Ostwind
Ostwind - # 11

Crossdressing und selbst Erlebtes... Erdachtes
Ulrike-Marisa
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Re: Ostwind

Post 151 im Thema

Beitrag von Ulrike-Marisa »

Hallo Anne-Mette,

...es ist und bleibt spannend mit deiner Geschichte; danke.
Wie gut, dass es heutzutage auch in Ferienwohnungen und in Häfen W-Lan gibt...

Liebe Grüße, Ulrike-Marisa ))):s
Anne-Mette
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Re: Ostwind

Post 152 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Die Unterhaltung am Kaffeetisch wirkt "bemüht". Adelheid würde am liebsten mit Hedwig in die Kammer gehen und ihr ein paar dringende Fragen stellen.
Die passenden Worte diskutiert sie mit sich selbst im Kopf. Sie spielt mögliche Antworten durch — so wie auch ein Schachspieler sich ausrechnet, was ein Gegner machen würde und wie die richtige Reaktion darauf ist. Sie ist sehr mit sich und diesen Fragen beschäftigt, ist fast vollkommen abwesend, sodass sie nicht zuhört, was am Tisch gesprochen wird.
Magda spürt, dass irgendetwas in der Luft liegt und stellt die unverfängliche Frage, was es bei Adelheid in der Einrichtung zu Mittag gab.
"Nein, er kommt erst Montag", gibt sie zur Antwort.
Wilhelmine und Hedwig lenken sich ab, beschäftigen sich mit den Kindern; aber das wirkt gekünstelt. Eine offene Fröhlichkeit ist nicht zu spüren.

Hedwig und Adelheid sehnen den Abend herbei.
Sie haben das Gefühl, ihr Gespräch wird unangenehm, aber sie wollen es hinter sich bringen.
"Ich hätte Lust auf einen Spaziergang", sagt Hedwig, "kommst Du mit?"
Das ist eine gute Idee; so können sich die beiden Frauen aussprechen, wenn sie den Wattweg entlang zum Süddorf gehen.
"... denn bei uns im Haus haben die Wände Ohren", denkt Hedwig.

"Aber pass auf", sagt Adelheid, während sie sich anziehen, "wir müssen über die Lügenbrücke gehen — und da müsste schon so mancher in den kleinen Bach gefallen sein!"
Hedwig macht ein ernstes Gesicht. Sie hat nicht vor zu lügen — sie möchte sich aber auch nicht wie in einem Verhör fühlen.
"Wir sind bald zurück!"
Die beiden Frauen machen sich auf den Weg.
Sie überqueren den kleinen Heidehügel und erreichen den Weg, den Hedwig schon zu ihrer Schulzeit viele Male gegangen ist. Auch da hatte sie manchmal Bauchweh, wenn ihr etwas auf der Seele lag.
"Erzähl schon", drängelt Adelheid, "was machst Du halbnackt im Zimmer von den Flüchtlingen?"
Als ich nach dem Waschen noch im Unterzeug war", beginnt Hedwig, "außerdem kannst Du ruhig 'Wilhelmine' sagen!"
Sie zögert einen Moment.
"Da bat mich Wilhelmine, in ihr Zimmer zu kommen. Sie hatte ein paar Fragen und hat auch etwas über sich selbst erzählt".
"Über Nähen und Sticken?" wirft Adelheid aufbrausend und viel zu heftig ein.
"Nein, sie fragte, wie wir beide zusammenleben, ob das als Mann und Frau ist".
"Und was hast Du gesagt?"
"Wir sind zwei Freundinnen, das stimmt doch".
Sie möchte ein Ausrufezeichen setzen, aber hebt die Betonung der drei letzten drei Worte so an, dass es sich wie eine Frage anhört.
Adelheid antwortet nicht, denkt nach.
"Außerdem hat sie von sich erzählt, dass ihr kein Mann mehr nahekommen darf, weil Soldaten"¦".
Sie kann den Satz nicht vollenden, da ruft Adelheit: ""¦ aber stattdessen Du, was?"
"Nein, so ist das doch nicht gemeint!"
Schweigend gehen sie weiter.
Sie erreichen die Lügenbrücke.
"Nun sag ehrlich, ist zwischen euch etwas passiert, so wie wir"¦?"
"Nein!", sagt Hedwig entrüstet, nur das wir gesprochen haben und sie hat mir ihre Narben gezeigt. Schrecklich sehen die aus!"
Die Brücke haben sie überquert.
"Gehen wir weiter?"
Nein, Adelheid hat keine Lust; sie muss immer noch nachdenken.
Sie ist nicht ganz zufrieden mit den Antworten; ihre Eifersucht ist noch nicht ganz verraucht.
Hedwig ist auch nicht ganz zufrieden.
Nein, direkt gelogen hat sie nicht, aber die volle Wahrheit hat sie auch nicht gesagt und sie stellt sich immer noch die Frage: "wie weit wäre ich gegangen?"
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Re: Ostwind

Post 153 im Thema

Beitrag von Simone 65 »

Vor vielen Jahren oder heute , wo ist Da der Unterschied.
Ich weiss ,ich bin ein Mensch und nur Das zählt.
Ich bin nur ein kleines Licht , aber ich leuchte .
Alle Menschen sollen mich sehen .
Anne-Mette
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Re: Ostwind

Post 154 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Konrad ist fleißig; das muss man ihm lassen. Außerdem kann er gut organisieren.
Die neuen Räume haben inzwischen einen Fußboden aus schönem Holz. Darunter hat er die Rohre für die Heizung verlegt. Hedwig hat dabei geholfen. Ihre Erfahrung, die sie bei den früheren Arbeiten erworben hat, zahlt sich aus.
Zwei gusseieserne Heizkörper stehen in jedem Raum an der Wand.
"Das ist erst der Anfang", prahlt Konrad, "auch in den alten Räumen muss bald keiner mehr frieren!"
Die Heizkörper sind schwer und sie hatten große Mühe, sie an Ort und Stelle zu bringen.
Für das Badezimmer reicht ein kleiner Bruder dieser großen Ungetüme, die Konrad liebevoll "Eisenschweine" nennt.

