Ostwind
Ostwind - # 12

Crossdressing und selbst Erlebtes... Erdachtes
Joe95
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Re: Ostwind

Post 166 im Thema

Beitrag von Joe95 »

Gruselig...
Sei vorsichtig mit deinen Wünschen, sie könnten in Erfüllung gehen.
Natürlich ist das wahr, es steht doch im Internet!

Du hast ne Frage, brauchst Rat oder Hilfe?
Ohren verleih ich nicht, aber anschreiben darfst du mich jederzeit...
Michelle 59

Re: Ostwind

Post 167 im Thema

Beitrag von Michelle 59 »

Bitte weiterschreiben
Svenja80
schau
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Re: Ostwind

Post 168 im Thema

Beitrag von Svenja80 »

Hehe, was für ein Cliffhänger...
Und jetzt lässt du uns 3 Monate zappeln ;)
Anne-Mette
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Re: Ostwind

Post 169 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Der Bürgermeister kommt zur Tür herein. Er hat überhaupt nicht wahrgenommen, dass er nicht geklopft oder sich irgendwie bemerkbar gemacht hat.
Er hat auch nicht bemerkt, dass Hedwig nur "halb angezogen" ist. Sie steht immer noch in Unterwäsche in ihrer Kammer und schaut zum Fenster hinaus.
Der Bürgermeister stößt mit seinem Stock immer wieder auf den Boden und ruft: "was soll das nur?"
Eine Antwort können ihm Hedwig und Magda nicht geben.
"Das geht bestimmt gegen mich!", flüstert er fast.
"Da war doch was?" Hedwig fällt ein, dass mal jemand gesagt hat, "der Bürgermeister hat noch ne Leiche im Keller!"
Sie gibt allerdings nicht viel auf solche Bemerkungen und geht lieber von ihren persönlichen Erfahrungen mit dem Bürgermeister aus — und sie hat keinen Grund zur Klage; denn er hat sich immer freundlich und korrekt verhalten.
Es fällt ihr schwer; denn die Angelegenheit ist wirklich zum Gruseln, aber sie sagt:
"Der Sache gehen wir auf den Grund, ich muss mich nur schnell anziehen!"
"Entschuldigung", der Bürgermeister schaut Hedwig dankbar an und bemerkt jetzt endlich, dass sie in Unterwäsche vor ihm steht.
Ausgerechnet heute ist der Dorfpolizist nicht anwesend. Er ist auf das Festland gefahren, um in der Kreisstadt eine Zeugenaussage vor Gericht zu machen.
"Immer wenn man ihn braucht...", murmelt der Bürgermeister und folgt Magda in die Küche.
Hedwig hat sich fertig angezogen.
Sie können aufbrechen. Ganz wohl ist ihr bei der Angelegenheit auch nicht.
Sie geht mit schnellen Schritten voran, will ihre ungutes Gefühl und die Angst mit Entschlossenheit bekämpfen.
Der Bürgermeister ist ganz außer Atem, japst schon und kann ihr kaum folgen.
Auf halber Strecke übersieht er sogar den Laufgraben, den Hedwig mit einem großen Schritt überwunden hat. Sie reicht ihm die Hand, um ihn wieder nach oben ins Freie zu ziehen.
"Ein Mensch kann es nicht sein, welch ein Glück", ruft der Bürgermeister, "das, was es immer auch sein mag, bewegt sich im Wind, ist bestimmt nicht schwer!"
Hedwig stimmt ihm zu: "sieht aus wie ein Bündel, wie ein längliches Paket!"
Den Fuß des Hügels haben sie erreicht.
"Sieht aus wie eine Mumie!" Der Bürgermeister will mit seinen Kenntnissen prahlen.
Aber es bleibt ein Rätsel.
Endlich stehen sie auf dem Hügel.
Da hat sich jemand richtig Mühe gegeben; die Ausführung des Galgens zeigt von handwerklich hervorragender Arbeit und von der Verwendung guten Holzes.
Der Bürgermeister fährt mit der Hand über die sorgfältig verarbeitete Seitenstütze.
Endlich wenden sie sich dem Bündel zu.
Bei näherer Betrachtung sieht es tatsächlich aus wie eine Mumie — oder ein Menschenkörper mit unklaren Konturen.
"Das muss ab!"
