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Re: Wie verändern sich Eure Gefühle beim "Rausgehen"

Verfasst: So 22. Apr 2018, 22:41
von Andrea aus Sachsen
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Saari hat geschrieben: So 22. Apr 2018, 13:15 das "sollen und können" ist in diesem Zusammenhang so viel wie "sollen und müssen". Diese Hilfsverben sind doch nicht bestimmten Subjektiven zugeordnet. Der Sinn ergibt das Ergebnis. Wenn ich auch mal die Hilfsverben sollen und können verwendete, so kann ich auch das müssen mit einschließen.
Ich glaube zwar, mich in der deutschen Grammatik gut auszukennen, doch das verstehe ich leider nicht. Aber lassen wir das! Das gehört nicht hier in Vickys Thread.

Re: Wie verändern sich Eure Gefühle beim "Rausgehen"

Verfasst: Mo 23. Apr 2018, 11:20
von Vincent
Ich finde diesen Fred sehr spannend, habe dabei irgendwie das Gefühl, dass die ersten Beiträge irgendwie zusammen passen, und die etwas nachdenklicheren weiter hinten zu finden sind?

Vielleicht habe ich auch eine, etwas ungewöhnlichere Geschichte, die in verschiedenen Episoden spielt.

Die Erste Episode, ich war ca. neun Jahre alt:
Ich habe mit der Nachbarstochter und Freundin für meine Eltern das Märchen Hänsel und Gretel gespielt, ich war Gretel und dafür haben wir Kleider getauscht.
Es war nur eine Rolle aber meine Eltern fanden es witzig und in Ordnung. Schon bald darauf als meine Freundin wieder einen Rock trug, was sie hasste, kam sie mit dem Vorschlag wieder die Kleidung zu tauschen. Ich jubelte innerlich, hatte aber, so ganz ohne Begründung, Zweifel an der Reaktion meiner Mutter. Ich tat es trotzdem, versuchte mich aber nicht sehen zu lassen. Zuhause natürlich zwecklos"¦
Die Reaktion war neutral - für meine Freundin und mich Anlass es fast zur Routine werden zu lassen, wenn sie wieder Rock oder Kleid tragen musste.
Das schlechte Gewissen und das Kribbeln waren irgendwann weg, es war einfach nur noch schön und entspannt.
Irgendwann kam dann von meinen Eltern ein klares Verbot. Anlass und Grund sind mir unbekannt.

Die zweite Episode:
Als ich mit ca. 20 meine Freiheiten und ein eigenes Auto so wie ausreichend Geld hatte, fuhr ich oft nachts, an entlegenste Stellen um in Heels, Röcken oder anderer Damenkleidung ein bisschen spazieren zu gehen. Für mich war das jedes Mal wie ein Bungeesprung: Adrenalin pur, obwohl ich fast nie einem Menschen begegnet bin, und wenn, war es so dunkel, dass man mit Sicherheit nicht sehen konnte, was ich trug. Geändert hat sich damals für mich nichts, es blieb immer gleich, sooft ich es wiederholte. mutiger wurde ich auch nicht.

Das Ende dieser Phase stellte ein großes Experiment dar, über das ich mich heute noch wundere, wundere woher ich den Mut damals plötzlich nahm, einfach so, ohne Inspiration aus dem Internet, und ohne Kontakt zu Gleichgesinnten:

Ich war viel in der Jugendarbeit beschäftigt, damals und es gab ein konzeptionelles verlängertes Wochenende für die Leitungspersonen. Das Besondere daran war, dass ich von den anderen Teilnehmer(innen) im Vorfeld niemand kannte, ausser einem guten Freund.
Mit ihm diskutierte ich oft die vage Option bzw. Phantasie daran als Frau teilzunehmen, was er nicht nachvollziehen konnte, mich aber bestärkte es zu versuchen - nach dem Motto "was soll schon passieren" (und u.U. dass ich ihn endlich damit in Ruhe lasse)

