Eine Geschichte aus dem Berlin der 1970er: ELLI
Eine Geschichte aus dem Berlin der 1970er: ELLI - # 3

Crossdressing und selbst Erlebtes... Erdachtes
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Anni
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Re: Geschichte: ELLI

Post 31 im Thema

Beitrag von Anni »

Hallo Anne-Mette )))(:

Wieder ein schöner Teil Deiner Geschichte (ap) ---- Nun verstehe ich auch Deinen Tagebuch-Eintrag ... viel geschrieben :)

Nun bin ich versucht , Dir noch viele kalte Regentage zu wünschen , damit Du wieder in's Tagebuch schreiben kannst " viel geschrieben " :mrgreen:

Aber nein - so böse ist die freche Anni nicht :!:

Ich wünsch Dir warme , sonnige Frühlingstage (smili) (flo) (smili) ... dann sind die Finger nicht so klamm beim Schreiben :mrgreen:

GLG von frecher Anni
Der einzige Mensch, der sich vernünftig benimmt, ist mein Schneider. Er nimmt jedesmal neu Maß, wenn er mich trifft, während alle anderen immer die alten Maßstäbe anlegen in der Meinung, sie paßten auch heute noch. George Bernard Shaw
Anne-Mette
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Re: Geschichte: ELLI

Post 32 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Lange hatte ich am Watt gesessen. Es wurde langsam Zeit, meine Schwester zu aufzusuchen. Sie war tatsächlich schon aus Westerland zurück und hielt mir eine große Hellner-Tüte entgegen: "ich hoffe, es ist Dein Geschmack! Eine Fahrkarte habe ich auch bekommen für morgen — und Du hast einen festen Platz; denn ich habe eine Platzkarte ergattern können, obwohl der Zug morgen um 10 fast ausgebucht ist. Und nun komm, Elke wird gleich da sein, um Dir die Haare zu machen!"
Vorher sollte ich die von ihr gekauften Sachen zusammen mit ihrem Rock und der Bluse anprobieren. Erst zierte ich mich ein wenig, aber sie kannte kein Pardon. Bald stand ich ihr gegenüber und fühlte mich von ihren kritischen Blicken beobachtet. Sie griff in die Tüte und holte den BH hervor. Er war schön flach geschnitten und sollte eigentlich passen. Sie entfernte das Preisschild. "Sylter Preise", wollte ich schimpfen, doch ich hielt meinen Mund. Ich konnte froh sein, dass sie mir die Sachen besorgt hatte.
"Das machst Du bestimmt nicht zum ersten Mal", rief sie erstaunt aus, als ich den BH angelegt und die Häkchen hinten verschlossen hatte. Die Passform war nicht schlecht, aber die Körbchen waren nicht genügend gefüllt und machten einen traurigen und faltigen Eindruck. "Das haben wir gleich" — und schon wühlte meine Schwester wieder in dem Schub mit ihrer Unterwäsche. Schließlich kramte sie ein paar Söckchen hervor und gab mir diese. Ich muss fragend und etwas verdutzt geguckt haben; denn sie nahm mir die Söckchen wieder aus der Hand und stopfte sie in den BH. Sie besserte mehrmals nach, bis die Körbchen in ihren Augen richtig saßen.
Dann zog sie mir wie einem kleinen Kind das Hemdchen über den Kopf.
"Den Slip schaffst Du wohl alleine", hatte sie gerade ausgesprochen, als jemand an die Tür klopfte.
Ich hatte den Slip noch in der Hand, aber zog ihn schnell an.
"Moment", rief meine Schwester, aber da war Elke schon im Raum. "Was macht ihr denn da, Brüderchen und Schwesterchen?"
"Na, nach was sieht"™s denn aus", konterte meine Schwester, "kannst Du ihm so eine Frisur wie mir zaubern, er will nämlich mit meinem Pass morgen nach Berlin zurück, weil er seinen Ausweis verloren hat!"
Elke lachte; "auf so etwas muss man erst einmal kommen!"
Sie hatte einige Bürsten dabei und mehrere Scheren, sogar einen Frisier-Umhang. "Am besten ist, Du machst es draußen", schlug meine Schwester vor, "dann habe ich nicht hier im Zimmer die ganzen Haare rumfliegen!"
"Draußen? Wenn mich jemand sieht", wollte ich gerade sagen, aber Elke meinte: "wir setzen uns hinter den Wall; da wird uns kaum jemand sehen und stören".
Ich nahm den Stuhl mit hinaus und Elke ihre Werkzeuge. Kaum hatte ich mich auf den Stuhl gesetzt, da hatte sie mir auch schon den Umhang umgelegt und begann mit der Schnippelei. Die Haare hatten kaum Zeit, auf den Boden zu fallen — da wurden sie schon vom Wind fortgetrieben. "Da fliegen sie", dachte ich.
Das muss ein komisches Bild gewesen sein: ich im Slip, der Oberkörper vom Frisierumhang bedeckt auf einem Stuhl gleich hinter dem Friesenwall. Wie gut, dass mich keiner sehen konnte, abgesehen von Elke"¦
"¦ und meiner Schwester, die mit zwei Krügen Kaffee kam. "Immer noch mit Milch?" fragte sie mich. "Ja, wenn welche da ist!"
Elke trank den Kaffee schwarz und zündete sich eine Zigarette an. "Das ist ja ein Abenteuer", sagte sie, "hast Du keine Angst, dass sie Dich erwischen? Und ist es Dir nicht peinlich als Mann in Frauensachen?"
"Nein", meinte ich, "was ist daran peinlich? Es gibt Schlimmeres". Ich musste an Kuddel denken, der letztes Jahr beim Sex mit seiner Nachbarin im Auto vergessen hatte, die Handbremse anzuziehen, sodass sie im Hafen landete. Wie gut, dass gerade Ebbe war!
"Die werden mich schon nicht erwischen — und in Berlin ziehe ich die Frauensachen wieder aus und schicke sie zurück!"
"Den BH, den Slip und das Hemdchen kannst Du aber behalten", rief meine Schwester und lachte schelmisch, "falls Du mal wieder den Drang verspürst"¦".
Elke drückte mich auf den Stuhl und verhinderte, dass ich aufstand und hinter meiner Schwester hinterherlief, die schnell im Haus verschwand.
Ihr Lachen war bis draußen zu hören.
Elke war fertig mit ihrem Kaffee und ihrer Zigarette. Sie betrachtete mich von der Seite, kämmte die Haar, schnitt ein wenig nach, kämmte wieder — und meinte schließlich: "so, geschafft, ihr seht euch zwar nicht gerade so ähnlich wie Zwillinge, aber so ist es ganz passabel. Eine starke Familienähnlichkeit ist nicht zu leugnen, das habe ich schon oft gedacht.
Ich muss nun los, meine Mittagspause ist beendet. Für morgen wünsche ich Dir viel Glück!"
"Danke, was bekommst Du?"
"Quatsch", rief sie — und da war sie auch schon auf dem Weg zu ihrem Wagen. Ich brachte den Stuhl zurück. Bald darauf kam meine Schwester.
"Noch böse?"
"Nein, war doch nur Spaß!"
Sie holte den Rock, den ich anziehen sollte und die Bluse. Beides passte. Die Bluse war zwar etwas eng — aber einen Schönheitspreis wollte ich nicht gewinnen.
"Guck in den Spiegel" — sie zog mich zur Kommode. Ich erschrak fast; die Ähnlichkeit mit ihr, die Elke durch die Frisur gezaubert hatte, war verblüffend.
"Nun mal im Ernst", sie guckte so, als würde sie sich für mich verantwortlich fühlen, "Du würdest eine passable Frau abgeben! Wenn doch mehr dahintersteckt als dieses Verkleidungsabenteuer, dann lass es mich wissen. Meine Unterstützung hast Du!"
"Nein, das ist bestimmt nicht nötig, das ist nur wegen des Ausweises und so", stammelte ich, "aber das ist nett von Dir!"
Sie wurde noch ernster und erzählte von einem Mann aus einem Nachbardorf. Den hatte jemand in Frauensachen gesehen und das gleich mit einem hämischen Unterton allen möglichen Leuten erzählt. Eine wahre Hetzjagd setzte ein. Der arme Mann sah keine andere Wahl als die Insel zu verlassen und sich auf dem Festland eine Wohnung zu suchen.
"So sind manche Leute, sei vorsichtig", meinte sie abschließend.
"Wir müssen Dir noch eine Handtasche suchen", fiel ihr ein, "Du kannst meine alte leihen; denn ich habe mir eine neue gekauft. Schließlich macht es einen stimmigen Eindruck, wenn Du den Reisepass aus der Handtasche ziehst. Außerdem gehören da Taschentücher hinein und"¦".
""¦ nein, das gibt"™s doch nicht, dachte ich", sie steckte auch noch eine kleine Tamponpackung mit hinein.
Zuletzt gab sie mir noch ein Halstuch. Ich wollte ablehnen, aber sie meinte, es würde mich stimmiger ausschauen lassen. Außerdem sollte ich die oberen Knöpfe der Bluse offen lassen. Dann würde sie nicht so stramm sitzen — und es sähe besser aus.
Da wir abends nichts zu tun hatten, wollten wir nach List fahren und ein Fischbrötchen essen. Erst wollte ich die Maler-Jeans und das T-Shirt wieder anziehen, aber sie meinte, ich sollte die Frauensachen anbehalten, um einen natürlicheren Umgang damit zu haben. "Nicht, dass Du morgen so aufgeregt bist, dass die Grenzer oder Mitreisenden Dich gleich im Zug enttarnen", meinte sie dazu.
ich war einverstanden. Schließlich war ich das Tragen von Röcken und Frauenunterwäsche schon ein wenig gewohnt. Rasieren musste ich mich noch. Mein alter, mein erster Rasierer war noch in der Kommode mit meinen Sachen, die ich im Hause meiner Eltern zurückgelassen hatte. "Vergiss die Beine nicht", rief meine Schwester gegen den Lärm des Rasierapparates an, "Du hast zwar nur wenige Haare und die sind hell, aber rasiert sehen sie noch besser aus."
Als ich fertig war, betrachtete sie mich von Kopf bis Fuß. "Ich könnte fast neidisch werden", rief sie aus. "Quatsch", antwortete ich, "wer so gut aussieht wie Du"¦".
Ich konnte meinen Satz nicht beenden, da zog sie mich schon hinaus.
Sie fuhr immer noch sehr zügig mit ihrem Käfer — ganz wie früher. Die vorderen Ausstellfenster sorgten für frische Luft.
Die Straße nach List war fast ohne Verkehr. Die Feriengäste befanden sich wohl fast alle in ihren Quartieren oder in den zahlreichen Restaurants. Schnell hatten wir das nördlichste Inseldorf erreicht. Wir fanden sofort einen Parkplatz. Ich trat an die Fischbude heran. "Na, Fräulein, was darf"™s denn sein?"
"Zwei Lachsbrötchen und zwei Tuborg", gab ich selbstbewusst meine Bestellung auf. Er zuckte merklich zusammen — und fast wäre ihm die Zigarette aus dem Mund gefallen. Es war deutlich zu merken, wie es in seinem Kopf arbeitete. Irgendetwas passte für ihn nicht zusammen. Er begann seinen Satz, verbesserte sich gleich nach den ersten Worten, kam ins Stottern, aber sagte zum Schluss nur: "kommt sofort!"
Ich bezahlte, steckte das Wechselgeld lose in die Handtasche und wir nahmen Bier und Brötchen und schlenderten zum Hafen, wo zwei Bänke standen. Wir setzten uns, prosteten uns zu und kümmerten uns um die Brötchen. "Sogar noch frisch", meinte meine Schwester, "hat er wohl gerade erst gemacht; denn wenn die den ganzen Tag in der Ablage liegen, sind sie abends wie Gummi!"

