Und weiter geht's, Antworten Teil 3
Hallo Frieda,
Frieda hat geschrieben: Do 31. Okt 2019, 11:51
Und mir kam auf einmal die Frage in den Sinn.. "Lieben wir ein Geschlecht oder das Wesen?"
Natürlich liebe ich den Menschen als Charakter/ Wesen. Jedoch war die Offenbarung einfach SO groß, sodass ich mich einfach fragte und es auch nach wie vor tue, was sich alles NOCH verändern wird. Hätte ich ihn so kennen gelernt, dann wäre es okay gewesen. Aber ich möchte jetzt gerne einfach verstehen und nachvollziehen können, was noch alles auf mich/ uns zukommen wird/ könnte. Ich muss ehrlich sagen, dass ich Angst vor der Veränderung habe und mich natürlich sorge, was ist, wenn ich damit nicht zurechtkomme. Puh, das Thema ist einfach so komplex!
Frieda hat geschrieben: Do 31. Okt 2019, 11:51Und ich weiß ganz genau, dass es mir mein Herz zerreißen würde, würde ich Michi (egal in welchem Outfit) verliebt in den Armen einer anderen Frau erleben.
Den Gedanken kann ich sehr gut nachvollziehen! Ich bin da auch eher eifersüchtig veranlagt. Ich hab ihn angelutscht, das ist meiner

Griffel weg!
Frieda hat geschrieben: Do 31. Okt 2019, 11:51Ich verstehe deinen Schock liebe Newbie, aber vielleicht schaffst du es weiterhin deine Emotionen zu beruhigen, denn nur in der innerlichen Ruhe können wir klar denken.
Ich wünsche dir für die nächste Zeit vor allem Geduld und sehr sehr viel Einfühlungsvermögen, damit du die neue Situation nicht nur aus der Ich-Perspektive betrachten möchtest.
Ich merke, dass sich meine Emotionen langsam beruhigen. Hey, ich hab heute schon den 2. Tag, ohne, dass ich irgendwie weinend zusammengebrochen bin (naja ok, der 2. Tag hat erst gerade angefangen...) . Es geht bergauf

Es ist faszinierend und erschreckend zugleich, wie sehr unsere Emotionen uns beeinflussen können. Ein rationales Denken war mir wirklich einfach nicht möglich, mein limbisches System hatte einige Tage Dauer- Party.
Hallo Josii,
zuerst möchte ich mich bedanken, dass du deinen ursprünglichen Beitrag noch etwas verändert hast. Der ursprüngliche Satz "es wird Zeit, endlich erwachsen zu werden", hat mich doch etwas verstimmt. Klar, ich bin mit meinen knapp 33 Jahren noch nicht so lebenserfahren wie manch anderer hier, aber ich stehe voll im Leben, habe jobmäßig eine Führungsposition mit über 25 Mitarbeitern, die ich koordinieren und betreuen muss. Zudem bin ich Ansprechpartnerin für unzählige Patienten und deren Angehörige, bin u. a. Palliativfachkraft und habe mich schon so viel mit dem Thema Sterben und Tod und deren Begleitung auseinander gesetzt, wie vielleicht noch nicht mal ältere Menschen als ich. Daher kann ich schon von mir behaupten, dass ich erwachsen bin, was ich an diesem Punkt gerne mit einer gewissen emotionalen Reife und Empathiefähigkeit gleichsetzen möchte.
Jedoch waren die Emotionen, die ich letzte Woche erfahren habe, so anders als alles andere, was ich bisher erlebt habe. Plötzlich war ich nicht mehr diejenige, die um Rat gefragt wurde (so wie ich es sonst gewohnt bin), sondern auf einmal bin ich selbst betroffen, meine Rolle hat sich also völlig verändert. Das hat mich einfach von den Socken gehauen. Ich denke, es ist in so einer massiven Belastungssituation (was es einfach nun mal für mich war) nachvollziehbar, dass da ein paar Sicherungen flöten gehen. Natürlich kann ich dann auch nicht so empathisch sein und Mitgefühl für mein Gegenüber erbringen, denn meine eigene Welt stand auf einmal auch Kopf und ich war nicht in der Lage auch nur einen klaren Gedanken zu fassen.
