Re: Angst
Verfasst: So 20. Mär 2016, 17:55
Ich kenne das mit der Angst oder sage mal: die Angst der Peinlichkeit.
Mein Vater war mir als Kind und Jugendlicher lange peinlich und ich hatte Angst, mit ihm zusammen in der Öffentlichkeit zu sein, da er sichtbar körperbehindert war. Viel viel später habe ich erkannt, wie stark er war, denn er konnte die Perücke nicht absetzen und wieder "normal" sein.
Mit 15 musste ich das Gymnasium verlassen und war meinen Eltern peinlich.
Mit 17 war ich 1,91 m groß, wog 59 kg (das hat mir den Stahlhelm erspart), hatte erblich bedingt schlechte Zähne und fand mich oft peinlich. Immerhin war ich auf der Handelsschule Schulsprecher.
Mit 21 habe ich zum ersten Male geheiratet und in einem 9-Familienhaus in einer Sozialwohnung gelebt. Auf dem Speicher ganz hinten waren "Sachen". Sie waren stärker als die Angst und immer wenn meine Frau mal unterwegs war, kamen sie herunter.
Mit 35 ging ich alleine - Ehe war zu Ende - nach USA und hatte Angst, dass der Vermieter meinen Fundus entdecken könnte.
Mit 38 kam ich zurück, kaufte ein kleines Haus und lebte in ihm. Nur nachts ging ich mal in den Garten - aus Angst, entdeckt werden zu könnnen.
Zeitsprung
Mit 49 trennte ich mich von meiner zweiten Frau und begann wieder, rika im Haus zu leben. Nur spät abends ging ich mal raus. Aber dann kam ein Tag, an dem ich mich einer Freundin äußerte und sie sagte: die Kinder schlafen, mein Mann ist weg und ich ging die 500 m zu ihr. Danach war ich öfters abends in der Wohngegend unterwegs (wir haben keine Straßen sondern nur Fußwege zu den Häusern)
Mit 52 war ich zum ersten Mal in Memmingen - ihr wisst schon wo. Voller Angst, was passiert und voller Euphorie über die Bilder, die neben mir auf dem Beifahrersitz lagen. Ich hatte Zeit, sie 450 km zu bewundern.
Mit 58 war ich wieder einmal in Memmingen, vorher und nachher gab es schon rauschende Feste - ganz ohne Angst, denn wir waren ja unter uns. Am Wochenende waren wir zu Dritt vormittags in Füssen, u.a. in einem Café. Ich war schon nervös - das erste Mal im kleinen Kreis unterwegs. In diesem Café saßen am Nachbartisch Mutter und Tochter, beide recht auffällig gestylt. Als sie zahlten, standen sie auf und begannen ein Gespräch mit uns; alle Angst war weg.
Mit 62 war ich schon oft unterwegs, selbst an der Tankstelle oder im Edeka in unserer Kleinstadt. Und jetzt bin ich auch noch im Ortsbeirat. Ein ganz wenig Nervosität ist geblieben, aber die Angst ist weg. Allerdings ist die Verwandlung von Herrn W. zur rika ziemlich gründlich, sodass eine spontane Erkennung eher ausgeschlossen ist.
Warum habe ich jetzt so lange geschrieben? Ängste sind da um uns zu beschützen - sie abzubauen, braucht Kraft und Zeit, die ich uns allen wünsche.
rika
Mein Vater war mir als Kind und Jugendlicher lange peinlich und ich hatte Angst, mit ihm zusammen in der Öffentlichkeit zu sein, da er sichtbar körperbehindert war. Viel viel später habe ich erkannt, wie stark er war, denn er konnte die Perücke nicht absetzen und wieder "normal" sein.
Mit 15 musste ich das Gymnasium verlassen und war meinen Eltern peinlich.
Mit 17 war ich 1,91 m groß, wog 59 kg (das hat mir den Stahlhelm erspart), hatte erblich bedingt schlechte Zähne und fand mich oft peinlich. Immerhin war ich auf der Handelsschule Schulsprecher.
Mit 21 habe ich zum ersten Male geheiratet und in einem 9-Familienhaus in einer Sozialwohnung gelebt. Auf dem Speicher ganz hinten waren "Sachen". Sie waren stärker als die Angst und immer wenn meine Frau mal unterwegs war, kamen sie herunter.
Mit 35 ging ich alleine - Ehe war zu Ende - nach USA und hatte Angst, dass der Vermieter meinen Fundus entdecken könnte.
Mit 38 kam ich zurück, kaufte ein kleines Haus und lebte in ihm. Nur nachts ging ich mal in den Garten - aus Angst, entdeckt werden zu könnnen.
Zeitsprung
Mit 49 trennte ich mich von meiner zweiten Frau und begann wieder, rika im Haus zu leben. Nur spät abends ging ich mal raus. Aber dann kam ein Tag, an dem ich mich einer Freundin äußerte und sie sagte: die Kinder schlafen, mein Mann ist weg und ich ging die 500 m zu ihr. Danach war ich öfters abends in der Wohngegend unterwegs (wir haben keine Straßen sondern nur Fußwege zu den Häusern)
Mit 52 war ich zum ersten Mal in Memmingen - ihr wisst schon wo. Voller Angst, was passiert und voller Euphorie über die Bilder, die neben mir auf dem Beifahrersitz lagen. Ich hatte Zeit, sie 450 km zu bewundern.
Mit 58 war ich wieder einmal in Memmingen, vorher und nachher gab es schon rauschende Feste - ganz ohne Angst, denn wir waren ja unter uns. Am Wochenende waren wir zu Dritt vormittags in Füssen, u.a. in einem Café. Ich war schon nervös - das erste Mal im kleinen Kreis unterwegs. In diesem Café saßen am Nachbartisch Mutter und Tochter, beide recht auffällig gestylt. Als sie zahlten, standen sie auf und begannen ein Gespräch mit uns; alle Angst war weg.
Mit 62 war ich schon oft unterwegs, selbst an der Tankstelle oder im Edeka in unserer Kleinstadt. Und jetzt bin ich auch noch im Ortsbeirat. Ein ganz wenig Nervosität ist geblieben, aber die Angst ist weg. Allerdings ist die Verwandlung von Herrn W. zur rika ziemlich gründlich, sodass eine spontane Erkennung eher ausgeschlossen ist.
Warum habe ich jetzt so lange geschrieben? Ängste sind da um uns zu beschützen - sie abzubauen, braucht Kraft und Zeit, die ich uns allen wünsche.
rika