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Re: Umgang mit negativen Erlebnissen in der Öffentlichkeit

Verfasst: So 26. Jan 2025, 11:10
von HeikeCD
Das war zwar mutig, im nachhinein aber doch nicht so gut. Deshalb wäre ich da wohl, nicht als Mann gekleidet, lieber weitergegangen.

https://hamburg.t-online.de/region/hamb ... en-an.html

Re: Umgang mit negativen Erlebnissen in der Öffentlichkeit

Verfasst: So 26. Jan 2025, 11:24
von Daniela04
Meine Lieben

Ich habe soeben die Inhalte des Threads voll aufgesogen, da ich schon ein paar wenige Schritte aus der Konfortzone des GWHF-Treffens gwagt habe, aber mich sehr unsicher fühle. So lieb von Dir Malvine, dieses für uns alle wichtige Thema anzuschneiden.
Richtig "draussen" war ich eigentlich noch nicht. Einmal mit Damenhose, Bluse und Stiefeletten (oben MM) auf Reisen hatte ich komische Blicke auf dem Autobahnparkplatz erhalten und wusste nicht so recht wie ich mich verhalten soll. Das andere Mal aus dem Laden der Kosmetikerin ins Parkhaus, den Schein zahlen und dann abfahren.

Ich glaube schon, dass das Selbstvertrauen mit den Versuchen wächst, aber Tipps wie
Slatjana hat geschrieben: Do 23. Jan 2025, 13:54 Einmal war ich im langen roten Rock, Top und High Heels Sandaletten im Cafe und ein angesäuselter Mann hat mich gefragt, bist du ein Mann oder eine Frau? Ich habe ihm barsch und im tiefsten Bass geantwortet: das sieht man doch! Dann war er total freundlich.
und
Valerie Bellegarde hat geschrieben: Do 23. Jan 2025, 19:08 Zum Beispiel ein Kaufhaus, die Damenabteilung. Oder ein größeres Schuhgeschäft, wo du in Ruhe alleine anprobieren kannst ehe du mit deinem Einkauf zur Kasse gehst.
Vielen Dank, Violetta für diese Worte:
Violetta Arden hat geschrieben: Fr 24. Jan 2025, 17:29 Wenn frau nicht zu sehr auffallen will und das Enfemmesein in der Öffentlichkeit genießen will , finde ich es notwendig, wenn man zu sich selbst sehr kritisch ist und sich fragt, ob das gewählte Outfit oder das Make-up auch dem entsprechend ist. Und wenn Du dann überwiegend mit Dir zufrieden bist, dann kann´s auch rausgehen und negative Reaktionen werden wenige vorkommen. Dass man mit tiefer Stimme auffällt, das muß man in Kauf nehmen und mit Lächeln drübergehen.
Das wird mir immer mehr bewusst mit meiner nicht ganz idealen Figur und meinem Alter.
Violetta Arden hat geschrieben: Fr 24. Jan 2025, 17:29 ch weiß, wir Part-Time-Ladies,stehen zumeist auf Nylons und Röcke und Kleider....mit viel Bein
Das ist für zuhause und die Seele. :P

Mir geht es wie Anja:
Anja61 hat geschrieben: Fr 24. Jan 2025, 20:43 Soweit bin ich aber noch nicht. Momentan möchte ich erstmal in einer geschützten Umgebung (z.B. Stammtisch) als Frau ausgehen und mich ausprobieren.
Herzlicher Gruss und nochmals vielen Dank für diese für mich (und anderen) wichtige "Hintergrundinformation"!
Eure Daniela

