Nora_7 hat geschrieben: Do 10. Okt 2024, 23:44
Also, Putin, religiöse Extremisten, Assad u.v.m. brauchen also nur Phantasie, Offenheit, Mut - und Liebe, dann gibt es keinen Krieg mehr? Und Selensky, der IS, die Hamas etc. auch?
Am Ende läuft es genau darauf hinaus. Das wird aber nicht von heute auf morgen passieren, trotzdem ist es der einzige Ausweg aus der endlosen Gewalt, die sich durch die Geschichte zieht.
Das geht aber nur, wenn jeder Einzelne sein Teil dazu beiträgt. Meine Aussage bezieht auch dich ausdrücklich mit ein. In jedem Beitrag demonstrierst du erneut, dass es jenseits deiner Vorstellungskraft liegt, dass ein friedliches Zusammenleben möglich ist. So lange wir selbst dieser Beschränkung unterliegen, ist kein wirklicher Frieden möglich. Nicht im Kleinen, und folglich auch nicht im Großen.
Ich werbe dafür, sich der Idee zu öffnen, dass Frieden grundsätzlich möglich ist. Erst dann ist eine konstruktive Diskussion über den Weg dahin überhaupt möglich.
Setzt man die Unmöglichkeit von Frieden als Prämisse, wird das Ergebnis vorweg genommen. Das ist destruktiv, weil so keine positive Entwicklung möglich ist. Die brauchen wir aber, wenn wir aus der Spirale von Gewalt und Gegengewalt herauskommen wollen.
Bei manchen Beiträgen hier habe ich das Gefühl, dass dies gar nicht erwünscht ist. Zu dick sind die Mauern, die man um das eigene Weltbild gebaut hat. An diesen Mauern, auch an deinen, kratze ich, reiben ich mich. Das empfindest du als unangenehm.
Umgekehrt ist es genauso. Du präsentierst uns deine Ansichten, und ich fühle mich damit nicht wohl.
Wir können nun zwei Dinge tun:
Hinnehmen, dass wir unterschiedlicher Meinung sind, oder uns dafür einsetzen, dass die jeweils andere Person uns besser versteht. Da geht es erstmal gar nicht darum, ob ich recht habe oder nicht. Das interessiert mich eigentlich nicht. Mir ist nur wichtig, dass meine Gedanken von dir gesehen und reflektiert werden. Dabei erwarte ich eine gewisse Offenheit. Mehr nicht. Konstruktive Reaktionen sind dann schon das I-Tüpfelchen, das mich selbst weiterbringen kann, wenn ich mich damit offen auseinander setze.
Irgendwie sitze ich wohl immer noch der Illusion auf, dass Menschen mit unserem Anliegen, die als Teil einer kleinen Minderheit sehr viel Offenheit und Toleranz von der Mehrheitsgesellschaft einfordern, die selbe Offenheit und Toleranz für andere Themen aufbringen müssten. Zumindest sollte es uns leichter fallen als dem Durchschnittsbürger, oder?
Daher auch mein Verweis auf den Zusammenhang zwischen queeren Themen und Offenheit für andere Lebensentwürfe, Phantasie und Vorstellungsvermögen für neue Ideen und Konzepte, Toleranz für andere Meinungen und Ansichten. Die ganze Queerbewegung wäre ohne diese Eigenschaften nicht darstellbar.
Vielleicht bin ich auch deswegen immer wieder überrascht, hier eher eingefahrene Meinungen zu lesen, die dann auch noch mit einer Vehemenz verteidigt werden, die wenig Gutes vermuten lässt.
Letztlich spiegeln wir uns hier in unseren Beiträgen alle selbst, oft ohne es zu bemerken. Aber das Bild, das dadurch entsteht, ist deutlich sichtbar und wird von anderen gemäß ihrer eigenen Persönlichkeitsstruktur aufgenommen und interpretiert. An dieser Stelle entsteht der Dissens. Er hat also genauso viel mit uns selbst zu tun wie mit der jeweils anderen Person. Um das zu erkennen, müssen wir einen Schritt zurück treten und unser Ego mit seinem Drang nach Rechthaben für einen Moment ignorieren.
Gelingt das, erkennen wir womöglich, dass die Diskussionspartnerin einfach ein Mensch ist, mit Sorgen und Nöten, Bedürfnissen und Wünschen, die sich von unseren eigenen nur wenig unterscheiden. Zumindest nicht in den wichtigen Punkten.
Daraus kann Mitgefühl (Empathie) erwachsen. Vielleicht ist dieser Begriff unbelasteter als "Liebe". Jedenfalls ist das der erste Schritt auf dem Weg zu wirklichem Frieden.
Dass es ein langer Weg sein wird, auf dem es immer wieder Rückschläge und Verirrungen gibt, sollte klar sein.
Trotzdem, irgendwann müssen wir den ersten Schritt tun. Jeder einzelne Mensch für sich persönlich, in seinem Umfeld. Sonst kommen wir nie dort an, wo Frieden mehr ist, als ein Wort mit einer unscharfen Bedeutung.
Wir alle hier werden das nicht mehr erleben. Auch unsere Kinder und deren Kinder nicht. Aber ist das ein Grund, es nicht zu versuchen, gleich aufzugeben?
Wo wären wir heute, wenn unsere Vorfahren nicht irgendwann mal losgelaufen wären, ohne sicheres Ziel, ohne klare Vorstellung über den Weg. Aber mit der Überzeugung, dass es sich lohnt, sich für etwas Größeres einzusetzen.
Eine friedliche Welt könnte ein solches Ziel sein. Und gerade queere Menschen scheinen mir eine besondere Verantwortung zu tragen, weil sie besser wissen als viele andere, was Diskriminierung und Intoleranz bedeuten, und weil sie unter gewalttätigen Gesellschaften mehr leiden werden.
Wir haben im Kriegsfall mehr zu verlieren als der gut angepasste Durschnittsbürger. Neben all dem, was jeden betrifft (und das ist schon schlimm genug) werden wir unsere Identität verlieren.
Unsere Bedürfnisse werden auf der gesellschaftlichen Prioritätenliste sehr weit nach hinten rücken, und wir werden das deutlich zu spüren bekommen. Jeden Tag. Und wenn es dumm läuft, ist nach dem Krieg nichts mehr von dem übrig, was in den letzten paar Jahrzehnten an Positivem für uns entstanden ist.
Um nicht weniger als das geht es. Jetzt, hier und heute.
Ob das dann Queer für Frieden heißt und ob Demonstrationen überhaupt der richtige Weg sind, um einen Krieg zu verhindern, weiß ich nicht. Letztlich ist es auch nicht wichtig. Was zählt, ist die innere Einstellung von jedem einzeln Menschen.
Wir haben die Wahl, uns damit auseinander zu setzen und eine Entscheidung zu treffen. Noch.
Wir können aber auch einfach unseren alten Überzeugungen folgen und hoffen, dass es schon noch mal irgendwie gut gehen wird. Das hat schließlich die letzten knapp 80 Jahre auch funktioniert.
LGL
Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt.
Blaise Pascal