Lady Jennifer hat geschrieben: Di 15. Okt 2019, 12:57
Zum besseren Verständnis möchte ich dir gerne erklären, wo für mich zwischen Transvestit (oder "neudeutsch") Crossdresser und Transsexuellen der Unterschied besteht:
Als Crossdresser habe ich nicht den Wunsch meinen (männlichen) Körper per Hormone (etc. - oder gar Operation) in einen weiblich "umzuformen". Und so wie ich das verstanden habe, gehen Transsexuelle eben diesen ganzen Weg (wollen keinen Penis haben, dafür aber Brüste). Sprich, nicht nur äußerlich von Kleidung und Passing her weiblich erscheinen, sondern auch vom Körper her. Ich möchte das nicht - ich möchte mein "bestes Stück" behalten, sexuell (gesehen) ist mir das eben wichtig!
Liebe Jennifer,
vielen Dank, dass Du Dich hier beteiligst und ich hoffe, dass Du Dein Weltbild doch noch einmal etwas verändern kannst. Denn ich glaube, dass Deine Sichtweise auf Transsexualität und Transvetismus nicht richtig ist. Ich musste lächeln, als ich Deinen Beitrag gelesen habe, denn vor einigen Jahren hätte ich das fast genauso gesehen.
Aus meiner Sicht, legst Du den Schwerpunkt jedoch falsch. Der Kern von 64.0 ist: Der Wunsch, als Angehöriger des anderen Geschlechtes zu leben und anerkannt zu werden.
Da geht es erst einmal gar nicht darum Hormone zu nehmen oder sich den Penis entfernen zu lassen. Und es geht schon gar nicht darum sich umzuformen. Alleine dieser Begriff zeigt, wie wenig Du Dich mit der Materie auseinandergesetzt hast (auch, wenn er in klammern steht). Aber dass ist auch nicht schlimm. Nur bitte verbreite so etwas nicht laut.
Wir reden hier von geschlechtlicher Anerkennung als Frau, nicht von Sexualität. Ob jemand seinen Penis behalten will oder nicht, ist daher kein Kriterium, ob er vielleicht Transsexuell ist. Das ist erst einmal völlig unwichtig. Das klärt sich dann später. Ich kenne viele Menschen, die sich als Transsexuell definieren und auch die Indikation haben, aber keine Maßnahmen machen können (aus gesundheitlichen Gründen) oder diese aus anderen Gründen für sich ablehnen. Und dennoch wollen sie dauerhaft als Frau leben und anerkannt werden. das ist der Kern. (Nur stoßen diese Menschen dann oft auf gesellschaftlich Hürden)
Vielmehr ist die Frage ob folgendes zutrifft: trägst man gegengeschlechtlicher Kleidung, um die zeitweilige Erfahrung der Zugehörigkeit zum anderen Geschlecht zu erleben oder will man dauerhaft als Frau anerkannt werden. Der Übergang ist übrigens fließend und nicht selten definieren sich einige erste einmal als Transvestit, um später zu bemerken, dass sie doch transsexuell sind. Warum: Weil sie sich auf Grund Ihres Weltbildes nicht eingestehen können, das sie im Grunde eine Frau sind (das muss man selbst erst mal verstehen, da ist Transvetismus die "einfachere Lösung"). Das würde ja viele Konflikte mit sich bringen und vor allem die eigene Sexualität hinterfragen. Aber darum geht es ja nicht, sondern um die geschlechtliche Zugehörigkeit. Wer das nicht verstanden hat, wird Transsexualität wohl nicht nachvollziehen können.
Aber/Und nein, es gibt nicht nur transsexuelle Menschen. Es gibt auch Transvestiten und Travestiten, Fetischisten und Menschen dazwischen. Alle mit gleicher Berechtigung zu sein.
Noch ein private Anmerkung zum "besten Stück". Wenn jemanden der Penis - also das männliches Geschlechtsorgan - für die Sexualität so wichtig ist, möchte ich das nicht kritisieren oder gar ausreden. man kann ruhig männlich in dieser Beziehung sein, aber ich möchte jedem von ganzem Herzen raten, sich davon einmal zu lösen und seine eigentliche Sexualität zu entdecken, denn da ist viel viel mehr als nur das vermeintlich "beste Stück". Das gilt insbesondere für Männer.
Ich hoffe ich konnte einigermaßen darlegen, dass Deine Definition von Transsexualität aus meiner Sicht nicht passt / nicht ausreichend ist. Es geht letztendlich nicht darum, Menschen in Schubladen zu stecken, sondern sehr genau zu schauen, wo sie denn hingehören können und in irgendeine Nische passen wir schon rein - das ist ja das schöne an unserer derzeitigen Gesellschaft. Ich bewundere Dein persönliches Engagement und auch das Deiner Mutter (die ich hiermit auch lieb grüße). Aber nur seine eigene Welt zu sehen und seine Grenzen und Ansichten nicht zu hinterfragen, finde ich schwierig.
Und ich frage daher noch einmal ... wer braucht den Begriff Vollzeitfrau und wer und was ist damit gemeint. Den Begriff Teilzeitfrau finde ich übrigens sehr charmant, er gefällt mir im Grunde recht gut. Ich habe ihn früher auch gerne mal verwendet .... Aber Vollzeitfrau? Wenn ein Transvestit keine Frau sein, sondern nur ein "Passing" hinlegen möchte, warum sollte er das denn Vollzeit machen? Wär er dann nicht korrekterweise ein VollzeitTransvestit? Oder will er dann doch eher dauerhaft als Frau gesehen und anerkannt werden, traut sch diesen Schritt aber aus welchen Gründen einfach nicht zu? Und Gründe nicht Transsexuell zu sein gibt es viele ... ich hatte auch einige auf Lager.
Und nicht, dass dies jetzt in den falschen Hals kommt - ich möchte hier niemanden umdrehen, etwas in den Mund legen oder bestimmen, was er ist oder nicht - da sind wir alle zum Glück alt genug, um für uns selber zu fühlen und zu sprechen. Und, dass die Definitionen des ICD nicht alles erschlägt ist wohl auch jedem hier im Forum klar, der sich mit dem Thema beschäftigt hat. Nur, es sind nun mal die einzigen festgeschrieben und "anerkannten" Definitionen, soweit ich das weiß.
Ich finde es übrigens wichtig und richtig, dass man sich darüber unterhält und vielleicht auch streitet. Denn nur, wenn wir Definitionen haben, können wir auch Dinge einfordern und unseren Platz in der Gesellschaft einnehmen. Je größer der Rahmen einer Wortbedeutung, um so mehr passen da unter den Schirm. Das fände ich am Anfang erst einmal wichtig und ich bin voll bei dem Beispiel von Rabea-Marie: wir brauchen Fundamente.
Alles Liebe
Vanessa