Der Bürgermeister zieht an der Gestalt, aber ein starkes Hanfseil ist ihr um den angedeuteten Hals geknotet worden, so einfach geht das nicht.
"Fass doch mal mit an!"
Zusammen ziehen sie.
Hedwig will schon aufgeben und eine Leiter holen, um das Seil zu durchtrennen, aber als sie sich besonders anstrengen, reißt die Gestalt entzwei.
Der Kopf kullert den Hügel hinab — und Hedwig und der Bürgermeister landen unsanft auf dem Boden und haben den Rest der Gestalt in der Hand.
Aus der Bruchstelle quellen Zeitungs-Schnipsel und Stroh hervor.
Hedwig untersucht, ob sich im Inneren noch etwas verbirgt.
Sie findet einige Bleistifte, Kreide, eine Schiefertafel, ein leeres Tintenfass und etliche Schulhefte, die allerdings noch leer sind.
Der Bürgermeister ist enttäuscht. Einen Namen auf den Heften hat er nicht erwartet; das wäre wohl gar zu schön, aber ein paar Hinweise hätten ihn gefreut. Schon so mancher Missetäter hat sich durch seine Schrift verraten.
"Da ist noch etwas!"
Hedwig zieht ein größeres Papier aus der Gestalt, die nun, da sie nicht mehr so gut ausgestopft ist, in sich zusammenfällt.
"Um unsere Schulzeit beerdigen zu können, hängen wir sie an den Galgen", steht dort mit absichtlich krakeliger Schrift.
Der Bürgermeister fasst sich an den Bart.
"Stimmt", sagt er nach kurzer Bedenkzeit, "die Jungen von der Oberschule hatten gerade ihre Abitur-Prüfung und das soll wohl ihr Abiturscherz sein!"
Einen Moment muss er lächeln, aber dann kehrt sein Zorn zurück.
"Das wird ein Nachspiel haben; denn das ist ein ganz schlechter Scherz!"
Hedwig schaut ihn an. Sein Gesichtsausdruck passt nicht ganz zu seiner Äußerung.
Vielleicht ist der doch froh, dass die Aktion nicht ihm gegolten hat?
"Der Galgen muss fort!"
Der Bürgermeister klingt entschlossen.
Er klopft gegen das Holz.
Alles wirkt stabil; so einfach wird es mit der Zerlegung nichts werden.
"Das müssen Fachleute gebaut haben", sinniert er, "das kann eigentlich nur eine Firma!"
An die größte Baufirma auf der Insel hat Hedwig auch schon gedacht, aber es wird doch niemand so ein gruseliges Bauwerk offiziell in Auftrag gegeben haben.
"Das war bestimmt nicht billig", sagt der Bürgermeister.
Nach einer Weile fällt ihm ein: "Karl-August seine Idee war das bestimmt nicht; denn der hat nur die Volksschule besucht — und auch nur ein paar Jahre. Die Firma seines Vaters wird er auch so bekommen. Ich kenne keinen, der so weit vom Abitur entfernt ist wie er".
Hedwig nickt nur und überlegt stattdessen, wie man den Galgen zerlegen könnte.
Er scheint einen sehr festen Stand zu haben. Bestimmt haben die Übeltäter die Stützen ordentlich eingegraben.
Ohne weiteres Gerät ist da nichts zu machen.
"Hast Du denn nichts bemerkt, Du steckst doch wohl nicht mit den Übeltätern unter einer Decke?"
"Nein!" Hedwig ist empört, "ich habe nichts mit der Sache zu tun — und wenn Du so etwas denkst, dann will ich mal gleich wieder"¦".
"Nein, so ist das nicht gemeint".
Der Bürgermeister lenkt ein. So richtig kann er sich das auch nicht vorstellen, aber er fragt sich doch, warum sie vom Haus am Watt aus nichts gesehen haben.
Aber egal — nun geht es darum, den Schaden zu begrenzen. Noch wird kaum jemand den Galgen gesehen haben.
Doch er täuscht sich.
Als sie in Richtung auf das Dorf schauen, sehen sie eine wahre Völkerwanderung, die sich auf Galgenhöh zu bewegt.
"Auch das noch", schimpft der Bürgermeister.
Unter den Leuten befindet sich tatsächlich Magnussen, der Chronist der Inselzeitung — und sein Lehrling schleppt ein Stativ für die Kamera.
Ulrike-Marisa
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Re: Ostwind