@Anni, nein im Rahmen meiner ehrenamtlichen Arbeit hatte ich viel zu schreiben und auf den Weg zu bringen (888)
Anne-Mette
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Re: Geschichte: ELLI

Post 33 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Wir aßen und tranken und sahen dem Hafengeschehen zu.
"Das vermisse ich in Berlin", sagte ich ihr, "einfach mal an den Hafen gehen und Krabben kaufen!
Noch ein Eis?" meine Schwester lehnte ab, "nein, lass uns fahren".
Wir schlenderten zum Auto. Meine Schwester fragte mich, ob ich Lust hätte, den alten Käfer noch einmal zu fahren. Und ob!
Den hatte ich mal aus Bundeswehrbeständen erworben. Mit diesem militärisch aussehenden Fahrzeug war ich nach Berlin gefahren, hatte praktisch meinen Umzug damit gemacht. Später hatte ich ihn gelb angemalt — und die vordere Haube mattschwarz.
Kurze Schlüsseldrehung — er sprang immer noch tadellos an und produzierte die käfertypische Geräuschkulisse.
Ich legte den ersten Gang ein. Selbst den von mir gekürzten Schaltknüppel hatte sie nicht gewechselt. "Rallye-Ausführung" — auf was für Ideen man doch kommen kann: eben über 30 Ps und Rallye!
In Braderup hielten wir an. Der kleine Krämer hatte noch auf. Ich kaufte ein Sechserpack Bier, wurde nicht erkannt, obwohl ich da früher öfter eingekauft hatte.
Einmal, als ich auch zum Bierholen dort war, hielt mich ein Polizist an und meinte "Junge, Du hast ja eine Rennverkleidung an Deinem Moped. Das sind bauartverändernde Maßnahmen. So geht das nicht!"
Er trug mir auf, das Teil abzubauen und ihm das am nächsten Tag vorzuführen. Das war mir sogar ganz recht; denn die "Rennverkleidung" war schwer und doch nicht so windschnittig wie gedacht. Die Zündapp wurde sogar noch langsamer mit der Verkleidung.
Es war ein warmer Abend. Ich saß mit meiner Schwester draußen. Wir rauchten, tranken das Bier und quatschten stundenlang. So ein Gefühl der Nähe hatte ich meiner älteren Schwester gegenüber bisher fast nie gehabt. Waren wir ganz anders und erwachsen geworden?
"Schade, dass Du nach Berlin gegangen bist", meinte sie, "seit Du nicht mehr regelmäßig hier wohnst, fehlt mir etwas".
"Dabei haben wir uns früher immer viel gestritten", antwortete ich, "aber Du fehlst mir auch".
"Nun werde mal nicht sentimental, morgen bist Du wieder weg! Lass uns Feierabend machen."
In der Nacht schlief ich unruhig, träumte wirres Durcheinander. Ganz so leicht nahm ich die Rückreise wohl doch nicht. Immer wieder fragte ich mich, ob alles gut gehen würde.
Ich wollte nicht noch einmal festgenommen werden.
Viel zu früh war die Nacht vorbei. Meine Schwester musste aufstehen und Frühstück für die Gäste machen. Mir brachte sie Kaffee und Brötchen und etwas Proviant für die Reise. Um halb 10 machten wir uns auf den Weg nach Westerland. "Ich hasse Abschiede", sagte sie und schubste mich förmlich aus ihrem Auto, noch bevor ich mich richtig bei ihr bedanken konnte. Da brauste sie schon davon. Dieses Mal ging ich erhobenen Hauptes auf den Bahnstieg. Meinen Wagen fand ich gleich und auch meinen Sitzplatz. Ich hatte Glück: es waren westdeutsche Wagen mit Sechser-Abteilen. In den DDR-Wagen mit 8 Plätzen je Abteil ging es immer recht eng zu.
Der Zug fuhr pünktlich ab. Zuerst war er sehr langsam unterwegs und die Insel zeigte sich noch einmal mit all ihren Details, erlaubte einen Blick auf die "Mörderkuhle", die Kleingartenanlage, die Kirche, auf das Haus eines Freundes.
An Freundschaft musste ich denken. Viele meiner Schulfreunde waren in alle Winde verstreut worden, studierten oder machten Ausbildungen. Nur wenige aus unserer Klasse waren auf der Insel geblieben. Der Zug rauschte an Keitum vorbei, dann an Morsum. Wir rasten über den Hindenburgdamm, der mir einen Blick zurück auf meinen Heimatort erlaubte. Dort war meine Schwester sicherlich wieder im Haus zugange und machte die Zimmer bereit für neue Gäste. Ob sie gerade aus dem Fenster guckte und den Zug sah?
"Die Fahrkarten bitte!" Wie schön, wenn man kein Problem mit dieser Aufforderung hat, sondern in die Handtasche greift, die Fahrkarte hervorholt und sie vorzeigen kann. "Danke, angenehme Weiterreise die Dame!"
Ich nickte freundlich, aber sagte nichts.
Der Damm war schnell überquert. Nach dem Vorland folgten die Köge — und schließlich hielten wir in Niebüll. Ab da kam es mir vor, als würden wir bergab fahren: Husum - Heide — und ich musste an Hamburg denken. Ob Elli wirklich dicht gehalten hatte?
Ich überlegte noch einmal, ob ich den Polizisten irgendetwas gesagt hatte, was meine wahre Identität verraten konnte. Mir fiel nichts ein.
Trotzdem war ich etwa unruhig, als wir Hamburg erreichten.
Es stiegen nicht nur neue Passagiere ein, sondern auch westdeutsche Grenzer, die nun von Abteil zu Abteil gingen. Auf einer der vorherigen Reisen hatte ich noch einen Scherz gemacht und zu einer Frau gesagt: "So, nun sind sie dran, wenn Sie etwas angestellt haben, da kommt der Grenzer mit dem Fahndungsbuch!" Heute war mir nicht zu solchen Scherzen zumute. Auch hatte ich bisher zu meinen Mitreisenden kaum etwas gesagt. Sie dachten sicherlich, ich hätte Halsweh, trug ich doch trotz des recht warmen Tages das Tuch meiner Schwester.
Die Kontrolle überstand ich ohne Probleme, aber die "Meisterprüfung" würde erst noch kommen. Erst erreichten wir Büchen, dann reisten wir ein in die DDR. "Schwanheide, Schwanheide, wir begrüßen Sie in der Deutschen Demokratischen Republik". Ich konnte immer noch mitsprechen, so oft hatte ich schon gehört, was aus den blechern klingenden Lautsprechern ertönte. Zuletzt wiederholte sie: "Der Zug hält bis Berlin nicht".
Schäferhunde rannten unter dem Zug entlang und bellten. Nach längerem Aufenthalt ging es endlich los. Der Zug rumpelte Richtung Berlin, dabei sollte es doch auf den Schienen keine Schlaglöcher geben.
"Kontrolle der Reisedokumente!" Sehr freundlich sah der Mann in seiner DDR-Uniform nicht aus. Ich schwitzte leicht und gab ihm "meinen" Reisepass.
Er schaute nicht lange auf das Passbild und auch nicht auf mich. Das hatte ich schon ganz anders erlebt. Er legte den Pass auf die Ablage seines kleinen Bauchladen-Büros — und schon hatte ich den Stempel in meinem Pass. Leider wurde das kleine Symbol für "Eisenbahn" etwas undeutlich. Kein Wunder bei der schlechten Wegstrecke.
ddr-stempel.jpg
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Anni
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Re: Geschichte: ELLI

Post 34 im Thema

Beitrag von Anni »

Hallo Anne-Mette )))(:

... wie kommt Frau bloß auf die Idee , sooo eine Geschichte zu schreiben ?! :wink:

... so schön außergewöhnlich und vor Allem nicht so vorhersehbar , wie es bei vielen Anderen der Fall ist . (ap)

Letztens schriebst Du , das es nur noch zwei Folgen geben solle , da Du eine neue Geschichte beginnen möchtest :o --- Dabei hat diese
Geschichte noch sooo viel Potenzial :!:

Der Geschichte sind viele authentische Gegebenheiten anzumerken , was den Reiz der Geschichte erhöht und wie das Salz in der Suppe ist .