Re: Umgang mit negativen Erlebnissen in der Öffentlichkeit

Verfasst: So 26. Jan 2025, 12:42
von Céline
Irgendwie ist das alles schon in weiter Ferne verschwunden aber die ein oder andere Situation haben sich bei mir eingeprägt wie z. B. Vor ein paar Jahren in meiner Anfangszeit ein Mann bei Deichman mich als Schwuchtel beschimpft hat oder zwei Jugendliche mich bespuckt haben und mich beschimpft und ausgelacht haben. Die vielen anderen Situationen als ich ausgelacht, angestarrt, geflüstert und und und kann ich nicht mehr zählen. All das war sehr belastend und in meiner damaligen Situation als es mir psychisch alles andere als gut erging nicht sehr förderlich. Dazu hab ich mich ganz bewusst genau solchen Situationen ausgesetzt da ich wusste das ich lernen musste damit umzugehen da ich nie das Bild erreichen werde was ich mir so sehr wünschte. Es war eine Zeit voller Schmerz und Angst. Aber….Genau diese Taktik und diese Situationen haben mich zu der Person geformt die ich heute bin. Ich bin heute Selbstbewusst und gefestigt. Ich gehe selbstbewusst durchs Leben, Rede vor vielen Personen bei Meetings und stehe bei Events am Mikrofon und rede obwohl ich schon noch nervös bin. Natürlich werde ich immer noch gerade beruflich sehr oft als Mann gelesen. Gerade diese Woche wieder als ich einem Kollegen telefonischen Support geleigabe und der Kunde mitgehört hat und meinte da spricht doch ein Mann.
Als ich vor Ort eintraf war das Verhalten mir gegenüber eindeutig. Situation die für mich zum Alltag gehören und mich heute nicht mehr belasten, meistens zumindest.
Heute weiß ich wer ich bin und bin einfach nur glücklich einfach nur zu leben ohne mir Gedanken über mein Äußeres machen zu müssen. Im Grunde wandle ich oft in einer Zwischenwelt zwischen dem früheren Leben und meinem heutigen Leben. Egal ob im Arbeitskleidung oder als gestylte Fem Fatal. Ich lebe einfach
Einfach nur ich…
Céline

Re: Umgang mit negativen Erlebnissen in der Öffentlichkeit

Verfasst: So 26. Jan 2025, 15:29
von lexes
Daniela04 hat geschrieben: So 26. Jan 2025, 11:24
Meine Lieben

Ich glaube schon, dass das Selbstvertrauen mit den Versuchen wächst ……
Eure Daniela
Liebe Daniela, da hast du absolut recht.

Selbstvertrauen wächst mit der Zeit und mit der Erfahrung.
Und irgendwann legt man sich mit Sicherheit auch ein dickeres Fell zu.

Was gerne vergessen wird, ist das Selbstvertrauen aber auch zur Vermeidung solcher Situationen sehr gut beitragen kann.

Der Mensch ist doch wirklich nur ein sehr hoch-gezüchtetes Tier.
Und auch wenn man die Angst in einem gegenüber nicht mehr riechen kann, wobei ich mir da gar nicht so sicher bin, so gibt es doch sehr viele Anzeichen für Unsicherheit.

Häufiges Umblicken
Sich sehr auf seine Umgebung fokussieren
Ein unsicherer Gesichtsausdruck
Ein unsicherer Gang
Leicht angehobene Schultern
Und so weiter und so weiter und so weiter.

Und dann gibt es in unserer Welt nun einmal Menschen, die ein sehr eingeschränktes Weltbild haben, und sich gegebenenfalls genötigt fühlen, ungefragt einen Kommentar abzugeben, oder zu lachen oder zu lästern oder oder oder.

Und dass dies in der Regel eher schwächere Charaktere sind, darüber gibt es sicherlich keinen Grund zu streiten.
Und wir alle wissen was schwächere Menschen gerne machen, sie gehen auf noch schwächere los.

So ist also die Kombination aus einem schwachen Gegenüber und einem unsicheren, selbst sicherlich ein Katalysator für solche Situationen.

Ich kann dazu ein Beispiel aus dem weiteren Bekanntenkreis geben. Ein Freund von mir ist schwul, und kann dies über seine gesamte Verhaltensweise auch kaum verbergen. Er spricht einfach etwas anders und sein gesamter Habitus/seine Art, sich zu bewegen und zu verhalten, lässt deutlich auf seine sexuelle Ausrichtung schließen. Bei manchen Leuten ist das einfach so, das wissen wir auch.
Und er ist nicht erst einmal in seinem Leben ungefragt angesprochen oder verbal angegangen worden.

Er hat sich dann irgendwann einmal mit einem guten Freund ( auch homosexuell) unterhalten, dem das so gut wie nie passiert. Nach diesem Gespräch hat er sich die Worte „Selbstsicherheit“ und „sicheres Auftreten“ mal demonstrativ auf die Fahne geschrieben.

Als er kürzlich bei uns war trug er einen schwarzen Hosenanzug und einen roten und einen blauen Schuh. Zu dem roten Schuh eine blaue Socke und zu dem blauen Schuh eine rote Socke 😃.