Ich tat es, als einziger Mensch im Rock, acht Frauen, ein Mann und ich. Ich durchlebte ein Wechselbad der Gefühle, von der Zimmeraufteilung angefangen, über meinen ungewohnten neuen Namen, bis zu meiner neuen Rolle, vor allem dem anderen Umgang mit gleichaltrigen jungen Frauen.
Ich war gleichzeitig euphorisch, nervös, gestresst und unsicher vor allem aber unkonzentriert, was das eigentliche Thema betraf, auf der Anreise und dann zwei Tage lang. Am dritten Tag war dann plötzlich alles normal und entspannt für mich, ich machte mir kaum mehr Gedanken über meine Rolle, mein Verhalten und Aussehen. Ich war plötzlich eine von "uns Mädels".

Tag 4 hatte es wieder in sich. Ich erwachte mit dem Widerwillen eine Frau mimen zu müssen. Natürlich war allen Anwesenden sehr schnell klar, dass ich biologisch ein Mann bin, sie hatten mich aber uneingeschränkt als Frau akzeptiert. Einen Wechsel wollte ich ihnen nicht zumuten und diesen, letzten, Tag stand ich auch noch durch.

Noch in dieser Woche fielen meine sehr langen und damals noch sehr üppigen Haare der Schere zum Opfer.

Das Thema "Frau sein" hatte sich für mich, öffentlich, erledigt, ein Rock oder Kleid gelegentlich mal heimlich zuhause blieb.


Derzeitige Episode, deren Beginn einige Jahre nach der letzten liegt:
Die Erkenntnis, dass Mann nicht unbedingt eine Frau spielen muss wenn man mehr Kleidungsauswahl will.

Ganz vorsichtig und unsicher habe ich mit Leggings, erst zuhause offen vor meiner Partnerin, dann öffentlich angefangen, war jedes mal unsicher und nervös bei jedem neuen Einzelstück, erst Recht bei jeder neuen Kleidungsart und so ist es auch einige Jahre später noch.

Natürlich ist das irrational, aber trotzdem bin ich mir unsicher bei jedem neuen Rock oder Kleid das ich ausführe, oder bei jeder neuen Situation. Ich denke das vergeht auch nicht.
Meine gewohnten Alltagsröcke oder Leggings nehme ich mittlerweile kaum noch wahr - normal für mich und meine Umgebung ebenso wie verschiedene Strickkleider, seit dem vergangenen Winter. Sogar einen offiziellen Termin habe ich im Strickkleid, mit FSH wahrgenommen.
Ob ich im nächsten Winter wieder von vorne beginne, mit meine Salamitaktik, meinen Bedenken und Unsicherheitenbeim Thema Strickkleid? Ich weiß es nicht, befürchte es aber... :roll:

Ich werde sehen, was oder wie die nächste Episode sein wird, sofern es sie gibt"¦

Re: Wie verändern sich Eure Gefühle beim "Rausgehen"

Verfasst: Mo 23. Apr 2018, 20:50
von ponygirl
Ich möchte mal noch eine Geschichte erzählen als ich das erste Mal als Mädchen in die Öffentlichkeit ging.

