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17.11.2012
Bei der möglicherweise letzten Gelegenheit zum Crossdressing in diesem Jahr sollte es noch einmal etwas Besonderes sein. Im Vorfeld bin ich dabei auf einen Erlebnisrundgang durch das historische Dresden gestoßen. In der Beschreibung dazu heißt unter anderem:
Bei Sekt und höfischen Spielen erlangen Sie einen unvergesslichen Einblick in das Leben am Hof August des Starken und seines Sohnes. Graf oder Gräfin Brühl werden nicht eher ruhen, bis Sie ihre höfischen Umgangsformen formvollendet haben und wissen, wie man sich -»ordentlich bei Hofe-« benimmt.
Das klingt doch irgendwie prickelnd. Vielleicht kann unsereins dabei noch etwas lernen, wie man sich als vornehme Dame zu verhalten hat?
Als Mann hatten mich solche Spielchen nicht interessiert und am Anfang meiner CD-Laufbahn hätte ich mir so etwas nicht zugetraut, schließlich ist es sehr wahrscheinlich, dass man (bzw. frau) da angesprochen wird und etwas dazu sagen soll. Jetzt aber reizte mich das gerade.
Ich bin bereits um 6 Uhr aufgestanden und habe mich als Andrea zurecht gemacht. Als Outfit wählte ich mein weinrotes Strickkleid, dazu Strumpfhosen in der gleichen Farbe, schwarze Stiefel und darüber meine Jacke mit Hahnentrittmuster. Erstmals bei einem Ausflug von zu Hause aus bin ich vorher als Andrea zum Bäcker Brötchen holen gegangen, aus "Sicherheitsgründen" allerdings nicht dort, wo ich sonst samstags immer hingehe. Wenn ich mit der Verwandlung erst nach dem Frühstück begonnen hätte, wäre es nicht möglich gewesen, das Haus 8.30 Uhr zu verlassen und rechtzeitig in Dresden zu sein.
Den Erlebnisrundgang hatte ich vorher per E-Mail gebucht, natürlich für Frau Andrea ... . In Dresden angekommen, habe ich mir zuerst eine Eintrittskarte für eine andere Einrichtung besorgt, doch dazu später mehr.
Um 11 Uhr begann der Erlebnisrundgang an der Frauenkirche. Zuvor hatte ich schnell noch ein Foto von mir machen lassen (
gallery/image_page.php?album_id=677&image_id=6320). Der Rundgang, der uns mit den Gepflogenheiten am sächsischen Hof im 18. Jahrhundert vertraut machen sollte, wurde geführt von einer, die es wissen muss: Gräfin von Brühl, seinerzeit Gemahlin des sächsischen Premierministers Heinrich von Brühl. Zumindest ihr Kostüm sah echt aus. Ich war die erste, die sie begrüßte und fragte, ob "Madame" schon bezahlt habe. Die etwa 15 Teilnehmer(innen) am Rundgang wurden alle mit Madame bzw. Monsieur angesprochen.
Da es angeblich noch eine Audienz beim sächsischen König geben könnte, wurde zuerst geübt, wie er gebührend zu begrüßen wäre. Die Männer (betraf mich ja nicht) übten also eine Verbeugung und die Damen einen Knicks. Das Ganze sah bei den meisten (mich eingeschlossen) noch sehr verbesserungswürdig aus, aber die Gräfin war zufrieden. Zum Empfang an diesem kühlen aber sonnigen Herbsttag gab es anschließend passend zum Wetter keinen Sekt, sondern Grog oder heißen Tee. Letztendlich kam es zu keiner Audienz, da der König angeblich das schöne Wetter zur Jagt nutzte.
Die Gräfin redete die ganze Zeit wie ein Wasserfall. Gelegenheit, Fragen zu stellen, gab es kaum, dafür wurde ihrerseits unser Wissen über den sächsischen Hofadel immer wieder auf die Probe gestellt. Zweimal wurde ich gefragt, einmal habe ich sogar die Antwort gewusst. Der Rundgang führte unter anderem durch die Augustusstraße am weltberühmten Fürstenzug vorbei, einem etwa 100m langen Wandbild mit allen Herrschern aus 600 Jahren sächsischer Geschichte. Dort wurde es leider etwas ungemütlich, da im Schatten des Residenzschlosses ein kalter Wind durch die enge Straße blies. Zum Glück ging die Gräfin nicht auf alle abgebildeten Herrscher ein, sonst wäre ich womöglich erfroren. An einem sonnigen Plätzchen auf dem Theaterplatz und später im Dresdner Zwinger war es eher auszuhalten.