Von "irgendwoher" hat Konrad sogar Fliesen aufgetrieben.
Hedwig erlässt ihm die Miete und steckt ihm ein paar Mark zu, die in seine Taschen wandern — und wohl schnell ihren Weg in die Hafenschenke finden.
Hedwig sieht fasziniert zu, wie der die Fliesen verlegt.
Nun sieht sie auch, wofür sie die vielen Streichhölzer besorgen sollte.
Wie Igelstacheln recken sie sich nach oben, nachdem Konrad sie in die Lücken zwischen die Fliesen gesteckt hat, um regelmäßige Abstände und gleichmäßige Fugen zu gewährleisten.
"Darf ich auch mal?"
Natürlich darf Hedwig es auch mal versuchen. Es geht ihr gut von der Hand — und Konrad sieht gleich, dass er sich anderen Aufgaben widmen kann.
Willi kommt vorbei und bestaunt die saubere Arbeit.
Konrad ist noch nicht ganz zufrieden und beklagt sich: "wir haben noch keinen Heizkessel und keinen Boiler. Auch eine Umwälzpumpe war beim besten Willen nicht aufzutreiben!"
Willi erinnert an das Abbruchhaus und dass dort im Keller gerade diese Teile noch vorhanden sind.
"Da fahren wir morgen gleich hin", kündigt er an, "und eine Badewanne bringen wir auch gleich mit!"
Hedwig ist enttäuscht. "Du kannst zuhause bleiben", haben die Männer ihr gesagt. Sie haben es sicherlich gut gemeint, aber Hedwig fühlt sich trotzdem übergangen.
Sie macht das Beste draus. Schon am nächsten Morgen hat sie ihren Groll vergessen.
Sie geht ins Watt, sieht nach ihren Netzen.
Es ist kein kleiner Fang, mit dem sie mittags nach Hause kommt.
Sie geht davon aus, dass sie allein im Hause ist; denn Magda wollte mit Ulli zu einer Nachbarin gehen und Wilhelmine sollte sich bei einer Frau im Süddorf eine Nähmaschine angucken, die "günstig" abzugeben ist.
Hedwig hat sich heißes Wasser gemacht, um sich zu waschen.
Aus Bequemlichkeit ist sie in der Küche geblieben, hat sich ganz ausgezogen und sie denkt daran, wie schön es wäre, wenn erst das Badezimmer fertig ist und sie baden kann.
Ein richtiges Schaumbad will sie dann nehmen.
Die Seife schäumt aber auch ganz gut — und sie riecht so schön, fast wie die Rosen im Sommer.
Da tritt jemand von hinten an sie heran, greift in die Waschschüssel, nimmt den Waschlappen und seift ihr den Rücken ein.
Adelheid?
Nein, es ist nicht Adelheid.
"Wilhelmine, was tust Du?"
Hedwig dreht sich ganz zu ihr um: "nein, das darfst Du nicht!"
Wilhelmine ist auch nackt. Ihre Brüste drücken sich gegen Hedwigs Rücken.
"Lass mich, ich habe schon geträumt davon!"
Hedwig will sich wehren, sie will das nicht und sagt es ihr.
"Dann sage ich, Du hast mich verführt!"
So ein Biest!
Hedwig ist drauf und dran, ihr eine zu knallen.
"Deine Mutter hat erst neulich gesagt, Dir ist alles zuzutrauen", flüstert Wilhelmine, "egal ob junge Burschen oder Frauen, Du machst vor nichts Halt!"
Hedwig weiß nicht, was sie darauf entgegnen soll. Sie ist sprachlos.
Wilhelmine setzt nach: "und zur Strafe hast Du so ein Kind bekommen, von dem niemand weiß, ob es Junge oder Mädchen ist. Das hättest Du lieber weggeben sollen!"
"Weggeben — das ist hartes aber manchmal auch ein gutes Wort!"
Hedwig denkt einen Moment nach.
"Diese Frau muss weg", fällt ihr ein — und das möglichst schnell.
Anne-Mette
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Re: Ostwind

Post 155 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Wilhelmine nimmt den Waschlappen, taucht ihn in die Wasch-Schüssel, reibt ihn ausführlich an der Seife und reinigt sich anschließend damit zwischen den Oberschenkeln.
"Komm!", sagt sie auffordernd zu Hedwig.
Ein paar Tropfen rinnen an ihren Beinen nach unten und fallen endlich von den Knien auf den Boden.
"Und Fritzi?"
"Fritzi ist mit Deiner Mutter und Ulli bei der Nachbarin, die kommen so schnell nicht wieder".
Hedwig zögert.
Die Aufforderung wird dringender: ""¦ nun komm, sonst sag ich"™s!"
Es führt wohl kein Weg daran vorbei. Hedwig folgt ihr ins Gästezimmer.
Ihre Anziehsachen, die sie auf einen Küchenstuhl gelegt hat, nimmt sie mit.
Im Vorübergehen trocknet sie sich ab.
Auffordernd wartet Wilhelmine im Zimmer.
"Nun komm schon!"
Leise schließt Hedwig die Tür.
"Küss mich!"
Flüchtig haucht Hedwig ihr einen Kuss auf die Wange.
"Auf den Mund!"
Das klingt wie ein Befehl.
Hedwig presst ihre Lippen auf die Lippen von Wilhelmine.
"Richtig, Du sollst mich richtig küssen!"
Hedwig öffnet ihre Lippen erst nur widerwillig.
Die Zungen spielen.
Hedwig will es nicht zulassen, bestraft sich schnell selbst für eine leichte, aufkeimende Gefühlsregung und denkt daran, wie sie im Winter von einer Eisscholle abgerutscht und ins Wasser gefallen ist.
Das kühlt ihre Gedanken ab.
"Und nun hier!"
Wilhelmine zeigt auf das Dreieck zwischen ihren Oberschenkeln.
Zögernd wandert Hedwigs Kopf langsam nach unten.
Eigentlich hätte sie Lust, die Brustwarzen zu verwöhnen oder den Bauchnabel zu küssen, wie sie es bei Adelheid gerne macht, aber sie sagt sich schnell: "ich darf ihr nicht zeigen, dass sich Gefühle bei mir regen!"
Wilhelmine presst die Oberschenkel aneinander.
Sie muss sich richtig anstrengen, weil die so dünn sind.
Fast steht sie "über Kreuz".
So wird das nichts.
Hedwig haucht ihr einen Kuss auf die Spitze des Dreiecks.
Sie denkt, sie kommt davon und Wilhelmine macht einen Rückzieher.
Die zögert auch einen Moment, stellt dann aber den linken Fuß auf das Bett, so dass sich die Oberschenkel weit öffnen.
Sie öffnet die Lippen mit den Fingern und drängt noch einmal:
""¦ Deine Zunge!"
Hedwig kommt wieder ganz nahe heran.
Wilhelmine riecht nach Rosenduft.
Ach ja, die Seife!
Leider schmeckt die Seife nicht halb so gut wie sie riecht.
"Mehr", sagt Wilhelmine trotzdem.
Sie presst Hedwigs Kopf zwischen ihre geöffneten Oberschenkel.
Hedwig bekommt kaum noch Luft und sie hat kaum eine Chance, an die richtigen Stellen heranzukommen.
"Nimm die Finger", wird sie aufgefordert, "steck die Finger in mein kaputtes Loch!"
Vorsichtig will sie ihren Zeigefinger einführen, ist aber erschrocken, als sie das vernarbte Gewebe spürt, das ihr trotz der vorhandenen Feuchtigkeit Schwierigkeiten macht, einzudringen.

Ein Auto ist zu hören.
Wilhelmine erschrickt; Hedwig nicht minder.
Hedwig flieht aus dem Zimmer und streift sich auf dem Weg in die eigene Kammer ihr Unterhemd über und springt förmlich in die Hose.
In der Kammer zieht sie sich einen Pullover über.
Als sie vorher ihre Hände mit ihrem Taschentuch abreibt, bemerkt sie, dass Blut am Zeigefinger klebt.
Sie geht in die Küche und nutzt den Rest Wasser in der Wasch-Schüssel, die Hände richtig zu säubern.
"Ich habe Fisch", sagt sie als Konrad und Willi in die Küche treten, "es hat sich gelohnt!"
"Bei uns hat es sich nicht gelohnt", beklagt sich Willi, "zu zweit haben wir die Sachen nicht aus dem Keller rausbekommen. Es war sowieso ein Drama; wir mussten erst einmal den Kellereingang freischaufeln; vom Dünensand war alles zugeweht".
"Na sieh mal — sie brauchen mich doch", denkt Hedwig, aber sagt nichts.
Bei einer Tasse Kaffee beratschlagen sie, was zu tun ist.
Sie planen, am Abend noch einmal hinzufahren und ein paar Nachbarn mitzunehmen; denn die schweren Sachen können sie nur mit Nachbarschaftshilfe hantieren.