Ist ja schon eine Weile her: Da war ich 16 Ich fuhr mit meinem Mofa in den Wald : Ich hatte in meinen Satteltaschen ein Oberteil, einen gestuften Minrock mit bunten Punkten und weiße Mädchensandalen. Die Sachen hatte ich ein paar Tag in einem Bekleidungsgeschäft gekauft unter dem Vorwand, das wäre für meine Cousine in Ungarn. Ich zog mich dann auf einem Waldweg um und fuhr dann so in die nächstgrößere Stadt von mir .Unterwegs machte ich mir schon Gedanken was da alles passieren könnte ( Polizei könnte mich verhaften, Eine bekannte Person würde mich entdecken, Passanten würden mich auslachen etc.) Aber mein Drang mich so in der Öffentlichkeit zu zeigen war viel zu groß. Ich hatte regelrechtes Bauchweh und bekam fast Durchfall, ich konnte es gerade noch so durchhalten. Ich fuhr in die Stadt dort in die Innenstadt stelle mein Mofa ab und schloß es ab. In einer Tüte nahm ich meine Jungssachen mit, ich hatte ja Angst das mein Mofa vielleicht geklaut würde und dann wäre ich dagestanden. Bei den ersten Schritten waren meine Knie so was von weich. Aber als erstes mußte ich auf die Toilette, ich ging dann in ein großes Kaufhaus und vor lauter Aufregung und Gewohnheit Richtung Männertoilette. Als ich gerade die Tür hinter mich schloß kam schon ein Mann mir entgegen und sagte: Junge Dame da bist du wohl falsch. Vor lauter Aufregung sagte ich gar nichts und ging schnurstracks wieder raus und dann auf die Frauentoilette. Dann gings gleich natürlich zur Frauenmodeabteilung und schaute mir die schönen Kleider usw. an. Langsam wurde ich sicherer und merkte das ich gar nicht so auffiel. In den großen Spiegel bewunderte ich mich immer wieder. Ich sah tatsächlich ein junges hübsches Mädchen. Ich ging dann noch so durch die Fußgängerzone und hörte auch wie manche Jungs mir hinterherpfiffen. Als ich wieder bei meinem Mofa war( es wurde zum Glück nicht geklaut) war ich sowas von glücklich. Die nächste Nacht konnte ich aber trotzdem nicht schlafen, dieses Erlebnis war einfach zu überwältigend für mich. Na ja und so ging es weiter bis jetzt. Nur vollständig Outen obwohl ich mich als wirkliche Frau im Innern fühle habe ich bis heute nicht geschafft, warum auch immer. Aber irgendwie hab ich das Gefühl das es doch bald soweit ist.

Liebe Grüße Nina

Re: Wie verändern sich Eure Gefühle beim "Rausgehen"

Verfasst: Mo 23. Apr 2018, 21:53
von Magdalena
Hallo,

Ich glaube schon, dass ich mich mit den Jahren stark verändert habe und sich auch mein Gefühl en femme sich geändert hat. Wenn ich so heute an meiner ersten Ausflüge zurückdenke, da war noch viel Angst mit im Spiel. Von geniesen en femme unterwegs zu sein, kann nicht die Rede gewesen sein. Auf jedes Gespräch in meiner Nähe, so dachte ich, werden ander sich über mich lustig machen. Direkten Augenkontakt vermied ich. Und irendwie war ich stets froh unbeschadet wieder zu Hause zu sein. Sicher spürte ich den Wind, der um meine Beine wehte. Heute ist es etwas selbstverständliches wenn der Wind mir unter den Rock fährt. Mochte ich früher eher jedes Gespräch vermieden haben, so reise ich heute en femme. Dabei habe ich die Eine oder Andere hier aus dem Forum auch schon persönlich kennen lernen dürfen. Dies sind dann besondere Momente.

Aber auch die Begegnungen, welche noch nach Jahren im Gedächnis bleiben. Erlebnisse en femme. So wie auch hier schon beschrieben bei meinen Reisen. So war es in Wien, wo ich abends eine Schifffahrt auf der Donau unternahm. Ich sas an einem Tisch mit Touristen aus England und Dänemark. Wir kannten uns voher noch nicht. Und am Ende der Schifffahrt verabschiedeten wir uns herzlich, als ob wir uns eine Ewigkeit schon vertraut waren.

Aber es sind auch so Alltäglichkeiten, wie ein Restaurantbesuch en femme. Da war ein Café in dem fast alle Tische belegt waren. Ich setze mich an den letzten freien Tisch, ein Zweiertisch. Eine Dame, etwas älter als ich, setzt sich zu mir. Wir kommen ins Gespräch. Ich werde einfach als Frau gesehen. Und ich kann es einfach nur genießen. Oder da ist mal wieder neues für das Make-up nötig. Früher ein schier unmögliches Unterfangen, ohne dabei rot zu werden. Heute gehe ich en femme zu einem entsprechenden Geschäft, ich verzichte hier mal bewusst auf Namen, und lasse mich beraten. Was passt zu meinem Hauttyp!

