Vicky_Rose hat geschrieben: Fr 22. Aug 2025, 10:20
Das Dilemma fängt in dem Augenblick an, in dem ich es
bewerte.
Das ist zwar richtig. Nur: in den Spiegel schaue ich doch genau dazu. Wozu sonst? Auch wenn ich es genieße, mich im Spiegel zu betrachten, bewerte ich das Bild - in diesem Fall positiv.
Vicky_Rose hat geschrieben: Fr 22. Aug 2025, 10:20
Oder anders gesagt, es ist das Wörtchen "zu". Zu aufdringlich, zu dick, zu dünn, zu groß etc.
Genau da wird's interessant:
Anhand welcher Kriterien bewerte ich das Bild?
Wenn ich mich vor 40 Jahren als "Frau" vor den Spiegel stellte, dann bewertete ich mich fast ausschließlich nach dem Kriterium "Passing": ich wollte
glaubhaft wirken. Schön und sexy wollte ich natürlich schon auch sein: das stand ja als die eigentliche Sehnsucht immer dahinter. Aber ohne Passing war das unmöglich. Auch in meinem eigenen Spiegelbild scannte ich zuallererst das Geschlecht: Mann oder Frau? Wenn da für mich spontan der Eindruck "Mann" herauskam, dann konnte das Outfit an sich noch so schön und sexy sein -
an einem Mann konnte ich das einfach nicht als schön und sexy empfinden, da wirkte es stattdessen "tuntig", anrüchig, pervers - oder bestenfalls lächerlich. Eben die ganze Skala transphober Ablehnung, die damals als gesellschaftliches Introjekt auch in unseren eigenen Köpfen steckte. Und da bei mir dieser primäre Geschlechts-Scan leider auch bei größtem Aufwand immer noch "Mann" ergab, kam ich damals über die Bewertung nach dem Kriterium "Passing als Frau" nie hinaus. Das ging nur in der Fantasie; in der Praxis war es für mich unmöglich, auch nur ansatzweise weiblich schön und sexy zu sein. Das scheiterte regelmäßig schon am ersten dieser drei Attribute.
Es gab damals einen regelrechten Kodex unter uns MzF-Transsexuellen, mit dem Outfit NIEMALS geschlechtliche Widersprüchlichkeit zu signalisieren: d. h. den Tunten-Effekt zu meiden wie der Teufel das Weihwasser. Genau darin (vermutlich sogar NUR darin

) unterschieden wir uns damals von Transvestiten, die eben diese Widersprüchlichkeit in Kauf nahmen oder gar ihren speziellen Spaß daran fanden. In der Praxis bedeutete das für die Mehrzahl von uns, dass wir uns bestenfalls androgyn zeigen durften, als eine Art geschlechtsloses Wesen. Nur für wenige von uns war ein so überzeugendes Passing im Alltag erreichbar, dass sie dann auch in explizit weiblicher Schönheit und Erotik schwelgen konnten/durften.
In diesem Sinne habe ich mich selber dann jahrzehntelang damit begnügt, möglichst wenig Männliches zu zeigen und stattdessen möglichst viel Weibliches zu signalisieren: aber immer unter konsequenter Vermeidung des Tunten-Effekts. Nichts durfte so deutlich weiblich erscheinen, dass es im Gesamtbild einen geschlechtlichen Widerspruch signalisierte. Praktisch bedeutete das, all meine dezenten, weiblichen Signale unter der Wahrnehmungsschwelle zu halten, und darauf zu hoffen, dass sie wenigstens unterbewusst etwas bewirken und dabei helfen würden, mich sozial ein Stückchen weiter auf der weiblichen Seite einzuordnen. Aber das erwies sich als Illusion: all die versteckten Weiblichkeitssignale wurden schlicht nicht gesehen. Ich wurde trotzdem unverändert als "Mann" identifiziert - allenfalls als einer, dem das vielleicht nicht so wichtig war. Aber nie auch nur ansatzweise als Frau...
Der Schlüssel dafür, aus dieser Sackgasse endlich rauszukommen, lag dann schließlich in einer Veränderung meiner Bewertungskriterien. Ich versuchte mich dem Ziel "weiblich schön und sexy" von der anderen Seite her zu nähern: eben nicht mehr primär "weiblich" im Rahmen des Möglichen, und dann innerhalb dieses Rahmens (d. h. in der Praxis: gar nicht) schön und sexy, sondern ZUERST das, was ich als "schön und sexy" empfinde. Ich habe das weibliche Passing als Bewertungskriterium erst mal weggelassen und mich auf "schön und sexy" konzentriert - und den dabei entstehenden, geschlechtlichen Widerspruch zu meinem Gesicht einfach mal ignoriert und ausgehalten.
Und das hat tatsächlich funktioniert! Im Lauf der letzten fünf Jahre konnte ich mir tatsächlich abgewöhnen, mein Spiegelbild primär (und überhaupt) nach dem Kriterium "glaubhaft weiblich" zu bewerten. Wenn ich mich heute im Spiegel betrachte, empfinde ich mich im Gesamtbild als harmonisch, trotz unübersehbar männlichem Kopf auf klar und eindeutig weiblichem Körper. Man kann sich daran gewöhnen: ich selber habe mich daran gewöhnt, meine liebe Frau hat sich daran gewöhnt, und mein gesamtes, soziales Umfeld offenbar auch. Nur sehr wenige Menschen haben den Kontakt zu mir abgebrochen, weil sie wohl ihre Transphobie nicht überwinden konnten/wollten. Alle anderen respektieren und akzeptieren mich seitdem ganz genauso wie vorher; offen angefeindet wurde ich in diesen fünf Jahren noch nie, wirklich kein einziges Mal! Und erstmals
behandeln mich die Leute auch wie eine Frau, selbst dann, wenn ihnen dabei (oft) versehentlich ein falsches Pronomen rausrutscht: sie halten mir die Tür auf, nehmen mir spontan Lasten ab, zeigen sich spontan offener und hilfsbereiter, als sie es vorher mir gegenüber als Mann getan haben. Deshalb bin ich ihnen wegen Misgenderns auch nicht böse und mache da keine Affäre draus: so gut wie niemand macht das böswillig oder aus Sturheit; die Leute sind da halt angesichts meines Aussehens manchmal unsicher. Ich kann's verstehen.
Nur eines hat sich seitdem hier im Dorf (2000 Einwohner) radikal geändert: während ich selber nach wie vor höchstens 2 % der Leute persönlich kenne (meine Gesichtsblindheit schränkt mich da zusätzlich ein), kennen mich seit dem Rollenwechsel nahezu ALLE. Ich bin hier bekannt wie ein bunter Hund; nicht mal den Bürgermeister kennen so viele Leute persönlich
Aber damit kann ich gut leben. Ich muss nicht unerkannt öffentlich in der Nase bohren können
