Hallo ihr Lieben,
wie schon gestern hatte ich Spätdienst ... und sowohl der gestrige als auch heutige gehörten zu den bislang schwersten, die ich in der "Behinderten"-Betreuung absolvieren musste ... insbesondere, da wir uns im Advent befinden und eigentlich eine besinnliche Zeit und gemeinsame Vorfreude auf die bevorstehende Weihnacht miteinander verbringen wollen.
Aber so funktioniert das Leben halt nicht ... und gestern ist mir ein sehr ans Herz gewachsender Bewohner - der, der mich immer "Minirock" rief oder mit "Röckchen" ansprach, weil er sich meinen Namen nicht merken konnte - in meinen Armen verstorben. Ein Bewohner, der sich mit Pflegekräften immer sehr schwer getan und sie sich handverlesen ausgesucht hat. Wie oft hatte er während der letzten Phase nach mir gefragt, wollte von Kolleg*innen wissen, wann ich wieder da bin ... COPD IV, Herz- u. Niereninsuffizienz, und noch so einiges sind bei ihm zusammengekommen. Er wog zum Schluss nur noch 34 Kilo und war am Ende seiner Kraft ... Aber da ist etwas, das mich zum Nachdenken veranlasst hat, auch wenn ich an so etwas nicht wirklich glauben mag - es vielleicht einfach nicht kann, weil ich mich für einen sehr rationalen Menschen halte ... Ich hatte Mittwoch/Donnerstag frei, sagte ihm, ihm die Hand drückend, ich würde am Freitag wieder da sein ... Natürlich hatte ich über ihn mit meiner Freundin gesprochen, und die schrieb mir am Freitagvormittag: "Ich habe das Gefühl, du solltest früher fahren. Vielleicht wartet er auf dich." ... Tatsächlich bin ich auch direkt losgefahren, bin sofort zu ihm, habe mich auf die Bettkannte gesetzt, ihm die Hand gehalten und sanft angesprochen: "Röckchen ist da ... " ... Es war irgendwie irrational, aber ich hatte direkt das Gefühl, dass er sehr viel ruhiger in seiner schweren, rasselnden, brodelnden Atmung wurde und sich entspannte ... Dann habe ich mich umgesetzt, seinen Kopf auf meinen Schoß gelegt und ihm immerzu die Hand und den Arm gestreichelt ... und eine Viertelstunde später war es vorbei und mir liefen plötzlich dicke Tränen über die Wangen ... Nach all den Jahren, die ich nun schon in der Pflege arbeite, geht es mir noch jedes Mal so richtig ans Herz, berührt mich zutiefst. Dabei sollte ich doch eigentlich eine professionelle Distanz haben ... aber das habe ich in solchen Fällen nie geschafft.
Später habe ich mich mit seiner geistig behinderten Lebensgefährtin zusammengesetzt und es ihr zu erklären versucht. Sie wohnt im Nebengebäude und kam heute im Stundentakt zu mir und fragte nach ihm, wollte ihn besuchen, bei ihm sein ... Ich war selten so hilflos, und jedesmal, wenn sie wieder gegangen war, bin ich ins Bad und mir liefen wieder die Tränen.
Nun steht vor Weihnachten noch seine Beerdigung an, an der meine Gruppe natürlich teilnehmen wird - auch denen habe ich erklären müssen, warum er nicht mehr unter ihnen ist - und das Ganze wird noch einmal sehr schwer werden.
Ja, die letzten beiden Tage waren unbestritten die schwersten meiner beruflichen Laufbahn. Mit Sterben hatte ich schon viel zu viel zu tun, aber in allen Fällen war ich von Menschen umgeben, die den Sachverhalt verstanden, den Tod kommen sahen ... Doch so schwer, wie dieses Mal war es noch nie.
Liebe Grüße von einem sehr nachdenklichen und traurigen
Blümchen

Jeder hat in seinem Leben Menschen um sich, die schwul, lesbisch, transgender oder bisexuell sind.
Sie wollen es vielleicht nicht zugeben, aber ich garantiere, sie kennen jemanden.
Billie Jean King (*1943)