Da hat sich schon deutlich etwas verändert. Weil ich, so empfinde ich es, mich so gebe, wie ich mich fühle. Dabei ist mir perfektes Passsing unwichtig geworden. Anfangs habe ich mich immer selbst kontrolliert, ist der Gang weiblich, wie fallen die Reaktionen auf der Strasse aus. Ich war zu sehr mit mir selbst beschäftigt und vieles ging mit im Kopf herum. Dies ist heute anders. Mein Selbstbewusstsein ist stärker geworden.

Viele Grüße Magdalena

Re: Wie verändern sich Eure Gefühle beim "Rausgehen"

Verfasst: Mo 23. Apr 2018, 23:34
von Diana.65
Hallo.

Ich denke, dass ich mit meienen Gefühlen dazu, so irgendwie im großen Durchschnitt bin.
Als ich die ersten Male für mich irgendwelche Kleidung gekauft habe hat man es mir bestimmt am hochroten Kopf angesehen, wie unangenehm es mir war. Inzwischen gehe ich selbst im Male-Modus, ganz selbstverständlich inden Damenabteilungen shoppen.
Auch beim Raus-Gehen als Diana haben sich die Gefühle stark verändert. Habe ich die ersten Jahre möglichst jeden Kontakt zur Zivilisation vermieden und bin lieber auf einsamen Wald- und Feldwegen unterwegs gewesen, so möchte ich jetzt lieber ganz normal im Alltag unterwegs sein. Auch wenn es für mich absolut noch nicht alltäglich ist. Aber der Mensch wächst ja mit seinen Herausforderungen. Bis jetzt ist jedenfalls immer noch ein gewisses Bauchkribbeln mit dabei.

Liebe Grüße,
Diana.

Re: Wie verändern sich Eure Gefühle beim "Rausgehen"

Verfasst: Di 24. Apr 2018, 11:47
von Laila-Sarah
Hallo Nina,
ponygirl hat geschrieben: Mo 23. Apr 2018, 20:50 Ich möchte mal noch eine Geschichte erzählen als ich das erste Mal als Mädchen in die Öffentlichkeit ging.
Sehr schön erzählt und so sweet Sixteen. Ich konnte richtig mitfühlen wie es dir damals ergangen sein muss.

VlG

Re: Wie verändern sich Eure Gefühle beim "Rausgehen"

Verfasst: Mi 25. Apr 2018, 07:45
von ExUserIn-2026-04-08
Hallo in die Runde,

ich bin beeindruckt, wenn ich Eure Geschichten so lese. Z.Zt. kann ich leider nicht so häufig ins I-net, da die Telekom unseren Anschluss umbaut und wir vor unserem Umzug keinen neuen Vertrag abschließen wollte.

Ich möchte gar nicht viele Worte machen, aber was mir auffällt, sind die Worte "Freiheit", "Befreiung" u.ä. Es scheint so zu sein, dass mit dem Fortschritt des Bewegens in der Öffentlichkeit eine gewisse Entspanntheit eintritt. Ich würde sie aus meiner Sicht so einordnen, dass es den meisten sehr wichtig ist, sich en femme auszudrücken. Der "Rausch" des Adrenalins lässt wohl etwas bis viel nach, aber die meisten empfinden das sehr positiv, da sie die Situation mehr genießen können.

Meine Frage: Bleibt es beim Genießen der Situation oder geht es in eine gewisse Selbstverständlichkeit über ?

Bei mir kann ich einen klaren Weg feststellen, der vom "Rausch" über das Genießen zu einer Selbstverständlichkeit geht. Da muss nicht zwangsläufig Schminke und Perücke her. Auch im Outfit bin ich viel gelassener geworden. Mein Spannungsfeld ist die Arbeit (dort habe ich keine Lust auf Diskussionen) oder auch mein Umfeld in dem ich wohne (dort verzichte ich meiner Frau zuliebe auf das Outing). Ausschließen möchte ich aber nicht, dass ich es doch irgendwann bekannt mache.