Mittlerweile sieht das alles etwas anders aus, aber es liegt nun auch gut eine Woche zwischen den Ereignissen. Ich möchte hier also eigentlich auch nur daran erinnern, dass so ein Geständnis auf beiden Seiten nicht einfach ist. Sicherlich kann man da nicht alle über einen Kamm scheren, mit Sicherheit gibt es auch die Ausnahmen, die das mit einem Schulterzucken aufnehmen, aber dazu zähle ich einfach nicht. Bitte urteilt dann einfach nicht zu schnell, für uns Partnerinnen ist das auch Neuland und wir brauchen, genau wie der Betroffene selbst, Zeit und Zuneigung und ein offenes Ohr für unsere Sorgen, denn unser aller Leben wird nicht mehr so sein, wie es mal wahr.
Josii hat geschrieben: Do 31. Okt 2019, 12:41
Nach so vielen Jahren zerbrechen Welten nur wenn man sie zerstört oder man nimmt einen Anlaß um das schon lange Zerstörte endlich anzuschauen. Manchmal muß man sich den Erhalt der eigenen Welt auch etwas kosten lassen - die Veränderungen (dazu gehört nicht nur das Outing Deines Mannes sondern eine Vielzahl von Möglichkeiten inkl. Traumata, die jederzeit passieren könnnen.) anzuerkennen, sie zu akzeptieren und irgenwann lernen sie zu verstehen.
Josii hat geschrieben: Do 31. Okt 2019, 12:41Ich würde Dir wünschen, daß Dir die Umkehr möglich ist und wenn der Schock sich legt die Angst und die Scham in den Griff zu bekommen ist.
Ich denke, dass wir beide gerade auf einem guten Weg sind. Der erste Schock ist etwas verflogen und ich kann langsam wieder denken. Wir haben sehr viel gesprochen und ich kann mich auch den Fokus von meinem "Drama" auf ihn lenken und ich versuche wirklich zu verstehen und nachzuvollziehen, was nun Sache ist. Es liegt noch ein langer Weg vor uns, aber ich möchte dem wirklich eine Chance geben, denn bisher kam aufgeben für uns noch nie in Frage und ich hoffe, dass das auch so bleiben wird. Wir sind fast 16 Jahre zusammen, das wirft man nicht einfach mal so eben weg, wenn noch Gefühle da sind.
Liebe Anne- Mette,
ich kann dir gar nicht sagen, WIE dankbar und beruhigt ich über deinen Kommentar war. Er brachte eine große innere Ruhe in mir hervor und ich fühlte mich dir sehr verbunden, dafür danke ich dir wirklich von Herzen

Zwischendurch "wehte" hier ein merkwürdiger latenter Wind... Menschen, die aufgrund ihrer eigenen Geschichte um Verständnis bitten und dann für die andere Seite in so einer emotional belasteten Situation selbst die Akzeptanz nicht aufbringen können, das erschien mir im Anflug doch etwas paradox. Ich habe jedoch einige Nachrichten von lieben Usern bekommen und kann den Unmut/ Sorge zum Thema "Betty Threads" nun auch nachvollziehen. Ich möchte hier einfach nur meine Geschichte erzählen und berichten, wie ich es empfunden habe und mich mit anderen Betroffenen beider Seiten austauschen, denn ich merke, dass es mir verdammt gut tut. Das Thema ist Neuland für mich, aber ich möchte dem eine Chance geben und mich damit auseinandersetzen.
Anne-Mette hat geschrieben: Do 31. Okt 2019, 13:15
hier ist zwar auch "eine Welt auseinandergebrochen";
aber ich entdecke dabei gleichzeitig einen Willen, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen ohne sich über die betroffene Person oder auch UserInnen dieses Forums lustig zu machen, diese lächerlich zu machen oder sich zu erheben.
Das hast du schön und treffend formuliert

Ich möchte niemanden verärgern oder bloß stellen, das liegt mir alles wirklich fern. Ich möchte einen Einblick in eine neue Welt erhalten und suche gerade einen Reiseführer, der mich führen und leiten kann. Es ist unfassbar, wie viele liebe Nachrichten ich privat erhalten habe und wie viele Menschen Anteil an meiner Geschichte nehmen.
Anne-Mette hat geschrieben: Do 31. Okt 2019, 13:15"Es ist eine Welt auseinandergebrochen" - das höre und lese ich häufiger, wenn es um die Themen intersexueller und transsexueller Menschen geht.
Dabei bricht die Welt in der Regel für viele Menschen auseinander -
für die Betroffenen sowie für die Angehörigen.