ICH wäre nicht böse , wenn es noch ein Paar Folgen geben würde , so ich die beschriebene Zeit und so manchen Umstand ja auch selber erlebt habe ,
was mir die Eine oder Andere Erinnerung beschert (smili)

Auf jeden Fall - Danke für die Kurzweil , die Du uns bescherst (ki)

LG von frecher Anni
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Re: Geschichte: ELLI

Post 35 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Gegen 18 Uhr erreichten wir Berlin. Vom Bahnhof Zoo konnte ich gleich die U-Bahn nehmen. Wie gewohnt musste ich nicht lange warten. Geräusche und Gerüche — alles wie immer: man liebt sie, hasst sie, oder erträgt sich einfach.
"Meine Straße" sah aus wie immer. Wie gut, dass alles erhalten bleibt, auch wenn man an anderer Stelle dieser Erde gerade ganz viel erlebt hat.
Ich ging durch das Vorderhaus. "Die Tür nach 20 Uhr immer abschließen" — der Zettel des Hausmeisters klebte immer noch an der Scheibe. Mein Weg führte mich zum Briefkasten. Nur Reklame — und ein kleiner Zettel: "Treffen Dienstag Abend bei Ursel wegen Klassenfahrt, Gruß Manni".
So richtig Lust hatte ich nicht, abends gleich wieder außer Haus zu sein, musste ich doch erst einmal wieder IN mein Haus kommen. Aber es waren keine Auffälligkeiten zu bemerken. Trotzdem ging ich vorsichtig die Treppe hinauf, um die Nachbarn nicht auf den Plan zu rufen.
Endlich in der Wohnung! Schnell riss ich das Fenster auf. Eine kurze Überprüfung ergab, dass während meiner Abwesenheit niemand dort gewesen war.
Ich ging unter die Dusche — und anschließend zog ich mir MEINE Sachen an. Einerseits war ich froh, in meiner gewohnte Jeans zu stecken — andererseits waren sie mir fast fremd. Auch fehlte mir das Gefühl, einen BH anzuhaben. Mit BH hatte ich immer eine bessere Haltung.
Im Kühlschrank war fast nichts mehr vorhanden; ich sollte dringend mal wieder einkaufen. Immerhin fand ich eine Dose "Tunfisch mit Gemüse". Dazu machte ich mir ein Bier auf.
Plötzlich hatte ich doch Lust auf das Treffen wegen der Klassenfahrt. Ich zog mir eine leichte Jacke über und steckte etwas Geld ein und achtete darauf, auch etwas Kleingeld dabeizuhaben; denn ich wollte von der Telefonzelle gegenüber jedenfalls kurz meine Schwester anrufen, um mich bei ihr zu bedanken. Sie hatte mir wirklich sehr geholfen.
Sie war auch gleich am Apparat und schien schon auf meinen Anruf gewartet zu haben. Gut, dass ich daran gedacht hatte!
Am Kiosk besorgte ich ein Sechserpack Bier — und dann war ich auch schon unterwegs zum Treffen. Wieder brachte die U-Bahn mich schnell an mein Ziel, obwohl es ziemlich weit in die Müllerstraße im Wedding war.
Die meisten meiner Mitschüler waren schon versammelt; außerdem war unser Klassenlehrer da. "Na, ein verlängertes Wochenende gehabt?" fragte er mich missbilligend.
"Nein, ich hatte eine dringende Familienangelegenheit zu regeln", konnte ich entgegnen — und das war nicht gelogen.
Die Versammlung schleppte sich den ganzen Abend hin. Ich wurde langsam müde; die Reise steckte mir noch in den Knochen. Auch standen die Eckdaten schon lange fest. Wir wollten in die Lüneburger Heide fahren und dort "gruppendynamisch" arbeiten. Die Heide und die angrenzenden Wälder würden auch eine Menge Motive für unsere Foto-AG bereitstellen. Es sollte eine "fächerübergreifende Exkursion" werden, für die wir sogar Fördergelder erhielten.
Gegen 10 wurde es gemütlicher; denn der Klassenlehrer verabschiedete sich. Er konnte es nicht lassen, uns zu empfehlen, nicht zu lange zu machen. Schließlich wäre am nächsten Tag regulärer Unterricht.
Paul wollte wissen, ob ich meine Pfeife dabei hatte. Ich musste verneinen.
Er schien enttäuscht. "Schade", sagte er, "ich habe heute ein gutes Kraut bekommen!"
Das mitgebrachte Bier hatte nicht lange gereicht, aber es waren noch ein paar Flaschen Wein in der Wohnung. Wir probierten die verschiedenen Sorten ausgiebig. Inzwischen war es zu spät für die U-Bahn geworden, die schon ihre nächtliche Betriebspause hatte.
So blieb ich einfach dort und legte mich auf das Matratzenlager. Eine Mitschülerin gesellte sich zu mir. Wir begannen zu fummeln, schliefen allerdings halb ausgezogen ein, ohne dass es zu weiteren Handlungen gekommen war. Wir waren wohl beide zu sehr betrunken.
Am Morgen wachte ich mit einem schlechten Geschmack im Mund auf. Obwohl mich die dort gebliebenen Mitschüler "Streber" nannten, machte ich mich rechtzeitig auf dem Weg zur Schule. Mein Fehlzeitenkonto hatte ich schon zu sehr ausgereizt. Ich wollte meine Ausbildung nicht aufs Spiel setzen.
In der U-Bahn ging es mir noch schlecht, aber so langsam verflüchtigten sich die Alkoholwolken, als ich ins Freie kam. In der Kneipe "Molle" vor unserer Schule gönnte ich mir noch einen Kaffee. Dann war ich "betriebsfähig" und ging in meine Klasse. Ungefähr die Hälfte der MitschülerInnen war anwesend. Ich hatte mir vorgenommen, der Schule mehr Zeit und Aufmerksamkeit zu widmen und die Ausbildung unbedingt in der vorgesehen Zeit abzuschließen. Ich musste mich mehr auf die Schule konzentrieren und durfte mich nicht immer wieder auf irgendwelche Abenteuer einlassen.
Anhand des Buches "Der Weg ins Leben" sollte ein Referat über Makarenko und sein pädagogisches Wirken gehalten werden und unser Lehrer suchte drei SchülerInnen, die sich bereiterklärten für diese Arbeit. Ich meldete mich und war erstaunt, dass Tabea und Gerda sich auch meldeten. Das würde eine gute Arbeitsgruppe geben!
Nachmittags, als der Unterricht beendet war, ging ich zur zuständigen Polizeiwache und beantragte einen neuen Ausweis. Es wurden keine besonderen Fragen gestellt. Sicherlich kam es in dieser Zeit häufiger zu Verlusten von Papieren. Ein Passfoto hatte ich gleich dabei. Man sagte mir, es würde zwei Wochen dauern. Dann sollte ich noch einmal vorbeischauen.
Mit fiel ein, dass ich meiner Schwester den Pass zurücksenden musste. Ein Blick darauf führte mir vor Augen, dass ich einen Einreise- aber keinen Ausreisestempel hatte. Das würde zu Fragen führen; denn wenn sie NACH Berlin durch die DDR gefahren war, dann musste sie doch auf irgendeinem dokumentierten Weg wieder aus der Stadt herausgekommen sein. Ich wollte sie wegen dieser ungeklärten Frage nicht in Schwierigkeiten bringen.
Ich sollte wohl doch in den sauren Apfel beißen und noch einmal als Frau und mit ihrem Pass ausreisen. Aber erst einmal musste ich auf meinen Ausweis warten, den ich dann für die Rückfahrt einsetzen konnte.
Die Zeit Zuhause vertrieb ich mir mit Lesen und Vorbereitungen für den nächsten Schultag. Gegen Abend, als ich kurz in die Marheineke-Halle ging, um frisches Obst und Käse zu kaufen, traf ich dort zufällig meine Anleiterin aus dem Vorpraktikum. Wir stellten uns für einen Kaffee an einen Imbiss-Stand und sprachen darüber, wie es uns seit unserem letzten Treffen ergangen war.
Ich sparte etliche Details aus, als ich ihr berichtete. Sie erzählte mir von einem Griechenland-Urlaub.
Sie wollte sich schon verabschieden, meinte dann aber doch noch: "Ich will am Samstag in die Habelschwerdter Allee fahren zu einer Fete der Psychologen und will das nicht ohne Begleitung machen. Willst Du nicht mitkommen?"
Es würde gut tun, mal wieder etwas mit einer Frau zu unternehmen, die weder etwas mit der Schule noch mit Elli und den ganzen Verstrickungen zu tun hatte. Ich sagte zu und verbarg meine Begeisterung etwas vor ihr.
Der Rest der Woche verlief fast langweilig. Ich versuchte, meinen Alltag routiniert zu gestalten.
Endlich Samstag. Wir hatten einen Treffpunkt verabredet, der für uns beide gut zu erreichen war. Ich wunderte mich: sie war sogar pünktlich. Das war früher nicht ihre Stärke gewesen.
Die Fete fand in einem ziemlich großen Gebäude statt. Es waren verschiedene Stände aufgebaut, die Informationsmaterial zu den allen möglichen Themen zur Verfügung stellten. Sie drehten sich nicht nur um Psychologie, sondern auch um Politik, Hausbesetzung, Frauenrechte.
Auch das "Extrablatt" lag aus.
An den Wänden hingen Plakate. Eines wies auf das "Atze-Fest" hin, das in einigen Wochen stattfinden sollte. Die Gruppe "Morgenrot" wurde angekündigt, ebenso "Lokomotive Kreuzberg" und sogar die Puhdys aus der DDR. Ich entschloss mich hinzugehen.
"Na, weit bist"™e noch nicht gekommen", Susanne, die ich im Gewühl verloren hatte, kam nun zurück in die Eingangshalle. "Komm"™a mit, hinten is"˜n interessanter Stand!"
Ich folgte ihr.
"Hypnose —Reisen in die Vergangenheit" stand auf einem Pappschild, mit krakeliger Schrift mit Wachsmalstiften auf die Pappe geschrieben, die mit Heftzwecken an zwei dünnen Latten festgemacht war.
Wir wollten schon fast wieder gehen, da kam eine Frau hervor, die hippiemäßig gekleidet war. Sie hatte einen langen, wallenden Rock an, der bei jedem Schritt Geräusche verursachte. An ganz vielen dünnen Fäden hingen kleine Figürchen aus Metall. Erst hatte ich an Münzen gedacht, aber es waren auch kleine Sonnen, kleine Monde, Figuren und allerlei Zeugs.
"Na, wie wär"™s?" fragte die Frau, "Zwee Mark für eine Reise ins ICH"
Susanne meinte zu mir: "mach Du, ich trau mich nicht, ich habe schon so viel erlebt, das will ich nicht noch einmal sehen". Sie lachte. Ich konnte nicht deuten, ob es Verunsicherung war.
Erst zierte ich mich, dann nahm ich zwei Mark aus der Hosentasche und ging mit der Frau in das Zelt hinter dem Stand. In diesem befand sich eine bequeme Liege. Eine Duftschale verströmte einen angenehmen und nicht zu aufdringlichen Geruch.
Ich sollte mich auf die Liege legen. Die Frau sprach beruhigend auf mich ein, wurde immer leiser, zog mich ganz in ihren Bann. Ich wurde schwer und müde.
Mein Geist schien sich aus meinem Körper zu entfernen. Raum und Zeit spielten keine Rolle mehr, lieferten nur noch kleine Bilder, die in mir kleine Filme in Gang setzen.
Es schien so, als würde ich meine Geburt noch einmal erleben, wurde aus einer angenehmen und warmen Höhle in eine helle und kalte Wirklichkeit befördert. Ich sah sorgenvolle Blicke einiger Menschen, deren Gesichter ich nicht genau erkennen konnte. Sie sprachen etwas, zuerst ganz leise; sie flüsterten zusammen: mit dem Kind stimmt etwas nicht, dann wurden sie immer lauter und sie redeten durcheinander, sodass ich nur ein Wortgewitter wahrnehmen konnte, aus dem immer wieder die Worte "Kind" und "stimmt nicht" hervorblitzten.
Der "Film" wurde vorgespult. Ich befand mich in unserer Volksschule im Sportunterricht. Ich trug ein Kopftuch und einen Mädchen-Gymnastikanzug. Während des Spiels "Ball über die Leine" als Vorstufe zum Volleyball rasselte ich mit dem größten Rabauken der Schule zusammen und wurde ohnmächtig. Als ich wieder langsam zu mir kam, beugten sich alle über mich — und ich hörte wieder die Stimmen: "mit diesem Kind stimmt etwas nicht!"
Es gab einen innerlichen Ruck und ich war wieder ein paar Jahre älter. In einer Dünenkuhle saß ich mit einem mir unbekannten Mädchen. Wir fummelten und küssten uns ausgiebig. Plötzlich spuckte sie aus und schrie hysterisch: "Du schmeckst nach Frau — und ich küsse keine Frauen!"
"Aber ich bin doch ein Mann", wollte ich sagen und griff in meine Hose. Ich hatte meinen Penis in der Hand und zog ihn aus der Hose. Er löste sich von meinem Körper — und als ich ihn dem Mädchen als Beweis zeigt, sprang es auf und rannte überstürzt davon. "Mit Dir stimmt etwas nicht, Du bist kein Mann," hörte ich sie schreien.
"Wenn ich kein Mann bin, dann bin ich eine Frau", sagte ich zu mir selbst, "ich glaube, ich habe es schon immer gewusst und gefühlt. Am nächsten Tag gehe ich zum Arzt und der soll es mir sagen!"