Verbunden mit der Gelassenheit ist aber auch, dass ich manchmal fast (aber nur fast ;-)) "vergesse" en femme zu sein. Dadurch bin ich weniger auf mich fixiert und kann besser meinem Tagwerk nachgehen. Ich glaube, der Schritt von der Konzentration auf sich selbst zu einem "Normalzustand" ist gleichzeitig auch ein Schritt vom CD zu einer Form von TS (ohne TS zu nahe treten zu wollen). Etwa in dem Sinn: Wenn schon Frau, dann aber ganz und nicht nur eine Kopie.

Es bleibt aber immer etwas Besonderes. Zu lange habe ich deshalb an mir arbeiten müssen, um an diesen Punkt zu kommen. Aber das Besondere erschöpft sich nicht in der Aufregung. Es geht über in eine ZuFRIEDENheit. Oder wie es Lou Andreas Salomé sinngemäß beschrieb: Das wahre Glück der Frau liegt im inneren Frieden.

@Theresa: Du hast mit Deiner Unzufriedenheit über Deine Kleidung einen Punkt angesprochen, der mir früher auch viel Sorgen gemacht hat. Dabei ist mir klar geworden, dass ich eine falsche Selbstwahrnehmung hatte. Auslöser war eine Doku, in der ein Mädchen, dass sich als besonders dick empfunden hat, gebeten wurde, in einer Reihe von Mädchen von dünn nach dick die Position einzunehmen, von der sie denkt, es ergäbe sich die richtige Reihung. Sie stellte sich zwischen die dickeren Mädchen, obwohl sie gar nicht so dick war ! Ihre Selbstwahrnehmung hat ihr nur etwas vorgegaukelt. Ähnlich ist es mit den Kleidern auch.

Da ich nicht weiß, wie ich wirklich wirke, habe ich mir eine Reihe von Kleidungsstücken zuschicken lassen, anprobiert und mich selber fotografiert. Es mussten keine schönen oder qualitativ guten Bilder sein. Es ging nur darum, mich selber "von außen" betrachten zu können ohne vom Zauber des Augenblicks verführen zu lassen. Nach ein paar Tagen konnte ich viel besser beurteilen, was mir steht. So habe ich meinen Stil und meine Farben gefunden. Nebenbei habe ich das Gekünstelte in Haltung, Gestik und Mimik auf ein alltagstaugliches Maß gebracht. Heute kann ich besser einkaufen gehen, weil ich weiß, was mir steht und ich brauche mich nicht von einer Verkäuferin abhängig zu machen, die mir nur nach dem Mund reden will. In der Zwischenzeit habe ich eine Sammlung von mehreren tausend Bildern, von denen ca. 98% unbrauchbar sind. Genützt haben sie jedoch alle, um meinen Stil zu finden und mich von ungeeigneten Teilen zu trennen. So ist übrigens auch mein Avatar entstanden.

Re: Wie verändern sich Eure Gefühle beim "Rausgehen"

Verfasst: Mi 25. Apr 2018, 10:27
von Joe95
Vicky_Rose hat geschrieben: Mi 25. Apr 2018, 07:45...
Meine Frage: Bleibt es beim Genießen der Situation oder geht es in eine gewisse Selbstverständlichkeit über ? ...
Meine Antwort:
Ich genieße die Selbstverständlichkeit.

Seit ich es für mich annehmen konnte Ts zu sein hat sich etwas geändert:
Vorher ging es mir darum meine eigene Weiblichkeit zu spüren, zu erleben, sie zum Ausdruck zu bringen.
Jetzt ist sie immer in mir.
Alles was ich an femininen trage oder tue trage oder tue ich nur noch weil ich es mag, nicht mehr um irgendwas zu zeigen oder zu fühlen.

Hmm...
Ich hoffe mal das kommt jetzt so rüber wie ich es meine, mir fallen nämlich keine besseren Worte ein.

Re: Wie verändern sich Eure Gefühle beim "Rausgehen"

Verfasst: Mi 25. Apr 2018, 11:19
von ExUserIn-2026-04-08
Ich denke, das kann ich gut verstehen. Mir geht es ähnlich.