Hedwig wühlt im Eimer mit den Fischen und packt Willi eine gute Portion ein.
Die Hände wischt sie sich in der Hose ab.
"Gut, dass ich nachher mit den Männern unterwegs sein werde", denkt sie, "von Wilhelmine werde ich mich möglichst fernhalten.
Magda kommt mit den Kindern.
Wilhelmine tritt aus ihrer Kammer.
Sie hat sich inzwischen angezogen, sieht aber nicht gerade zufrieden, ja fast ärgerlich aus.
"Alles in Ordnung?"
Selten, dass Magda solche Fragen stellt.
Wilhelmine nickt nur.
"Du hast Blut am Pullover", sagt Magda.
online52
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Re: Ostwind

Post 156 im Thema

Beitrag von online52 »

Schön das es weitergeht
Danke
online
Anne-Mette
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Re: Ostwind

Post 157 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Die Nachbarn haben erst am Wochenende Zeit.
Auf ein paar Tage kommt es auch nicht mehr an.
Magda bereitet einen großen Topf Erbsensuppe vor und Hedwig besorgt Bier; denn sie weiß: Arbeit macht die Männer durstig.
Konrad macht Wilhelmine glücklich: er kommt doch tatsächlich mit einer Nähmaschine ins Haus. Dazu gibt es eine Menge Stoffe und Zubehör; denn die alte Dame muss das Nähen aufgeben.
"Ich kann nichts mehr sehen", sagt sie klagend zu Konrad, "dabei habe ich immer so gerne Handarbeiten gemacht und für das halbe Dorf genäht".
Es wird ein fairer Handel. Die alte Dame kommt nicht zu kurz. Konrad zählt ihr das Geld Mark für Mark in die Hand.
Nun ist fast jeden Tag Leben im Haus.
Für Magdas Geschmack ist es schon fast zu viel Trubel; aber sie denkt: "das ist sicherlich nur die Anfangsbegeisterung. So wie ich die Wilhelmine kenne, wird sich das bald im Sande verlaufen!"
Dieses Mal behält sie nicht Recht.
Jeden Tag kommen Frauen ins Haus, die sich etwas ändern lassen wollen oder gar ein neues Kleid brauchen.
Es ist ein richtiger Nachbarschafts-Treff geworden. Es riecht fast den ganzen Tag nach Kaffee im Haus.
Bewundernd gucken die Frauen zu, wie Wilhelmine mit flinken Fingern und gutem Geschick mit Spule, Faden und den Nadeln umgeht. Manchmal schimpft sie über die Fadenspannung, die nicht stimmt, aber den Fehler kann sie schnell korrigieren.
Rhytmisch bewegen sich ihre Füße und Beine auf dem großen Pedal aus Metall, das wie eine Fußstütze aussieht, nachdem sie der Maschine erst einmal mit der Hand Schwung an dem silbernen Rädchen gegeben hat.
"Da kann ich mir doch gleich zwischen den Beinen etwas Reibung verschaffen", scherzt sie — und einige Frauen erröten.
"Das lass mal lieber den Konrad machen", entgegnet Johanna, "wofür hast Du sonst einen Mann im Haus?"
Wilhelmine sagt nichts darauf, wird aber auf einmal ganz ernst.
"Konrad ist immer unterwegs, ein richtiger Hansdampf", scherzt eine der Nachbarinnen.
Niemand lacht darüber.
Dabei wird wohl die eine oder andere Frau sich schon über einen Besuch von Konrad gefreut haben, aber das erzählt hier lieber keiner,
wo doch Wilhelmine so schöne Sachen nähen kann.

In ihrer Stube sitzen jeden Tag Frauen, die etwas anprobieren, auf "nur eine Kleinigkeit" warten — oder ihr einfach nur bei der Arbeit zusehen.
Zuerst sind die Frauen noch recht scheu; aber bald bürgert es sich ein, dass sie ganz unbefangen, weil sie unter sich sind, halbnackt in der warmen Stube sitzen und auf ihre Sachen warten.
Hedwig ist mächtig erschrocken, als sie Wilhelmine einen Brief bringen will und drei kreischende Weiber hinter die Tür fliehen und sich verstecken.
"Müssen wir vor ihr Angst haben, ist sie ein halber Mann, wie es heißt, oder gehört sie zu uns?"
Sie fragen Wilhelmine erst, als Hedwig wieder draußen ist.
Eine weiß zu erzählen, dass Hedwig ein Mannweib ist, das Frauen liebt, aber sie muss ja auch mal etwas mit einem Mann gehabt haben; denn schließlich hat sie ein Kind!
"Das war wohl mehr ein Kind, das sie geschwängert hat", erzählt eine der jungen Frauen, "das ist sicherlich aus Versehen passiert! Ein ganz junger Wanderfischer soll"™s gewesen sein, das hat jedenfalls Magda erzählt!"
"Ach, Magda", will eine Frau ein anderes Thema anschneiden, aber sie wird unterbrochen.
"Aus Versehen passiert so etwas nicht", meint Karla, "aber vielleicht hat sie das Kind doch mit einer Frau gemacht; denn es ist ja ein besonderes Kind, mit dem etwas nicht stimmt!"
Wilhelmine ist hellhörig geworden und fragt: "was soll mit dem Kind nicht stimmen?
Ich darf jedenfalls nicht Jungchen zu ihm sagen; denn es ist es wohl kein Junge, aber ein Mädel auch nicht."
Nach einer Weile fällt ihr ein: "Hedwig hat sich auch immer so mit dem Kind — und einmal, als wir mit beiden Kindern im Krankenhaus waren, da hat sie sich fast mit dem Arzt gehauen; dabei wollte der doch nur helfen!"
"Erzähl", kommt es aus mehreren Mündern, "Du bist mit ihr und euren Kindern im Krankenaus gewesen? Weißt Du genau, was mit Hedwigs Kind ist?"
Nein, so genau weiß sie es nicht. Sie hat allerdings gehört, dass es Menschen gibt, die sind beides: "Mann und Frau".
"Oder nichts", fügt sie nachdenklich hinzu, "wer will schon so etwas sein, ich jedenfalls nicht!"
Darüber sind sich alle einig: "das ist kein Leben so!"
"Warum hat sie es nicht wegmachen lassen oder fortgegeben?" fragt eine der Frauen.
"Das weiß man doch vorher nicht", sagt darauf empört eine andere, "und ein Kind totmachen — dafür kommst Du ins Gefängnis!"
Schweigen. Gefängnis ist ein Wort, das sie in Angst und Schrecken versetzt.
"Hoffentlich bekomme ich diese schlimme Krankheit nicht auch noch", meldet sich eine ganz junge Frau, die sich bisher zurückgehalten hat.
"Quatsch", lachen die anderen Frauen, "so wird man geboren, so kann man nicht werden!"
Sie werden wieder ernster.
"Das ist die Strafe für eine böse Tat", meint eine ältere Frau.
Wilhelmine runzelt die Stirn und bekommt einen ganz nachdenklichen Gesichtsausdruck. Endlich rückt sie mit ihrer Erkenntnis heraus: "wir sollten mal genau nachsehen, was mit dem Kind ist, dann wissen wir mehr!"
Keine der Frauen sagt etwas.
Sie werden sich doch nicht an dem Kind vergreifen!
"Versündigt euch nicht", sagt die ältere Frau, "und wenn das Kind mit einem Fluch bedeckt ist, dann wird der Fluch auf die abfärben, die sich an ihm vergreifen — und böse Taten schaffen Böses!"
Sie will es auch nicht mit Hedwig verderben; denn diese hat ihr schon so manches Mal Gutes getan.
"Wir wollen doch nur mal gucken", meint Wilhelmine listig.
"Ich mache nicht mit", sagt eine der Frauen, deren Wort im Dorf ein großes Gewicht hat, "mit dem Kind ist etwas Schlimmes, es durfte ja nicht einmal getauft werden — und das hat schon viel zu sagen, wo der Pastor doch sonst hinter jeder Seele her ist!"
Die anderen Frauen stimmen ihr zu. Sie haben es auf einmal eilig. Die Stimmung ist gekippt.
Einige haben sogar Angst; denn sie wissen: Hedwig würde für ihr Kind wie eine Löwin kämpfen, wo sie sich doch seinetwegen schon fast mit einem echten Doktor geprügelt hat.
Wilhelmine sieht das Wohlwollen ihrer Kunden schwinden.
Bärbel und Lieschen ziehen sich schon wieder an und sagen: "wir kommen dann die nächsten Tage mal wieder vorbei und gucken, ob die Sachen fertig sind."