Doch dann gab es ein Geräusch, das mich wieder in die Wirklichkeit zurückholte.
"Für zwei Mark ist Schluss", rief die junge Frau, "da kommt schon der nächste Kunde, war"™s schön?"
Ich konnte kaum aufstehen, mir war ganz taumelig.
Meine Begleiterin hatte inzwischen einen Arbeitskollegen getroffen. Ein Blick in die große Halle zeigte mir, dass sie gerade tanzten.
Ich war ein wenig orientierungslos, aber ich fand den Ausgang und ging hinaus in die berliner Nacht.
Anni
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Re: Geschichte: ELLI

Post 36 im Thema

Beitrag von Anni »

Hallo Anne-Mette )))(:

Ich spende mal 2 Mark .... dann kann Deine " Hauptfigur " noch mal hingehen - ist ja sehr aufschlussreich gewesen :wink: ...und definitiv
viel billiger , als jeder Psychotherapeut :lol:

Wünsche Dir ( ... und mir :mrgreen: ) schönes Wochenende mit viel Sonnenschein ... und flinke Schreibfinger (ap)

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Re: Geschichte: ELLI

Post 37 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Moin,

ich geriet zunächst wieder in ein ruhiges und geordnetes Fahrwasser:

So richtig bin ich erst wieder in meiner Wohnung zu mir gekommen. Bis heute weiß ich nicht, wie ich damals dorthin gekommen bin.
Ich war nicht betrunken, aber wie erschlagen. So war mir nicht nach Aufstehen und ich blieb den ganzen Tag im Bett. Grübeleien verfolgten mich, wenn ich wach war — und wenn ich schlief, hatte ich wirre Träume.
Es war so richtig ein Tag zum Vergessen. Abends hatte ich Mühe mit dem Einschlafen und ich nahm mir noch einmal das Buch von Makarenko vor und las etliche Seiten. Es wunderte zuerst mich ein wenig, dass unser Lehrer diesen russischen Pädagogen und Schriftsteller so ausführlich behandeln wollte, aber die pädagogischen Ansätze fand ich durchaus interessant, wenn auch nicht direkt auf unser System übertragbar.
Irgendwann schlief ich mit dem Buch in der Hand ein und ging am nächsten Morgen pünktlich in die Schule. Meine Mitstreiterinnen wunderten sich, dass ich in dem Buch schon so weit gekommen war.
Welche Gründe dazu führten, habe ihnen lieber nicht erzählt.
Wir verbredeten uns für die nächsten Tage, um am Referat weiterzuarbeiten.
Unser Lehrer gab uns weitere Informationen zur Klassenreise. Da platzte jemand mit der Nachricht herein, dass es in der Lüneburger Heide zu großen Waldbränden fast genau dort gekommen war, wo wir logieren wollten. Nun musste erst einmal in Erfahrung gebracht werden, ob die Reise noch stattfinden konnte.
Zwei Tage später brachte ein Mitschüler den neuen STERN mit in den Unterricht. Mehr als 8000 Hektar Wald waren bei den Bränden vernichtet worden. Es gab mehrere Todesfälle. Es machten Bilder von ausgebrannten Fahrzeugen die Runde und gespenstisch wirkende Bilder von schwarzen Bäumen. Wer mochte da noch an eine Klassenfahrt denken?
Wir überlegten gemeinsam, dass es besser wäre, die Reise zu verschieben.
Ich gewöhnte mich an meine Schul-Routine und bemühte mich um Zuverlässigkeit, was mir meistens gelang. Manchmal war ich allerdings leichtsinnig und ließ mich zu irgendwelchen Wochenend-Aktivitäten "überreden". Stützpunkt für unseren Aufbruch in das Nachtleben war meistens eine Wohngemeinschaft am Stutti.
Oft kehrten wir in den Morgenstunden dorthin zurück — und es ergab sich, auch wenn wir nicht zum Feiern unterwegs waren, dass ich dort übernachtete. Wir quatschten, hörten Musik — und machten Pläne.
Jemand machte den Vorschlag, dass ich doch dort einziehen könnte. Die näheren Einzelheiten sollten noch abgeklärt werden. Aber eigentlich war es mir dort auf Dauer zu unruhig — und nach einigen Tagen Gemeinschaft hatte ich immer wieder ein gutes Gefühl, in meine kleine Wohnung als Rückzugsort zurückzukehren. In der Wohngemeinschaft war ein Kommen und Gehen — manchmal auch Fahren. Eine dieser für eine Nacht obdachsuchenden Frauen mopste den Schlüssel vom Schlüsselbrett und nutzte für ihre Weiterreise weder U- noch S-Bahn, sondern den Käfer der Wohngemeinschaft. Der wurde später in einem anderen Bezirk mit leerem Tank gefunden.
Eine Entscheidung für oder gegen einen Einzug wollte ich noch nicht treffen.
Unser Referat war ein schöner Erfolg. Wir hatten einen guten Grundstein für ein Bestehen der Prüfung im Fach Pädagogik gelegt. In den anderen Fächern sah es nicht schlechter aus.
Eigentlich war es mal wieder Zeit, Berlin für ein paar Tage den Rücken zu kehren. Von meiner Schwester hatte ich gehört, dass meine Eltern in Urlaub waren.
So eine gute Gelegenheit, dort wieder in Frauensachen aufzutauchen, würde es so schnell nicht wieder geben.
Ich fuhr zum Bahnhof Zoo und kaufte mir eine Fahrkarte. Gut, dass ich ein paar Jobs gehabt hatte, so machte mir die Geldausgabe keine Probleme.
Für Freitag meldete ich mich vom Unterricht ab und fuhr nicht nach Schöneberg, sondern zum Bahnhof. Ich hatte mich gut vorbereitet: die Haare hatte ich, so gut es ging, dem nachempfunden, was Elke daraus gezaubert hatte, als ich zuletzt auf der Insel war. Ich zog meine Unterwäsche an, die meine Schwester für mich gekauft hatte und mühte mich mit dem BH, den ich lange nicht angezogen hatte. Ich freute mich über den Rock. Weil es nicht mehr ganz so warm war, kaufte ich mir eine leichte Strumpfhose, die ich unter dem Rock trug.
Ich packte meinen kleinen Koffer: Jeans, Pullover, Unterwäsche, Strümpfe.
An der Grenze durfte ich nicht durcheinander kommen: auf der Hinfahrt als Frau den Pass vorzeigen — und auf der Rückfahrt als Mann den neuen Ausweis.
Ich hoffte, ich würde keine Fehler machen, die eine Entdeckung provozierten.
Erstaunlich, dass man auch ganz ohne Probleme verreisen kann! Ich erreichte ohne Misstrauen zu erregen die Insel — und ich hatte nun den Ausreisestempel im Pass. Auch meine Schwester würde zukünftig keine Probleme damit haben. Sie freute sich sichtlich, nicht nur über ihren Pass und ihre Sachen, sondern auch darüber, dass ich da war und wir das Wochenende zusammen verbringen würden. Eine Fete sollte bei Elke stattfinden — und ich war dazu eingeladen.
Als wir zusammensaßen, um vor unserem Aufbruch etwas zu essen, um eine gute Grundlage für den späteren Alkoholgenuss zu haben, quatschten wir ein wenig. Meine Schwester fragte mich neugierig: "na, hast Du die Sachen in Berlin auch angehabt? Eigentlich wolltest Du sie gewaschen und gebügelt zurückgeben!"
Ich erzählte ihr von der Wichtigkeit des Ausreisestempels und dass wir die Sachen erst jetzt waschen konnten. Sie war zufrieden damit.
Irgendwie musste ich ihr von meinem Erlebnis während der Psychologenfete erzählen. Immer wieder in den letzten Wochen und Monaten hatte ich daran gedacht, hatte mich zeitweise mit Selbstzweifeln gequält, bis ich mich durch mehr Anstrengung in der Schule davon ablenken konnte.
"Das ist erstaunlich", antwortete meine Schwester, nachdem ich ihr kurz von der Hypnose-Einheit erzählt hatte. "Du hast tatsächlich früher manchmal meinen Gymnastikanzug angezogen — und ein Kopftuch war Dir viel lieber als eine Pudelmütze! Ich war ganz schön sauer, wenn ich zum Sport wollte und meine Sachen waren mal wieder in Deinem Zimmer."
Wir mussten los. Die Fete war schon gut besucht, als wir eintrafen. Ich hatte meine Jeans angezogen und ein T-Shirt. Wir hatten unseren Spaß — und ich traf etliche Freunde "von der Insel".
Wir blieben nicht besonders lange; denn schließlich sollte ich am nächsten Morgen den Zug erreichen. Das klappte. Ich musste zwar ganz schön flitzen, aber fünf Minuten vor der Abfahrt saß ich in meinem Abteil.
Ich hatte Lesestoff dabei, die mir die lange Fahrtzeit interessanter machte.
Es gab keine Probleme bei den Kontrollen; fast gewöhnte ich mich an diese "langweilige" Art des Verreisens.
Pünktlich war ich am nächsten Morgen in der Schule.
Wir verabredeten, die Klassenfahrt um mehrere Monate zu verschieben. Unser Quartier war zwar von den Flammen verschont geblieben, aber die ganze Gegend stand noch unter Schock wegen der Katastrophe.
Zusammen mit einer Mitschülerin engagierte ich mich in der Schülervertretung. Unglücklicher Weise mussten wir gleich bei unserer ersten Teilnahme der Vollversammlung ein Protokoll schreiben.
Meine Wohnung war im Winter sehr kalt, da sie nicht über einen Ofen, sondern nur über einen elektrischen Radiator verfügte. So schlief ich oft in der Wohngemeinschaft am Stutti oder in einer anderen.
Ich war etwas nachlässig geworden mit meinen Kontrollen, hatte aber manchmal den Eindruck, dass jemand während meiner Abwesenheit in meiner Wohnung gewesen war. Eigentlich hatte niemand einen Schlüssel"¦