Aber ist die Kleidung nicht elementarer Bestandteil im sozialen Kontext ? Damit wird Zeigen ebenso wie Gestik und Mimik zur Kommunikation mit der Umwelt und ist nicht zweckfrei. Im Extremen ist des soziale Umfeld eben nur der Spiegel. Wenn Du das also als Selbstverständlichkeit empfindest, bedeutet das m.E., dass Du Dich zumindest ein Stück weit bei Dir angekommen fühlst.

Ist es das, was Du meinst ?

Re: Wie verändern sich Eure Gefühle beim "Rausgehen"

Verfasst: Mi 25. Apr 2018, 12:32
von heike65
Laila-Sarah hat geschrieben: So 22. Apr 2018, 13:30

1. M-Form - wo die Gesellschaft dich toll findet und dich mir Bestätigungen überwirft aber du selbst dir als "fake" vorkommst und
2. F-Form - wo die Gesellschaft dich höchstens toleriert aber meistens "Buuu" schreit aber du dich "richtig" fühlst.

Meine Erkenntnis geht in Richtung nur 2. würde dir deine Selbstsicherheit und die Bestätigungen von Außen nehmen und dich isoliert und depressiv machen. Nur 1. macht dich seelisch unvollkommen und unglücklich. Also bleibt nur das oszillieren zwischen den beiden Formen. Morgens Bruce Wayne abends Batman. Ich hätte wirklich nichts gegen eine einfachere und konsistente Lösung aber wie es scheint muss eine gewisse Schizophrenie in meinem Leben existieren. Deshalb meine leicht melancholische Stimmung ;)

VlG
Das 2. te kann ich nun so gar nicht nachvollziehen.
Ich lebe nun fast 1 1/2 Jahre als Frau, und ganz ehrlich hat es Komplimente en masse gegeben, alle Befürchtungen das es in einen Kleinstadt (8000 Einwohner) nicht ginge haben sich in Luft aufgelöst, manche mögen mit dem Kopf schütteln, aber Minimum ein deutlich grösserer Teil findet das gut und richtig.

Liebe Grüsse

Heike

Re: Wie verändern sich Eure Gefühle beim "Rausgehen"

Verfasst: Mi 25. Apr 2018, 13:06
von Nicole Fritz
Hallo allerseits,

ich habe hier mal wieder nur still mit gelesen. Was hier immer wieder erzählt wird, habe ich im Eiltempo in nur einem Jahr vom Stuben-Fetisch-Transvestit zur Vollzeit-Frau durchlaufen. Da habe ich wohl so einiges gar nicht ganz oder richtig mit bekommen.

Das erste mal in der Öffentlichkeit liegt bei mir lange zurück. Es war beim Karneval, und ich war noch keine zwanzig Jahre alt. Mein letzter öffentlicher Auftritt als Frau vor meinem Coming Out im letzten Jahr war irgendwann um das Jahr 2000 herum. Es war wieder Karneval und ich tanzte in einem irischen Pub in Essen - obwohl ich als Mann Tanzen immer hasste. Und da kam einer meiner Kollegen herein. Der erkannte mich sofort und staunte nur. Ich bat ihn darum, dass die Sache unter uns bleibt - und sie blieb es auch (wenn nicht wäre es auch nicht schlimm gewesen; es war ja Karneval).

Bei meinen ersten Ausflügen nach meinem Coming Out als Nicole en femme in die Stadt zog ich mich noch in der Behinderten-Toilette eines Supermarktes um, weil ich in meinem Dorf nicht erkannt werden wollte - bis mir das zu blöd wurde. Die Angst davor als Mann erkannt zu werden verschwand dann sehr schnell. Ich hatte ja bereits Erfahrung von meinen gelegentlichen früheren Auftritten in Frauenkleidern. Da war immer nur dieses - letztlich angenehme - Prickeln. Und das ist mit der Gewohnheit nun sehr viel weniger geworden.