Ich habe ihn dann gefragt, wie oft er darauf schon angesprochen wurde und auch darauf hingewiesen, dass meine Frau mich so niemals aus dem Haus lassen würde.

Seine Antwort war, : „ich gehe einfach über die Straße und tue so, als wäre das völlig normal, für mich ist es das ja auch. Seit ich das tue, werde ich nicht mehr angesprochen“

Ich möchte natürlich hier niemanden aufrufen, sich bunte Schuhe anzuziehen (Scherz) oder sich wahllos in unkontrollierbare Situation zu begeben. Aber in der Situation, in der man nun einmal gerade ist, im Parkhaus ,am Automaten, beim Einkaufen, generell in der Öffentlichkeit, da kann es auf keinen Fall von Nachteil sein, maximal selbstsicher aufzutreten.

Das schreckt die oben schon beschriebenen schwächeren Charaktere defacto ab, die haben nämlich keine Lust, sich eine dumme Antwort oder irgendetwas anderes von jemandem einzufangen, der ganz klar zeigt. : „Ich ruhe in meiner Mitte, mich könnt ihr eh nicht verunsichern“

Das hat bei mir auch sehr lange gedauert und ich war vor kurzem endlich wieder einmal in einem Club feiern, war schon zu lange her.

Die ersten Schritte außerhalb meines Hotelzimmers auf hohen Schuhen waren gefühlt zu wackelig und der Moment, in dem ich aus dem Fahrstuhl, in die komplett volle Lobby (an einem Samstagabend ) getreten bin , war wirklich mit viel Puls verbunden. Ich hatte mir im Fahrstuhl aber schon vorgenommen einfach durch die Lobby zu gehen und so zu tun, als müsste ich einfach nur durch diese Lobby gehen 😃. Kein Blick nach links. Kein Blick nach rechts, das Ziel im Auge.
Ich musste mehrere Menschen bitten, mir kurz Platz zu machen und habe von keinem auch noch irgendeinen Kommentar bekommen wobei etliche schon an der Bar gewesen waren und gut einen im Tee hatten.

Ich wette, Selbstsicherheit und sicheres Auftreten, sind extrem wichtige Punkte um Konflikte/Situationen, wie die weiter oben beschriebenen , zumindest zu minimieren, wenn nicht sogar zu vermeiden.

Mach das Beste draus.

Ganz liebe Grüße ihr Süßen. Lexi

Re: Umgang mit negativen Erlebnissen in der Öffentlichkeit

Verfasst: So 26. Jan 2025, 16:52
von Desiree Maxima
Hallo meine Lieben,

ich greife jetzt mal exemplarisch eine Aussage von Lexi heraus, die mir in diesem Thread als so etwas wie der kleinste gemeinsame Nenner aufgefallen ist.
lexes hat geschrieben: So 26. Jan 2025, 15:29 Ich wette, Selbstsicherheit und sicheres Auftreten, sind extrem wichtige Punkte um Konflikte/Situationen, wie die weiter oben beschriebenen , zumindest zu minimieren, wenn nicht sogar zu vermeiden.
Mir ist das genau so völlig bewusst. Ich weiß, daß es absolut notwenig ist, mich in diese Richtung - durch Herantasten ans Hinausgehen en femme - weiter zu entwickeln, um die Ausgänge en femme ausdehnen und genießen zu können. Ich muß es "einfach nur" tun. Ich weiß, daß die Gefahr, blöd angestarrt oder blöd angemacht zu werden um so geringer ist, je größer mein Selbstbewußsein beim Ausgehen en femme ist und je mehr Übung ich darin habe.

Mir erging es jedenfalls so, als ich nach dem Alkoholentzug die ersten paar Male in diversen Runden sagte "Ich trinke keinen Alkohol". Anfänglich war ich dabei so unsicher, daß fast immer Nachfragen kamen oder blödes Gerede wie "Bist Du ein Mann oder ein Lulu." Heute kommt dieses "Ich trinke nicht" so selbstverständlich und selbstbewusst rüber, daß niemand auf die Idee kommt, nachzufragen.

Ich wünschte, ich wäre bezüglich Ausgehen en femme auch schon so weit. Mir ist bewusst, daß ich dafür etwas tun muß. Es geht immer ums "tun". Nur denken alleine reicht nicht aus. Leider ist bei vielen neuen Herausforderungen im Leben das Überwinden der Angst meist eine der größten Hürden. Es ist das Herausbewegen aus der Komfortzone, das einen im Leben voranbringt und neue Horizonte erschließt.