Weihnachten fuhr ich auf die Insel und erlebte ich paar schöne Tage bei und mit meinen Eltern. Vorsichtige Nachfragen meinerseits nach "früher" wurden ausweichend beantwortet, aber das machte mir nicht so viel aus. Wir hatten viele andere Themen und spielten abends Schach.
In der Zeit bis Ostern fügte sich eine Ausbildungseinheit an die andere. Die Osterferienzeit nutzte ich, um zu arbeiten; denn schließlich sollte die Klassenfahrt finanziert werden — und ein paar Mark extra waren immer zu gebrauchen.
Der Klassenlehrer schärfte uns ein, dass wir uns um eine Praktikantenstelle für das einmonatige Praktikum kümmern sollten und gab uns eine lange Liste von berliner Einrichtungen, die eigentlich bereit waren, Praktikanten von der Schule zu nehmen. Leider war es so, dass viele Schüler auf der Suche nach solchen Stellen waren. So sehr ich auch die Liste abklapperte, es gelang mir nicht, eine geeignete Einrichtung zu finden. Der Lehrer schaltete sich ein, aber auch ihm gelang es nicht, mir eine Stelle zu verschaffen. Weitere fünf Leute aus unserer Klasse hatten noch nichts gefunden.
So wurde uns eine absolute Ausnahme genehmigt; wir durften in Westdeutschland unser Praktikum machen. Eigentlich waren regelmäßige Besuche einer Lehrkraft bei den PraktikantInnen in der Einrichtung vorgeschrieben, aber es sollte in unserem Fall dafür eine andere Lösung gesucht werden.
Schließlich sollte ich mein Praktikum in einer "Klinik für angewandte Psychiatrie" im norddeutschen Flachland machen. Über die örtliche Zeitung fand ich ein günstiges möbliertes Zimmer für den Monat. Unser Lehrer überzeugte mich davon, dass das Praktikum mich "fachlich und menschlich" sehr viel weiterbringen würde und hoffte darauf, in meinem schriftlich anzufertigenden Praktikumsbericht "sehr viel über Autismus" zu lesen. Darauf hätte die Klinik sich spezialisiert.

Seit den Vorfällen in Hamburg hatte ich nichts mehr von Elli gehört, allerdings hatte ich auch nicht gerade ihrer Nähe gesucht; denn bisher hatte es mir meistens Ärger eingebracht, sie zu kennen und in ihre "Geschäfte" verwickelt zu sein.
Ich hielt mich sogar vom "Leierkastenmann" fern, sondern ging, wenn ich Lust auf Musik hatte, in die Tarantel. Ich musste dorthin zwar mit der U-Bahn fahren und dann noch ein ganzes Stück die Köpenicker Straße entlanglaufen, während der Leierkastenmann bei mir um die Ecke war, aber das machte mir nicht so viel aus. Ich löste mich von Elli — auch innerlich"¦
"¦ scheinbar!
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Re: Geschichte: ELLI

Post 38 im Thema

Beitrag von triona »

@ "Ausreisestempel":
Hört sich bisserl wie ein "vorgeschobener Grund" aus dramaturgischen Gründen an. Man konnte Westberlin ja jederzeit und ohne irgendwelche Stempel mit dem Flugzeug verlassen, auch wenn man mit Eisenbahn oder Auto mit Stempel eingereist war. Na ja, kann sich eh kaum mehr jemand dran erinnern, wie das alles so genau war. Ist ja mittlerweile auch schon ne ganze Weile her. Wie doch bloß die Zeit vergeht ...


Ansonsten ist das ja eine wirklich nette und interessante Geschichte. Sagen wir mal: Deutlich über dem Durchschnittsniveau von Fictionmania. Falls du das mal als Lob durchgehen lassen willst ... :lol:
Hört sich ja irgendwie auch teilweise bisserl autobiografisch an.


liebe grüße
triona
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Re: Geschichte: ELLI

Post 39 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

@ "Ausreisestempel":
Hört sich bisserl wie ein "vorgeschobener Grund" aus dramaturgischen Gründen an. Man konnte Westberlin ja jederzeit und ohne irgendwelche Stempel mit dem Flugzeug verlassen, auch wenn man mit Eisenbahn oder Auto mit Stempel eingereist war. Na ja, kann sich eh kaum mehr jemand dran erinnern, wie das alles so genau war. Ist ja mittlerweile auch schon ne ganze Weile her. Wie doch bloß die Zeit vergeht ...
Naja, wenn manfrau schon sooooo schlechte Erfahrungen bei einem Grenzübertritt gemacht hat, wird es vielleicht etwas ängstlicher beurteilt(?)