Post 170 im Thema

Beitrag von Ulrike-Marisa »

Hallo Anne-Mette,

schau bitte noch mal in den Text rein, da sind einige Zeile doppelt vorhanden ab dem Zeitpunkt, wo der Bürgermeister in Hedwigs Zimmer kommt...

Schönen Abend noch, herzliche Grüße, Ulrike-Marisa
Svenja80
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Re: Ostwind

Post 171 im Thema

Beitrag von Svenja80 »

Wat, Abi-Streiche sind keine neumodische Erfindung? Ich bin zutiefst erschüttert. ;)
Anne-Mette
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Re: Ostwind

Post 172 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Hedwig sieht die Menge vor sich — und weicht unwillkürlich ein paar Schritte zurück.
Der Bürgermeister geht auf die Leute zu. Die Blicke der Menschen konzentrieren sich auf ihn.
Hedwig weicht noch weiter zurück, geht rückwärts — immer weiter auf der Südseite den Hügel hinab.
Erst als sie ganz unten ist, wird ihr mit einem Mal bewusst, dass sie sich völlig vom Ort des Geschehens entfernt und gelöst hat.
Sie hört aber, dass aus der Menge heraus etwas gerufen wird und sie hört den Bürgermeister rufen: "Nein, das war doch nicht Hedwig!"
Denken die Menschen etwa, sie hätte mit dem Galgenbau etwas zu tun?
Sie schlägt einen weiten Bogen und geht festen Schrittes durch die borstige Heide, nur ganz weit weg.
Als sie an der alten, zerstörten Flak vorbeikommt, wirft sie im Schutz der Mauerreste einen vorsichtigen Blick zurück. Die Menge steht immer noch am Fuß des Galgenhügels und der Bürgermeister spricht zu den Menschen.
Ein Blitz! Sicher hat der Fotograf ein Foto gemacht.
Hedwig geht am Strand entlang, bis sie das Haus am Watt erreicht hat.
Von der Seeseite her sieht es, schön eingewachsenen mit schützenden Rosenhecken nach Geborgenheit aus.
Geborgenheit — wenn sie es recht bedenkt, fühlt sie sich nicht mehr so richtig geborgen. Die Hecken schützen vor dem Wind und vor der Außenwelt; aber was ist mit den üblen Kräften, die im Inneren des Hauses wirken?
Auf Dauer andere Menschen zu Gast zu haben ist ihr zu eng.
Wieder kommt ihr wie in der letzten Zeit der Gedanke: "Wilhelmine muss weg!"
Sie überlegt, ob sie gleich das Buch aus dem Bunker holen soll, aber verwirft den eigenen Vorschlag denn die Menschen stehen sicherlich immer noch vor dem Galgenhügel und würden sie sehen.
"Was ist?"
Magda hat schon auf sie gewartet.
Hedwig erklärt ihr das, was sie weiß — und nur das, was sichere Erkenntnis ist: "es war ein Streich von jungen Erwachsenen! Wer das gemacht hat, konnte noch nicht festgestellt werden".
Magda ist mit der Antwort nicht zufrieden, meint entrüstet: "die Schuldigen müssen festgestellt und bestraft werden!"
Dazu kann Hedwig nicht viel sagen. Der Bürgermeister wird sich darum kümmern, muss sich sogar darum kümmern.
Bei "Bürgermeister" und "kümmern" fällt ihr etwas ein: der Bürgermeister könnte sich doch darum kümmern, dass Konrad, Wilhelmine und Fritzi ein anderes, ein neues Heim bekommen.
Sie hat sogar einen Vorschlag; denn die Nissenhütte, die der Gemeinde gehört und am westlichen Ausleger des Dorfes liegt, wird nicht mehr benutzt. Mit etwas Eigenarbeit könnte man ein schönes Haus daraus machen.
Konrad ist doch so begabt — und er kann gut Material organisieren.
Je länger sie über die Idee nachdenkt, desto verheißungsvoller findet sie diese.
Die würde ihr auch ersparen, das Buch einzusetzen, bei dessen Einsatz der Erfolg zweifelhaft und die ungewünschten Nebeneffekte abermals unkalkulierbar wären. Sie denkt an die Schäden, die sie dem Buch zuschreibt und hat ein schlechtes Gewissen wegen des Kutters.
Bei allem Verdruss: sie will Wilhelmine eigentlich nicht wirklich schaden. Ein Denkzettel wäre gut — und wenn sich ihre Hausgemeinschaft wieder auflöst.
Hedwig freut sich schon auf die Sommergäste. Es schön, eine Kammer für ein paar Tage oder Wochen zur Verfügung zu stellen. Man bekommt Geld, lernt in der Regel nette Leute kennen — und nach einiger Zeit ist Gästewechsel.
Gleich nachher will sie zum Bürgermeister gehen und ihm den Vorschlag unterbreiten.
Sie muss ins Watt, sie braucht den die Seele reinigenden Geruch, muss hören, wie das Watt — und damit die Welt — atmet. Sie muss den Wind spüren, der ungebremst über die weiten, bei Ebbe trocken liegenden Flächen kommt.
Sie muss einfach einen Blick aus der anderen Perspektive auf das Dorf und auf das Haus werfen. Das Bild hat sich in ihr eingebrannt. Wenn sie ihren Blick mit ihrem inneren Blick in Einklang bringt, dann ist ihr wohl.
Sie fragt Magda, die längst gespürt hat, dass sie unruhig ist: "darf ich noch eine Stunde ins Watt? Ich bringe auch Fisch mit!"
Sie ist sich sicher, heute gibt es Fisch genug.
"Geh ruhig", antworte Magda, dieses Mal ganz ohne bitteren Unterton, "ein wenig Fisch können wir gut gebrauchen. Ich gehe mit Ulli zur Nachbarin und hole Eier. Das Kind freut sich immer so, wenn es die Hühner sehen darf.
Hedwig schiebt den Wagen durch den Schlick.
Es ist eine schwere Arbeit für einen Menschen; eine Hilfe wäre auch heute nicht schlecht.
An manchen Stellen muss sie Schwung holen, weil ein Stein vor einem der Räder die Weiterfahrt bremst. An einigen Stellen sinkt der Wagen so tief ein, dass sie ihn nur mit Mühe wieder herausziehen kann, aber sie pfeift bei der Arbeit, summt manchmal sogar eine kleine Melodie.
Sie malt sich in schönsten Farben aus, wie Wilhelmine und Konrad bald das Haus verlassen, wie sie die Gästekammern fertigstellt und dann an Sommergäste vermietet.
Ob der Professor auch wieder kommt? Der wird staunen!
Hedwig hat nicht zu viel versprochen.
Als sie den Karren wieder an Land schiebt, weil die Flut einsetzt, hat sie einen ganzen Eimer voller Aale. Die kleineren werden sie zu Mittag essen; "Brataale" sagt sie immer zu dieser Größenordnung; die größeren wandern in den bewässerten Fischkasten und sollen später geräuchert werden.