"Das macht mal", sagt Wilhelmine, "dann weiß ich mehr!"
Das klingt entschlossen.
Einige der Frauen schütteln den Kopf.
Später sagt Johanna draußen: "wenn sie sich dabei mal nicht die Finger verbrennt!"
Anne-Mette
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Re: Ostwind

Post 158 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Das Abholen der Sachen aus dem Abbruchhaus geht schneller als erwartet.
Einer der Nachbarn bringt einen Jeep mit "von den Engländern".
Mehr sagt er dazu nicht.
Der Jeep hat hinten einen stabilen Aufsatz, der mit seinem Ausleger und einem Haken wie ein kleiner Kran aussieht.
Mit dem können sie selbst den schweren gusseisernen Heizkessel hantieren, ist er doch geeignet, weit schwerere Sachen aus den Flugzeughallen zu ziehen.
Geschickt setzt der Nachbar den Wagen rückwärts bis fast direkt vor die Kellertür.
Den Rückwärtsgang muss er vorher allerdings erst suchen.
"Ist von den Engländern", meint er entschuldigend, als das Getriebe knirscht und kracht.
Den Boiler trennen sie an den Flanschen von den Rohren, die ihn noch festhalten, heben ihn aus der Halterung — und rollen ihn schließlich die Düne hinunter, nachdem sie ihn über die Kellertreppe nach oben geastet haben.
Am Fuß der Düne wartet schon ein Trecker mit Anhänger.
Sie müssen den Boiler nur noch über die aufgelegten Planken auf die Ladefläche rollen und sichern. "Schön, dass so ein Teil rund ist", meint einer der Helfer begeistert; "mit einem eckigen Boiler hätten wir mehr Arbeit!"
Im Keller haben sich einige besonders Neugierige umgesehen und mit ihren Taschenlampen in jede Ecke geleuchtet, was Willi mit Missfallen zur Kenntnis genommen hat.
Schließlich ist es doch seine "Schatzkammer".
"Nun kommt", will er sie abfertigen, "Magda wartet mit der Erbsensuppe!"
Nur zögernd setzen sich die Männer in Bewegung.
"Es gibt auch Bier", lockt Willi.
"Hier gibt es sogar 'Konjack' ", erwidert einer der Männer und hält ihm lächelnd zwei Flaschen entgegen, die ein Etikett in französischer Sprache ziert.
"Konjack", lächelt Will in sich hinein, wohl wissend, dass es sich um Wein handelt.
"Vin de la France". Die Schrift ist so verschnörkelt, dass man sie kaum entziffern kann.
"Sieht teuer aus", denkt er, "aber Cognac ist es nicht!"
"Nun gut", stimmt er zu, "nur die beiden Flaschen, aber nun kommt!"
Sorgfältig verschließt er die Kellertür.
Da werden doch wohl hoffentlich keine Begehrlichkeiten geweckt worden sein?

Auch im Haus am Watt kommen sie schnell voran.
Es macht zwar Probleme, den Boiler im Keller um die Ecke zu bekommen, aber Hedwig nimmt einen großen Hammer und entfernt einige Steine der halbhohen Mauer, die das Kohlenlager vom Rest des Kellers abtrennt.
"Der Keller ist fast ein wenig klein", meint Willi, "wir sollten nachdenken, wie wir ihn vergrößern können!"

Erst einmal denken sie nicht weiter nach. Sie essen und trinken und tauschen die neuesten Nachrichten aus.
Viele sind gespannt und in froher Erwartung auf "die Saison".
Zwar haben sie in ihren Hütten und Häusern nicht so viel zu bieten wie Magda und Hedwig in ihrem Haus am Watt, aber auch mit den Gästen, die kleines Geld bezahlen können, ist so manche Mark zu verdienen, wenn man sich ein wenig einschränkt und sein eigenes Bett vermietet und stattdessen auf dem Dachboden oder im Keller schläft.
Hedwig fühlt sich wohl mit den Männern am Tisch. Bier und Köm machen die Runde — und manches grobe Wort und manche Neckerei fliegt hin und her. Einer der Nachbarn hat vorhin das neue Badezimmer entdeckt und die Badewanne gesehen, die noch nicht angeschlossen ist.
"Na, Hedwig, sollen wir mal zusammen baden?", fragt er vorwitzig, "ich kann Dir auch den Rücken waschen!"
Hedwig schmunzelt in sich hinein.
"Hedwig badet sicherlich nur mit Frauen zusammen", posaunt ein Nachbar in die Runde, als Hedwig kurz draußen ist.
Wilhelmine hat sich mit einem Teller Suppe in ihre Kammer zurückgezogen.
Männer-Runden, in denen Bier und Schnaps zugesprochen wird, sind ihre Sache nicht, die machen ihr Angst.
Sie sieht aber mit Wohlgefallen, dass alle mit sich selbst beschäftigt sind.
"Da kann ich mich vielleicht ein wenig um Ulli kümmern", denkt sie sich, "es wäre doch gelacht, wenn ich nicht bei dieser Gelegenheit feststellen kann, was mit dem Kind ist!"

Hedwig hat ein ungutes Gefühl, als sie in den Flur tritt. Wo ist eigentlich Ulli?
Der hat doch gerade noch in seinem kleinen rotlackierten Schaukelpferd bei Magda in der Küche gesessen.
Magda zeigt nur in Richtung auf die Gästekammer, als Hedwig sie fragt.
Schnell legt Hedwig die wenigen Schritte zurück und klopft kurz an.
"Ist Ulli bei Dir?" Sie ruft von draußen, ohne die Tür zu öffnen.
Angst und ein wenig Panik in der Stimme.
Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten:
"Ja, die Ju... (sie verbessert sich), Kinder spielen so schön!"
Ulli hat gehört, dass Hedwig gerufen hat und will zu ihr.
"Mama!"
"Du kannst doch noch bleiben!" lockt Wilhelmine mit zuckersüßer Stimme.
Nein, Ulli will nicht mehr bleiben.
"Mama", ruft er wieder, dieses Mal fast weinerlich.
Hedwig öffnet die Tür und zwingt sich zu einem Lächeln.
Ulli wirft sich ihr entgegen.
Sie nimmt ihn auf den Arm und bringt ihn zu ihrer Mutter in die Küche.
"Ich glaube, wir können die Veranstaltung langsam ausklingen lassen", meint sie.
Ihre Mutter nickt nur mit dem Kopf, sagt schließlich "von mi ut!"