Danke, daß Ihr mein Geschreibsel so geduldig lest - das ganze habe ich wohl eher für mich geschrieben, um meinen A.... in die Höhe zu bekommen ;-)

Alles Liebe und noch einen schönen Restsontag
Desiree

Re: Umgang mit negativen Erlebnissen in der Öffentlichkeit

Verfasst: So 26. Jan 2025, 17:28
von Lavendellöwin
Hey...

ich stelle was ich jetzt schreibe einfach mal in den Raum und vielleicht hilft es ja der einen oder anderen Person weiter...

es ist ein Tool was ich grade selbst erst gelernt habe und sich mit positiven und negativen Glaubenssätzen beschäftigt.
Ich versuche es mal grob rüber zu bringen.

Positive Glaubenssätze machen vieles einfacher, leichter und sind eben unterstützend.

Alle haben aber auch negative Glaubenssätze die einschränken und blockieren.

ich beziehe es einfach mal auf "ich falle eh auf, ich sehe nicht weiblich genug aus um mich raus zu trauen"

das ist ein Glaubenssatz mit "integrierter" Begründung

oder auch eine rein subjektive Feststellung

"ich sehe nicht weiblich genug aus und wenn ich spreche oute ich mich selbst"

Der Punkt an diesen Glaubenssätzen ist, wenn man sie leugnet, ist es super schwer sie in die positive Richtung zu drehen.
Heisst, man muss raus aus der "Opferrolle" und anfangen aktiv etwas zu ändern, das heisst Verantwortung übernehmen.

Den einschränkenden Glaubenssatz (ich hab da in einem anderen Bereich ziemlich festsitzende) kann man aber
wandeln. Dazu gibt es Fragen...diese sind dazu quasi der Prozess. Nicht so meine Art, denn es ist etwas zu "technisch"

1 ) Steckt eine positive Absicht hinter diesem Glaubenssatz
Das ist meist der Schutz vor Versagen oder Fehlern

2 ) Die Absichten gegen den Glaubenssatz verwenden
sehe ich weiblicher aus kann es sein, das ich trotzdem "enttarnt" werde und dadurch verletzt werde

3 ) Welche Konsequenzen hat es den negativen Glaubenssatz so zu behalten wie er ist
ich traue mich nicht raus, halte mich selber klein und trete auf der Stelle

4 ) Welche Konsequenzen könnte es denn geben als die bisherigen?
Ich fühle mich draussen super wohl und geniesse die Zeit

5 ) Defininieren wir den Satz also um oder neu?
Auch wenn ich vielleicht nicht sehr weiblich wirke kann ich es tun und entwickle mich stetig weiter
und werde sicherer in der weiblichen Erscheinung.

6 ) Machen wir das konkreter..
ich gehe raus auch wenn ich nicht alle, auch die eigenen Ansprüche, bisher erfülle.

7 ) Hat das so noch niemand jemals oder irgendwo getan?
Naja, doch ziemlich sicher, denn alle haben einmal mit etwas angefangen.

8 ) Gibt es Gegenbeispiele zum negativen Glaubenssatz?
In Forum hier doch einige...und das nicht nur

9 ) Das Was - Wäre - Wenn ändern..
Was wäre wenn noch nie jemand entgegen dem Zuweisungsgeschlecht verhalten hätte?

10 ) Den Glaubenssatz überprüfen..
Es gab definitiv Personen die es getan haben ohne von vorne weg "perfekt" zu sein.
Perfekt ist aber so gut wie niemand.

11 ) Die Entstehung des Glaubenssatzes hinterfragen..
was man so hört aus der Gesellschaft, bei Freunden, oder es gibt kaum positive Beispiele.

sich seiner Selbst bewusst zu werden und ist der Schritt zu mehr Selbstbewusstsein...

das war jetzt auch nicht so ganz perfekt, vielleicht pass ich das an der einen oder anderen Stelle
noch an...

habt einen schönen Restsonntag, Marie (flo)