Der Bürgermeister kommt vorbei.
In knappen Worten erklärt Hedwig die Angelegenheit mit der Nissenhütte.
"Mal sehen", sagt der Bürgermister. Er ist jedenfalls nicht ganz abgeneigt. "Konrad ist ein Mann, den wir gerne im Dorf haben", sagt er, "und seine Frau hat sich bei den Frauen fast unentbehrlich gemacht mit ihren Nähkünsten, die macht sogar aus einem Feudel noch ein Abendkleid!" Er lacht und fügt hinzu. ""¦ naja, fast".
Aber erst einmal will er die Angelegenheit mit dem Galgen in Ordnung bringen.
"Nicht, dass noch etwas Ernsthaftes damit passiert", meint er, "aber so einfach ist der nicht zu entfernen. Das muss von langer Hand vorbereitet gewesen sein; denn der Galgen steht stabil da — wie für die Ewigkeit!"
Bei näherer Untersuchung hat sich herausgestellt, dass jemand ein Fundament in den Berg eingelassen hat. In diesem Fundament stecken Stahlrohre — und die wiederum stecken in den hohlen Balken des Galgens.
"Das war Absicht", sagt er, "so schnell könnten wir das schreckliche Ding nicht entfernen!"
"Was soll denn Ernsthaftes passieren?"
Für Hedwig ist die Angelegenheit mit dem Galgen eigentlich schon erledigt. Sie denkt schon an die nächsten Tage und Wochen. Da ist für solche Angelegenheiten eigentlich keine Zeit.
Der Bürgermeister bekommt eine Schüssel voller Aale mit. "Aber die Schüssel wiederbringen", gibt Magda ihm mit auf den Weg.
Als Wilhelmine kurz zum Kaufmann geht, kann Hedwig sich nicht zurückhalten.
"Ich glaube, die sind wir bald los", sagt sie zu ihrer Mutter.
Abends muss Hedwig alles noch einmal erzählen; denn Konrad war den ganzen Tag auf den Baustellen unterwegs und hat nur Gerüchte gehört. So ist es gut, dass Hedwig alles aus erster Hand erzählen kann.
"Den bekommen wir schon klein — und ab". Konrad ist sich sicher: wenn wir mit dem richtigen Werkzeug und etwas Zeit rangehen, wird der Galgen nicht mehr lange stehen!"
Hedwig stimmt ihm zu.
Sie sitzen noch eine Weile zusammen. Wilhelmine hat — oh Wunder — vom Kaufmann ein paar Flaschen Bier mitgebracht.
Die Kinder liegen in ihren Betten. Magda, Wilhelmine und Adelheid stricken. Sie haben ein paar große alte Pullover geplündert und nehmen die Wolle für Sachen für die Kinder.
Magda hat sogar noch neue Wolle im Schrank gefunden; daraus soll eine Sonntagsjacke für Ulli werden.
Die muss nur noch umgewickelt werden zu einem ordentlichen Knäul, bevor Magda sie verwendet.
"Hedwig, halt doch mal!"
Hedwig hasst das, wenn sie eine ganze Zeit ihre Arme als Stativ für die Wolle herhalten muss, damit Magda besser wickeln kann. "Kannst Du nicht die Stuhllehne nehmen?"
Nein, das kann Magda nicht; denn manchmal verhakt sich die Wolle — und dann müsste sie jedes Mal aufstehen.
Konrad erzählt von früheren Zeiten.
Auch bei ihnen, wo sie früher gewohnt haben gab es einen Galgen.
"Als Kinder haben wir Knochenreste gesammelt".
"Hör auf", Wilhelmine wird ganz unheimlich zumute, "wir sollten froh sein, dass die Zeit vorbei ist!"
Da können alle zustimmen, auch wenn Konrad mit "ja, aber" seine Geschichten fortsetzen will.
Hedwig meint es gut und fängt mit ihm eine Unterhaltung über die Fischerei an.
Fast hätte sie gefragt, wie denn der Galgen am besten abzubauen wäre, aber sie beißt sich auf die Zunge, noch bevor sie das Thema wieder aufgreift.

Sie schlafen unruhig.
Hedwig "arbeitet" in ihren Träumen, kämpft. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft streiten sich darüber, was das Leben Hedwig und ihren Lieben bringen wird. Was für eine Frage! Hat man darauf überhaupt Einfluss?
Während die Zukunft das Allerbeste verspricht und die Gegenwart mahnt, meint die Vergangenheit: "Hedwig, Du hast schon so viel geschafft, das Gute in Dir wird Dich das ganze Leben begleiten!".
Ein schöner Schluss für einen Traum, doch er ist noch nicht zu ende, aber wer kann sich seine Träume schon aussuchen?
Wilhelmine erscheint, bewaffnet mit einem Stallbesen. Sie ruft: "da habe ich wohl ein Wörtchen mitzureden!"
Mit dem Besen bedroht sie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die sich schließlich murrend zurückziehen.

Nein, das Rufen neben ihrer Schlafstatt stammt nicht von Wilhelmine.
Ulli ist gekommen, ist früh aufgewacht.
Hedwig hebt ihn zu sich ins Bett.
Sie kuscheln, bis sie Magda in der Küche hören.
"Oma?" fragt Ulli.
"Ja, Oma, geh zu ihr!"
Das lässt sich Ulli nicht zweimal sagen. Oma hat sicherlich einen Zwieback für ihn.

Hedwig reckt und streckt sich, gähnt, denkt an ihre Träume, reckt und streckt sich schließlich noch einmal und steht auf.
Wie gewohnt geht sie an das Fenster.
"Die Kirche ist noch da, die Welt ist sicher und ein neuer und guter Tag beginnt", denkt sie gerade, aber ihr liebstes Bild wird auch heute gestört.
Der Galgen steht noch mahnend auf dem Hügel.
Aber, was ist das?
Jemand muss ein neues Seil angebracht haben — und an diesem hängt wieder etwas herunter.
Anne-Mette
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Re: Ostwind

