Noch ein paar Gedanken zum Passing, wobei ich das sehr ähnlich sehe wie von Vicky und Yvonne beschrieben (danke für eure beiden Texte

)
Als ich die ersten paar Mal im Kleidchen raus bin, war das mitten am hellen Tag in der Haupteinkaufsstraße. Es war mir klar, dass alle mich "durchschauen" konnten und mir war ziemlich bange. Wie wir alle wissen, war die Angst unbegründet und am Ende war es mir völlig egal, ob ich nun als Mann in Frauenkleidern gesehen werde oder tatsächlich als Frau. Warum sollte das wichtig sein? Ich fühlte mich wohl, so wie ich war und was die anderen womöglich denken würden, war mir egal. Die kannten mich ja nicht, und ich sie auch nicht.
Den Gedanken an Passing lernte ich erst später kennen, und zwar hier in diesem Forum. Davor hatte ich gar nie die Idee, tatsächlich und unmissverständlich als Frau gesehen werden zu wollen. Ich war ich, und das wollte ich auch bleiben. Und zwar in dieser für mich (damals noch neuen) aufregenden Form, bei der ich mir endlich die Freiheit genommen habe, das zu tragen, was mir gefällt. Wie immer das auch heißen mag, es war mir egal. Ich konnte es erklären, hatte (und habe) aber keinen Begriff dafür. Andere würden vielleicht Transgender oder Nichtbinär dazu sagen, und manchmal verwende ich die Begriffe selbst, um die Dinge abzukürzen, auch wenn ich sie nicht als passend empfinde.
Und es wurde mir auch immer unwichtiger, warum ich so war. Anfangs habe ich mir ab und zu Gedanken gemacht, wo das wohl herkommen könnte, aber eigentlich war ich einfach nur froh, dass ich es endlich leben konnte. Öffentlich, zunächst anonym, und ohne Scham.
Das eröffnete unvorstellbare Freiheiten und fördert unbekannte Potentiale, die irgendwo in mir geschlummert haben. Schwierig war später dann die Übertragung ins private Umfeld bei Familie, Freunden und Bekannten. Denen musste ich mich erklären. Schon allein deshalb, weil es unfair gewesen wäre, sie mit der Verwirrung alleine zu lassen, die mein unerwartetes Auftreten verursacht hatte, das in starkem Kontrast zu dem Stand, wie mich diese Menschen bisher kannten. Bei diesen Gesprächen kam immer mal wieder die Frage auf, woran meine Besonderheit wohl liegen könnte und woher sie kommt. In der Regel war es ausreichend darauf zu verweisen, dass es keine Krankheit ist, kein Gendefekt und ansonsten die Ursache unbekannt, zumindest nach heutigem Kenntnisstand. Interessanter war da schon die Frage, warum es gerade jetzt an die Öffentlichkeit drängt und das heimliche Ausleben nicht mehr genügt. Dazu habe ich zwar eine Theorie, die sehr intime Themen berührt. Da es in dieser Form wohl nur für mich zutrifft, ist es hier nicht weiter relevant.
Das liegt nun alles hinter mir, und die dabei gewonnene Freiheit lass ich mir von niemand mehr nehmen. Schon gar nicht von mir selbst, indem ich mich gefühlten gesellschaftlichen Konventionen unterwerfe. So ist es mir egal, ob ein Rock angeblich zu kurz ist, eine Farbe zu bunt für mein Alter oder die Absätze womöglich zu hoch. Es ist nicht wichtig für mich, wenn ein Kleidungsstück zu "nuttig" aussehen könnte, die Haare zu lang oder der Bart womöglich zu schlecht rasiert seien. Ich bin so wie ich bin, warum auch immer, woher auch immer das kommen mag. Damit muss ich klarkommen, und je besser es mir dabei geht, umso schöner ist das Leben.
Ich habe ohnehin nicht das Ziel und die Erwartung, überhaupt ein Passing zu haben. Also muss ich mir das Leben damit nicht unnötig schwer machen. Wenn es zufällig doch mal "passt" hab ich auch kein Problem damit. Ich geb mir damit einfach nicht extra viel Mühe.
Das heißt im Umkehrschluss aber nicht, dass es einfach wäre, dass es mir egal wäre, wie ich nach außen wirke oder wie ich wahrgenommen werde.
Erstmal muss es für mich stimmig sein und meinen modischen und ästhetischen Vorstellungen genügen, damit ich mich mit mir wohlfühlen kann. Die Vorstellungen sich gelegentlich und hängen auch vom Anlass und der Tagesform ab. So kann es sich an manchen Tagen durchaus sehr passend anfühlen, eine Feier im ultrakurzen Lederminikleid zu besuchen, wohlwissend, dass einige dieses Outfit mit Puff und Porno assoziieren werden. Solange es mir damit gut geht, ist das kein Problem.
Am anderen Ende mag ein lästiger Einkaufsgang in die Stadt stehen, an einem Tag, wo ich ohnehin schon mit der ganzen Welt hadere. Da gibt's dann zwar nicht das Graue-Mäuschen-Outfit, aber irgendwas unauffäliges, was mir gut tut und kein Aufsehen erregt. Das kann eine leichte Culotte mit Lieblings-T-Shirt im Sommer sein oder eine warme Leggins mit langem Mantel im Winter. In keinem Fall wäre es männliche Standardkleidung, weil es mir damit noch schlechter ginge.
Kleidung ist also sehr wichtig für mich, weil sie entscheidend zu meinem Wohlbefinden beitragen kann. Das ist auch unabhängig von der geschlechtlichen Zuordnung eines bestimmten Stückes, aber im großen und ganzen kommen meine Wohlfühlteile seit der Pubertät aus der Damenabteilung. Früher verschämt und heimlich und selten, inzwischen offen und ehrlich und andauernd.
Wahrscheinlich ist mir deshalb Passing nicht wichtig:
Früher habe ich mich hinter geschlossenen Türen versteckt, heute würde ich mich hinter einer Maske aus Make-up und Konventionen verstecken müssen, um Passing zu erreichen.
Warum sollte ich das tun? Jetzt, wo ich mich endlich von der alten Scham und den damit verbundenen Ängsten befreit habe und das anziehe, was *mir* gefällt, lege ich mir doch nicht freiwillig neue Zwänge zu, die mich dabei wieder einschränken.
Und ich werde darin bestätigt, wenn ich von unbekannten Menschen spontane Komplimente erhalte. Auch und gerade dann, wenn ich eher
unkonventionell gekleidet bin.
LGL