Manchmal fügt sich "die Welt" wieder neu zusammen - und manchmal entsteht "eine neue Welt" - oder sogar "mehrere neue Welten".
Das hast du schön formuliert
Hallo Nicole,
Nicole Doll hat geschrieben: Do 31. Okt 2019, 13:56
Aus meiner Sicht ist Euer gemeinsamer Weg schon lange nicht mehr ein solcher gewesen.
Da gebe ich dir Recht. Es hat sich mit der Zeit einfach etwas verändert, immer langsam und schrittweise, sodass man den Verlauf erst in Anbetracht der ganzen Zeit bemerkt hat. Wir waren zu zweit, und doch alleine. Er konnte sich nicht öffnen und ich wusste nie, was los war und fühlte mich dadurch alleine.
Nicole Doll hat geschrieben: Do 31. Okt 2019, 13:56
Dein Mann hatte einfach nur Angst, dass alles am Ende zusammen bricht. Also versuchte er irgendwie wie gewohnt weiter zu machen. Aber da ist diese Gewissheit, dass es nicht mehr lange so weiter gehen kann. Es wird immer unerträglicher. Die Kräfte schwinden. Aber alles einfach aufgeben? Nein! - Was ist, wenn ich verlassen werde und dann ganz alleine da stehe? Halte ich das dann irgendwie aus? Oder springe ich vor den Zug?
Seine Gefühle kann ich jetzt auch alle verstehen und nachempfinden. Es muss für alle Menschen, die in so einer Situation stecken, ganz schrecklich sein, wenn man nicht weiß, was Sache ist. Der Druck musst unfassbar massiv sein und wie soll man dann den Menschen erklären, was los ist, wenn man es selbst nicht einschätzen kann? Jetzt bin ich soweit, dass ich wieder klare Gedanken fassen kann, aber das ging letzte Woche einfach noch nicht.
Hallo Luna,
Luna hat geschrieben: Do 31. Okt 2019, 17:12
Wenngleich ich selbst betroffen und nicht Partnerin bin, kann ich sowohl Deine Wut als auch jede einzelne Deiner Ängste sehr gut nachvollziehen. Auch ich war nicht ehrlich zu meiner Frau und nach meinem Zwangsouting bekam ich (völlig zu Recht) von meiner Frau nahezu 1 : 1 das zu Hören, was Du beschrieben hast.
Es erleichtert mich, dass andere Betroffene genau die gleichen Empfindungen haben, dann bin ich nicht die einzige mit einem Sprung in der Schüssel *lach*
Du schreibst jedoch "Zwangsouting", das ist dann ja auch nochmal eine ganz andere Schublade. Puh, das war auch sicher sehr schwer für dich und deine Partnerin.
Luna hat geschrieben: Do 31. Okt 2019, 17:12Wie es bei Euch weitergeht, kann jetzt wohl niemand sagen, das könnt nur ihr selbst in vielen und langen Gesprächen herausfinden bzw wird die Zeit das zeigen. Denkanstöße dazu hast Du ja schon von den Vorposterinnen genug bekommen. Ich lese jedenfalls, insbesondere aus Deinem zweiten Beitrag auch eine große Empathiefähigkeit, Verständnis und tiefe Zuneigung heraus, was jedenfalls schon mal eine gute Basis für eine weitere gemeinsame Zukunft ist.
Vielen Dank!

Wir haben mittlerweile ganz viele Gespräche geführt und ich konnte mich langsam etwas beruhigen. Die Gefühle sind nach wie vor da, natürlich.
Luna hat geschrieben: Do 31. Okt 2019, 17:12Was ich damit sagen will: Natürlich fühlst Du Dich jetzt als Leidtragende. Aber auch für Deine(n) Partner(in) gab es sicher viel Leid. Es ist höllisch schwer seine Persönlichkeit oder zumindest einen großen Teil davon jahrelang zu unterdrücken und es ist nicht weniger leicht, zu einem geliebten Menschen nicht ehrlich zu sein, aus Angst ihn zu verlieren. Und welchen Grund hätte es sonst geben sollen, nicht offen zu Dir zu sein?
Nachdem ich meine Emotionen sortieren konnte, kann ich diesen Gedankenansatz total nachvollziehen! Für ihn ist es ja genauso schlimm gewesen. Aber dafür musste ich erstmal aus meiner HB- Hütte heraus und die Situation nüchtern von aussen, soweit es eben ging, betrachten.