Post 173 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Mehrere Menschen sind auf dem Galgenhügel zu sehen; der Schutzmann ist an seiner langen Uniformjacke und an seinem Tschako deutlich auszumachen.
Der Bürgermeister in seinem Mantel ist auch nicht zu übersehen.
Nun holt Hedwig doch das Fernglas; denn die anderen beiden Gestalten kann sie zunächst nicht einordnen, sie erkennt nur, dass sie eine besondere Kopfbedeckung tragen, die man sonst selten sieht.
Ihr stockt der Atem, als sie mit der Rändelschraube ein scharfes Bild einstellt.
Die beiden Männer sind in Schwarz gekleidet und ein Zylinder unterstreicht die Ernsthaftigkeit ihrer Tätigkeit.
Hedwig muss unwillkürlich an das Schulbuch denken. Auf der Seite mit dem Galgen waren zwei Raben zu sehen, die einen Zylinder trugen.
Auf der Westseite des Hügels — der Chaussee zugewandt, stehen zwei Pferde vor einem eigentümlichen Wagen. Die Pferde machen mit ihren schwarzen Decken einen düsteren und sogar ein wenig unheimlichen Eindruck. Ein paar Sonnenstrahlen spiegeln sich in den Seitenscheiben des Anhängers.
Es scheint kalt zu sein; denn die Atemwolken der Pferde zeigen sich deutlich.
Die Männer auf dem Galgenhügel kommen in Bewegung, nachdem sie wohl eine Weile debattiert haben. Sie lösen das, was am Seil hängt und greifen alle zu, damit es nicht auf den Boden fällt. Das kann Hedwig deutlich erkennen.
Die beiden Männer gehen zum Wagen und machen sich an der hinteren Ladeklappe zu schaffen.
Es sieht nach schwerer Arbeit aus; die Würde, die ihnen die Zylinder verliehen haben, geht verloren. Nun sehen sie eher aus wie Transporteure, die sich mit ihrer Ladung abmühen.
Hedwig mag kaum glauben, was sie sieht: die Männer haben einen Sarg aus dem Wagen geholt und tragen ihn den Hügel hinauf.
Der hintere Mann stolpert, ist wohl in Loch getreten, das die Kaninchen gegraben haben.
Er lässt den Sarg aus den Händen gleiten. Der Mann, der vorne trägt, wendet sich um und scheint mit dem Hintermann zu schimpfen, der sich langsam wieder hochrappelt.
Endlich nehmen sie ihre Tätigkeit wieder auf.
Alle vier Männer nehmen sich des armen Menschen an, der am Seil gehangen hat. Hedwig kann nicht genau sehen, was da vor sich geht; denn sie stehen um ihr herum und versperren den Blick, aber sie werden ihn in den Sarg gelegt haben; denn gleich darauf tragen sie den Sarg zu viert zum Leichenwagen und schieben ihn durch die hintere Klappe hinein.
Der eine Zylinderträger greift das Halfter und veranlasst die beiden Pferde, den Wagen in einem weiten Bogen zu wenden, sodass sie sich langsam auf die Chaussee zubewegen können.
Hedwig öffnet das Fenster. Es stimmt, was sie mehr geahnt als gehört hat; die Kirchenglocken läuten und geben der Angelegenheit eine angstmachende und bedrohliche Begleitmusik. Hedwig muss an die Inschrift denken, die sie bei einer Kirchenbesichtigung entziffern sollten, obwohl sie in einer alten Schrift in Stein gemeißelt war: "Zur Mahnung und zum Gedenken!"

Während die beiden Männer mit den Zylindern bald aus dem Sichtfeld verschwunden sind, kommen der Schutzmann und der Bürgermeister auf das Haus am Watt zu.
Haben sie etwa gesehen, dass Hedwig sie die ganze Zeit beobachtet hat?
Sie stellt das Fernglas zurück auf das Regal, auf dem auch die Rolle mit den Seekarten steht.
Es riecht nach Kaffee; sie hat einen guten Grund, in die Küche zu gehen.
"Was hast Du?"
Magda hat gesehen, dass ihre Tochter die Tränen kaum noch zurückhalten kann.
"Nichts".
"Aber Du weinst doch!"
Eine weitere Antwort bleibt ihr erspart; denn es klopft an der Haustüre.
Der Bürgermeister und der Schutzmann sind gekommen.
Während der Schutzmann sich zurückhaltend verhält, ist der Bürgermeister vor Aufregung ganz rot im Gesicht.
"Es hat einen Toten gegeben", presst er hervor.
"Tot?" fragt Ulli, knabbert weiter am Zwieback.
"Geh mit ihm in die Kammer", bittet Hedwig.
Magda ist unschlüssig, will gerne bleiben.
Da kommt Wilhelmine, die alles mit angehört haben muss und sagt: "ich nehme das Kind!"
Hedwig nimmt es kaum wahr im Nebel des eben Gesehenen, das sie noch nicht einordnen und verarbeiten kann.
Erst als Wilhelmine und Ulli die Küche verlassen haben, beginnt der Bürgermeister mit seiner Schilderung.
"Sachte", versucht der Schutzmann ihn zu beruhigen, "ich muss ein Protokoll schreiben für den Bericht".
"Das war Mord!", Hedwig hat den Bürgermeister noch nie so aufgeregt gesehen.
"Mord?" fragt Hedwig, "wer ist tot?"
"Das muss die amtliche Untersuchung ergeben, ob es ein Mord war oder ein Selbstmord", sagt der Polizist fast emotionslos.
"Das wird ein Nachspiel haben!" Der Bürgermeister ist immer noch nicht in der Lage, einen sachlichen Bericht zu geben.
Hedwig schreit: "Wer?"
Der Bürgermeister antwortet nicht.
Sie packt ihn an seinem Arm und fragt nochmals ganz eindringlich: "wer ist der Tote?"
"Der kleine Heinz", presst der Bürgermeister schließlich hervor.
"Heinz Hinrichsen" weiß der Polizist es amtlich, "er hing am Seil und es ist noch nicht sicher, ob er sich selbst aufgehängt hat oder ob es jemand anderes war".
"Mord ist es auf alle Fälle!" Der Bürgermeister hat sich festgelegt.
""¦ und die das Ding aufgestellt haben, sind mitschuldig und starten mit einer schweren Hypothek in ihr Erwachsenenleben", bekundet er, "die Schuldigen werden wir finden, aber noch heute muss das Ding abgerissen werden; kannst Du helfen?"
Hedwig zögert eine ganze Weile mit der Antwort, sodass der Bürgermeister noch einmal fragt""¦BITTE"¦!"
In Hedwig laufen die Bilder, die sie vom kleinen Heinz hat, ab wie ein Film.
Die Halbstarken haben ihren Schabernack mit ihm getrieben; denn er hatte ein Kriegstrauma und versteckte sich bei Gewitter, oder suchte Schutz, wenn die Flugzeuge der Engländer mit lautem Dröhnen zu ihren Übungen ins Watt flogen.
Manche Jugendliche haben es ganz derb getrieben, haben absichtlich Knallkörper hinter seinem Rücken gezündet, um ihn zur erschrecken.
Hedwig kann sich aber nicht vorstellen, dass jemand ihm nach dem Leben trachtete.
Ein Mörder auf der Insel?

