nochmal Hallo zusammen,
den Beitrag von eben habe ich 'auf die Schnelle' geschrieben und ich freue mich, dass er trotzdem richtig aufgefasst wurde. Jetzt, mit ewas mehr Zeit, möchte ihn noch um einen persönlichen Eindruck von der Tagung ergänzen, der damit zu tun hat.
Am Sonntagvormittag saß ich im Gespräch mit einem jüngeren Menschen, dessen Selbstbestimmung Mann ist, draussen auf einer Bank. Während dieses Gespräches sammelten sich um uns herum eine ganze Reihe junger Leute, Anfang bis Mitte Zwanzig, die das ganze mir bekannte Spektrum von geschlechtlicher Selbstbestimmung darstellten; Männer, Frauen, Non-Binaries mit verschiedensten Selbstbestimmungen, die sie durch die Angabe zu
'Mein Pronomen ist: _______' auf ihren Namensschildern kenntlich machten.
Die haben nicht miteinander gestritten, wer von ihnen mehr oder weniger diskriminiert ist, wer es leichter und wer es schwieriger hat oder wer warum einer besonderen Unterstützung bedarf. Nein, sie haben über Aktionen und Veranstaltungen gesprochen und auch Partys geplant; einfach so und gemeinsam!
Ich weiss nicht, ob und ggfs. welche Kämpfe diese Menschen im einzelnen mit ihrer Umgebung und sich selbst ausfechten mussten, um heute dort zu sein, wo sie sind. Sie machten aber den Eindruck, jede_r für sich eine halbwegs stabile Position gefunden zu haben, von der aus sie weitergehen können. Das sind wahrscheinlich noch keine reibungslosen, gänzlich unbestrittenen Positionen, aber sie schienen mir stabil genug zu sein, um der Ausgangspunkt für eine selbstbestimmte weitere Entwicklung sein zu können.
Die meisten von uns älteren nicht-cis Menschen hatten mit Zwanzig keine solche Position. Wir konnten sie auch nicht haben, weil es sie für uns gar nicht gab. Noch niemand hatte sie für uns gedacht und selbst denken konnten wir sie auch noch nicht.
Ja, ich bin ein wenig neidisch auf diese Menschen. Wer weiss, wo ich heute wäre, wenn ich in ihrem Alter ihre heutigen Denk-Möglichkeiten gehabt hätte. Einen ganz guten Weg habe ich, glaube ich jedenfalls, für mich auch so gefunden, aber ich weiss in diesem Fall ganz genau, welche Kämpfe dazu nötig waren. Und daher ist es dieser positive Neid (eigentlich ist es eine Art von Freude) und das Wissen um die eigenen Kämpfe, die mich antreiben, wenn es darum geht, für alle Menschen Denk-Möglichkeiten zu schaffen, indem Zuweisungen, Barrieren und normierende Denk-Beschränkungen abgeschafft werden.
'Mensch sein' funktioniert, ganz unabhängig davon, welche biologischen Einflüsse auf das eigene Geschlecht(-sempfinden) wirken mögen, letztlich immer auch (nur) in sozialen Geflechten und Strukturen. Es sind diese Geflechte und Strukturen, die Denk-Beschränkungen erlassen und Positionen zuweisen, die vielen Menschen, auf die eine oder andere Art, nicht gerecht werden und sie beschädigen.
Wir sollten (müssen) daran arbeiten, dass alle Menschen die Chance haben, sich frei von Beschränkungen und Zuweisungen und ohne auf die Bestätigung durch andere angewiesen zu sein, eine eigene, stabile und unangreifbare Position zu erdenken und sie einzunehmen. Wir, alle die das können ohne sich selbst zu beschädigen, sollten ein paar Schritte zurücktreten, derer Gedenken, die mit ihren Kämpfen für uns Möglichkeiten eröffnet haben, uns daran erfreuen und dann darangehen, die Gesellschaft dahingehend in Ordnung zu bringen.
Habt es gut
Marielle
Es gibt diese wunderbare Szene aus dem Film 'Pride', in der der LGBT-Aktivist Mark Ashton seiner schwulen Community erklärt, warum sie grade relativ wenig Stress mit der Polizei haben. Weil die nämlich 1984 damit beschäftigt war, auf streikende Bergleute loszugehen. Er schliesst daraus, dass es keinen Sinn hat, immer nur für die eigenen Interessen zu kämpfen, sondern das man für die Freiheit und die Rechte aller streiten muss, woraufhin sich die LGBTs mit den Bergleuten, in einem schmerzhaften Annäherungsprozess, solidarisieren. Die Schlüsselszene habe ich leider nur in Italienisch frei verfügbar gefunden, sie erschliesst sich aber wohl trotzdem: https://www.youtube.com/watch?v=SbpixeOj45I