Ist es aber nun wieder eher so wie früher als Mann? - Ich denke nicht. Ich fühle mich jetzt einfach irgendwie besser. Vielleicht sollte ich den Mann-Modus beim raus Gehen wieder einmal ausprobieren. Aber dazu müsste ich erst einmal Klamotten kaufen, sonst wird ein Penner-Modus daraus, auf den ich jetzt überhaupt keine Lust mehr habe. Und zum Kaufen von Männer-Klamotten, die für andere chic, für mich aber grauenhaft sind, habe ich auch keine Lust. Brauche ich aber wirklich eine Bestätigung dafür, dass ich mich als Mann immer noch nicht wohl fühle? - Ich denke, darauf kann ich verzichten. Also gehe ich weiter en femme raus.
Joe95 hat geschrieben: Mi 25. Apr 2018, 10:27 Seit ich es für mich annehmen konnte Ts zu sein hat sich etwas geändert:
Vorher ging es mir darum meine eigene Weiblichkeit zu spüren, zu erleben, sie zum Ausdruck zu bringen.
Jetzt ist sie immer in mir.
Alles was ich an femininen trage oder tue trage oder tue ich nur noch weil ich es mag, nicht mehr um irgendwas zu zeigen oder zu fühlen.
Ich meine, das erklärt warum ich mich jetzt wohler fühle. Und es erklärt auch, warum mein Fetisch als lebende Gummipuppe immer mehr in den Hintergrund tritt.

LG Nicole

PS: Falls jemand wissen möchte, wie der "Penner-Modus" aussieht: hier gibt es Fotos. Nicole räumt umgestürzte Bäume weg. Und hier ist die lebende Gummipuppe zu sehen.

Re: Wie verändern sich Eure Gefühle beim "Rausgehen"

Verfasst: Mi 25. Apr 2018, 13:54
von Ronda_PTL
Hallo Vicky!
Meine Frage: Bleibt es beim Genießen der Situation oder geht es in eine gewisse Selbstverständlichkeit über ?
Zunächst möchte ich Dir sagen, dass ich Deine Beiträge schätze, sie drücken Vieles aus, das ich auch so erlebt habe oder empfinde. 👍🏼

Zu Deiner obigen Frage eine kleine Anekdote: da ich aus persönlichen Gründen (manche von Euch wissen warum) sehr selten noch auf "Outdoor Missions" gehen kann, bin ich wieder mehr zur Stuben-CD leider (zurück)mutiert. Aber nach all den Jahren mich, mein Alter Ego, meinen Stil, das richtige Maß zwischen "Kick & Frieden / Freiheit", usw. zu finden, ist inzwischen die "Selbstverständlichkeit", die "Normalität im "erweiterten Sein" sich zu bewegen so groß geworden, dass ich manches Mal echt aufpassen muss, dass ich nicht en femme gekleidet, unfrisiert und ungeschminkt, ganz ähnlich wie es jeder BioFrau auch geht, an die Türe renne, wenn es klingelt.

Will damit sagen, höchstens noch der kurze Gedanke, den jede(r) kennt, ob man/Frau sich so überhaupt Fremden zeigen will, schießt einem beim kurzen Blick in den Spiegel durch den Kopf.

Die gewonnene Gelassenheit dieser Langzeit-Entwicklung bestätigt mir daher, dass mein Weg richtig war und "es" einfach zu mir gehört, wie das Namensschild an der Tür. ☯️

Hoffe es klingt nicht zu verschwurbelt?

LG Ronda.👩🏻

Re: Wie verändern sich Eure Gefühle beim "Rausgehen"

Verfasst: Mi 25. Apr 2018, 14:03
von ExUserIn-2026-04-08
Ich denke, das Türklingeln ist ein Klassiker. Aber ich schaue niemals vorher in den Spiegel. Deshalb habe ich auch einmal geöffnet und der Postbote stand da und wollte ein Paket abgeben.