"Haben Sie etwas gesehen?" Der Schutzmann fragt offiziell.
Hedwig ist noch ganz in Gedanken.
"Das ist eine amtliche Frage!" Der Polizist macht es dringender.
"Nein", flüstert Hedwig und sagt dann lauter: "nein, ich habe nichts gesehen und ich habe auch nichts damit zu tun".
"Ob Sie etwas damit zu tun haben - das habe ich nicht gefragt!"
"Hedwig, Du doch nicht!" Der Bürgermeister will ihr beistehen.

Konrad ist gekommen. Jemand muss ihn informiert haben.
Er hat Werkzeug dabei und starke Seile.
"Den Trecker habe ich auch bestellt", meint er, "mit dem reißen wir das Bauwerk um".
Als niemand antwortet, fügt er hinzu: "dann werden wir dem Schwein mal gleich zu Leibe gehen" und hält dem Bürgermeister die Zweimannsäge entgegen.
Als ihn alle Anwesenden entsetzt anschauen, merkt er, dass er die falschen Worte gewählt hat, aber Hedwig rettet die Situation, ruft übertrieben munter: "Kommt, fangen wir gleich an!"
Diana.65
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Re: Ostwind

Post 174 im Thema

Beitrag von Diana.65 »

Danke Anne-Mette für die neue Fortsetzung der Geschichte. Es wird ja immer spannender. Bin schon auf den nächsten Teil gespannt.

Ich wünsche euch einen schönen 3. Advent.

Liebe GRüße,
Diana.
Ich bin und bleibe ich.
Und ... genieße mein neues Leben.
Simone 65
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Re: Ostwind

Post 175 im Thema

Beitrag von Simone 65 »

Anne-Mette , auch von mir ein herzliches Dankeschön. Ich lese die Geschichte immer gerne und bin überrascht. Die Geschichte nimmt mich immer wieder mit .LG Simone
Ich weiss ,ich bin ein Mensch und nur Das zählt.
Ich bin nur ein kleines Licht , aber ich leuchte .
Alle Menschen sollen mich sehen .
Anne-Mette
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Re: Ostwind

