deren Basis sie an einem physisch-biologisch gesunden Menschen massive Eingriffe vornehmen könnten. Das ist eigentlich etwas, was die Medizin aus gutem Grund nicht will bzw. nicht darf und wird ohne rechtlichen Rahmen vermutlich zu erheblichen Problemen führen. Letztlich könnte! eine fehlende 'Legitimation' dazu führen, dass HRT/OP nur noch von gewinnorientierten und maximal haftungsbeschränkten 'Dienstleistern' ausgeführt werden, weil sich kaum ein 'ehrbarer' Mediziner diesem Risiko aussetzen würde.
Habt es gut
Marielle
meinst du wirklich, dass es Selbstmorde gibt, die ursächlich auf die bestehenden Regularien zurückzuführen sind? (Das ist eine ernst gemeinte Frage; bitte nicht als provokante These lesen)
Ich finde es ziemlich schwierig mit der, meistens nicht wirklich in Gänze nachvollziehbaren, Motivlage solch verzweifelter Menschen zu argumentieren. Wenn es aber klare Anzeichen dafür gibt, dass nicht das allgemeine Umfeld und die persönliche Situation, sondern der vorgeschriebene Prozess (bzw. die daran beteiligten Personen) ursächlich sind, dann müsste man (ich) die Sache anders bewerten. Betreffend die 'beteiligten Personen' bedeutet dieser Aspekt aber auch einen ziemlich schweren Vorwurf, da es ja jeweils einen direkten Bezug zwischen dem/der Betroffenen und den Personen, die im Einzelfall die Regularien anwenden, gäbe. Ist das so wirklich aufrecht zu erhalten?
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Die Angaben zu den rück-abgewickelten Namensänderungen kann man m.E. nicht wirklich als Argument für Forderung nach Abschaffung der Regularien anführen, da sie sich ausschliesslich aus der gegenwärtigen, hiesigen Situation ergeben und damit keine 'unabhängigen Größen' sind. Viel eher müsste man wohl aufpassen, dass nicht die 'Gegenseite' die Zahlen als 'ganz großen Erfolg' der bestehenden Regelungen darstellt; immerhin könnte man (nur) 0,6% Rückabwicklungen auch so interpretieren. Abgesehen davon, dass ich überhaupt nichts gegen die Forderung nach Abschaffung aller Regularien zur Namens- und Personenstandsänderung gesagt habe: Als Argument wären allenfalls entsprechende Erhebungen über den 'Zufriedenheitsgrad' nach HRT / OP aus Ländern mit diesbezüglich wesentlich unregulierteren Verfahren interessant. Die Aussagekraft solcher Erhebungen wurde neulich hier, anhand eines Berichtes im 'Deutschen Ärzteblatt', diskutiert; wohl ein schwieriges Thema.
zu Ninas Beitrag: Nina hat da einen ganz wichtigen Aspekt gebracht, zu dem ich noch etwas ergänzen möchte: Wenn sämtliche 'Diagnosestufen' abgeschafft würden, müsste man neben dem Problem der Kostenträgerschaft auch noch den Aspekt der 'medizinischen Verantwortung' (ein besserer Begriff fällt mir grade nicht ein) klären. Man müsste den handelnden Mediziner_innen nämlich eine Begründung liefern, auf deren Basis sie an einem physisch-biologisch gesunden Menschen massive Eingriffe vornehmen könnten. Das ist eigentlich etwas, was die Medizin aus gutem Grund nicht will bzw. nicht darf und wird ohne rechtlichen Rahmen vermutlich zu erheblichen Problemen führen. Letztlich könnte! eine fehlende 'Legitimation' dazu führen, dass HRT/OP nur noch von gewinnorientierten und maximal haftungsbeschränkten 'Dienstleistern' ausgeführt werden, weil sich kaum ein 'ehrbarer' Mediziner diesem Risiko aussetzen würde.
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