Nicole Doll hat geschrieben: Di 16. Okt 2018, 14:12
wenn wir immer einfach wir selbst sein könnten ohne eine Rolle zu spielen
Ich verstehe nicht, was an Rollen per se schlecht sein soll. Sie erleichtern den Umgang miteinander.
Ich denke, es geht darum, dass man selber in einer Rolle nicht zum "Abziehbild" wird, sondern sich selber vertritt. Ich kann nicht den ganzen Tag immer das gleiche "Ich" sein. Wenn ich z.B. meine Dienststelle in einer Besprechung vertrete, bin ich z.B. in der Rolle "Mitglied einer Arbeitsgruppe, das ein bestimmtes Themenfeld vertritt". Ich kann aber trotzdem ich selber sein, wenn es z.B. um den Umgang mit anderen Mitgliedern der AG geht. So sehe ich als ein wesentliches Element meines Ichs an, kooperativ zu sein und die Interessen anderer immer im Blick zu haben.
Deshalb ist für mich eine "Rolle" nicht das Gegenteil von "Ich selber sein". In einer Rolle fokussiere ich auf Teilaspekte und andere treten in den Hintergrund. Wichtig ist für mich, dass die Rollen insgesamt mir gerecht werden. Ich lebe nicht immer die Rolle "Frau", aber sie ist immer in irgendeiner Form präsent. Deshalb ist mir das Äußere im Laufe der Zeit auch in der Bedeutung zurück gegangen. Es macht mir Spaß, die Rolle "Frau" in besonderer Weise zu betonen. Aber das sind Ausnahmen. Zunehmend gefalle ich mir en femme auch "ganz normal" in Jeans und Pulli.
Die meiste Zeit lebe ich dennoch en homme. Aber als Rolle ist mir das eher fremd. Es ist eher ein neutraler Zustand, mit dem ich meist klar komme und durch meine Sozialisation auch nicht weiter auffalle. Ich frage mich manchmal, wie ich mich denn fühlen würde, wenn ich tatsächlich körperlich und gesellschaftlich eine Frau wäre und so von anderen gesehen würde ? Wäre mein Inneres dann ein anderes ? Oder wäre mein Inneres z.B. durch Hormone dann ein Anderes ?
Die Frage von Vanessa, was denn eine Frau sei, finde ich deshalb auch so spannend. Ich finde meine Geschlechtlichkeit als gar nicht so sehr als mein "Ich". Es ist scheinbar nicht wesentlich. Ich bewundere Menschen, die von sich mit Überzeugung sagen können, sie seien "Mann" oder "Frau", das also als ein wesentliches Teil des Ichs sehen. Das gelingt mir nicht. Es ist mir wichtig, von Zeit zu Zeit Geschlechtlichkeit auszudrücken, aber meist ist es mir gar nicht bewusst.
Und je länger ich nachdenke, um so mehr frage ich mich, wer bin ich und was macht mich im Kern aus ?
In engem Zusammenhang damit steht für mich die Selbstwahrnehmung. Ich gehe davon aus, dass ich mich als Mensch gar nicht ganz wahrnehmen kann. Ich erkenne immer nur Teilaspekte. Zudem verändere ich mich ständig. Es ist wie bei der Heisenberg'schen Unschärferelation (
https://de.wikipedia.org/wiki/Heisenber ... ferelation). Je präziser ich einen Teilaspekt betrachte, um so unschärfer wird er. Beispiel Weiblichkeit: Wenn ich versuche den Begriff für mich begreifbar zu machen, um so mehr merke ich, dass das keine Weiblichkeit ist, die ich betrachte, sondern "nur" Eigenschaften von mir. Betrachte ich Einfühlungsvermögen als ein Bestandteil von Weiblichkeit, erkenne ich, dass es dieses nicht an Weiblichkeit gebunden ist. Außer Gebären fällt mir nicht viel ein, dass an Weiblichkeit gebunden ist. Aber sind Frauen, die nicht, noch nicht oder nicht mehr gebären können, deswegen unweiblich ? Sicher nicht.
Vielleicht ist Weiblichkeit gar keine Eigenschaft, sondern eine Art Gefühl oder eine Selbstwahrnehmung. Sie ist nicht greifbar, weil sie nicht definierbar ist. Deshalb kann es mir auch keiner absprechen, wenn ich so empfinde(n will).