Reaktion: keine erkennbare... :roll:

Re: Wie verändern sich Eure Gefühle beim "Rausgehen"

Verfasst: Mi 25. Apr 2018, 14:41
von Theresa
So ähnlich ging es mir bei meinem ersten (Zwangs) -Outing. Nur war es nicht der Postbote sondern der Telekom-Mann. Ich stand vor der Entscheidung: Mutig sein und Türe öffnen oder nie mehr Internet. Auch die gleiche Reaktion: Keine! -Was mich unglaublich beflügelt hatte.

Nur der Weg, dass man es für sich als Normal empfindet, ist trotzdem sehr mühevoll. Er hängt in meinem Fall sehr von der allgemeinen Stimmungslage ab.

Und ich stehe dauernd im Konflikt. Einerseits tut mir die innere Frau sehr gut. Ich fühle mich wohl und richtig. Auf der anderen Seite hindert sie mich am dem Leben, das ich mir vorgestellt hatte: An der Seite einer Frau harmonisch alt zu werden. Schon bei dem Gedanken jemand kennen zu lernen steht Theresa im Weg und fragt: Und ich?

Es ist auch ein bisschen das Eingestehen, das man nach ein paar Tagen erfolgreicher Abstinenz den Kampf gegen die Frau , mal wieder, verloren hat.
Manchmal komme ich mir vor wie ein Drogenabhängiger der sich auf den nächste Schuß freut, wohl wissend, das ihn das ein Stückchen näher an den Abgrund bringt.
(Erklärung: Nächster Schuss= Frau ausleben und sich Gutes tun, Abgrund= den Rest des Lebens alleine verbringen zu müssen,)

Das spiegelt sich natürlich auf das Empfinden beim Auftreten in der Öffentlichkeit wieder. Und so kommt es, dass die gewünschte Normalität auch nach ca. 3 Jahren gelebte Teilzeitfrau zeitweise auf der Strecke bleibt.

Diejenigen, die das Partnerschaftsproblem nicht haben weil sie von der Partnerin akzeptiert oder gar gefördert werden, haben da aus meiner Sicht einen riesigen Vorteil.

Heute hatte habe ich beispielsweise einen Termin, den ich gerne als Theresa wahrnehmen wollte. Ich musste mich geradezu dazu zwingen, mich entsprechend fertig zu machen. Als das erledigt war , war es letztendlich ok. Zum vergnüglichen Shoppen, was durchaus auch erforderlich wäre, reicht es glaube ich nicht. Liegt vielleicht auch daran, das ich, wie immer, alleine unterwegs wäre.

Viele Grüße

Theresa

Re: Wie verändern sich Eure Gefühle beim "Rausgehen"

Verfasst: Mi 25. Apr 2018, 15:35
von ExUserIn-2026-04-08
Auf der anderen Seite hindert sie mich am dem Leben, das ich mir vorgestellt hatte: An der Seite einer Frau harmonisch alt zu werden. Schon bei dem Gedanken jemand kennen zu lernen steht Theresa im Weg und fragt: Und ich?
Ich glaube, Du stehst Dir selber im Weg. Wenn Du es nicht probierst, wirst Du es nie erfahren. Versuchst Du es, kannst Du einen Korb bekommen und alleine bleiben, versuchst Du es nicht, bleibst Du definitiv alleine.

Ich habe meiner jetzigen Frau vor 7 Jahren von Anfang an in kleinen Dosen reinen Wein eingeschenkt. Das war/ist nicht immer einfach für uns, aber nach meinem Eindruck wächst so langsam das Verständnis. Es geht uns gut damit. Viel Geduld und immer wieder neu ansetzen war meine Devise. Die Reaktionen waren nicht immer schön, aber es lohnt sich, wie ich finde. Es gab die ein oder andere verletzende Bemerkung, die ich aber so gut wie möglich ignoriert habe. Sie waren der Überforderung geschuldet. Wir können nicht erwarten, dass sich die Dinge in kurzer Zeit ändern, für die wir Jahre und Jahrzehnte gebraucht haben. An der Beschäftigung mit dem Thema kann man wachsen, wenn man will.

Es kann natürlich auch passieren, dass es trotz Einfühlungen und behutsamen Annähern nicht funktioniert. dann hat man es jedenfalls probiert.