Was waren das für zwei Wochen – was für ein Auf und Ab

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Angefangen hat alles mit dem Outing bei meiner Ex-Freundin. Ich musste erst einmal bei ihr etwas trinken, um überhaupt anfangen zu können.
Es lief dann besser als gedacht, hatte aber im Nachhinein einen nicht schönen Beigeschmack. Ich habe klargestellt, dass das Thema, von dem ich ihr erzählen wollte,
mich schon seit über 20 Jahren begleitet – da hat sie erst einmal geschluckt. Ich nahm noch einen Schluck Rotwein und gestand ihr schließlich, dass ich einen Fetisch für Frauenkleidung habe.
Sie reagierte sehr gelassen und sagte, sie fände das schön. Hätte ich es früher gesagt, hätte sie mich wohl sogar einmal eingekleidet

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Wir haben dann viel darüber gesprochen. Ich erzählte von meiner Kindheit, von meinen Ängsten in der Beziehung und davon, wie lange ich das alles schon verheimlicht habe.
Sie selbst steht eher auf androgyne Männer. Es gab Fragen dazu, ob sich beim Sex etwas geändert hätte, wenn ich weiblich angezogen gewesen wäre.
Ich sagte, wahrscheinlich schon. Sie meinte allerdings, sie wüsste nicht, ob es ihr dann gefallen hätte.
Das Gespräch ging immer weiter, sie hatte viele Fragen. Irgendwann ging es mehr um meine Gefühle, und da war ich ganz ehrlich. Sie konnte nachvollziehen,
dass der Punkt mit den anklebbaren Brüsten noch einmal etwas anderes ist

, wusste aber nicht genau, wie sie das finden würde.
Je mehr ich ihre Fragen beantwortete, von meinem Empfinden berichtete und erzählte, dass ich bereits bei einem Treffen bzw. einer Beratung war, desto klarer wurde das Bild für sie.
Sie sagte schließlich selbst, dass sie glaubt, ich sei zu 90 % trans und würde das wahrscheinlich auch durchziehen, da ich diesen Funken habe,
der mich nicht mehr abbringen lässt, wenn ich mich einmal entschieden habe

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An diesem Abend flossen viele Tränen. Sie hätte das nie von mir gedacht, da ich eigentlich nicht so wirke.
Aber am Ende ergab für sie vieles Sinn.
Trotzdem hat es sie extrem getroffen, weil der Mensch, den sie kannte, für sie quasi gestorben ist. Ich habe ihr sehr ausführlich erklärt, dass ich – selbst wenn ich diesen Weg gehen sollte –
im Kern noch immer dieselbe Person bin. Der Abend endete mit sehr gemischten Gefühlen

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Am nächsten Tag schrieb sie mir eine Nachricht, die für mich leider einen negativen Beigeschmack hatte:
„Und so sehr es schmerzt, müssen wir jetzt unterschiedliche Wege gehen, bleiben aber in Kontakt“
Es hat etwas gedauert, aber wir schreiben wieder. Ich merke jedoch, dass es sie extrem belastet, sobald es um dieses Thema geht.
Das alles hat mich sehr getroffen. Selbst eine Person, die so Tolerant ist, wurde davon so überrollt. Ich hatte große Zweifel, ob ich das weiter verfolgen möchte.
Es hat mich emotional sehr mitgenommen, sie so am Boden zu sehen. Innerlich war ich zerrissen...
Ich habe dann Abstand von dem Thema genommen und versucht, einen klaren Kopf zu bekommen. Das ging ein paar Tage ganz gut, fing dann aber wieder an.
Ich habe es im Geheimen weiter ausgelebt, meine Gefühle und Gedanken dabei beobachtet und gemerkt, dass ich es nun auch bei meinem Bruder und meiner Mutter ansprechen muss –
vor allem bei meinem Bruder, da wir zusammenwohnen.
Ich habe meinen Bruder vorsichtig darauf angestoßen, dass ich mit ihm reden muss. Dass es um mich geht, dass es wichtig ist, dass ich niemandem damit schade und
dass mich dieses Thema seit über 20 Jahren beschäftigt. Er meinte, er wolle erst im neuen Jahr mit mir darüber sprechen. Zwischen den Jahren möchte er kein Thema besprechen,
bei dem er seine Reaktion nicht einschätzen kann.
Gestern war es dann so weit. Ich habe wieder lange überlegt, wie ich es erklären soll, und habe langsam von Anfang an alles erzählt, auch von meinem Fetisch.
Aber auch hier gab es wieder Fragen, die das Ganze sehr in eine bestimmte Ecke gedrängt haben. Das Gespräch war ein ständiges Auf und Ab. Ich habe gesagt, dass ich es selbst nicht genau weiß,
dass ich es erforschen muss und schauen möchte, was es wirklich ist. Ich bin jetzt seit elf Wochen gedanklich damit beschäftigt und kann es selbst noch nicht klar einordnen.
Ich versuche, mit einem Therapeuten zu sprechen und dann weiterzuschauen.
Er meinte, wir bekommen das alles irgendwie hin, aber er brauche Zeit, um es zu verarbeiten, und müsse eine Nacht darüber schlafen.
Danach waren wir noch bei meiner Mutter, und ich habe es ihr ebenfalls erzählt. Sie war extrem gelassen, fing aber sofort damit an, dass ich dann wohl im falschen Körper geboren sei