Post 176 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Sie haben mehrere Stunden zu tun.
Da waren Fachleute am Werk, um den Galgen zu errichten!
Zunächst müssen sie die ole Hex vom Ort des Geschehens fernhalten; denn die steht ihnen immer wieder im Weg. Sie murmelt beschwörende Formeln und sagt dem Bürgermeister, das Ende sei nahe — und eine Zeit der schlimmen Strafen und Ereignisse würde die Menschen auf der Insel heimsuchen.
"Ja, rede nur, Du mit Deinen Spinnereien", will der Bürgermeister ist abspeisen, aber sie lässt sich kaum vertreiben.
Schließlich wird es ihnen zu bunt und sie bitten den Polizisten, die ole Hex nach Hause zu bringen.
"Das ist mir egal", schimpft sie, "ich lege mich nieder zum Sterben; dann muss ich das Elend der folgenden 90 Tage nicht erleben!"
Hedwig und die Männer haben kaum zugehört; denn sie sind mit dem Abbau des Galgens vollauf beschäftigt. Da müssen sich Fachleute richtig ausgetobt haben, es ist fast ein Bauwerk für die Ewigkeit.
Die Einschnitte an den richtigen Stellen schwächen die Konstruktion. Schließlich kommt Konrad mit dem Traktor. Sie befestigen die Seile und lassen den Dieselmotor arbeiten, bist der Motor schwarze Rauchwolken in den Himmel schickt.
Endlich wankt das Bauwerk, es schwankt, es wehrt sich mit allen Kräften, aber splitterndes Holz bestätigt den Bürgermeister, der gegen den Krach des Motors ruft: "nun hat er verloren!"
Konrad will den Trecker gleich zurückbringen. Auch die anderen Helfer haben es auf einmal richtig eilig und wollen sich verabschieden, doch der Bürgermeister hält sie zurück und verspricht einen Abend in der Fährschenke — auf Gemeindekosten!
"Muscheln satt — und so viel Köm wie ihr vertragen könnt", sagt er, "aber das Zeug muss noch weg, es hat genug Unglück gebracht!"
Murrend laden sie das Material auf den Wagen.
Sonst sind sie immer scharf auf jedes kleine Stückchen Holz oder Metall, aber diese unglückbringenden Reste des Galgens will niemand haben.
"Das fahre mal gleich in die Schietkuhle", schlägt der Bürgermeister vor — und dann sehen wir uns nachher in der Fährschenke, wenn Du den Traktor zurückgebracht hast!"
Die Arbeit steckt ihnen in den Knochen. So richtig Lust hat niemand, aber wenn es Essen und Trinken auf Kosten der Gemeinde gibt, dann sollte man das Angebot nicht ausschlagen.
Der Galgenhügel liegt wieder da, wie Hedwig ihn seit ihrer Kindheit kennt.
"Nun ist die Linie wieder in Ordnung", denkt sie, "und der Blick auf die Kirche ungestört!
Was soll da noch passieren?"
Ein merkwürdiges Licht beleuchtet die Bucht; das Watt liegt da wie Blei.
Möwen fliegen hin und her, aber sie lassen ihre Munterkeit vermissen.
Sie wirken rat- und rastlos, aber auch so, als hätten sie kein Ziel.
Kein Windhauch, der ihnen entgegenschlägt und an dem sie sich in die Lüfte schwingen können!
"Die ole Hex spinnt", ruft Herrmann, der seine Mütze in der Hand hält und immer noch auf dem Hügel seht, als würde er beten, "das sieht doch nicht nach Sturm und Unglück aus!"
"Da täuscht Dich mal nicht", Hedwig ist sich nicht sicher, würde lieber keine Wette eingehen, was die Wetterentwicklung angeht.
Sie will erst einmal nach Hause und verabschiedet sich.
Magda hat schon gewartet und überfällt sie mit ihren Fragen.
"Wir haben es geschafft"; berichtet Hedwig, "und nachher gibt es frei Essen und Trinken in der Fährschenke. Der Bürgermeister bezahlt!"
Eigentlich könnte Hedwig zufrieden sein. Sie schaut noch einmal aus dem Fenster und freut sich darüber, dass sie wieder "ihren Blick" nach Süden auf die Kirche hat. Trotzdem ist sie unruhig und muss an die Worte der olen Hex denken.
Sie spielt mit Ulli, aber sie ist nicht bei der Sache.
So ist sie froh, als das Kind sein Abendbrot bekommt und Magda "Bettzeit" ruft.
Hedwig kann sich auf den Weg zur Fährschenke machen.
Der Wind hat gedreht auf Nordwest.
Das Geräusch der Brandung ist von der Westseite der Insel deutlich zu hören.
"Da kommt was auf uns zu", denkt Hedwig.
Sie ist froh, dass sie längst nicht alle Reusen draußen liegen hat.
Die Boote, die wie gestrandete Wale auf dem Winter-Lagerplatz liegen, sehen im Dunkeln gespenstisch aus.
Hedwig ist froh, als sie die schwere Tür der Fährschenke öffnet, sich durch den muffigen Wintervorhang kämpft und schließlich ihren Platz am runden Tisch findet, auf dem schon eine große Schüssel mit dampfenden Muscheln steht.
Es gibt Weißbrot dazu.
Der Bürgermeister will eine Dankesrede halten, aber Hedwig bremst ihn. Konrad ist noch nicht da — und da will sie die Gelegenheit nutzen, um noch einmal ihren Vorschlag zum Abschluss zu bringen; denn sie weiß: Wilhelmine muss weg. Gegen Konrad hat sie nichts, aber dieses Teufelsweib, das kann ihr gestohlen bleiben!
Sie bringt die Sprache abermals auf die alte Nissenhütte und macht ihr Anliegen dringender.
"Konrad hat sich verdient gemacht, sagt sie — und ich muss auch an die nächste Saison denken!"
Der Bürgermeister ist nicht abgeneigt.
Den Konrad will er gerne in der Gemeinde halten und über Wilhelmine hat er auch nur Gutes gehört, und das, obwohl sie Flüchtlinge und aus dem Osten sind.
"Das machen wir so", stimmt er endlich zu.
Als Konrad kommt, wird ihm die Tür aus der Hand gerissen; so stark ist der Wind inzwischen geworden. Der Kröger kommt ihm zu Hilfe und schließt die danach Tür ab.
Bei dem Wetter sind keine weiteren Gäste zu erwarten.
"Wenn mal die ole Hex nicht Recht hat", gibt Fritz zu bedenken, aber dann macht der Köm seine Runde und sie vergessen das Thema für eine Weile.
Der Bürgermeister ist gefragt. Er soll davon berichten, was die bisherigen Ermittlungen ergeben haben. Viel hat der Polizist nicht herausgefunden, aber das Material stammt aus dem größten Baugeschäft der Insel.

Jeder entwickelt seine eigene Theorie.
Über Stunden sind sie beschäftigt.
Gegen Mitternacht klopft es wild an der Tür.
Atemlos steht der fast erwachsene Sohn von Hermann vor ihnen.
"Du musst kommen", ruft er seinen Vater, "der Sturm hat das halbe Dach abgedeckt — und auf der Dorfstraße steht das Wasser bis zu den Knien, ich habe es fast nicht geschafft, zu euch zu kommen!"
Mit einem Schlag ist die Runde wieder nüchtern.
Sie ziehen sich an und folgen Hermanns Sohn in die Dunkelheit.
Anne-Mette
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Re: Ostwind

Post 177 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Der Wind hat weiter an Stärke zugenommen.
Auf der großen Freifläche vor der Fährschenke steht das Wasser; fast niedlich erscheinen die Wellen, die sich im Schein der Taschenlampe spiegeln, die einer der Männer aus seiner Tasche zieht.
Das Bild ist falsch; denn selbst wenn die Wellen hier klein und niedlich erscheinen, so geht vom Wasser, das hier nicht hingehört, eine große Gefahr aus.
Er richtet den Kegel der Taschenlampe in Richtung auf den Hafen.
Der Muschelkutter ist kaum zu erahnen. Obwohl die Taschenlampe stark ist, reicht ihre Leuchtkraft nicht bis dorthin. "Der ist sicher vertäut", ruft einer der Männer, "lasst uns sehen, dass wir nach Hause kommen!"