"Willi, was macht eigentlich Dein Kutter?", wird gefragt, "ich habe ihn gesehen und er sieht traurig aus, ist halb versandet".
Willi verschluckt sich fast an seiner Suppe. Gerade hat er sich noch einmal Nachschlag geholt.
Er fühlt sich ertappt.
Es ist fast ein Verrat an seinem treuen Schiff, der nun entdeckt wird und die Runde macht.
Er muss zugeben: "ja, ich habe mich lange nicht gekümmert!"
Sie beschließen gemeinsam, den Kutter in Augenschein zu nehmen und die Schäden festzustellen.
Vielleicht ist eine Reparatur doch noch möglich?
Willi glaubt es nicht, aber er hofft, dass noch einige Teile zu gebrauchen sind und er den Motor ausbauen kann.
Für ein neues Schiff? Er weiß es nicht.
"Am besten wäre, wir gehen gleich mal nachschauen", meint Konrad, "wo wir doch alle gerade zusammen sind!"
"Gute Idee", stimmen die anderen Nachbarn zu.
Bier und Köm sind in die Köpfe gestiegen und ein wenig Frischluft wird jedem gut tun, bis es auch den Nachhauseweg geht.
"Aber erstmal nehmen wir noch einen 'Konjack' — und Willi kann noch aufessen", sagt Emil, "ich gebe einen aus!".
Er entkorkt die Flasche und riecht daran.
Als Willi den entsetzten Gesichtsausdruck sieht, muss er lachen, obwohl ihm noch vor ein paar Minuten eher zum Weinen zumute war.
Anne-Mette
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Re: Ostwind

Post 159 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Der Kutter ist wohl nicht mehr zu retten. Da sind sich die Männer ziemlich einig.
Schnell sind sie wieder nüchtern geworden.
So oft Hannes auch auf die Planken des Schiffes klopft, sie bleiben morsch.
Der Rumpf des Kutters ist zu einem guten Teil mit Sand, Wasser und Seetang gefüllt.
Zwischen den meisten Planken tun sich große Lücken auf; man kann zwischen ihnen hindurchsehen.
"Ein Wunder, dass Du mit diesem Wrack letztes Jahr noch auf der Nordsee gewesen und nicht untergegangen bist", lamentiert Fritz, "einmal aufsetzen auf Salzsand — und Du und Deine Besatzung hättet zu Fuß an Land laufen müssen!"
Niemand lacht darüber.
Alle wissen, dass es keine gut ausgebauten Fußwege von der Sandbank durch das Lister Tief gibt.
Hedwig denkt an die Schwimmwesten, die untergegangen sind, als sie die mal ins Wasser geworfen haben. Ihr ist noch ganz mulmig zumute.
"Aber", denkt sie: "es ist doch immer gut gegangen?!"
"Den Motor kannst Du vielleicht noch gebrauchen — und das Wendegetriebe!"
Fritz hat im Geiste eine Bestandsaufnahme vorgenommen.
"Sonst ist wohl nicht so viel dabei", fügt er hinzu, "aber die Glühkopfmotore sind eigentlich nicht kaputtzukriegen!"
Obwohl die anderen Männer nicht direkt vom Verlust des Kutters betroffen sind, haben sie sich von Willis Trauer anstecken lassen. Dabei denken sie vielleicht auch an den Fisch, den sie nun nicht mehr bekommen werden.
"Kann man denn gar nichts machen?" Hedwig fragt fast schüchtern mit leiser Stimme; denn gibt sie sich eine Mitschuld am Verlust.
Die Männer sind sich einig: dieses Schiff wird nicht mehr auf See gehen!
Aber es ist alt geworden und hat seinen Besitzern lange und treu gedient.

Betretene Mienen; es ist fast eine Stimmung wie bei einer Beerdigung.
"Ich muss dann mal los!"
Die Männer überlegen, wie sie sich am besten zurückziehen; denn hier gibt es heute nichts mehr zu tun.
Willi und Hedwig stehen noch eine Weile am Heck des Kutters, das ihnen Schutz bietet vor dem kalt gewordenen Wind.
"Wir finden ein anderes Schiff", ist sich Hedwig sicher.
Willi kann und mag nicht zustimmen; wie soll das gehen?
"Vielleicht sollte ich mich lieber auf meinen Verkaufskarren am Strand konzentrieren oder dort gar einen Kiosk aufmachen".
Es fällt Hedwig schwer, das zu akzeptieren. Was ist denn mit ihrer Partnerschaft?
Willi macht sich ohne weitere Worte auf den Nachhauseweg.
Hedwig hat sich nicht einmal bedankt für seinen Arbeitseinsatz.

Magda sucht den großen Rührlöffel.
Dabei legt oder hängt sie ihre Gerätschaften immer auf denselben Platz.
Schließlich findet sie ihn auf der Kommode vor der Gästekammer.
"Das war bestimmt Wilhelmine", denkt sie — und das ärgert sie.
So war das eigentlich nicht gedacht: immer wieder benutzt sie Magdas Sachen und bringt sie nicht zurück. Auch hat Magda den Eindruck, dass Wilhelmine schon öfter in den anderen Kammern gewesen ist und sich umgesehen hat.
Es fehlt nichts; aber Magda hat die Veränderungen wohl bemerkt: vieles lag nicht mehr am selben Platz.
Den Konrad würde sie gerne im Haus behalten; denn der ist lustig und hilft, wo er kann, aber Wilhelmine ist ihr langsam ein Dorn im Auge.
Hat Hedwig sich nicht auch schon beklagt?
Das mag an Ulli liegen. Wilhelmine ist zwar ein merkwürdiges Frauenzimmer und der tägliche Besuch der Nachbarinnen ist Magda nicht gerade recht, aber sie wird doch dem Kind nichts tun?
Hedwig geht noch einmal in den Keller und besieht sich, was sie in gemeinsamer Arbeit dorthin gebracht haben.
Der Heizkessel steht, soll aber noch ein kleines Fundament bekommen; denn der Kellerboden ist ziemlich uneben. Einige Rohre liegen bereit und ein paar kleinere Teile.
"Dann musst Du wohl Deine Ofenrohre aus dem Watt holen, damit wir den Heizkessel an den Schornstein anschließen können", hat Willi gescherzt, "das wird wohl in Zukunft nichts mit Räucherfisch!"
In einem Karton, der mit Holzwolle ausgelegt ist, befinden sich zwei Messuhren, von denen Konrad sagte, eine wäre für die Temperatur und eine für den Druck.
Das wird wohl seine Richtigkeit haben.
Fasziniert ist Hedwig von dem großen Teil mit dem Hebel und einer Skala.
"Ein Mischventil", hat Konrad dazu nur kurz gesagt.
Hedwig geht wieder nach oben.
Es ist Zeit, Ulli ins Bett zu bringen.
Sie muss ihn suchen, kann sich aber schon denken, wo er wieder ist.
Aus der Kammer von Wilhelmine dringen Frauenstimmen und Kindergeschrei.
Hedwig klopft kurz an und öffnet die Tür, ohne auf ein "Herein" zu warten.
Adelheid steht nur in ihrer Unterhose vor Wilhelmine.
Die hat Stecknadeln im Mund und hält ein Stück Stoff in den Händen.
"Nun steh mal gerade!"
Sie ist kaum zu verstehen, müssen doch ihre Lippen die Nadeln halten, damit sie nicht auf den Boden fallen.
Schnell bedeckt Adelheid ihre Blöße, als Hedwig ins Zimmer tritt.
Hedwig fragt sich: "was soll das? Das hat sie doch noch nie gemacht!"
"Mama!" Ulli ist müde, kommt dankbar in ihren Arm und folgt ihr anschließend ohne Widerspruch.