Mein Klassenlehrer erklärte sich bereit, mich zu meinem Praktikumsplatz zu fahren. Ein kurzes Gespräch in der Klinik und etwas Info-Material über Autismus, das er mir in die Hand drückte, sollten die "qualifizierte Begleitung" des Praktikums sein.
Wir fuhren Sonntag los und erreichten am späten Nachmittag unser Ziel. Mich setzte er an meinem Quartier ab und er fuhr anschließend zum Bahnhofshotel, wo er übernachten wollte.
Ich hatte nicht viel erwartet — aber der Schreck war trotzdem groß, als ich "mein" Zimmer sah. Es war ziemlich heruntergekommen. "Möbliert" war auch leicht geprahlt: ein Bett, ein Tisch, zwei Stühle und ein Schrank. Immerhin war das Bett frisch bezogen.
"Sonntags kann ich Ihnen gern den Badeofen anheizen", meinte die Wirtin, als sie mir das Bad zeigte, das ich gemeinsam mit ihr benutzen sollte.
Ich schauderte leicht.
""¦ und kein Damenbesuch!" gab sie mir noch mit auf den Weg.
"Ich glaube kaum, dass eine Dame bereitwäre, in dieses Zimmer mitzukommen", wollte ich sagen, habe es dann aber doch gelassen.
Am nächsten Morgen traf ich mich mit meinem Lehrer am Haupteingang der Klinik. Eigentlich hatte ich mit einem düstern, geheimnisvollen Haus gerechnet, ich weiß auch nicht warum, aber die Klinik zeigte sich als heller und größtenteils verglaster Neubau. Der Pförtner händigte mir einen Mitarbeiter-Ausweis aus. Nun sah ich, warum ich vorab ein Passfoto schicken sollte; es wurde für den Ausweis benötigt. Jemand hatte es auf die vorgesehene Fläche genietet.
Mein Lehrer bekam einen Besucher-Ausweis. Ich musste nicht nur den Erhalt des Ausweises quittieren; denn der Pförtner gab mir etliche Schlüssel, die an einer stabilen Kette hingen.
Ich muss fragend geguckt haben, denn er sagte: "Hier wird jede Tür — und ich betone JEDE — IMMER abgeschlossen! Ein Tipp noch: hängen Sie sich die Kette nicht um den Hals!"
Er telefonierte kurz und meinte, die Stationsleiterin würde uns gleich abholen. Die Kette mit den Schlüsseln steckte ich in die Hosentasche, obwohl diese Lösung aufgrund der Größe sehr unbequem war.
Eine Frau im mittleren Alter erschien nach wenigen Minuten, begrüßte uns und stellte sich vor. "Und wer ist der Praktikant?" fragte sie im Scherz. Mein Lehrer lachte zwar, aber sein Gesichtsausdruck war etwas gequält, als er auf mich zeigte.
Auf der Station berieten wir über wichtige Inhalte des Praktikums. Ich wurde einer gemischten Gruppe zugeordnet, sollte mich aber eher als "Einzelfallhelfer" um einen Jungen kümmern, von dem sie sagte, er wäre Autist. Er sollte nur wenige Wochen in der Einrichtung bleiben, "eingestellt werden" bevor er umziehen würde in ein Kleinstheim auf dem Land. Sein Autismus wäre nicht das einzige Problem, er wäre zudem aggressiv, auch auto-aggressiv und würde extrem laut schreien, wenn man ihn beunruhigen würde — und manchmal auch "einfach so".
Na, das waren Aussichten! Da mein Lehrer nicht mit in die Gruppenräume gehen durfte, kam ein Pfleger, der ihn zum Ausgang brachte. Er klopfte mir auf die Schulter und meinte aufgesetzt fröhlich: "halt die Ohren steif".
Nun wurde es ernst für mich. Die Stationsleiterin brachte mich in "meine Gruppe".
7 Jugendliche beiderlei Geschlechts waren anwesend; drei weitere waren unterwegs und erhielten individuelle Therapiemaßnahmen in anderen Räumen des Hauses. Vor der Essensausgabe war noch etwas Zeit und ich sollte meinen Zögling kennenlernen.
Einer der anwesenden Erwachsenen, der sich als "Pfleger Henry" vorgestellt hatte, ging mit mir in eine Ecke des Raumes, in der ein hagerer Junge Papierschnipsel "sortierte".
Er lächelte den Pfleger an, als er ihn sah, aber als er mich entdeckte, sprang er auf und begann laut zu schreien, so laut, dass es in meinen Ohren weh tat. Dabei sprang er immer wieder hoch.
Eine Frau kam hinzu, die mit ein paar anderen Jugendlichen am Tisch gesessen hatte und etwas spielte. "Ganz ruhig, Benni", mit sanfter Stimme sprach sie auf ihn ein. Dann nahm sie mich in den Arm, drückte mich an sich und sagte: "guck, ein Freund, der wird nun länger bei uns sein. Außerdem kann er Gitarre spielen, Du magst doch Musik so gerne!"
Er guckte noch etwas skeptisch, aber immerhin schrie er nicht mehr. "Nikolaus?" fragte er schließlich.
"Ja, natürlich, das Lied vom Nikolaus kann ich spielen", antwortete ich ihm. Bis Weihnachten war es noch weit, aber wenn es ihn glücklich machen würde"¦
Antje, so hieß die Erzieherin, wie ich auf ihrem Namenschild lesen konnte, ging zurück an den Tisch, wo die Jugendlichen auf sie warteten.
Recht früh gab es Mittag — und anschließend war "Ruhezeit". Wir zogen uns ins Stationsbüro zurück, tranken Kaffee aus großen Bechern und quatschten. Wir stellten uns vor und ich lernte die Tagesschicht kennen, die morgens um 6 ihren Dienst angetreten hatte. Um 15 Uhr sollte die Ablösung kommen.
Ich erhielt einen Schreibblock, auf dem ich alles notierte, was mir wichtig war.
Die KollegInnen der Nachmittags/Abendschicht kamen pünktlich zur Ablösung. Es gab in unserem Gruppenraum ein "Kaffeetrinken" mit Kuchen aus der Kantine. Die Jugendlichen bekamen Saft dazu. Da das Wetter relativ schön war, sollte es zu einem Spaziergang hinaus in den Park gehen.
Obwohl wir fast so viele Erwachsene zur Begleitung hatten wie Jugendliche anwesend waren, dauerte es sehr lange, bis wir alle fertig angezogen hatten. Zwei Jungen bekamen einen Kopfschutz angelegt, da sie zu Anfällen neigten und oft hinfielen.
Benni schrie; er fühlte sich durch die Hektik der Vorbereitung und des Aufbruchs in Panik. "Muss er mit?" fragte ich die Pflegeleitung. "Ja, wir können keine Ausnahme machen — und wir können Dich auch nicht mit ihm allein hier lassen", war die Antwort.
Als wir uns endlich in Bewegung setzten, beruhigte er sich etwas. Ich nahm ihn wie einen kleinen Jungen an die Hand. Das hatte mir einer der Erzieher geraten. "Sonst rennt er Dir weg wie ein geölter Blitz", hatte er mir gesagt. Ich hatte mit ihm ein längeres Gespräch geführt und er hatte mir viele wertvolle Hinweise für die Arbeit gegeben, auch hatte er mir die Eigenarten der Einrichtung etwas näher gebracht. In der Klinik gab es in unserer Abteilung Pfleger und Erzieher. So ganz "grün" waren die sich oft nicht, wie ich dem Gespräch entnehmen konnte. "Blaukittel" wurden die Pfleger von den ErzieherInnen genannt,
In unserem Team waren auch zwei recht junge Frauen, die ich auch als Praktikantinnen einschätzte. Ich konnte nicht so richtig deuten, welches ihr Aufgabengebiet war. Sie wuselten überall herum und eine Zuordnung zu irgendeinem Aufgabengebiet war nicht zu erkennen .
Unser Spaziergang verlief recht chaotisch. Irgendwie brachten wir aber doch nach zwei Stunden unsere Gruppe heil zurück in die Klinik. Ich hatte den Eindruck, dass nicht alle Arbeitskräfte so einen guten Einfluss auf die Jugendlichen hatten wie Antje. Ich freute mich schon auf den nächsten Tag. Sie würde wieder Frühdienst haben.
Einige meiner Kollegen wirkten unfreundlich und gingen recht barsch mit den anvertrauten Jugendlichen um. Sie schimpften beim geringsten Anlass recht laut, auch gab es ein merkwürdiges Strafsystem mit "Negativpunkten", das ich nicht ganz verstand.
Nach dem Abendessen mussten alle Jugendlichen unter die Dusche. Es nahm viel Zeit in Anspruch, bis wir mit ihnen fertig waren. Eine Pflegerin zeigte mir den Schrank mit den Windeln; denn Benni brauchte jede Nacht eine. Erst stellte ich mich ein wenig ungeschickt an; denn ich hatte noch nie einem (fast) Erwachsenen eine Windel angelegt, aber eine Kollegin zeigte mir, wie ich es machen musste.
Danach hatten wir eine kleine Besprechung — und dann war endlich Feierabend. Ich war ganz schön geschafft. In meinem Zimmer schrieb ich meinen Tagesbericht. Von der alten Dame war nichts zu sehen.
In den nächsten Tagen gewann ich mehr Routine und auch etwas Vertrauen von Benni. Eine große Hilfe war mir dabei Antje, die ihre Menschlichkeit und ihre pädagogische Begabung sonnengleich in jedem Raum verspürte, in dem sie sich aufhielt. Mit einigen KollegInnen arbeitete ich nicht so gern zusammen; eine verbreitete Hektik und Nervosität — und andere waren übellaunig. Ein Pfleger war sogar cholerisch und jähzornig. Von ihm hielt ich mich, immer wenn es ging, fern.
Meine Wohnung machte mir nicht gerade viel Freude. Ein Mal die Woche Badewasser — das war mir zu wenig, aber ich biss auf Granit bei meiner Vermieterin mit der Bitte, den Badeofen öfter anzuheizen. Sie verwies mich aber auf den schlechten Zustand des Kupferkessels, der "fast durch war" und nicht übermäßig belastet werden sollte.
An einem der nächsten Tage fragte ich einen der Pfleger, ob ich nach dem Dienst in der Abteilung duschen durfte. Er hatte nichts dagegen und meinte: "das tun doch viele hier!"
Die beiden jungen Frauen, von denen ich schon erzählte und deren Aufgabe mir immer noch ein Rätsel war, schienen mich manchmal zu beobachten. Ich dachte mir zuerst nichts weiter dabei.
Als ich eines Abends im Duschraum war — ich hatte abgeschlossen, hörte ich trotz des fließenden Wassers, wie sich jemand am Schloss zu schaffen machte; bald darauf ging die Tür auf und die beiden jungen Frauen kamen in den Raum. Sie zogen sich aus und belegten die Dusch-Nische neben meiner. Bald darauf drückten sie den Knopf für das heiße Wasser, kreischten aber, weil es im ersten Moment kalt aus der Brause herauskam. Sie hatten sich aber schnell wieder beruhigt.
Ich war fast fertig.
"Hast Du Seife?" riefen sie zu mir rüber, "wir haben unsere im Zimmer liegengelassen".
Dann stand die eine schon vor mir und ich gab ihr das Stück Seife in die Hand. Sie ging zu ihrer Kollegin. Bei der Übergabe flutschte die Seife aus ihrer Hand. Sie bückten sich beide, hoben die Seife auf, die bald darauf wieder aus den Händen glitt. Ich sah mich schon am nächsten Tag neue Seife kaufen und ärgerte mich über die beiden Frauen.
Nun machten sie ein richtiges Spiel daraus, die Hand immer so fest zuzudrücken, dass die Seife hinausglitt.
"Seid ihr bald fertig?" wollte ich gerade rufen, da fiel die eine Frau hin und schrammte sich dabei am rauen Belag der Fliesen sogar das Knie auf. Da sie fast vor meiner Dusche gelandet war, beugte ich mich zu ihr hinab, um ihr aufzuhelfen. Sie zog mich jedoch zu sich hinunter und biss mir leicht in den Penis. Dann lutschte sie ihn, als wäre er ein Pistazien-Eis, das nur durch schnelles Lecken vor dem Schmelzen zu retten wäre. Schließlich schickte sie ihre Kollegin los, irgendetwas zu holen. Was es genau war, hatte ich nicht verstanden.
Kaum war diese draußen, flüsterte sie mir ins Ohr: "Komm, fick mich, immer mit meiner Freundin zu fingern ist es langweilig, ich brauche mal einen richtigen Schwanz!"
"Du bist ganz blutig, brauchst Du kein Pflaster?" fragte ich sie, aber sie sagte nur "komm" und zog mich hinüber zu dem Sani-Stuhl, der in der Mitte des Raumes stand. Die Seiten-Lehnen klappte sie nach unten und drückte mich auf den Stuhl. Dann setzte sie sich auf mich - und da sie ganz nass war, drang ich gleich in sie ein. "Keine Sorge", meinte sie, "ich nehme die Pille!"
Erst danach fragte ich mich, wieso sie die Pille nahm, wo sie doch mit ihrer Freundin zusammen war.
Wir hatten kaum losgelegt, da kam die Freundin zurück. Sie hielt so eine komische Ritsche-Ratsche-Pocketkamera von Revue in der Hand. Obendrauf befand sich ein Blitzwürfel.
Sie nahm uns in den Sucher — und dann blitzte es auch schon. "Du musst schon ein wenig freundlicher gucken", rief sie ihrer Freundin zu, "sonst könnte man denken, es würde Dir keinen Spaß machen".
Noch ruhten meine innerlichen Alarmglocken.
Sie machte noch zwei Fotos — dann waren die freien Lampen des Blitzwürfels "verblitzt" und sie verschwand mit der Kamera.
Wir kamen langsam zum Ende auf unserem Stuhl. Als ich aufstand und mich kurz abduschte, dachte ich: "hoffentlich war das kein Fehler!"
"Kommst Du noch mit ins Stationszimmer?" fragte sie sich mich, "Karsten, der heute Nachtdienst hat, hat bestimmt wieder eine Flasche Wein dabei".
Ich weiß auch nicht, welcher Teufel mich geritten hat, aber weil ein Feierabend in meinem möblierten Zimmer mir langweilig und wenig attraktiv erschien, sagte ich zu.
"Ach, das ist also Karsten", dachte ich, als ich das Stationszimmer betrat. Tagsüber machte der Kollege meistens einen eher abschreckenden Eindruck, er erschien in vielen Situationen geradezu unfreundlich, manchmal sehr nervös.
Heute schien er einen besseren Tag erwischt zu haben. Das lag aber wohl zum größten Teil an seiner Thermoskanne, aus der er sich gerade einen Tee einschänkte, als ich zur Tür hereinkam. Er erschrak. "Ach Du bist es!" Er sah gleich wieder entspannter aus. Der Geruch von Teepunsch wehte durch den Raum zu mir. "Alkohol ist doch streng verboten im Dienst", dachte ich mir.
Die Tür ging wieder auf. Mini und Susi, so stellten sie sich gleich darauf vor, kamen ins Zimmer. Sie hatten sich Jogging-Anzüge angezogen — und sahen im Partner-Look fast aus wie Zwillinge.
In einer Plastiktüte hatten sie eine Weinflasche dabei, die schon angebrochen war. Den Korken hatten sie nur ein kleines Stück wieder zurück in die Flasche bekommen, um sie zu verschließen.
Mini füllte drei Gläser und reichte mir eines davon. Sehr gemütlich erschien mir die Situation im Dienstzimmer dann doch nicht mehr und ich wollte "nach Hause" in meine Wohnung. So stürzte ich den Inhalt des Glases mit einem Zug hinunter. Ich wollte gehen.
Mini schenkte nach. "Trink noch einen; den Rest können wir nicht mehr aufheben".
Auch das Glas war schnell geleert.
Beim Aufstehen taumelte ich, hielt mich gerade noch an der Stuhl-Lehne fest, dann fiel der Suhl mit lautem Krachen um — und ich verlor das Bewusstsein.
Am nächsten Morgen wachte ich auf. Ein Arzt beugte sich über mich. "Total betrunken", war seine Diagnose. Er hielt mir drei Weinflaschen entgegen. "Nein!" stammelte ich.
Kopfschmerzen hämmerten so stark, dass ich förmlich kleine Kobolde mit ihrem schweren Hammer sehen konnte, die sich in meinem Kopf austobten.
"Das wird ein Nachspiel haben!" meinte der Arzt," hier auf Station ist Alkohol streng verboten. Außerdem sind weitere Vorwürfe laut geworden. Ich schreibe Sie für heute dienstunfähig — und morgen kommen Sie um 11 Uhr ins Verwaltungsgebäude II zu einem Disziplinargespräch.
Er half mir hoch.
Antje kam ins Zimmer. "Junge, warum machst Du so etwas?" Sie erschien enttäuscht.
"Aber ich"¦". Da war sie schon wieder weg.
Meine Wirtin wunderte sich, dass ich in der letzten Nacht nicht im Zimmer gewesen war und nun mitten am Tag kam. "Überstunden" murmelte ich nur müde und ging hinauf.
Ich hatte ein mulmiges Gefühl, als ich am nächsten Tag vor dem Verwaltungsgebäude stand.
Aber "wat mutt, dat mutt", dachte ich mir und ging hinein.
Im Konferenz-Raum war eine größere Runde versammelt.
Ein Frau, ich vermutete, es war die Oberärztin, hatte den Vorsitz. "Den Vorwurf Alkoholmissbrauch und Verstoß gegen die Dienstvorschriften werden wir erst einmal fallen lassen. Der fällt auch nicht so schwer ins Gewicht wie die anderen Vorwürfe, die mir zu Ohren gekommen sind", begann sie.
"Andere Vorwürfe?" Ich dachte nicht nur, sondern fragte laut.
"Ihnen wird zur Last gelegt, sich an einer Schwesternschülerin vergangen zu haben, die sie zuvor misshandelt haben", meinte sie darauf, "es soll sogar Beweisfotos geben!"
Ich war wie vom Donner gerührt.
"Ich sag"˜s ja immer," fügte sie hinzu, "Männer und Frauen zusammen am Arbeitsplatz — das passt nicht und gibt nur Ärger!
Sie werden bis zur Klärung der Vorwürfe in eine andere Abteilung versetzt. Sie wissen bestimmt, dass Sie mit einem strafrechtlichen Verfahren zu rechnen haben, wenn sich die Vorwürfe als wahr erweisen."
Ein Mann im Anzug, der recht "offiziell" aussah meinte nur trocken: "Block K?"
"Ja", antwortete die Ärztin, "gute Idee!"
Ich erhielt einen blaugrauen Kittel, der mich gleich als unbeliebteren Pfleger ausweisen sollte und nicht als Mitglied des pädagogischen Personals.
Die Ärztin wählte eine zweistellige Nummer mit dem Telefon, das vor ihr stand und sagte nur ein Wort, das ich nicht verstand.
Bald darauf kam ein Pfleger, der die Anweisung bekam, mich zum Block K zu bringen.
Ich bestürmte ihn mit Fragen, aber er gab nur eine einzige Antwort: "Block K? — Arschkarte gezogen!"
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Re: Geschichte: ELLI