Hallo Emmi Marie,
!EmmiMarie! hat geschrieben: Do 31. Okt 2019, 19:28
Aber es hat sich schnell gezeigt, das unser Fundament fest verankert ist und sie mein Leben,
nicht nur akzeptiert sondern auch völlig unterstützt-sie weiss ich wäre sonst im Inneren komplett
zerbrochen, es war auch nicht mehr weit hin. Und umgekehrt bringe ich ihr die gleiche
Einstellung entgegen..sie hat auch hmm spezielle Seiten.
In all den Jahren stand mir mein Mann auch immer zur Seite, wenn ich gefallen bin, half er mir aufzustehen und er hat mir IMMER die Zeit gegeben, die ich wirklich für mich brauchte. Er hat mich nie gedrängt oder zu irgendwas gezwungen und ich möchte ihm das natürlich auch erwidern. Ich hoffe wirklich inständig, dass ich das mit der Zeit hinbekomme.
!EmmiMarie! hat geschrieben: Do 31. Okt 2019, 19:28
Es ist vielleicht nötig, alte Konzepte loszulassen, neue zu erarbeiten und sich auch teilweise neu
kennen zu lernen..
Prinzipiell habe ich da ja auch nichts gegen, ich versuche die Veränderung wirklich gerade als Chance zu sehen und zu nutzen. Nur bisher musste ich mich mit dem Thema nie wirklich auseinander setzen, zumindest nicht so massiv. Es war einfach "normal", dass wir "hetero" (ich weiß jetzt gerade nicht, ob das der richtige Begriff ist, verzeih bitte, wenn ich in den Begrifflichkeiten noch nicht fit bin) waren und lebten so unseren Alltag.
!EmmiMarie! hat geschrieben: Do 31. Okt 2019, 19:28
deshalb wünsch ich dir zu jeder Zeit ein offenes Herz, das sich berühren lassen kann..und euch
zusammen ganz viel Glück, Kraft und Sehnsucht auf die Zukunft..
Ich danke dir
Hallo Betty,
betty hat geschrieben: Fr 1. Nov 2019, 00:46
Ich bin eine Ehefrau, die lange gekämpft hat, aber meine Welt zerbrach an diesem Thema. Wir konnten dieser Sache nicht stand halten. Auch mir wurde nach 20 Jahren Ehe plötzlich das outing um die Ohren geknallt. Wir haben 5 Jahre gekämpft und haben verloren.
Ich sage mal vorsichtig: dein Name eilt dir schon voraus. Es tut mir wirklich Leid, dass du und dein geliebter Mensch keine gemeinsame Ebene finden konntet und die Beziehung zerbrochen ist. Deine Emotionen kann ich durchaus nachempfinden, wenn letzte Woche noch stand ich selbst am Rande des Wahnsinns.
betty hat geschrieben: Fr 1. Nov 2019, 00:46Was ich ganz klar klarstellen möchte, nein diese Menschen sind nach dem outing nicht mehr die gleichen. Es verändert sich sehr viel, mit dem ich nicht leben wollte.
Fühle in dich hinein, ob du mit dieser Veränderung leben kannst und möchtest.
Natürlich verändern sich die Betroffenen, denn endlich können sie sich öffnen und so leben, wie sie es möchten und brauchen. Ich denke, dass die Grundzüge gleich bleiben, und auch die Gefühle sich nicht verändern (mein Mann ist ja nun per se durch das Outing kein schlechterer Mensch geworden, was sein Wesen betrifft). Sie fühlen sich freier und im Ernst: sie haben auch nur dieses eine Leben, genauso wie du und ich. Wenn ich morgen sterben würde, würde ich gern zufrieden auf mein Leben zurück blicken und sagen können: JA, ich habe GELEBT. Ich habe mein Leben so gelebt, wie es mir möglich war und das ist okay so. Genau das wünsche ich meinem Mann auch, jetzt, wo er sich gefunden hat und weiß, was er möchte.
Ich würde dich aber noch gerne fragen, warum du nach wie vor hier im Forum bist, wenn euer Leben nun getrennte Wege geht und du dich damit allem Anschein nach nicht abfinden konntest. Das ist wirklich wertfrei gemeint, es interessiert mich einfach nur, weil euer "Kampf" ja vorbei ist, wie du es geschrieben hast. Deine Intentionen interessieren mich einfach sehr.