Re: Umgang mit negativen Erlebnissen in der Öffentlichkeit

Verfasst: So 26. Jan 2025, 18:15
von Susi T
Ist schon komisch wie ähnlich sich manches ist und wie unterschiedlich es trotzdem sein kann.
Am Anfang bin ich rausgegangen, enfemme? Nun manche haben es so auf den ersten Blick oft so angenommen, aber mit Kurzhaarfrisur, ohne Sillis, wenig geschminkt und nur ein Rock, Bluse oder Kleid einen zweiten Blick bestimmt nicht als voll weiblich wahrgenommen.
Ich weiß die meisten legen los wie die Feuerwehr und wollen perfekt sein, aber es geht auch anders.
Spaß macht es trotzdem, oder tut gut und selbstbewusst kann man auch sein, wenn man sich einfach nur nett kleidet. Nicht weniger Ansprüche, sondern vielleicht nur andere ;-)

Re: Umgang mit negativen Erlebnissen in der Öffentlichkeit

Verfasst: So 26. Jan 2025, 18:25
von Anne-Mette
Moin,
Tira hat geschrieben: So 26. Jan 2025, 18:15 und wollen perfekt sein, aber es geht auch anders.
da habe ich es gut mit meinem "Unperfektsein" )))(:
Und wenn ich in Frauenrunden schaue oder einfach mal eine "Momentaufnahme" einer größeren Menschenmenge mache, dann weiß ich, dass ich sehr gut "passe", obwohl
manche CrossdresserInnen das abstreiten würden (wurde hier sogar schon mal schriftlich festgestellt).
Und neulich wurde mir sogar gesagt in einer Runde, in der das Thema "Bekleidung" aufkam (nicht von mir): "du bist sowieso meistens die Eleganteste!"

Natürlich kann es auch mal "negative Erlebnisse" geben, aber mit einem gewissen Standing sind die in den meisten Fällen "wegzubügeln", denke ich.
Die Methoden werden so unterschiedlich sein wie die Persönlichkeiten der "Betroffenen"; da gibt es wohl keine allgemeingültige Regel.

Gruß
Anne-Mette

Re: Umgang mit negativen Erlebnissen in der Öffentlichkeit

Verfasst: Mo 27. Jan 2025, 07:59
von ExUserIn-2026-04-08
Wow, tolle Beiträge. Ich möchte einen Begriff von Marie aufgreifen und ihn durch einen zweitten ergänzen. Ich denke in den letzten Monaten öfters über Schuld und Verantwortung nach. Die "Glaubenssätze mit integrierter Begründung" sind letztlich nichts anderes als ein Abwälzen der Schuld auf Umstände, von denen man glaubt, sie nicht in der Hand zu haben. Das Gegenteil ist die Verantwortung, die man für sich selber übernimmt, wenn man die Wege geht, die für einen selber bedeutsam sind. Das spiegelt sich in der Kurzform wieder:

"Wer etwas will, findet Wege, wer etwas nicht will, findet Gründe"

Das ist zwar wichtig, aber auch eher theoretisch. Meine Erfahrungen en femme in der Öffentlichkeit ist, je öfter ich es praktiziere, um so weniger beschäftige ich mich mit mir selber und mit meiner Umwelt. Natürlich klopft das Herz anfangs auch bei mir bis zum Hals. Aber je weniger ich Notiz von mir en femme nehme und mein "normales" Leben lebe, um so sicherer fühle ich mich und um so weniger Probleme habe ich mit meiner Umwelt. Es ist paradox, je weniger ich meiner Weiblichkeit Aufmerksamkeit schenke, um so wohler fühle ich mich. Oder anders gesagt, wenn aus dem "Frau spielen" ein "Frau sein" wird, ich "vergesse" en femme unterwegs zu sein, um so authentischer bin ich. Mich zurecht zu machen ist toll, aber die echte Zufriedenheit steckt darin, dass ich mich gebe, wie ich mich fühle. Und ich denke auch, dass das ein enormer Sicherheitsgewinn ist, wie es Lexi und andere schon angesprochen haben. Das kann ich schon zuhause üben, in dem ich mein Leben en femme einfach geschehen lasse, ohne darüber nachzudenken. Der Schritt nach draußen ist dann noch immer mit Herzklopfen verbunden, aber ich komme viel leichter in einen entspannten Modus.