Post 40 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Er hatte mit seiner Einschätzung nicht übertrieben. Block K befand sich im rückwärtigen Teil des Gebäudes und musste noch aus einem alten Teil der Klinik bestehen, den man, so erfuhr ich später, aus baurechtlichen Erwägungen stehen gelassen hatte, als der Neubau entstand. Diesen alten Teil erreichten wir durch einen Gang, der durch den Keller führte. Viel war nicht zu sehen; denn die Ausleuchtung durch halbdunkle, mit schützendem Drahtkäfig für die Glühbirnen versehene Kellerlampen war schlecht.
In einigen Nischen standen Krankenbetten, uralte Rollstühle und medizinische Apparate, deren Sinn ich nicht verstand. "Frankensteins Folterkammer", dachte ich.
Wir stiegen eine kleine Treppe hinauf und erreichten Block K.
Der Zustand war kein Vergleich zu dem neuen Gebäude. Die Wände waren fleckig, der braune Bodenbelag rissig — und alles machte einen heruntergekommenen Eindruck.
"Die Insassen, die in diesem Haus stationiert sind, wohnen in festen Zellen"; schnell verbesserte der Pfleger sich und meinte dann "Zimmern". Er fuhr fort: "Die sind immer verschlossen; denn die Bewohner haben den Status "gemeingefährlich". Um die Aggressionen abzubauen, bekommen sie Medikamente, die ihnen der Stationsarzt jeden Morgen verabreicht.
In den Türen befinden sich Durchreichen für das Essen. Du hast nicht viel zu tun, aber die Station muss besetzt sein. Du verteilst nachher das Essen — und während der Nachtwache kannst Du im Stationszimmer schlafen!"
"Nachtwache?"
"Ja, hat man es Dir nicht gesagt? Dein Dienst hier endet erst morgen gegen 15 Uhr".
Dann zeigte er mir noch das Dienst-Telefon mit den Notfallnummern, die auf das Gerät geklebt waren und verabschiedete sich.
Ich setzte mich auf einen Stuhl und blätterte in einer Zeitung vom vorigen Tag, die auf dem Schreibtisch lag. Dieser Teil der Klinik hatte eine ganz eigenartige Geräuschkulisse. Schreie waren zu hören, Schläge, wieder Schreie — und kein Betreuer, den ich fragen konnte, was das alles auf sich hatte.
Eine halbe Stunde später wurde das Essen in einem Warmhaltewagen gebracht, den ein anderer Pfleger schob. Ich versuchte ihn in ein Gespräch zu verwickeln, aber er war "kurz angebunden".
"Eine Portion ist für Dich, die anderen 5 für die Patienten", meinte er — und verschwand.
Vom Flur rief er noch: "um die Entsorgung der Reste und des Einweggeschirrs musst Du Dich nicht kümmern, das machen die Reinigungskräfte!"
Ich verteilte 5 Portionen auf die tiefen Einweg-Teller und legte die Löffel dazu. In den Zellentüren befanden sich Durchreichen, die fast so aussahen wie die, die man bei einigen Banken vorfindet, wenn man Geld abheben möchte und den Auszahlschein und den Ausweis in das vorgesehene Fach legt, das der Bankangestellte von der anderen Seite öffnen kann, wenn er den kleinen Transportwagen mit den Papieren zu sich herangezogen hatte. Ich versuchte, einen Blick nach drinnen in die Zellen zu werfen, als ich die gefüllten Teller abstellte, aber es gelang mit nicht, etwas zu sehen. Dabei hatte ich mit einem "Guckloch" gerechnet oder irgendwelchen anderen Möglichkeiten. Wie sollten die Bewohner der Zimmer beaufsichtigt werden? Wie konnte ich wissen, ob es ihnen gut ging? Was wäre, wenn sie sich verletzten?
Hier konnten die Menschen sterben und niemand würde es bemerken.
Die Suppe schmeckte leidlich. Ich ging noch einmal durch den Flur und schaute nach, ob jemand seinen Teller in die Übergabestation seiner Tür gestellt hatte, um zu signalisieren, dass Nachschlag gewünscht wurde, ich sah aber nichts.

Ein altes Röhrenradio entdeckte ich auf dem Regal des Dienstzimmers, ein "Philetta". So eines hatte früher in der Werkstatt meines Vaters gestanden. Ich schaltete es ein. Ich dachte schon, es würde nicht funktionieren; denn es dauerte ein wenig, bis die Röhren angewärmt waren und Musik aus dem Lautsprecher tönte. Ich strahlte, als hätte ich im Lotto gewonnen. Ich stellte den Ton etwas lauter. Es knarzte ein wenig, aber beruhigte sich dann.
Seemannslieder im Wunschkonzert "Glückwünsche und Musik" — nicht gerade mein Fall. Es musste doch auch ein anderes Programm geben?
Nein, es war "tote Zeit" — nichts Vernünftiges. Ich dachte an früher. Wenn ich da mal in der Schule fehlte, weil ich krank war, hatte ich auch immer Pech mit dem Radio-Programm tagsüber, das meistens pure Langeweile verbreitete.
Später suchte ich NDR 2 und hatte gerade die richtige Frequenz gefunden, als ich hörte: "hier ist er wieder, der FÜNF-UHR-CLUB, heute mit Henning Venske" .
Ich war begeistert. Er hatte eine LP von Collosseum ins Studio mitgebracht und spielte einige Stücke, zuletzt "Lost Angeles".
Ja, LOST — so fühlte ich mich auch.
Dann spielte er noch etwas von "Spooky Tooth" — auch nicht schlecht.
Leider war die Stunde viel zu schnell vorbei.
Das Abendessen kam pünktlich. Ich verteilte die "Stullen", wie man in Berlin dazu sagte.
Danach richtete ich mich auf die Nachtwache ein. Im NDR war nichts mehr, was mich interessierte. So versuchte ich es auf Mittelwelle und bekam mit viel Fummelei Radio Luxemburg rein. Immer wieder schwankte die Lautstärke — und manchmal war der Sender ganz verschwunden. Ein richtiges Hör-Erlebnis war es nicht, trotzt der recht guten Musik.
Der eine Pfleger hatte mir ausdrücklich geschildert, dass die hier wohnenden Menschen keine abendliche "Dusch-Runde" hätten. Ich sollte auch nichts weiter tun, außer Nachtwache zu halten.
Aber wie hält man Nachtwache?
Als ich gegen 11 keine Lust mehr auf das rauschende Radio hatte und auch die Zeitung bis zum letzten Buchstaben der letzten Anzeige gelesen hatte, legte ich mich auf die Liege, die an einer Wand stand und deckte mich mit einer leicht müffelnden Wolldecke zu.
Aber an Schlaf war nicht zu denken. In der Nacht schien mir das Haus noch lauter zu sein.
Immer wieder diese Schreie. Manchmal ein dumpfer Schlag, dann wieder Schreie, dann ein Geräusch, als würde jemand auf die Heizungsrohre schlagen.
Ich war unsicher und wählte die dick unterstrichene Notfallnummer. Der Pförtner am Haupteingang meldete sich. Ich schilderte ihm die Umstände.
"Das ist dort alles normal", meinte er, "aber ich werde den Wachdienst bitten, später noch einmal vorbeizugehen und nach dem Rechten zu schauen.
Dann legte er auf, nachdem er mir eine "gute Nacht" gewünscht hatte.
Das hatte er sicherlich ironisch gemeint; denn es wurde die schlimmste Nacht meines Lebens. Die Schreie und das Schlagen hörten die ganze Zeit bis zum Morgen nicht auf.
Tatsächlich kam jemand vom Wachdienst, aber auch der meinte, "das ist hier ganz normal und in guter Ordnung. Deshalb sind die Leute ja hier in diesem Gebäudeteil!"
Ich tat die ganze Nacht kein Auge zu. Immer wieder stand ich auf und lief in den Flur, in dem in der Nacht ein Dämmerlicht eine noch düstere Stimmung verbreitete.
"Wenn ich jemals hier rauskomme, dann kümmere ich mich um die Zustände auf dieser Station, die sind untragbar" dachte ich insgeheim, "die Betreiber der Klinik müsste man anzeigen!"