Der ganze Rundgang hat mich inhaltlich nicht besonders interessiert, aber als Andrea war er auf jeden Fall ein Erlebnis. Obwohl ich mit der Gräfin und den Teilnehmern am Rundgang fast zwei Stunden zusammen war und, wenn erforderlich, auch gesprochen habe, eine Reaktion zu meiner Person konnte ich wieder einmal nicht beobachten. Zum Abschluss ließ ich noch ein Foto von mir und der Gräfin machen (
gallery/image_page.php?album_id=677&image_id=6321); so hohe Herrschaften trifft man schließlich nicht alle Tage.
Danach bin ich erst einmal zum Mittagessen in eine Gaststätte gegangen. Für den Nachmittag hatte ich mir noch einen Besuch im weltberühmten Grünen Gewölbe vorgenommen. Die Schatzkammer des sächsischen Königs (um beim Thema zu bleiben) befindet sich seit einigen Jahren wieder im originalgetreu restaurierten Dresdner Residenzschloss. Die Eintrittskarte hatte ich mir schon am Vormittag besorgt, weil die Zahl der Besucher begrenzt ist und eine Karte zum Eintritt nur in einem 15-minütigen Zeitfenster gilt.
Die Ausstellung selbst vermag ich mit Worten nicht zu beschreiben. Derart prunkvoll ausgestattete Räume, Schmuck- und Kunstgegenstände suchen seinesgleichen. Reichlich 3 Stunden habe ich dort zugebracht. Einen besonderen Platz haben die Gemälde und Büsten der sächsischen Herrscher in der Fürstengalerie des Schlosses. Beim Betrachten ist mir erstmals aufgefallen, dass die damalige Männermode, zumindest in den wohlhabenden Kreisen, deutlich vielgestaltiger und farbenfroher war als heute. Dafür hatten die Frauen keine so große Auswahl. Ich wage jetzt einfach mal zu behaupten, dass Männer und Frauen damals innerhalb ihrer jeweils eigenen Mode etwa im gleichen Umfang Auswahl- und Gestaltungsmöglichkeiten hatten. Und wie sieht es heute aus?
Kurz bevor die Ausstellungen schlossen, habe ich mich auf den Weg zum Bahnhof gemacht. Die meisten Geschäfte, an denen ich vorbei kam hatten noch geöffnet. In das eine oder andere Damenmodegeschäft habe ich kurz hinein geschaut, aber zum Einkaufen mit allem was dazu gehört war etwas zu wenig Zeit. Einen konkreten Plan was ich am ehesten bräuchte, hatte ich ohnehin nicht.
Auf der Rückfahrt gab es eine für meine Begriffe etwas kritische Situation. Beim Umsteigen auf einem kleineren Bahnhof verbrachte ich etwa 30 Minuten im Warteraum bis mein Zug kam. Etwa 10 Leute taten das Gleiche. Während sonst meist alle mit sich selbst beschäftigt sind, standen diesmal einige eher gelangweilt herum und warteten auf ihren Zug. Sie hatten genügend Zeit, mich genauer zu mustern, aber mein Passing stimmte offensichtlich noch. Schließlich bin ich noch von einer nicht mehr ganz nüchternen jungen Frau von der Seite angesprochen worden. Ich hatte zuerst nichts verstanden, aber als ich mich zu ihr umdrehte, sagte sie: "Ach nee, Entschuldigung!", und wandte sich wieder ab. Offensichtlich bin ich nur mit jemandem verwechselt worden.
Als mein Zug dann endlich kam, konnte ich den Rest meines Weges wieder ganz entspannt genießen. Dieser erlebnisreiche Tag hat mir aus zwei Gründen besonders gut gefallen. Zum einen konnte ich seit langem wieder einmal durchgehend Andrea sein, zum anderen weckte er in mir einige schöne Erinnerungen und zwar immer dann, wenn ich Orte betrat, an denen ich seinerzeit meine ersten Schritte als Andrea in der Öffentlichkeit wagte. Das wird wahrscheinlich immer so sein, wenn ich in die sächsische Landeshauptstadt komme.