Re: Umgang mit negativen Erlebnissen in der Öffentlichkeit

Verfasst: Mo 27. Jan 2025, 11:12
von Alicia
Tira hat geschrieben: So 26. Jan 2025, 18:15 Ich weiß die meisten legen los wie die Feuerwehr und wollen perfekt sein, aber es geht auch anders.
Da kann ich Tira nur beipflichten. Ich habe von Anfang an wenige Aufwand hinsichtlich der Gesichtsbehandlung getrieben und versuche es nach fast einem Jahr immer noch. Alleine das Gefühl, weiblich gekleidet zu sein, erfüllt mich bereits mit einer inneren Wärme und Zufriedenheit. Das perfekte Passing werde ich eh nie schaffen, also bin ich mit den erreichten 80% zufrieden und muss mich nicht grämen, wenn es entsprechende Blicke gibt. Je mehr Mühe man sich vorher gibt, umso größer ist der Frust, "enttarnt" zu werden. 8)

Gestern Nachmittag waren mein Schatz und ich in der näheren Umgebung spazieren, beide mit unseren langen Steppwesten und Skinnyjeans. Aus der Distanz zwei Mädels, die händchenhaltend durch den Wald laufen. Ok, weibliche Hose und Rock sind schon zwei verschiedene Kategorien. Dennoch verkneife ich mir noch das Auftreten im Rock oder Kleid in der Umgebung des heimischen Dorfs, um diesbezügliche Diskussionen und Gerüchte zu vermeiden.
Beim Näherkommen habe ich einige musternde Blicke von Passanten gespürt, aber offensichtlich angewidert geschaut oder gesagt hat niemand etwas. Durch das konsequente Ansehen meines Gegenübers und das freundliche "Hallo" spüre ich auch eine große Selbstsicherheit und Selbstvertrauen, auch wenn das entgegnete "Hallo" manchmal etwas gedämpfter klang oder ganz verschluckt wurde. :) Würde ich den Blicken der anderen Personen ausweichen, wäre diese Selbstsicherheit dahin. Also: Offensiv mit der Begegnungssituation umgehen, dann spürt man/frau sich auch nicht unterlegen und wird ängstlich.
Bei Ausflügen im kompletten Outfit in anderen Städten handhabe ich es genauso und bin bisher immer gut damit gefahren, auch wenn der letzte derartige Ausflug jetzt auch schon wieder einige Wochen her ist. (cry)

Liebe Grüße, Alicia. (ki)

Re: Umgang mit negativen Erlebnissen in der Öffentlichkeit

Verfasst: Mo 27. Jan 2025, 22:17
von Knäckebrötchen
Lana hat geschrieben: Sa 25. Jan 2025, 14:26 Es kommt also darauf an, wie wir mit unseren Gefühlen umgehen. Lassen wir uns von ihnen dominieren, oder grenzen wir uns davon ab und nehmen sie einfach so an, ohne gleich zu werten, und geben uns damit die Chance, nicht davon überwältigt zu werden, sondern einen konstruktiven Umgang zu entwickeln.
Also ich stimme dir ja zu, was die Frage nach dem Umgang mit Emotionen angeht. Das ist etwas, wo wir mit Selbstbewußtsein und Selbstliebe viel erreichen können. Ich verstehe nur deine Verknüpfung von "werten" und "davon überwältigt werden" nicht, wenn ich ehrlich bin. Nur weil ich eine Emotion (als Reaktion auf ein Erlebnis) als negativ einordne (= werte), werde ich davon doch nicht überwältigt. Für mich führt erst die Einordnung zu einer Chance, etwas konstruktives damit anzufangen. Und manchmal muss man auch einfach feststellen: nein. Der Sender der Botschaft, die ich als negativ empfinde liegt einfach nur vollkommen falsch und ich kann daraus keinen sinnvollen Nutzen ziehen.

Aber das ändert ja nichts daran, dass ich die Emotion als negativ werte. Was wiederum nicht gleichbedeutend mit einem Kontrollverlust in der Situation ist.
Lana hat geschrieben: Sa 25. Jan 2025, 14:26 Wenn das gelingt, dann freust du dich immer noch nicht über die vom Regen zerstörte Frisur, aber du akzeptierst es, weil du einsiehst, dass du eh nichts mehr ändern kannst. Wozu sollst du dir also noch den Rest vom Tag verderben lassen und womöglich deinen Mitmenschen die Laune vermiesen?
Oder anders: ich kann eine für mich negative Situation als Problem sehen (negativ) oder als Herausforderung (neutral-positiv). Ob ich diesen Perspektivenwechsel hinbekomme hängt viel von meinem Selbstbewußtsein und meiner grundsätzlichen Einstellung zu mir, meinen Kompetenzen und meinen Möglichkeiten ab. Ich würde also dein Beispiel um eine Dimension erweitern wollen: nicht nur verderbe ich mir und meinen Mitmenschen nicht den Tag, weil ich resigniere - ich versuche aus der ruinierten Frisur noch etwas positives zu ziehen indem ich die Reste umgestalte oder mich mit meinen Mitmenschen über meinen bad-hair-day austausche, den wohl jede/r schonmal gehabt hat. Dann haben wir sogar gemeinsam was zu lachen.