Als Hedwig schon halb aus dem Zimmer gegangen ist, hört sie die beiden Frauen flüstern.
Sie kann nicht hören, was sie sagen, aber ein Gefühl von Eifersucht und Ärger steigt in ihr auf.
Schon wieder hat sie das Gefühl: "diese Frau muss weg!"
Sie denkt an das Buch, das im Moment noch sicher verwahrt ist.
Svenja80
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Re: Ostwind

Post 160 im Thema

Beitrag von Svenja80 »

Es ist eine schöne Geschichte, finde ich. Die Protagonisten erhalten immer mehr Charakter und es ist ein interessanter Ausflug in die schweren Jahre nach dem Krieg.
Danke fürs schreiben :)
Anne-Mette
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Re: Ostwind

Post 161 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Erst einmal muss das Buch noch ruhen.
Sie haben viel Arbeit im Hause; denn Konrad und Willi wollen die Heizung möglichst schnell fertig bekommen, damit sie danach den Kopf frei haben für andere Projekte.
"Projekte", denkt Hedwig, die sprechen schon fast wie der Professor!
Willi und Hedwig arbeiten den ganzen Tag und Konrad kommt "nach Feierabend" hinzu.
Da er sich gut mit dem Chef stellt, kann er manchmal schon mittags zu ihnen kommen.
Hedwig steht draußen am Pionier und arbeitet passend zu. Sie schneidet Gewinde, liefert den beiden Männern im Keller Rohre in der richtigen Länge — und achtet darauf, dass immer genug Material da ist. Sie arbeiten gut zusammen. Nur einmal bekommen sie Streit. Konrad behauptet, sie hätte das Rohr falsch abgeschnitten, aber er hat falsch angezeichnet (denkt sie).
"Kein Problem", hat Willi gesagt, "das Rohr brauchen wir dann eben an einer anderen Stelle".
"Hoffentlich reicht das Geld", denkt Hedwig; denn fast jeden Tag muss sie unterwegs sein, um Nachschub zu holen.
Dabei konnte sie lange keine Einnahmen erzielen.
Sie müsste dringend mal wieder nach den Reusen und Netzen sehen.
Magda sieht ein, dass sie sich überwiegend um Ulli kümmern muss; denn Adelheid ist den ganzen Tag auf Arbeit — und zu Wilhelmine soll das Kind nicht, da sind sich Hedwig und Magda einig.
Hedwig denkt schon "in Eisen", statt Ostwind, Westwind, Ebbe und Flut gehen ihr T-Stücke mit Innengewinde, Halbzollbögen und Ablaufventile durch die Gedankenwelt.

Eines Tages ist es geschafft.
Lauter Rohrstränge durchziehen das Haus.
Magda hat leuchtende Augen: "Gästezimmer mit fließend Wasser, warm und kalt" können sie bald auf ihr Schild schreiben. Die meisten anderen Dorfbewohner können davon nur träumen, die holen sich das Wasser noch aus dem Brunnen. Magda überlegt schon, wieviel sie für so ein Gästezimmer verlangen können.

Hedwig lässt sich von Konrad alles erklären.
Ihr schwirrt der Kopf: "Vorlauf, Rücklauf, Mischventil, Ausdehnungsgefäß, Heißwasser, Kaltwasser,
Frischwasserzulauf"¦".
Einige dieser Begriffe hat sie vorher nie gehört.
Noch können sie die Anlage nicht in Betrieb nehmen; denn der Schornsteinfeger sollte sich vorher ansehen, ob von seiner Seite aus alles in Ordnung ist.
Hedwig geht zum Kaufmann. Fast heimlich — und so ganz nebenbei kauft sie sich eine Brausetablette für die Badewanne. "Fichtennadeln" steht auf dem Stempel und ein kleines Bild zeigt drei große Bäume.
Die Brausetablette riecht sogar durch die Verpackung. Immer wieder muss Hedwig ihre Nase dranhalten.
Wann kommt endlich der Schornsteinfeger?
Da ist er; schon kann man nicht mehr sagen; denn er hat sich Zeit gelassen.
Sein klappriges Fahrrad mit diversen Seilen, Bürsten und Gewichten, die er überall zum Transport angebracht oder angehängt hat, lehnt an der Hauswand.
Er lässt sich alles zeigen.
Zufrieden ist er, meint allerdings, der Heizungskeller sollte eigentlich größer sein; sie müssten ihn immer gut belüften.
Hedwig nickt.
Der Schornsteinfeger geht durch das ganze Haus.
Er ist beeindruckt.
"Rohre und Heizkörper könnten ein wenig Farbe vertragen", sagt er, "aber technisch ist alles so wie es sein soll!"
In der Küche bekommt er einen Tee mit Schuss.
Die Kinder sind gerade mit Magda hereingekommen, die Mittagessen kochen will.
Sie wundern sich über den "schwarzen Mann".
Der Schornsteinfeger streicht mit seinen Fingern über seine schwarze Jacke, die dadurch noch schmutziger werden.
Beiden Kindern bekommen von ihm einen Abdruck auf die Nase.
"Bringt Glück", sagt er und lacht.
Die Kinder sind weniger begeistert.
Er plauscht noch ein wenig mit Magda.
"Da hat wohl Hedwig die Ofenrohre, die sie sonst zum Aalefangen nimmt, für die Heizung geopfert", sagt er lachend.
Dann muss er gehen.
Magda muss die Suppe nur aufwärmen.
Wilhelmine macht ein unzufriedenes Gesicht; denn schon gestern gab es Suppe.
Aber hätte sie selbst etwas Besseres in den Topf bekommen?
Mit ihren Näharbeiten verdient sie so manche Mark, aber niemand weiß, was sie mit dem Geld macht oder vorhat. Auf alle Fälle kauft sie davon selten etwas zu Essen.
"Es ist gleich Ebbe, ich müsste dringend nach den Reusen gucken".
Magda zögert nur einen Moment mit einer Antwort, wohl wissend, dass sie ein paar Fische gut gebrauchen können.
"Ich kann Ulli nehmen", funkt Wilhelmine dazwischen, aber Magda will sich mit ihm auf die längere Tour zu Hein machen, den sie lange nicht gesehen hat.
"Ist das nicht zu weit?"
"Nein, ich habe die Sportkarre von Erna geliehen, dann muss ich Ulli nicht so weit tragen!"
Hedwig ist es gleich, Hauptsache sie kann ins Watt und das Kind ist nicht allein bei Wilhelmine.