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Interessant war eine Sache, die ich wieder vergessen hatte: Meine Mutter hat mir früher einmal die Nägel lackiert, weil ich das gerne wollte. Sie hat viel über meine Kindheit erzählt und meinte,
es habe da schon einige Momente gegeben – etwa dass ich ein Puppenhaus oder einen Kaufladen haben wollte oder dass ich gerne lange Unterhosen getragen habe.
In der Nacht nach den Gesprächen fühlte ich mich wie auf Wolke 7 und habe mir auch wieder die Nägel lackiert. Endlich kein Geheimnis mehr. Endlich kann ich zu Hause machen, was ich möchte.
Endlich ich. Endlich kann alles aus den geheimen Ecken raus und in einen normalen Schrank
Heute habe ich meine Sachen ausgeräumt und mich dabei richtig gut gefühlt – wirklich richtig gut. Es war, als wäre ich aus dem Gefängnis entlassen worden

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Meine Mutter hatte kein Problem mit meinem Nagellack, und ich habe mich weiterhin gut gefühlt.
Dann kam das böse Erwachen. Mein Bruder kommt damit überhaupt nicht klar. Er möchte nichts davon sehen. Er weiß nicht, wie er mit mir umgehen soll.
Er will auf keinen Fall sehen, dass ich zu Hause Frauenkleidung trage. Er möchte nichts mehr mit mir unternehmen. Er kann mich nicht mehr anschauen. Ich hätte ihn seit meiner Geburt belogen.
Er hat sich betrunken und spricht nicht mehr mit mir. Ich soll ihm erst einmal aus dem Weg gehen...
Danach ist für mich wieder alles zusammengebrochen. Ich fühle mich schlecht. Ich zweifle wieder an allem. Ich überlege, wieder alles zu verdrängen, weil es scheinbar nur Leid bringt.
Es ist unfassbar, wie schnell etwas von einem guten Gefühl wieder so stark ins Negative kippen kann

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Ich habe dann noch mit meiner Ex-Freundin geschrieben, aber auch sie hatte keine Lust, darüber zu sprechen. Mit meiner Mutter ist es weiterhin sehr gut,
aber insgesamt ist es für mich extrem belastend, nicht zu wissen, wie es jetzt weitergehen soll.
Ich möchte auf jeden Fall mit einem Therapeuten sprechen, sobald sich ein Termin ergibt. Wie es privat weitergeht, kann ich aktuell nicht sagen. Interessant ist,
dass alle drei eingeweihten Personen direkt sagen, ich sei trans – allein aus dem, was ich erzählt habe. Ich bin in keiner Weise feminin, auch meine Hobbys und mein Auftreten sind es nicht,
das haben auch alle gesagt. Trotzdem kann ich es selbst nicht zu 100 % ausschließen, da es einfach zu viele Gedanken gibt, die genau in diese Richtung gehen.
Ich bin sehr gespannt, wie sich das weiterentwickelt, wenn ich es jetzt mehr auslebe.
Liebe Grüße
Sabrina
"Deine Zukunft ist immer das, was du daraus machst" - Dr. Emmett Brown (Zurück in die Zukunft III)