Ich vermutete, ich hätte dort mehr Glück und wählte die zweite Notfallnummer, die auf dem Zettel am Telefon notiert war. Es meldete sich eine Kollegin aus dem Haupthaus, die dort Nachtdienst hatte. Ich schilderte ihr die besonderen Umstände meiner Nachtwache.
"Das ist alles so in Ordnung", meinte sie, "Du wirst sehen"¦.". Dann legte sie auf.
Völlig übernächtigt war ich, als um 7 das Frühstück gebracht wurde. Immerhin: die Brötchen waren frisch. Ich klagte über die schreckliche Nacht und darüber, dass ich nichts zu tun hätte.
"Geduld, Geduld", meinte der Pfleger, "Die Langeweile wird vergehen, Du bekommst nachher Besuch. Der steckt aber noch in der Anmeldeprozedur!"
Der Pfleger verschwand.
Besuch? Was sollte ich mit Besuch?
Ich war doch Praktikant und nicht Insasse. Ich war hier doch wohl nicht gefangen?
Diese Frage ließ mir keine Ruhe. Ich ging zur Tür und wollte sie mit dem Hauptschlüssel, den ich am Schlüsselbund trug, öffnen, aber weder dieser noch einer der anderen Schlüssel passte.
Ich schlug gegen die Tür, was natürlich nichts nutzte, sondern mir nur eine schmerzende Hand einbrachte.
Anne-Mette
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Re: Geschichte: ELLI

Post 41 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Mein Besuch kam um halb zwölf: ein Mann im "mittleren Alter". Er trug einen Anzug, der ihm nur mäßig passte und einen Lederhut.
Den Hut setzte er ab, als er sich vorstellte. "Braun", sagte er jovial und schüttelte mir so lange die Hand wie es Politiker machen, die während der Eröffnung eines neuen Schwimmbades oder einer weiteren Autobahnteilstrecke so lange Hände schütteln müssen, bis das letzte Foto geknipst wurde.
"Braun passt gut", dachte ich für mich, sagte aber nichts.
Ich schaute ihn fragend an, aber er meinte: "gehen wir ins Stationszimmer, wir haben einiges zu besprechen". Schon auf dem Weg dorthin fragte er scheinheilig: "Sie sind in Schwierigkeiten, habe ich gehört, stimmt"™s?"
Er setzte sich auf den Stuhl in der Nähe des Fensters, das einen Blick auf ein verwildertes Grundstück erlaubte. "Es ist sicherlich alles nur ein Missverständnis", sprach er, "mir ist da einiges zu Ohren gekommen, aber ich bin hier, um Ihnen zu helfen".
Er öffnete seine Arbeitstasche und holte eine Fotomappe hervor. Er sortierte den Inhalt und reichte mir dann zwei Fotos, die mir einen ziemlichen Schrecken einjagten. Beide Bilder zeigten mich mit der jungen Frau auf dem Stuhl. Blut war an unseren Beinen zu sehen — und sich guckte wirklich verschreckt. Das "freundlichere" Foto, das wohl auch gemacht worden war, zeigte er nicht.
Ich hatte noch die Worte der zweiten Frau im Ohr: "Du musst schon ein wenig freundlicher gucken, sonst könnte man denken, es würde Dir keinen Spaß machen".
"Ja", sagte er, " das ist schon eine dumme Sache, da kommt ja auch noch die Aussage von den Mädchen dazu!"
Nach einer Pause fuhr er fort: "allerdings bin ich, wie ich schon sagte, hier, um Ihnen zu helfen. Es wäre doch schade, wenn Sie wegen so einer Angelegenheit die Ausbildung aufgeben müssten. Schlimmer noch: Sie könnten ins Gefängnis kommen!
Dabei habe ich gehört, dass Ihre Anleiterin drüben durchaus eine gewisse Eignung für den Beruf erkennen konnte.
Schade"¦schade!"
"Und wie wollen und können Sie mir helfen?" wagte ich zu fragen.
Er zögerte nicht lange: "wir haben ein gewisses Informationsbedürfnis. Sie waren einige Male unter merkwürdigen Umständen in der DDR. Sie hatten auch Verbindungen zu Personen, die", er räusperte sich, "eine zwielichtige Rolle spielen in der Hausbesetzerszene und terroristischen Vereinigungen zumindest nahe standen".
"Und was kann ich dabei tun?" fragte ich ihn.
"Das wird sich mit der Zeit herausstellen", antwortete er, "in der Tarantel waren Sie doch wohl auch nicht nur, um "Jacky and his Stangers" zu hören?
Wir haben Informationen, dass sie auch dort waren, wenn keine Gruppe dort ihren Auftritt hatte!
Sie wissen bestimmt auch, dass die Kneipe ein beliebter Treffpunkt ist für"¦" Er beendete den Satz nicht.
Angstschweiß stand mir auf der Stirn.
Dann machte Braun einen "Anfängerfehler". Draußen war eine Gruppe Schwesternschülerinnen zugange, hatten wohl eine Freistunde. Einige rauchten, andere machten Lockerungsübungen. Eine saß auf einer kaputten Bank. Weil die Sitzfläche dreckig oder kaputt war, saß sie auf der Lehne — und ihr Kittel war ein Stück hochgerutscht.
"Oh la la", meinte Braun, "da haben die Patienten aber etwas für"™s Auge".
Er konnte kaum seinen Blick abwenden, selbst als das Telefon klingelte und ich den Hörer an ihn weitergab, weil jemand, der seinen Namen nicht nannte, ihn sprechen wollte.
Beim Hinüberbeugen zum Hörer war mir aufgefallen, dass die Negative aus der Fotomappe herausguckten. Es waren tatsächlich diese kleinen, 13mm breiten Negative mit dem unten angeklebten "Bestellstreifen" für weitere Abzüge.
Mir gelang es, unbemerkt von Braun, drei dieser Streifen zu greifen und in meiner Hosentasche unterzubringen. Ich setzte mich wieder und guckte auch aus dem Fenster.
Braun beendete das Telefonat mit "OK, ich bringe ihn mit!"
Er legte auf und packte die Fotomappe in seine Arbeitstasche, ohne noch einmal einen Blick darauf zu werfen.
"Ich komme wieder auf Sie zu", sagte er, "überlegen Sie es sich gut. Mit der Sonderschicht hier in Block K wollten wir Sie mit unseren Möglichkeiten vertraut machen. Ab morgen können Sie wieder drüben arbeiten und ihr Praktikum fortsetzen". Ich war baff.
"Glauben Sie nicht, dass wir Sie aus den Augen lassen", meinte er zum Schluss — und mit einem süffisanten Lächeln: "wir werden Sie immer im Blick haben und uns wieder bei Ihnen melden!"
Dann wählte er eine Nummer auf dem Dienst-Telefon und wir wurden fünf Minuten später von einem Pfleger abgeholt und wieder durch den Kellergang ins vordere Haus geführt.
Drüben traf ich Antje, die sich mit mir zu freuen schien: "gut, dass sich alles aufgeklärt hat, morgen machst Du wieder richtigen Dienst!"
Aufgeklärt?
Nein, aufgeklärt hatte sich nichts. Wie und als was hatte Braun ihr die Angelegenheit verkauft?
Ich machte mich auf den Heimweg — voller Gedanken, Grübeleien und Zweifel. Ich kam am kleinen Dorfladen vorbei. Ich kaufte mir einen Briefumschlag, den es sogar einzeln zu erwerben gab und eine Briefmarke. Ein paar Groschen und Pfennige hatte ich in meiner Hosentasche.
Die Negative steckte ich in den Briefumschlag, adressierte ihn an Elke die immer noch in dem kleinen Frisörsalon arbeitete, und schrieb eine kurze Notiz: "Elke, bitte aufheben und nur mir oder meiner Schwester aushändigen! "¦ Gruß"¦".
Den Brief warf ich in den Postkasten und war froh, dass an dem Tag noch eine Leerung stattfinden sollte.
Als ich das Haus meiner Vermieterin betrat, wartete sie schon auf mich. "Besuch", sagte sie in einem vorwurfsvollen Ton, aber wer sollte mich hier besuchen?
Damenbesuch?
Anni
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Re: Geschichte: ELLI

Post 42 im Thema

Beitrag von Anni »

Hallo Anne-Mette )))(:

... ja ja - Lust und Frust liegen oft ganz dicht bei einander :wink:

Ich glaube , Deine neue Geschichte wird noch etwas warten müssen :lol:

Es ist einfach eine zu spannende Zeit gewesen , als das sie so in ein , zwei Kapiteln " abgehandelt " werden sollte (smili)

Und es ist schön , nach einem " durchwachsenen " Arbeitstag , zu sehen , das Du Zeit gefunden hast , uns weiter auf die Folter zu spannen :mrgreen:

GLG von Frecher Anni
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Re: Geschichte: ELLI

Post 43 im Thema

Beitrag von Veronika »

Hallo Anne-Mette,

Das ist ja Spannung pur, wann geht's weiter.

LG Veronika
Bianca D.
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Re: Geschichte: ELLI

Post 44 im Thema

Beitrag von Bianca D. »

Moin Anne-Mette,

voll spannend,die Story! Bin schon total gespannt,wie es weiter geht!

LG Bianca
Ick wees nüscht,kann nüscht,hab aba jede Menge Potenzial
Anni
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Re: Geschichte: ELLI

Post 45 im Thema

Beitrag von Anni »

Hallo Anne-Mette )))(:

... ob ich auch heute wieder mein " Quäntchen Trost " nach getaner Arbeit finde ??? :wink:

LG von frecher Anni
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