Sie hat Glück. An den Netzen sind nur wenige Schäden.
Angst hatte sie gehabt und dachte schon, alles wäre kaputt, aber wie hätte sie in den letzten Tagen ins Watt gehen können bei der ganzen Arbeit am Haus?
Ihr Fleiß und ihre Beharrlichkeit werden belohnt.
Ein Bauer hätte sagen können: "ich mache eine reiche Ernte (obwohl Bauern doch meistens klagen)".
Hedwig aber macht einen guten und reichlichen Fang.
Als sie die letzte Reuse nach oben zieht, fällt ihr Blick zurück in die Bucht und auf den Kutter,
der einsam am Strand liegt. "Schade", denkt sie, "es müsste doch eine Möglichkeit geben"¦".
Doch bald ist sie mit ihrem Handkarren, den Netzen, die sie reparieren will und den Fischen wieder an Land.
Als sie alles versorgt hat, ist ihr kalt — und sie ist müde und sie fühlt sich dreckig.
Sie tritt ins Haus.
Stille.
Niemand da?
Sie will sicher gehen und ruft laut: "niemand da?"
Keine Antwort.
Das ist doch DIE Gelegenheit, die Badewanne einzuweihen.
Sie hat so viel Arbeit reingesteckt; da ist es doch wohl zuerst ihr Recht, sie zu allererst auszuprobieren?
Mit den beiden Wasserhähnen sorgt sie dafür, dass sie eine angenehme Wassertemperatur hat. Das ist ein Wunderwerk! Das Wasser aus dem Hahn mit dem Roten Knopf ist so heiß, dass es dampft.
Bald füllt ein Nebel das ganze Badezimmer.
Fast hätte sie die Tablette mit dem guten Geruch vergessen.
Die sprudelt, als sie sie ins Wasser wirft.
Das Wasser färbt sich grüngelb.
"Hoffentlich verfärbt sich davon die weiße Wanne nicht!"
Schließlich soll niemand merken, dass sie sich diesen Luxus gegönnt hat.
Sie holt sich ein frisches Handtuch und ihre Haarbürste. Sie will mit der Bürste vor dem Baden durch ihre Haare gehen.
Vorsichtig steigt sie ins Wasser, fast so, als gäbe es dabei eine Gefahr.
Nein, es ist nichts zu befürchten: sie und die beiden Männer haben solide Arbeit geleistet.
Alles ist an seinem Platz und funktioniert so wie es soll.
Leider gibt es noch keinen Schlüssel für die Badezimmertür; Hedwig hat sie nur mit dem kleinen Haken verschlossen; aber der springt schon fast von alleine auf.
Das heiße Wasser tut unendlich gut.
Hedwig sieht ihren zerschundenen Körper: überall hat sie Schrammen.
Fuß- und Fingernägel sind kaputt.
Sie sieht hinab auf ihre unteren Regionen und bemerkt, dass die Haare wieder viel zu lang sind.
Es ist lange her, dass sie die geschnitten hat.
Die Haare bewegen sich wie Seetang, wenn Hedwig ihre Hand durch das Wasser zieht.
Sie wäscht sich zwischen den Beinen.
Ihre Finger gehen dabei auf Wanderschaft und verschwinden schließlich in der Höhle.
Das wunderschöne Gefühl, das sie in der warmen Badewanne hat, macht ihr Lust.
Wenn doch jetzt Adelheid hier sein könnte, um den Augenblick mit ihr zu teilen!
Die Finger tun gut; aber es könnte durchaus etwas mehr sein, etwas, was sie mehr ausfüllt, denkt sie, und ihre Augen wandern durch den Raum, der noch ziemlich kahl ist.
Ihr Blick fällt auf das Handtuch — und dann erst auf die Bürste, die sie fast vergessen hat.
Da liegt sie auf dem kleinen Hocker, hat so einen schönen, mit sanften Rundungen versehenen Griff.
"Fast ein Handschmeichler", denkt sie, "aber was der Hand schmeichelt, könnte doch auch"¦".
Sie erhebt sich aus der Wanne.
Gleich fröstelt sie; denn im Raum ist es kälter als sie gedacht hat.
Sie greift sich die Bürste und versinkt gleich wieder im Badewasser.
Ja, es ist reinste Verschwendung, aber sie lässt vom Wasserhahn mit dem roten Knopf sogar noch etwas Wasser zulaufen.
Die Wanne ist nun so voll, dass sie sich hinten anlehnen kann, ohne mit dem Rücken an die kalte Emaille der Wanne zu kommen.
Sie öffnet ihre Schenkel.
Ja, sie ist auch "drinnen" feucht.
Den Finger hat sie schon genug gefühlt; nun muss es der Griff der Bürste sein!
Vorsichtig führt sie ihn ein.
Das tut gut.
Und nun noch mit dem Finger an der Stelle, wo sie es am liebsten mag"¦!
Sie stöhnt leise.
Sie beginnt zu zittern.
Der Griff der Bürste ist mutiger geworden — gelenkt von ihrer linken Hand.
Hedwig spürt eine Kraft in sich aufsteigen und ein Gefühl, das sich kurz vor dem Tor der Glückseligkeit zeigt.
Noch zögert sie, nimmt sich ein wenig zurück.
Sie möchte erst einmal innerlich abkühlen.
Sie denkt daran, was sie in den nächsten Tagen noch alles zu arbeiten hat.
Gleich will sie sich das schöne Gefühl zurückholen — und dann wird sie nachgeben, wird über die Schwelle treten, und den Punkt überwinden, an dem es kein Zurück gibt.
Sie ist auf einmal ganz stille.
Sie muss sich keine Gedanken mehr machen, um abzukühlen; denn sie hat gehört, dass draußen im Flur jemand ist.
Wer mag das sein und wie lange steht der schon dort?
Die Tür wird aufgerissen.
"Pling" macht der dünne Haken nur und löst sich aus der Öse.
Schon steht Wilhelmine im Badezimmer und baut sich vor ihr auf.
"Aha", sagt sie nur, als sie die Bürste sieht.
"Habe ich es doch gerochen", meint sie empört, "die feine Dame badet in Fichtennadeln!"
Sie schaut auf Hedwig.
"Es wäre wohl das Recht von Konrad gewesen, hier das erste Bad zu nehmen", faucht sie, "wo er so viel für euch getan hat!"
Hedwig will ihr entgegnen, dass sie bezahlt hat, will ihr alles erklären und ihr sagen, dass Konrad doch auch baden darf, wenn er von der Arbeit kommt, aber sie kommt nicht dazu. Mit wenigen Handgriffen hat Wilhelmine sich die Kleider vom Leibe gerissen und steigt zu Hedwig in die Wanne. Das Wasser schwappt über, weil Hedwig gerade in diesem Moment aufsteht; denn so etwas muss sie sich nicht bieten lassen!
"Du bleibst!", sagt Wilhelmine und drückt Hedwig zurück in die Wanne.
Hedwig rutscht aus, kann sich aber gerade noch am Wasserhahn festhalten.
"Nun zeige mich doch mal, wozu Du eine Büste in der Badewanne brauchst!"
Hedwig ist sauer; überhaupt nichts wird sie ihr zeigen, ihr höchstens die Bürste um die Ohren hauen!
(aber dann geht vielleicht die schöne Bürste kaputt)
"Dann sage ich"¦", fängt Wilhelmine an, aber verstummt; denn draußen sind mehrere Stimmen zu hören. Ihr schwant Übles.
Sie erkennt die Stimme ihres Mannes, auch Magda und die Kinder sind zu hören.
Schließlich wird die Haustür noch einmal geöffnet.
"Adelheid!", rufen die Kinder.
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Re: Ostwind

Post 162 im Thema

Beitrag von Simone 65 »

Danke Anne-Mette für die Geschichte. Wir können uns gar nicht vorstellen , welch ein Luxus , fliessend Wasser , warmes Wasser . Für uns das selbstverständlich, aber es doch Luxus . In armen Ländern haben die Menschen noch nicht mal sauberes Wasser , heute noch . LG Simone.
Ich weiss ,ich bin ein Mensch und nur Das zählt.
Ich bin nur ein kleines Licht , aber ich leuchte .
Alle Menschen sollen mich sehen .
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Re: Ostwind

Post 163 im Thema

Beitrag von Diana.65 »

Halo Anne-Mette.

Danke für die neue Fortsetzung. Du verstehst es, immer an einer spannenden Stelle Schluss zu machen. Da fällt das Warten auf die nächste Fortsetzung dann schon immer recht schwer.

Liebe Grüße,
Diana.
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Und ... genieße mein neues Leben.
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Re: Ostwind

Post 164 im Thema

Beitrag von Ulrike-Marisa »

Moin,

...bei uns geht auch gerade das warme Wasser nicht; die Sicherungsgruppe im Kaltwasserzulauf des Speichers muss nach über zwei Jahrzehnten ausgetauscht werden - verkalkt vermutlich und das Modell gibt es nicht mehr. Da hilft erst mal unser Wasserkocher vom Schiff im Bad weiter; das andere ist aber deutlich komfortabler...