Sie hangeln sich mehr oder weniger an der Einzäunung der Weidefläche entlang, die sich zu ihrer rechten Seite bis hoch zur Chaussee entlang streckt.
Sie kommen am Armenhaus des Dorfes vorbei.
Oben im Fenster zeigt sich ein Licht. Jemand scheint zu winken.
Die Gruppe bewegt sich auf das kleine Haus zu. Das Wasser reicht ihnen auch hier immer noch bis fast zu den Knien und es ist eiskalt.
"Nach Hause will ich", denkt Hedwig, aber möchte den armen Leuten nicht die Hilfe versagen.
Die Kinder sind oben in Sicherheit, aber alles, was in den unteren Räumen gestanden hat, ist nicht mehr zu gebrauchen. Als sie ins Haus treten, sehen sie, dass ein Holzschuh im Flur schwimmt.
Hedwig fällt ein Modellboot ein, das sie mal beobachtet hat, als ein Nachbar es auf dem Feuerlöschteich schwimmen ließ.
"Wie können wir helfen?", fragt der Bürgermeister.
"Die Kinder müssen trocken und warm untergebracht werden", bekommt er zur Antwort, "um das Haus und um die Reste der Möbel kümmern wir uns, wenn die Flut abgezogen ist".
Fünf Kinder sind auf andere Familien zu verteilen.
Die Gruppe wird sich schnell einig.
Hedwig nimmt das jüngste Kind. Es springt ihr förmlich auf den Arm.
Sie schlägt ihre Jacke um das vor Kälte und Angst zitternde Kind.
Die älteren Geschwister haben Gummistiefel und fügen sich in ihr Schicksal: lieber trocken bei fremden Leuten wohnen als hier im Haus zu bleiben.
Dabei hoffen alle inständig, dass die anderen Häuser, die höher und nicht so dicht am Wasser liegen, weitgehend unbeschädigt sind.
An das Dach müssen sie denken, das zerstört worden sein soll. Das wollen die Männer in Augenschein nehmen, die keines der Kinder versorgen müssen.
Hedwig ist froh, dass sie sich ihrem Haus zuwenden und die Gruppe verlassen kann.
Das Kind auf ihrem Arm ist ganz ruhig. Es hat die Arme um ihren Hals gelegt und hält sich fest.
Im Haus ist noch Licht.
Hedwig kann die schwere Haustür nur mit Mühe öffnen.
Im Flur trifft sie auf ihre Mutter, die wohl schon auf sie gewartet hat.
"Na, war das Essen schön?", fragt sie.
Sie will gleich noch etwas hinzufügen und legt sich gerade die Worte für einen Satz zurecht, da sieht sie, dass Hedwig das Kind auf dem Arm hat.
Magda flüstert nur noch: "was ist passiert?"
Sie verschließen die Haustür und schieben den schweren Riegel vor.
Dann gehen sie in die warme Küche. Das Feuer im Herd brennt noch. Wie gut, dass Magda noch einmal Holz nachgelegt hat.
Es klopft an der Haustür. Konrad ist nun auch gekommen.
"So schlimm ist das mit dem Dach nicht", sagt er, "das sieht gefährlicher aus als es ist!".
Wilhelmine kommt und schimpft: "ihr treibt euch rum und ich komme fast um vor Angst!"
"Psst", macht Konrad und zeigt auf das Kind.
"Suche lieber ein paar passende und trockene Sachen zum Anziehen oder für die Nacht ein warmes Nachthemd flüstert er.
Wilhelmine verschwindet kurz und kommt dann mit einigen Sachen zurück.
Murrend lässt das Kind sich von den eigenen, feuchten Sachen befreien und zieht die Sachen an, die ihm gereicht werden.
"Ins Bett", flüstert es müde und dankbar.
Bei Hedwig in der Kammer ist Platz — und es ist warm.
Schnell ist das Kind eingeschlafen.
Hedwig und Konrad machen mit einer Lampe eine Runde ums Haus.
Sie entdecken keine größeren Schäden.
Die Flut ist fast bis zum Netzschuppen gekommen, aber scheint sich langsam zurückzuziehen.
Heute können sie nichts mehr ausrichten.
Sie gehen ins Haus.
Hedwig schläft unruhig. Sie muss an die Prophezeiung der olen Hex denken.
Ist die Sturmflut schon eine Strafe, von der sie gesprochen hat?
"Quatsch", würde Willi sagen, "das ist der Sturm aus Nordwest!"
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Re: Ostwind

Post 178 im Thema

Beitrag von Satinxsilk »

Nun habe ich mir auch die gesamte Geschichte einmal durchgelesen und muss sagen ich bin begeistert. Spannend und mit überraschenden Wendungen ich hoffe du schreibst diese Geschichte noch weiter wenn es die Zeit erlaubt.
online52
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Re: Ostwind

Post 179 im Thema

Beitrag von online52 »

Mal leise angeklopft und gefragt, gehts noch weiter? Wäre schade wenn nicht.
Grüsse
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Anne-Mette
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Re: Ostwind

Post 180 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Moin,

danke für das Interesse!
Ja, es geht weiter; ich habe auch schon Ideen.
Leider bin ich durch "persönliche Umstände" seit etlichen Wochen so sehr in Anspruch genommen, dass ich lange nichts schreiben konnte...
... und auch meine Gitarre )):m langsam Staub ansetzt.
(manchmal sind meine Batterien so etwas von leer)

Ich hoffe, ich habe bald wieder etwas Luft für kreative Tätigkeiten; denn die Geschichte(n) gehören zu meinem Leben (888)

Gruß
Anne-Mette
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