Ich habe mir vor vielen Jahren angewöhnt, ungünstige Situationen oder Entwicklungen als Herausforderung und nicht als Problem zu betrachten. Das eröffnet mir Handlungsräume, wo andere eine Sackgasse sehen. Und mit dieser Einstellung bin ich auch an meine ersten Schritte als weiblich gekleideter Mensch, der doch noch recht deutlich amab war (damals), herangetreten: Augen auf und durch.

Re: Umgang mit negativen Erlebnissen in der Öffentlichkeit

Verfasst: Mo 27. Jan 2025, 22:48
von Knäckebrötchen
HeikeCD hat geschrieben: So 26. Jan 2025, 11:10 Das war zwar mutig, im nachhinein aber doch nicht so gut. Deshalb wäre ich da wohl, nicht als Mann gekleidet, lieber weitergegangen.

https://hamburg.t-online.de/region/hamb ... en-an.html
Das erinnert mich an eine Zugfahrt vor zwei Jahren. Da saß eine Gruppe junger Männer und einer machte auf Gangsterrapper, aber so richtig unangenehm "Isch fi... deine Mudder...[blabla] und deine Schwester die Sch..." das war weder stylistisch noch reimetechnisch besonders brilliant, inhaltlich zum kotzen. Und um mich herum saßen Frauen und Männer und ich schau mich so um und sehe Angst und Unbehagen in den Augen der Frauen und Unsicherheit bei den Männern...

Also hab ich einfach mal ganz laut durch den Zug gebrüllt "kannst Du die Sch... einfach mal lassen?! Ist ja ekelhaft, der Mist!"

Naja, haben sich natürlich alle umgedreht und nach mir geschaut, auch die Jungs. Und ich sitze da, schon feminin-ish gekleidet, definitiv kein "Mann" und denke mir nur "was um alles in der Welt reitet ausgerechnet dich?"

Die Fahrt blieb jedenfalls ruhig, es gab keine Reaktion der Jungs, aber beim Aussteigen musste ich feststellen, dass die alle an der selben Haltestelle raus wollten. Fuck. Die gingen aber einfach und ließen mich ich Ruhe. Ein Mann hat sich dann bei mir bedankt, eine Frau schon im Zug. Ich dachte mir nur, Du Mann... das wäre Dein Job gewesen. Als Mann mal ein Role-Model sein.

Mein Schutzengel hat mir an dem Tag nicht nur den Mut gegeben, für andere einzustehen, sondern auch noch genug Kraft gehabt, mich zu beschützen. Aber nochmal machen, bin ich mir nicht sicher.

Re: Umgang mit negativen Erlebnissen in der Öffentlichkeit

Verfasst: Di 28. Jan 2025, 10:05
von lexes
Lavendellöwin hat geschrieben: So 26. Jan 2025, 17:28 Hey...

..................

habt einen schönen Restsonntag, Marie (flo)
DAS ... das war mal ne Aufarbeitung auf hohem Niveau ... musste es zweimal lesen um alles zu verinnerlichen .... richtig cool .

Vielen Dank für die Mühe
Tira hat geschrieben: So 26. Jan 2025, 18:15 Nicht weniger Ansprüche, sondern vielleicht nur andere ;-)
Seeeehr philosophisch .. und bodenständig ... und realitätsnah ( sagt Dir jemand aus der Feuerwehr-Fraktion mit viel Respekt ) Dankeschön
Anne-Mette hat geschrieben: So 26. Jan 2025, 18:25
Und neulich wurde mir sogar gesagt in einer Runde, in der das Thema "Bekleidung" aufkam (nicht von mir): "du bist sowieso meistens die Eleganteste!"