Gruß, Ulrike-Marisa
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Re: Ostwind

Post 165 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Es gibt ein großes Getümmel; denn jeder trägt einen Groll in sich.
Magda ist von Hein sehr unfreundlich behandelt worden, dabei waren sie sich doch einmal so nahe.
"Mit dem Kind kommst Du hier nicht über Schwelle", war sein Gruß, als er die Tür nur einen Spalt öffnete. Er hat sie und Ulli sicherlich kommen sehen, denn von seinem Wohnzimmerfenster hat er einen guten Blick auf die Chaussee.
Ulli blieb bei: "Besuch", meinte er immer wieder.
So ist Magda mit ihm bei einer Nachbarin eingekehrt; das ist schließlich auch "Besuch" — und dort gab es sogar Kekse.

Konrad wurde in der Pause von einer Mitarbeiterin aus dem Büro beiseite genommen.
Es ist ihm nicht recht, wenn sie in der Firma mit ihm "privat" spricht; denn die Kollegen haben schon ihre derben Späße gemacht.
Konrad wehrte sie ab, sagte: "nach Feierabend".
Sie hielt ihn sogar fest, sagte: "nun hör doch mal"¦".
Nein - Konrad hörte nicht.
"Ich muss ins Lager!"
Sie verdrückte in paar Tränen.
"Was sie wohl schon wieder will?"
Konrad tat so, als würde er die große Kiste mit den Bögen und T-Stücken aufräumen und zählte laut, als ein Kollege vorbeikam.
"81"¦82" — das sah sehr geschäftig aus.

Feierabend — aber die Kollegin war schon fort.
"Dann wird es wohl nicht so wichtig gewesen sein".
Konrad fühlte Erleichterung, allerdings hielt die nicht lange an.
Ein Zettel hing an seiner Spind-Tür:
"Ich habe keine roten Tage in diesem Monat!"
Der Rest war nicht zu lesen, ganz verwischt.
"Leben" konnte er gerade noch entziffern.
Konrad musste erst einmal nachdenken, "Rote Tage" — er blickte auf den Kalender.
"Rote Tage" sind Sonntage — aber wie hängt das zusammen?
Endlich hatte er es begriffen und gab er sich einen Ruck.
Natürlich weiß er, wo sie wohnt.
Mit seinem Rad hat er sie gerade noch eingeholt.
"Du wolltest Du aufpassen", konnte sie gerade noch hervorpressen, bevor sie wieder zu weinen begann und kein verständliches Wort mehr hervorbringen konnte.
"Nun warte doch mal, noch ist doch nicht sicher, dass etwas passiert ist!"
"Diese Schande, ich glaube, ich gehe ins Wasser".
Konrad überlegte, kam dann zu einem Entschluss: "wir fahren nächste Woche auf"™s Festland zu einem Arzt, der wird feststellen, ob Du guter Hoffnung bist oder nicht".

Adelheid hatte einen Streit mit dem Chef.
Er hat ihr doch tatsächlich gesagt, dass sie, wenn sie nicht in ordentlichen Verhältnissen wohnt, nicht für die Arbeit mit Kindern geeignet ist.
"Überlegen Sie sich das gut!"
Das klang wie eine Drohung.

Nun stehen sie alle im Flur; jeder ist mit eigenen Gedanken beschäftigt.
Hedwig zittert; einerseits vor Wut über das eben Erlebte und andererseits vor Kälte.
Tropfen fallen auf den Boden.
"Mama nass!"
Das ist ein Weckruf, der sie in Bewegung setzt.
Schnell geht sie in ihre Kammer, trocknet sich ab und zieht sich etwas über.
Alle stehen immer noch im Flur; nur Wilhelmine ist verschwunden.
Niemand sagt etwas.

Hedwig gibt sich einen Ruck, sagt "Abendbrot" — viel lauter als notwendig.
Alle zucken zusammen, aber sind dann doch froh, dass sie etwas aus dem eigenen Gedankenlabyrinth herausreißt.
Hedwig will den eingelegten Fisch aus der Speisekammer holen.
Durch das offene Fenster hört sie die Brandung.
Die hört man auf der Wattseite nur bei Ostwind; der hat ganz schön aufgefrischt.
Am großen Tisch kommt kein Gespräch zustande.
Unsicherheit liegt in der Luft.
Hedwig spürt Vorwürfe und will sich rechtfertigen, will hinausschreien: "so war es doch gar nicht, ich habe keine Schuld!"
Aber es sagt niemand etwas und die Worte und Sätze, die sie sich zurückgelegt hat, bleiben in ihr, quälen sie, werden immer wieder auf mögliche Fragen und Antworten geprüft, für gut befunden — und dann doch wieder verworfen.
Das Schweigen legt sich wie dichter Nebel über die Gemeinschaft.
Hedwig ist froh, dass sie etwas zu tun hat und Ulli ins Bett bringen kann.
Als sie an Wilhelmine denkt, kommt ihr wieder der Gedanke: "die Frau muss weg!"
Ihre Entschlossenheit bekommt Ulli zu spüren. Sie hat den Knopf seines Pullovers nicht geöffnet und es "hakt" beim Ausziehen. Sie zieht heftiger.
"Au!" schreit Ulli und weint.
Sein Weinen holt Hedwig zurück in das Hier und Jetzt.
Sie streichelt Ulli, blickt von oben in den Pullover, ruft "Kuckuck", öffnet schließlich den Knopf, zieht den Pullover ganz vorsichtig über den Kopf — und nimmt ihr Kind in den Arm.
Sie schaukelt ihn sanft und summt eine Melodie, die ihr gerade einfällt.
"Morgen gehe ich in den Bunker und hole das Buch", nimmt sie sich vor, als sie sich zum Schlafen legt.

Adelheid ist schon früh aufgestanden.
Sie hat kaum etwas gesagt, ein leises "bis später" und eine flüchtiger Kuss.
Hedwig schaut aus dem Fenster, das einen Blick nach Süden erlaubt.
Sie sieht die Kirche, die nur wenige Kilometer entfernt ist.
"Die Kirche ist noch da — alles in Ordnung" will sie jeden Morgen ausrufen — aber wohin sollte die Kirche auch verschwunden sein mit ihren meterdicken Mauern; sie steht schließlich seit Jahrhunderten dort.
Leicht abseits von der Linie vom Haus bis zur Kirche erhebt sich ein kleiner Hügel, der ebenso wie die Fläche davor mit Heide bewachsen ist.
Die Fläche ist von mehreren Laufgräben durchzogen, die Soldaten mal ausgehoben haben.
Als sie schwitzend ihren Dienst verrichteten, haben sie wohl nicht vermutet, dass später Kinder Verstecken spielen würden — oder "Hagebuttenschlacht".
Hedwig läuft ein Schauer über den Rücken, jedes Mal, wenn sie an den Namen des Hügels denkt. "Galgenheuvel" sage die Menschen fast flüsternd und mit vorgehaltener Hand.
Niemand weiß, ob da mal tatsächlich ein Galgen stand — und niemand traut sich, in den alten Archiven nachzusehen.
Aber — da steht doch — Hedwig kann es nicht fassen: auf dem Hügel steht etwas, das wie ein Galgen aussieht. Sie reibt sich die Augen.
Tatsächlich — da steht etwas, das genau aussieht wie in ihrem Schulbuch.
Die Seite mit der Zeichnung hat sie immer schnell überschlagen — aber der Anblick hat sich bei ihr eingebrannt.
"Mutter!"
Sie schreit auf, fast hysterisch.
Ulli wird wach, schreit auch.
"Mutter!" Das hat Hedwig lange nicht gerufen.
Hedwig kann kein Wort sagen, als Magda ins Zimmer gestürmt kommt.
Mit weit aufgerissenen Augen zeigt sie nur auf das Fenster.
Magda fährt ein gehöriger Schreck in die Glieder.
Tatsächlich: dort steht ein Galgen — und an einem Seil"¦
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