Gruß
Anne-Mette
Das sind doch die schönsten Komplimente .... und Du bist natürlich auch maximal gesetteled .. da bringt dich wenig aus der Ruhe (he)
Vicky_Rose hat geschrieben: Mo 27. Jan 2025, 07:59 Aber je weniger ich Notiz von mir en femme nehme und mein "normales" Leben lebe, um so sicherer fühle ich mich und um so weniger Probleme habe ich mit meiner Umwelt. Es ist paradox, je weniger ich meiner Weiblichkeit Aufmerksamkeit schenke, um so wohler fühle ich mich.
Wie die Admina sagt : das macht jeder anders .... sehr schön wenn das Dein Weg damit umzugehen ist und das Du diesen Weg gefunden hast. Danke für den Denkanstoß
Alicia hat geschrieben: Mo 27. Jan 2025, 11:12
Durch das konsequente Ansehen meines Gegenübers und das freundliche "Hallo" spüre ich auch eine große Selbstsicherheit und Selbstvertrauen, auch wenn das entgegnete "Hallo" manchmal etwas gedämpfter klang oder ganz verschluckt wurde. :) Würde ich den Blicken der anderen Personen ausweichen, wäre diese Selbstsicherheit dahin. Also: Offensiv mit der Begegnungssituation umgehen, dann spürt man/frau sich auch nicht unterlegen und wird ängstlich.
Fassen wir zusammen : "Teamwork" :-) ... auch ein guter Weg (hs)
Knäckebrötchen hat geschrieben: Mo 27. Jan 2025, 22:48
Also hab ich einfach mal ganz laut durch den Zug gebrüllt "kannst Du die Sch... einfach mal lassen?! Ist ja ekelhaft, der Mist!"
DAS ist dann mal richtig mutig .. angebracht aber trotzdem tough.

Und wie immer : schwächere Charaktere sind oft nach der ersten Ansage friedlich .. offensichtlich selbst in der Gruppe (so)

Re: Umgang mit negativen Erlebnissen in der Öffentlichkeit

Verfasst: Di 28. Jan 2025, 12:43
von ExUserIn-2026-04-08
Knäckebrötchen hat geschrieben: Mo 27. Jan 2025, 22:48 und denke mir nur "was um alles in der Welt reitet ausgerechnet dich?"
Ganz einfach: Courage. Kompliment, davon braucht es in der Bevölkerung noch viel mehr. Dann wäre der braune Spuk auch zu Ende... Und es muss den Menschen, die Courage zeigen, viel mehr Unterstützung gegeben werden und sei es nur, den Dank dafür auszusprechen...

Re: Umgang mit negativen Erlebnissen in der Öffentlichkeit

Verfasst: Di 28. Jan 2025, 20:03
von Knäckebrötchen
Vicky_Rose hat geschrieben: Di 28. Jan 2025, 12:43
Knäckebrötchen hat geschrieben: Mo 27. Jan 2025, 22:48 und denke mir nur "was um alles in der Welt reitet ausgerechnet dich?"
Ganz einfach: Courage. Kompliment, davon braucht es in der Bevölkerung noch viel mehr. Dann wäre der braune Spuk auch zu Ende... Und es muss den Menschen, die Courage zeigen, viel mehr Unterstützung gegeben werden und sei es nur, den Dank dafür auszusprechen...
Das wird mir von allen möglichen Menschen immer wieder gerne unterstellt. Oft ist es aber einfach dieses "irgendwer muss es halt machen".

Mich beeindrucken dafür Menschen wie ihr, die ihr euch sozial engagiert und demonstriert, Öffentlichkeit herstellt, laut seid, Menschen begleitet ob nun am Stammtisch oder in Selbsthilfegruppen oder anderen Settings... da bin ich dann oft zu zurückhaltend, schüchtern...

Und wie schön wäre es, wenn wir uns mit unseren Stärken ergänzen und die Schwächen der anderen abfedern.

Ahso, ein kleines PS: ich kenne eure individuellen Lebensumstände nicht, von einigen lese ich, dass ihr auch viel Rücksicht auf eure Partner*innen nehmt - aber insgesamt erlebe ich die Gesellschaft als sehr offen und akzeptierend, für Menschen die ihr Leben authentisch leben und zu sich stehen. Ich möchte euch also Mut zusprechen, eure Schritte ins Leben einfach zu wagen, ohne euch im Vorhinein zu viele Sorgen oder Gedanken zu machen. (ap)